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Extended Range Guitars: Digital oder analog

Ein Thema, das bei Gitarristen mindestens genauso polarisiert wie die Anzahl der Saiten, ist die Verstärkung. Selbst in der ERG-Szene gibt es Puristen, die auf den Sound von Röhren schwören.

(Bild: Simon Hawemann/David Schäffer)

Gleichzeitig ist der Vormarsch digitaler Amps in diesem Segment besonders unaufhaltbar. Digitale (Pre-)Amps wie Axe- FX, Kemper und Line6 Helix erfreuen sich enormer Beliebtheit! Gibt es die perfekte Lösung für Extended Range Gitarristen, oder kann man sich einfach an Genre-typischen Lösungen orientieren und diese auch mit 7 oder 8 Saiten benutzen? Die Antwort darauf, und mehr, gibt es heute hier!

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„Das klingt doch scheiße!“

Das war einer der ersten Sätze die ich zu hören bekam, als ich in den frühen 2000ern bei einem Gig mit meinem ersten Topteil aufkreuzte – einem Line6 HD147. Das Ding stand kaum auf der 4x12er, da bekam der Soundmann beim Anblick des Line6-Logos auch schon die Krise. Als ich dann noch darum bat, das Cab nicht zu mikrofonieren und stattdessen den Direct Output zu benutzen, platzte direkt der zitierte Satz aus ihm heraus.

Ich hatte den Amp zwar noch nicht wahnsinnig lange, war aber mit meinem Sound sehr vertraut und äußerst zufrieden. Also gab ich dem Techniker zu verstehen erst mal halblang zu machen und abzuwarten, bis er den HD147 zu Ohren bekäme. Nachdem ich mit dem Soundcheck durch war, fragte ich nur „Und?!“, worauf der feine Herr Soundmann nur „Ja, klingt ganz fett … “ in seinen Bart nuschelte. Und diese Erfahrung sollte sich in den ersten ein zwei Jahren die ich mit dem Amp unterwegs war auch noch ein paar Mal wiederholen. Aber wie kam ich eigentlich auf den Line6 HD147?! Richtig, dank eines Gitarre & Bass Reviews! In dem stand damals, dass der Amp besonders für moderne Hi-Gain- Sounds à la Fear Factory geeignet sei – und somit war ich auch schon bekehrt. Ich löste ein von meiner Familie für mich angelegtes Bauspar-Konto auf und kaufte mir von dem Geld sofort den HD147 – und bereute den Kauf nie.

(Bild: Simon Hawemann/David Schäffer)

Was ich hingegen bereue, ist, dass ich das gute Stück ein paar Jahre später verkaufen musste, um mir ein reisefreundlicheres Setup, bestehend aus Line6 X3 Live Floorboard und einem externen Poweramp, zuzulegen. Das stand dem Sound des HD147 zwar in der Theorie in nichts nach (das X3 Live hatte die gleichen Presets an Bord), aber die schiere Power und unendlichen Lautstärke-Reserven des Topteils fehlten mir dann doch etwas. Bevor ich Line6 den Rücken für eine andere digitale Alternative kehrte, spielte ich 2012 noch das finale Album meiner Band ‚War From A Harlots Mouth‘ komplett mit Line6 Plugins ein.

Man kann also getrost sagen, dass ich die Entwicklung hin zur breiten Akzeptanz von digitalen Amps am eigenen Leib miterleben durfte. Ich war für diese Technologie immer offen, aber besonders in den ersten Jahren waren Modeler bestenfalls für ein Nasenrümpfen gut. Mittlerweile sind digitale Amps ein fester Bestandteil der Touring- und Studio-Rigs diverser Gitarristen – und das aus gutem Grund!

