(Bild: Ilja Mess)
Zuhören ist eigentlich keine große Kunst. So zu hören wie Wolfgang Kehle hingegen schon, denn er hört besser als die allermeisten von uns Musikern. Und er hört wirklich genau zu, um auch jedes kleinste Detail wahrnehmen zu können – und bringt das Gehörte für uns zu Papier.
Wahrscheinlich kann man sogar ohne Übertreibung behaupten, dass er mit seinen einzigartigen Fähigkeiten der hiesigen Gitarrenszene ganz gehörig auf die Sprünge geholfen hat. Mit dieser Ausgabe feiert Wolfgang Kehle sein 40-jähriges Jubiläum bei Gitarre & Bass. Höchste Zeit also, mit einem der prägenden Transkripteure der deutschen Gitarrenszene über Gehör, Genauigkeit und Musik zu sprechen!
Was der gemeine Musiker für gewöhnlich als schnödes „Raushören“ bezeichnet, hat Wolfgang Kehle zu seiner eigenen Wissenschaft erklärt. Er macht das Unnotierbare notierbar, dechiffriert die kompliziertesten Phrasierungen und verschriftlicht sie so, dass Musiker:innen genau wissen, was gemeint und was zu tun ist. „Übersetzen“ nennt er das selbst, denn Musik ist oft zu komplex, um eins zu eins adäquat zu Papier gebracht zu werden. Wolfgang Kehle jedoch findet immer eine Lösung, die dem Transkribierten sowie dem Leser gerecht wird.
Manche Gitarristen und Bassisten, die in den letzten 40 Jahren ihr Instrument erlernt haben, würden heute vielleicht anders klingen, wenn sie nicht anhand seiner Noten Musik anders verstanden hätten. Aber: Wolfgang Kehle ist natürlich in erster Linie selbst Musiker, Bassist, Gitarrist, aktuell am Theater Konstanz. Wir beginnen also trotz des Jubiläums im Jetzt!
„Schnell und unfassbar exakt“ – G&B-Herausgeber Dieter Roesberg über Wolfgang Kehle
Das Telefon klingelt: „Hier ischt der Wolfgang. Kanscht mich mal zurückruufe“.
Im Jahr 1986, dem ersten Jahr von Gitarre & Bass (das Magazin erschien damals noch unter dem Titel ‚Musiker‘), lerne ich Wolfgang Kehle kennen. Ich bin Herausgeber und Chefredakteur unseres neuen Magazins. Zuvor hatte ich als Chefredakteur beim Fachblatt Musik Magazin gearbeitet.
Dort hatte ich Andreas Vahsen kennengelernt, der für uns Artikel geschrieben hatte. Andreas hatte am GIT in Los Angeles studiert und dann in München das MGI (Münchner Gitarreninstitut) gegründet. Auch für Gitarre & Bass verfasste Andreas Artikel.
Eines Tages erzählte er mir von einem Absolventen des MGI, der Songs hervorragend transkribieren könne. Wolfgang Kehle, der in Lindau am Bodensee lebt. Und ein echter Schwabe ist. Ich rief ihn an und gab ihm den ersten Auftrag.
Er lieferte schnell und unfassbar exakt. Und wie so oft bei Gitarre & Bass kamen die Folgeaufträge. In der Anfangszeit hatten wir noch eine externe Firma in der Nähe von Augsburg – dort, wo unsere damalige Druckerei ansässig war –, die den Notensatz von den Vorlagen in druckfähige Unterlagen umsetzte.
Wolfgang hatte auch die Aufgabe übernommen, die Arbeiten der Firma zu kontrollieren. Eine mühsame Aufgabe, die er trotz aller Widrigkeiten erledigte. Einige Zeit später hatte sich die Technik total weiterentwickelt. Wolfgang hatte sich ein neues Programm für Notensatz und Tabulaturen zugelegt, sich eingearbeitet und dann den Notensatz für alles, was mit Noten und Tabs in G&B zu tun hatte, übernommen.
