Produkt: Gitarre & Bass 07/2020
Gitarre & Bass 07/2020
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Guitar Guru: Bartolini-Gitarre & Calace-Mandoline

Hast du Fragen zum Thema „alte und/oder merkwürdige Gitarren“? Wir beantworten sie auf dieser Seite. Monat für Monat. Diesmal geht es um eine Bartolini-Gitarre und eine Calace-Mandoline.

(Bild: G&B Leser)

„Ein Schüler von mir hat kürzlich von seiner Oma ihre alte E-Gitarre bekommen, die wohl so gut wie nie gespielt wurde. Die Tonabnehmer funktionieren nur noch teilweise (Halstonabnehmer gut, Steg nicht, könnte auch nur ein kleines Verkabelungsproblem sein) und sie sollte auch einmal neu eingestellt werden, evtl. braucht sie einen neuen Sattel. Könnt Ihr mir/uns etwas zu dieser außergewöhnlichen Gitarre erzählen, z.B. zum Material? Das Label ist BAR. Im Internet finde ich nur wenige Informationen. Es handelt sich wohl um eine Gitarre von Alvaro Bartolini. Würde es sich lohnen, die Gitarre überholen zu lassen, und was wäre sie denn wert?“ Ingo

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Da hast Du schon ganz richtig recherchiert – es handelt sich um eine Bartolini-Gitarre, und zwar genauer gesagt um das Modell 20V mit Griffbrett aus Holz. Gebaut wurde sie in den frühen 1960er-Jahren in Recanati – so etwas wie das „Bubenreuth Italiens“, denn dort war bekanntlich auch Eko ansässig, der größte italienische Instrumentenbauer. Wie andere Hersteller auch, kam Bartolini eigentlich über Akkordeons zum Gitarrenbau, deshalb auch die glitzernden Bezüge der Bodys aus Perloid und die sehr an Akkordeons erinnernden Schalter. Bartolini vertrieb seine Gitarren unter zahlreichen verschiedenen Labels, das war damals (wie heute) durchaus so üblich. Darunter auch „Bar“, was als Abkürzung sowohl für Bartolini als auch „Baronet“, eines seiner Labels, gesehen werden kann.

Unter dem Perloid-Bezug verbirgt sich übrigens ein Korpus aus massivem Holz, vermutlich Linde. Der Hals Deiner Bartolini sollte aus Ahorn, das Griffbrett aus Palisander sein. Die noch früheren Modelle hatten tatsächlich Hälse aus Plastik mit Plastikgriffbrett! Unter der Haube verbergen sich im Schaltkreis zahllose Widerstände und Kondensatoren, mit denen man beispielsweise den Halspickup so dämpfen konnte, dass sich die Gitarre auch als Bass einsetzen ließ (zumindest in der Theorie…). Ein neuer Sattel muss auch nicht unbedingt nötig sein, denn wie Du siehst, hat die Gitarre einen Nullbund ‒ und damit dient der Sattel ja nur zur Führung der Saiten bzw. legt den Saitenabstand fest, spielt aber weder für die Saitenlage noch tonal eine große Rolle. Sollte die Gitarre auf den ersten Bünden nicht gut klingen, liegt das also nicht am Sattel, sondern eher am Nullbund oder der Halskrümmung.

Wie auch die anderen Vertreterinnen der „glitzernden Jahre“ des italienischen Gitarrenbaus gelten Bartolini-Gitarren heute als begehrter Sammler-Kult, und werden in gutem Zustand so um die € 800 – € 1.500 gehandelt. Eine Restaurierung lohnt sich also durchaus, sofern nicht allzu kostspielige Reparaturen nötig sind.


(Bild: G&B Leser)

„Ich habe einen Dachbodenfund bei meinem Onkel gemacht. Könnt Ihr mir etwas über diese Mandoline sagen? Der Zustand ist nicht besonders und sie müsste wiederhergerichtet werden. Originalzubehör und Ersatzteile waren auch noch im Koffer. Was wäre Sie ungefähr wert?“ Alexander

Da hast Du bei Deinem Onkel aber ein ganz schönes Schätzchen auf dem Dachboden gefunden! Es handelt sich hierbei um eine der legendären Calace-Mandolinen, die heute unter kundigen Mandolinenspielern einen sehr guten Ruf genießen. Raffaele Calace lebte von 1863 bis 1934 in Neapel in Italien und gilt heute als einer der renommiertesten Mandolinenkünstler überhaupt. Er war selbst versierter Spieler, Komponist (von mehr als 200 Stücken), Autor und Instrumentenbauer. Er spielte mehrere Schallplatten ein, auf denen seine Virtuosität auf dem Mandoloncello auch heute noch hörbar ist.

Man spricht heute sogar bei manchen Mandolinen von „Calace“-Bauweise, da die Art, wie er Mandolinen baute, später auch kopiert wurde. Seine Werkstatt wurde nach seinem Tod weitergeführt, besteht auch heute noch (www.calace.it) und wird nun von seinem Enkel Raffaele Jr. geleitet. Eine Restauration dürfte sich lohnen, denn Calace-Mandolinen aus dieser Zeit erzielen unter Kennern respektable Preise. Im Markt findet man sie für zwischen € 400 und € 4000. Das mögliche Resultat bei einem Verkauf hängt natürlich davon ab, ob sie von einem kundigen Instrumentenbauer wieder in einen spielbaren Zustand versetzt werden kann und dürfte dann irgendwo dazwischen liegen. In einem Forum habe ich die Information gefunden, dass sie in einem unrestaurierten Zustand etwa € 300-600 erzielen könnte.

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2020)

Produkt: Gitarre & Bass 4/2019 Digital
Gitarre & Bass 4/2019 Digital
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