Rockabilly Vorreiterin, Elvis-Geliebte, Glamour-Queen des Country

Wanda Jackson, die erste Frau im Rock N Roll

Vieles an Wanda Jackson ist ungewöhnlich. Nicht nur war sie eine der ersten Frauen, die in der Männer-Domäne “Rock ‘N’ Roll” der Fünfziger Jahre selbst als Musikerin aktiv war. Sie tourte mit Elvis Presley, dem King persönlich, der ihr Mitte der Fünfziger dazu riet von Country auf Rockabilly umzusteigen. Ihre raue und wilde Stimme war für die konservative USA oft zu viel des Guten, weshalb Jackson viele ihrer Erfolge im Ausland feierte. Dies erklärt auch, weshalb sie einige Stücke auf Deutsch aufnahm, ohne die Sprache jemals beherrscht zu haben. Ungewohnt für das Business war auch ihre Ehe mit Wendell Goodman, der 55 Jahre lang auch ihr Manager war und am 21.05.2017 verstarb. Und auch ihre Kooperation (‘The Party Ain’t Over’) mit Jack White von den White Stripes vor einigen Jahren verdient Aufmerksamkeit, denn der umtriebige Musiker animierte die damals 71-Jährige dazu nochmal die junge Wanda herauszuholen und Songs von namhaften Interpreten wie Bob Dylan oder Amy Whinehouse einzusingen.

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Es lohnt sich also ohne Frage, sich nochmal mit dieser besonderen Sängerin, Gitarristin und Pianistin zu beschäftigen. Darum haben wir ein Interview aus unserer März-Ausgabe aus dem Jahr 2011 für euch aufgearbeitet, in dem Wanda ihre Kooperation mit Jack White ausführlich kommentiert.

Der eigentlich allgegenwärtige Jack White kann beim Interview-Termin, Mitte Dezember, leider nicht dabei sein. „Er arbeitet an ein paar Projekten, die sich nicht aufschieben lassen“, belässt es Jackson-Ehemann und -Manager Wendell Goodman bei vielsagenden Andeutungen – und bittet in eine geräumige Interview-Suite des Hamburger Hyatt Hotels. Darin wartet eine kleine Frau mit pechschwarzen Haaren, die zu einem atemberaubenden B-52 toupiert (und garantiert nicht echt) sind, eindeutig zu viel Lippenstift, Make-up und Kajal trägt, sowie über ein schmerzhaftes Hüftleiden klagt. Sprich: Eine richtige Rock-&-Roll-Oma, aber zugleich auch bodenständig, nett und vor allem redselig. Denn Mrs. Wanda Jackson hat trotz sechs Dekaden Showbiz keine Marotten, freut sich sichtlich über das lockere Gespräch mit einem Gitarrenmagazin, hat viele interessante Dinge zu erzählen und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. So tituliert sie ihren neuen Brötchengeber und Sidekick Jack White kichernd als „Sklaventreiber“ und schickt selbst Göttergatten Wendell kurzerhand vor die Tür, als dieser mit lauten Hustenanfällen für Irritation sorgt: „Honey, geh raus zu den Leuten von der Plattenfirma, und lass mich das hier alleine machen!“ – „Kommst du denn ohne mich klar …?“ – „Aber sicher. Dreh eine Runde an der frischen Luft, das hilft bestimmt!“

Weibliche Diplomatie, die keine Widersprüche duldet, und sich auch auf ihrem tollen Comeback-Album ,The Party Ain’t Over‘ niederschlägt. Mit elf Songs, die aus der Feder von Johnny Kidd & The Pirates, Bill Haley, Harlan Howard, Bob Dylan, Amy Winehouse, den Castro Sisters sowie Jimmie Rodgers stammen, zwischen Country, Rock und Schlager pendeln und den Geist der jungen Wanda Jackson beschwören – des rebellischen Tough-Girls, das Krallen und Zähne zeigte. Wobei Herr White, der als Produzent und Gitarrist fungiert, ähnlich vorgeht, wie Kollege Rick Rubin bei Johnny Cash oder Neil Diamond: Er konzentriert sich auf die ursprüngliche Stärke seines Künstlers, entfernt jedweden überflüssigen Ballast und zeigt ihn in seiner reinen, puren Form. Was bei Wanda zur einzig wahren „Queen Of Rockabilly“ und „Glamour Queen Of Country“ führt. Titel, die sie – so zeigt sich schnell – nicht zu unrecht führt.

Frau Jackson, in den 50ern haben Sie den Rock-&-Roll-Boys Club um Elvis & Co. gewaltig auf den Kopf gestellt. Wie sehr Pionierin, wenn nicht Revoluzzerin ist Wanda Jackson?