Wolfgang ist ein hervorragender Gitarrist und Bassist − ich habe aus der Anfangszeit noch ein paar lustige Anekdoten in Erinnerung. Wolfgang transkribierte alles, was er hörte: also alle Töne, alle Anschlaggeräusche. So war das Intro von ,All Right Now‘ von Free auf den ersten Blick unspielbar, es wimmelte so von Noten. Nach kurzer Diskussion habe ich Wolfgang dann überredet, es zu vereinfachen. Oder das Intro von ‚Smoke on the Water‘.
Seine absolute Meisterleistung war die Transkription eines Songs, der auf einer 12-saitigen Gitarre gespielt wurde. Er hat es perfekt hinbekommen, es war extrem schwer zu spielen, klang aber original. Erst viel später haben wir durch Zufall herausbekommen, dass das Werk im Original mit einer 12-string eingespielt war, bei der die Oktavsaiten auf eine Quinte gestimmt waren − Hammer!
Wir kennen uns jetzt seit 40 Jahren, in all den Jahren haben wir nie Unstimmigkeiten gehabt, zwar viel diskutiert, immer alles zur Zufriedenheit aller geregelt, immer pünktlich und zuverlässig. Solche Mitarbeiter wünscht man sich. Und meine Nachfolger sehen das genauso! Aber erstaunlicherweise haben wir uns in all der Zeit nur selten persönlich getroffen.
Mal auf der Musikmesse Frankfurt, mal auf dem Guitar Summit. Aber am meisten habe ich mich gefreut, dass er im Dezember 2019 zu meiner von den Kollegen ausgerichteten Überraschungsverabschiedung gekommen ist. Ich wusste von nichts, stehe auf einmal kurz vor Feierabend in der Büroküche, und fast alle Kollegen und Mitarbeiter sind da. Auch Wolfgang, der zwischen zwei Vorstellungen am Theater Konstanz den weiten Weg vom Bodensee nach Köln auf sich genommen hatte. Einfach nur super.
Nach wie vor vermisse ich aber den typischen schwäbischen Anruf, der der damaligen Zeit geschuldet war, als „Fern“gespräche noch teuer waren: „Kanscht mich mal zurückruufe“ …
Wolfgang, du bist im Theater gerade ziemlich eingespannt. Hat sich dein Berufsalltag inzwischen komplett verändert?
Ja, schon. Die Theaterproduktion ist gerade abgeschlossen, eine intensive Zeit mit vielen Proben und Aufführungen. Das Stück hieß ‚Hedwig and the Angry Inch‘, eine ziemlich verrückte Coming-of-Age- und Rockstar-Geschichte. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.
Nächstes Jahr geht es direkt weiter: Von Januar bis April bin ich wieder für eine Produktion gebucht, danach folgt noch ein Open-Air-Sommertheater mit rund 25 Vorstellungen. Dazu kommen einige Sideman-Jobs. Die erste Jahreshälfte ist also praktisch schon komplett verplant.
(Bild: Helmut Elks Oelke)
Du hast Generationen von Gitarristen mit deinen Transkriptionen begleitet. Wie bist du zu diesem Beruf gekommen?
Ich wollte schon immer etwas mit Musik machen. Als ich 1979 Abitur gemacht habe, gab es aber noch längst nicht die Möglichkeiten von heute. Jazz oder Popularmusik konnte man damals nicht so einfach studieren. Deshalb habe ich zunächst Politikwissenschaft und Geschichte studiert − in Freiburg und später in Tübingen.
Ich war kurz davor, meine Magisterarbeit zu schreiben. Gleichzeitig bekam ein Freund das Angebot, in einer Coverband einzusteigen. Er wollte den Job nicht übernehmen und hat mich vorgeschlagen. So hatte ich 1984 plötzlich meine ersten professionellen Auftritte.
War das der Moment, an dem du dich endgültig für die Musik entschieden hast?