„These go to 11!“

Line6 kann man als Wegbereiter für Modeling-Amps gar nicht oft genug erwähnen, aber in den letzten Jahren haben vor allem der Kemper Profiling Amp und das Axe-FX von Fractal Audio die Spitze in diesem Feld übernommen. Die Möglichkeiten die all diese Geräte bieten, sind schier unendlich. Das Tone- Shaping ist so umfangreich, dass besonders Extended Range Gitarristen die Vorzüge digitaler Amps zu schätzen wissen. Und ja, auch Meshuggah haben bis zu ihrem aktuellen Album ‚The Violent Sleep of Reason‘ im Studio sowie live auf Modeller zurückgegriffen – anfangs mit, wie sollte es auch anders sein, Line6 Geräten wie dem Vetta II, welcher später dann durch das Axe-FX ersetzt wurde. Während man es bei den Geräten von Line6 und Fractal Audio mit herkömmlichen „Modeling Amps“ zu tun hat, geht der Kemper Profiling Amp allerdings noch einen Schritt weiter: Das Gerät ist dazu in der Lage, existierende Amps zu klonen. Dazu muss man per Kabel Testsignale vom Kemper in den Verstärker der Wahl schicken, diesen mikrofonieren und wieder mit dem Return des Kempers verbinden. So tastet der Profiler das gesamte Frequenzspektrum und Dynamikverhalten von Amp und Cabinet ab – und ist danach dazu in der Lage, den Sound des Rigs realitätsgetreu zu reproduzieren. Ich habe mir den Kemper 2013 zugelegt und auch schon mehrfach im Studio diverse Amps geprofiled – von Mesa Boogie über Soldano bis hin zu Peavey und Fender EVH. Ihr könnt euch über diese Profiles unter erglabs.bigcartel.com informieren und sie euch bei Bedarf auch zulegen.

Simpel: Vor dem Amp brauche ich nicht mehr als Booster und Noise Gate.

Näher als mit dem Kemper werdet ihr mit einem digitalen Amp jedenfalls nicht an den Sound eines Röhrenverstärkers herankommen. Meiner Erfahrung nach ist das Ergebnis zu weit jenseits der 90% akkurat – und dann bietet der Kemper noch ausreichend Tone-Shaping Optionen, um entweder die kleinen Unterschiede zum Original einfach auszubügeln, oder den Sound sogar darüber hinaus für euren Anwendungsbereich zu optimieren.

Aber auch das Axe-FX hat beeindruckende Tone-Matching Features! Als ich 2013 die Deftones in Berlin live spielen sehen durfte, fiel mir auf, dass der Gitarrensound zwischen den verschiedenen Songs stark fluktuierte. Besonders offensichtlich war das zum Ende bei den Songs von ‚Adrenaline‘ – dem Album mit dem eigenwillig sägenden Gitarrensound. Dieser klang live haargenau wie auf Platte – und das beeindruckte mich nicht nur, sondern weckte auch meine Neugier. Später habe ich gelesen, dass Deftones Gitarrist Stephen Carpenter in einer Tone-Matching Session mit dem Axe-FX aufwendig die Sounds der verschiedenen Deftones Alben fürs live spielen reproduziert hatte.

Der Booster meines Vertrauens: Rodenberg Flux Custom (Bild: Simon Hawemann/David Schäffer)

Solche Features eröffnet einem natürlich nur die Welt der digitalen Amps. Aber trotzdem schwören viele Gitarristen nach wie vor nur auf den „Real Deal“ – den Röhrenverstärker. Bevor wir uns diesem widmen sei gesagt, dass die meisten digitalen Geräte lediglich Vorverstärker sind, also durchaus mit Röhren-Poweramps verstärkt werden können. Ich habe seinerzeit meinen Line6 POD X3 Live gern mit einem Peavey 5150 verstärkt – meinen Kemper später mit dem Engl 840/50 Tube Poweramp. Und ja, grad dem Line6 hat die Röhren-Endstufe ordentlich Leben eingehaucht! Beim Kemper war der Effekt nicht ganz so groß, da dieser alle Charakteristika eines Röhrenamps, einschließlich der Endstufe, beim Profilen schon realistisch mit klont – aber die zusätzliche Power und Dynamik der Engl Röhren-Endstufe hat dem Kemper live dennoch ordentlich eingeheizt! Das wäre also die von mir so gern zitierte „Best of both worlds“-Lösung. Ebenfalls sehr beliebt zum Verstärken von digitalen Preamps sind sogenannte „FRFR“ Solid State Poweramps. Die Bezeichnung steht für „Full Range Flat Response“ und besticht dadurch, den Ton aus dem Vorverstärker nicht zu färben. Was also am Ende aus dem Speaker kommt, ist eine möglichst unverfälschte Wiedergabe des Sounds, den ihr euch an eurem (digitalen) Pre-Amp zurecht gedreht habt. Natürlich färben weitere Komponenten wie das Cabinet euren Sound noch enorm, aber dazu später mehr. Besonders populär unter den FRFR-Poweramps ist jedenfalls die GFX-Serie von Matrix, die mit leistungsstarken und sehr leichten Geräten aufwartet.

Der Kemper ist auch im Studio eine Allzweckwaffe. (Bild: Simon Hawemann/David Schäffer)

Klassische All-in-one-Transistoren-Verstärker sind allerdings auch in der ERG-Szene nicht wahnsinnig populär. Das letzte Beispiel eines speziell auf 7-Strings zugeschnittenen Solid State Amps reicht weit zurück in die New-Metal-Zeit, zu der Hughes & Kettner den Warp7 präsentierte, welcher spektakulär floppte. Ihr habt heutzutage also sehr wahrscheinlich eher die Qual der Wahl zwischen einem Modeler oder Röhren-Top. Wenn ihr euch nun nicht mit einer digitalen Lösung anfreunden könnt, euch nicht durch die unfassbar umfangreichen Optionen eines Modelers quälen wollt oder euch gar als Puristen bezeichnen würdet, bleibt also selbstverständlich immer noch ein breites Angebot an Röhrenverstärkern. Ihr werdet es kaum glauben, aber dank des Kempers habe ich tatsächlich erst so richtig Lust auf Röhren bekommen und mir einen EVH 5150 III zugelegt. Während meiner ersten Kemper-Profiling-Session stand die 50W Version dieses Amps im Studio und hat mich so umgehauen, dass ich den Amp einfach selbst haben wollte.

Erste Kemper Profiling Session bei Dailyhero Recordings in Berlin

Und der 5150 III ist eigentlich ein perfektes Beispiel für meine Faustregel zur Verstärkung von Extended Range Gitarren: Die Genre-typischen Amps funktionieren mit ERGs genauso gut, wie mit sechssaitigen Gitarren. Vielleicht schlummert tatsächlich auch in mir ein Hauch von Purist (schwer zu glauben, ich weiß … ), aber ich bin einfach kein Fan davon, einen Sound zu sehr abstrahieren zu müssen, um das tiefere Tuning audibel und transparent aus dem Amp brüllen zu lassen. Mit WFAHM habe ich zuletzt live 6-, 7- und 8-Strings gespielt – und für alle Gitarren/Tunings den gleichen Sound benutzt. Ein starker Kontrast dazu sind die vielen Bands, die aus ihrem ERG-Sound jegliche Wucht aus den tiefen Frequenzen cutten und sich stattdessen auf übertrieben quakende Hochmitten fokussieren – und von denen habe ich schon so einige live gesehen. Der Effekt ist im schlimmsten Falle, dass das tiefe Tuning zu einem nicht unbeträchtlichen Teil seine Brachialität verliert und weniger massiv klingt, als eine 6-Saiter im Drop Tuning mit einem richtig fett klingenden Amp. Und das ist ja nicht Sinn der Sache …

Tower of Power: Mesa Rectifier vs. Kemper Profiling Amp (Bild: Simon Hawemann/David Schäffer)

Wenn ihr mit euren ERGs z. B. Metal spielen wollt, könnt ihr in jedem Fall beruhigt auf die üblichen Verdächtigen zurückgreifen: EVH 5150 III, Peavey 6505, Mesa/Boogie Rectifier, et cetera. Seit Kurzem gibt es auch den von Mike Fortin für Ola Englund entwickelten Randall Satan, der sehr deutlich auf die Zielgruppe der Extended Range Gitarristen schielt und ein paar wirklich interessante Features hat. Mike Fortin hat außerdem kürzlich Amps für Meshuggah angefertigt – und wenn man den kryptischen Andeutungen Mikes Glauben schenken kann, steht uns da ein (hoffentlich bezahlbares) Serienmodell ins Haus.

Neben einem vernünftigen Amp könnt ihr euch, um eure sieben- oder achtsaitigen Gitarren im Low End etwas tighter zu machen, aber zusätzlich noch weiterer bewährter Hilfsmittel bedienen: Vom seit Jahrzehnten etablierten Tube Screamer bis hin zu auf ERGs zugeschnittene Produkte wie das neue Horizon Devices Precision Drive, welches von Peripherys Misha Mansoor mitentwickelt wurde, gibt es ein unendliches Angebot von Boostern – von der Budget- bis zur Boutique- Ausführung. Ich selbst spiele vor meinem 5150 III übrigens einen Rodenberg Flux Capacitor Custom, basierend auf dem Rodenberg GAS 808, welches ich wärmstens empfehlen kann! Abgesehen davon findet ihr auf meinem Pedalboard nichts, was den Ton vor dem Amp darüber hinaus beeinflusst.