Ja. Ich hatte damals eine Freundin in München, und dort gab es das Münchner Gitarreninstitut (MGI). Ich habe mir ausgerechnet, dass ich mit zwei Semestern BAföG und den Einnahmen aus der Band irgendwie über die Runden kommen könnte. Also habe ich das Studium kurz vor dem Abschluss abgebrochen, bin nach München gezogen und habe am Gitarreninstitut angefangen.
Gitarre war immer mein Hauptinstrument. Parallel spielte ich weiter in Coverbands. Dort fing ich irgendwann an, Soli und Arrangements für uns herauszuschreiben.
Waren das deine ersten Transkriptionen?
Ja. Unser Schlagzeuger Frank Denzinger, mit dem ich immer noch zusammenspiele, bemerkte damals, dass ich beim Solo des Phil-Collins-Songs ‚Easy Lover‘ eher improvisierte, statt es exakt zu spielen. Er meinte nur: „Das hören wir uns jetzt mal genauer an.“ Also habe ich mich eine Woche hingesetzt und meine erste richtige Transkription geschrieben.
Dabei habe ich gemerkt, dass mir diese Arbeit liegt. Ich schrieb immer mehr Stücke heraus und zeigte sie schließlich Andreas Vahsen, dem Leiter des MGI. Er bot mir daraufhin an, nach meinem Studium als Dozent zu arbeiten.
Ich sollte einen Lehrplan für Top-40-Gitarre entwickeln. Kurz darauf fragte er mich, ob ich nicht auch Transkriptionen für ein neues Magazin schreiben wolle.
Dieses Magazin war „Musiker“, richtig?
Genau. Ich habe sofort zugesagt. Ehrlich gesagt war meine finanzielle Situation damals ziemlich schwierig, deshalb kam dieses Angebot genau zur richtigen Zeit.
Meine erste veröffentlichte Transkription erschien in der September-Ausgabe 1986, also vor exakt 40 Jahren! Thema war Steve Lukathers Solo auf ‚Back On The Road‘, einem Stück von Earth, Wind And Fire. Damals gab es übrigens noch keine Gitarren-Tabs − alles wurde ausschließlich in klassischer Notenschrift veröffentlicht.
Offenbar war die Redaktion zufrieden, denn kurz darauf gab sie die nächste Transkription in Auftrag, diesmal ein Solo von Hiram Bullock auf ‚Trains‘, einem Stück der legendären US-Fusion-Band Steps Ahead. Von da an entwickelte sich eine regelmäßige Zusammenarbeit, aus der schließlich viele hundert Workshops entstanden.
Du hast im Laufe der Jahre weit über tausend Transkriptionen geschrieben. Entwickelt man dafür irgendwann ein besonderes Gehör?
Ich glaube schon. Wobei ich das Glück hatte, schon früh ein gutes Gehör zu haben. Dazu kommt vielleicht eine etwas ungewöhnliche Voraussetzung: Ich habe eine sehr seltene angeborene Augenkrankheit, die sich Nystagmus nennt.
Deshalb war Sehen für mich immer anstrengender als Hören. Ich kann zwar Auto fahren, habe aber entsprechende Einschränkungen. Mit dem Hören habe ich mich immer leichter getan. Und wenn man sich jahrzehntelang intensiv mit Transkriptionen beschäftigt, wird diese Fähigkeit natürlich immer weiter geschult.
Kann man Musik überhaupt vollständig notieren?
Nein. Das funktioniert bei vielen Musikern gar nicht. Denk nur an ein Blues-Solo von B.B. King. Seine Bendings bewegen sich oft irgendwo zwischen den Halbtönen.
Das lässt sich mit unserem Notensystem nur unzureichend darstellen. Natürlich kann man versuchen, alles mathematisch exakt abzubilden, aber irgendwann verliert man dabei den musikalischen Kern aus den Augen.
(Bild: Ilja Mess)
Trotzdem ist es doch dein Anspruch, möglichst nah am Original zu bleiben.