Das bewährte Mesa/Boogie Rectifier Oversized Cab (Bild: Simon Hawemann/David Schäffer)

Das Cabinet hat am Ende der Signalkette eh mit den größten Einfluss auf den Charakter eures Sounds. Auch wenn hier ebenfalls Klassiker wie die Mesa Rectifier Oversized 4x12er einwandfrei funktionieren, kann ich nur empfehlen, viele verschiedene Cabs auszuprobieren – allein schon weil es spannend ist, das ungemein breite Spektrum an möglichen Sound-Färbungen zu erforschen, die verschiedene Cabinets dem Sound eures Amps geben. Das zwei verschiedene Cabs mit Celestion V30 Speakern bestückt sind, heißt übrigens auch noch lange nicht, dass diese sehr ähnlich klingen – die Konstruktion spielt ebenfalls eine wirklich große Rolle. Also, testet so viel ihr nur könnt! Mein persönlicher Favorit für ERGs ist die Kombination aus Fender EVH 5150 III oder dem originalen Peavey 5150/6505 mit einem Orange PPC412 Cab. Beide Amps sind exzellente Hi-Gain-Monster, die auch mit tiefen Tunings einen tighten und artikulierten Metal-Sound produzieren, während die Orange 4x12er sehr sehr transparente Höhen und ein perfekt ausbalanciertes Low End produziert – welches euren tiefen Tunings ordentlich Schub gibt ohne dabei matschig zu werden! Das PPC412 verträgt sich darüber hinaus auch ausgesprochen gut mit digitalen Pre-Amps, egal ob diese mit Röhren oder Transistoren verstärkt werden.

Fender EVH 5150 III Stealth: Klingt so brutal wie er aussieht! (Bild: Simon Hawemann/David Schäffer)

Fürs Studio habe ich mir kürzlich eine 2x12er von Omega Cabs mit Celestion V30 auf der linken und Creamback auf der rechten Seite anfertigen lassen. Beide Speaker ergänzen sich einwandfrei und geben mir beim Aufnehmen zusätzliche Variabilität. Auch in Europa gibt es viele bekannte auf Cabinets spezialisierte Custom Shops, wie Zilla und Hesu. Beide genießen einen ausgezeichneten Ruf und werden nicht selten von Gitarristen mit ERGs zu Rate gezogen. Also, wenn ihr euch mit Stangenware nicht zufrieden geben könnt, gibt es auch in diesem Bereich sehr gute Custom-Produkte.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass bei der Wahl für die richtige Verstärkung einer ERG in vielerlei Hinsicht das Gleiche gilt, wie für die Verstärkung von Gitarren mit sechs Saiten. Wichtig ist, dass ihr euch einen Amp zulegt, der für euer bevorzugtes Genre geeignet oder bestenfalls auf dieses sogar zugeschnitten ist. Mit den etablierten Namen und Modellen unter den Röhrenverstärkern könnt ihr nicht viel falsch machen – digitale Amps können euch darüber hinaus ungeahnte Flexibilität und schier grenzenlose Tone-Shaping-Möglichkeiten eröffnen. Ansonsten gilt, was ich auch schon im letzten Teil geschrieben habe: Lernt euren Platz im Klangspektrum der Band kennen und kommt euch mit den anderen Instrumenten nicht zu sehr ins Gehege.

Lichtorgel: Mein altes Live Rig, bestehend aus Kemper Profiling Amp und Engl 840/50 Tube Poweramp (Bild: Simon Hawemann/David Schäffer)

Das Low End eures Gitarrensounds ist hier also ein sensibler Faktor und will wohl ausbalanciert sein. Zu viel und es wird unübersichtlich zwischen euch und eurem Bassisten – zu wenig und eure Gitarre klingt wie ein Küchenradio. Mit der richtigen Gitarre, den passenden Pickups und einem Hilfsmittel wie beispielsweise dem Tube Screamer, solltet ihr vor dem Amp versorgt sein. Zum Thema Pickups wird es an dieser Stelle nochmal ein ausführliches Feature geben – aber zunächst mal erwartet euch ein umfassendes ERG-NAMM-Special im nächsten Teil dieser Kolumne.


Aus Gitarre & Bass 03/2017

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