Natürlich. Aber das hängt immer vom jeweiligen Stil ab. Ein Pat-Martino-Solo ist kristallklar und lässt keine Fragen offen, und gerade moderne Gitarristen wie Matteo Mancuso spielen rhythmisch und technisch so präzise, dass man sehr dicht ans Original herankommen kann.
Ganz anders sieht es bei Musik aus, die bewusst rau oder spontan klingen soll. Bei Hendrix oder vielen Punk-Aufnahmen wäre es völlig sinnlos, jede minimale Nuance des Anschlags mathematisch festhalten zu wollen. Das würde das Notenbild nur unnötig kompliziert machen, ohne den eigentlichen musikalischen Gedanken besser zu transportieren.
Hast du deshalb häufig bewusst vereinfacht?
Nicht vereinfacht − eher übersetzt. Ich erinnere mich an frühe Hendrix-Transkriptionen im Power-Tab-Format oder an manche Songbooks, in denen jeder einzelne Anschlag vermeintlich exakt notiert wurde. Das Ergebnis gaukelte Präzision vor, hatte mit der musikalischen Realität aber wenig zu tun. Ich habe deshalb immer versucht, die musikalische Intention abzubilden und nicht jede theoretisch messbare Kleinigkeit.
Gab es Stücke, bei denen dir dieses Denken besonders geholfen hat?
Ja, zum Beispiel bei ‚Black Dog‘ von Led Zeppelin. Da haben Kollegen aus Japan versucht, jeden Takt mathematisch auszurechnen. Heraus kamen hochkomplizierte Wechsel der Taktarten, die sogar in offiziellen Notenausgaben gelandet sind.
Wenn man aber genau hinhört, merkt man, dass John Bonham mit kleinen Side-Stick-Schlägen Cues gibt, und die Band sich daran ausrichtet. Musikalisch ist das Stück viel einfacher zu verstehen, als es auf dem Papier manchmal aussieht. Genau darum geht es für mich bei einer guten Transkription: Sie soll helfen, Musik zu verstehen und zu spielen.
Wie sieht oder sah eigentlich dein Arbeitsalltag als Transkripteur aus?
Der hat sich im Laufe der Jahrzehnte komplett verändert. Ganz am Anfang habe ich mit einer Bandmaschine gearbeitet. Ich habe das Stück mit 19 cm pro Sekunde aufgenommen und anschließend mit halber Geschwindigkeit abgespielt. Der Nachteil war natürlich, dass alles eine Oktave tiefer klang.
Später kam ein Tascam Porta-Studio dazu. Das war schon komfortabler, bedeutete aber immer noch eine Menge Vor- und Zurückspulen. Erst mit Programmen wie dem ‚Amazing Slow Downer‘ wurde die Arbeit deutlich einfacher, weil die Tonhöhe erhalten blieb und man Loops setzen konnte.
Irgendwann bin ich schließlich bei ‚Transcribe!‘ gelandet. Das Programm nutze ich bis heute. Dort kann ich sogar Videos einbinden und Bild und Ton gleichzeitig verlangsamen. Das war für meine Arbeit ein riesiger Fortschritt.
Du hast dich jahrzehntelang fast täglich mit den Soli anderer Musiker beschäftigt. Verändert das den eigenen Blick auf Musik?
Davon bin ich überzeugt. Letztlich trainiert man damit etwas, das eigentlich jedes Kind ganz selbstverständlich macht: Man hört etwas und versucht, es imitieren. Kinder singen Lieder nach, ohne Noten zu brauchen.
Beim Transkribieren entwickelt man genau diese Fähigkeit immer weiter. Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man auch komplexe musikalische Ideen direkt übers Gehör aufnehmen und auf dem Instrument umsetzen kann. Der Umweg über die Noten wird immer unwichtiger. Viele großartige Musiker arbeiten genauso.
(erschienen in Gitarre & Bass 09/2026)