(lacht) Ich glaube nicht, dass es da jemanden vor mir gegeben hat. Insofern genieße ich den Ruf zu Recht – denn soweit ich weiß, war ich wirklich die erste. Und es war extrem schwer, geeignetes Material zum Aufnehmen zu finden oder im Radio gespielt zu werden. Deshalb gingen meine Verkaufszahlen auch rapide in den Keller, als ich nur Rock-&-Roll-Singles veröffentlicht habe. Was ziemlich Angst einflößend war. Denn natürlich wollte ich meinen Plattenvertrag behalten. Also fingen mein Produzent und ich an, einen Country-Song auf der einen Seite der Single zu platzieren und ein Rock-&-RollStück auf der anderen. Eben, damit ich meine Country-Fans, die ich seit 1954 hatte, behalte. Das hat funktioniert. Bei den Alben sind wir dann genau so vorgegangen – wir haben Rock und Country gemixt. Und das hat die Verkaufszahlen und das Airplay aufrecht erhalten. Denn mit echtem Rock-&Roll hatte ich ja erst 1960 einen Hit in Amerika. Und zwar mit ,Let’s Have A Party‘.

Da gab es auch eine Zeit, in der Sie auf Deutsch gesungen haben.

Ja, und das hat mich selbst am meisten schockiert. Die Plattenfirma EMI hat meinen Mann kontaktiert, und mich eingeladen, nach Köln zu kommen und ein Album in Deutsch aufzunehmen. Was mir einen Riesenschreck eingejagt hat. Ich meinte zu ihm: „Machst du Witze? Ich komme aus Oklahoma – ich kann ja kaum Englisch.“ (lacht) Aber das Label meinte, ich solle mir keine Sorgen machen. Sie hätten spezielle Songs für mich und mehrere Trainer, die mir bei den Worten helfen würden, damit ich sie phonetisch singen kann. Was sehr einfach klang – aber nicht war. Ich meine, ein deutsches Wort zu nehmen und es so in meiner Sprache zu schreiben, damit ich mich erinnern kann, wie ich es betonen muss, war die härteste Arbeit, die ich je vor einem Mikrofon geleistet habe. Aber: Es hat sich gelohnt. Die Deutschen haben diesen Song geliebt und ihn im Dezember 1965 zur Nummer 1 gemacht. Jetzt ist er ein richtiger Evergreen – ich singe ihn immer noch.

Wie denn: ,Santo Domingo‘ bringen Sie weiter auf Deutsch?

Zumindest, wenn ich hier bin. Was nicht heißt, dass ich die Sprache perfekt beherrsche. Stellen sie mich ja nicht auf die Probe! (lacht)

Was ist das für ein Gefühl, mit 73 ein Comeback zu starten und nach den Jahren in der medialen Versenkung wieder solche Aufmerksamkeit zu erfahren? Genießen Sie das?

(kichert) Nun, es ist nicht einfach, das in Worten zu beschreiben, wie toll sich das anfühlt, plötzlich wieder ein jüngeres, breiteres Publikum zu haben und so gefragt zu sein. Es sorgt dafür, dass auch ich mich um Jahre jünger fühle. Daran gibt es keinen Zweifel. (lacht) Und es war auch unglaublich aufregend, 2009 in die Rock ‘n‘ Roll Hall Of Fame aufgenommen zu werden – einer der absoluten Höhepunkte meiner Karriere. Außerdem toure ich ja immer noch zwölf Monate pro Jahr und singe dabei all meine alten und neuen Songs. Ich habe die Zeit meines Lebens.

Hand aufs Herz: Ehe Sie ,The Party Ain’t Over‘ mit Jack White aufgenommen haben – wussten Sie da, mit wem Sie es zu tun haben?

Nicht wirklich. Ich meine, ich hatte zwar von den White Stripes gehört, aber doch nie ihre Musik. Wobei mir natürlich klar war, wie populär Jack ist. Und insofern wusste ich, dass es Rock sein musste – also diese moderne Form von Rock. Aber das war es dann auch. Meine Kinder kannten ihn da schon besser. Sie sind richtige Fans …

Genau wie Jack Fan von Ihnen ist – und zwar in einer Art und Weise, die einer regelrechten Obsession gleicht.

Oh, wirklich? Das war mir so nicht klar. Ich meine, er hat mir zwar gesagt, dass er ein Fan ist, aber nicht so deutlich … Sein Freund Jack Lawrence, der bei unseren Sessions Bass gespielt hat, meinte zu meinem Mann, dass er und Jack White zusammen aufs College gegangen seien, und er damals ein Poster von mir in seinem Schlafzimmer gehabt hätte – was natürlich sehr schmeichelhaft ist. Ich als Pin-up-Girl! (lacht)

Wie despotisch ist er als Label-Boss?

(lacht) Er hat mich ziemlich unter Druck gesetzt. Aber wahrscheinlich habe ich das auch gebraucht. Ich meine, ich wusste zunächst nicht wirklich, was er von mir wollte. Und ich habe ja auch immer nur mit Männern aufgenommen, die entweder in meinem Alter waren oder noch älter. Zunächst dachte ich, er will, dass ich dieses neue Rock-‘n‘-Roll-Ding mache. Weshalb ich mir auch nicht sicher war, ob meine Fans das überhaupt mögen würden. Von daher bin ich da mit gemischten Gefühlen rangegangen. Aber sobald ich erkannt habe, dass er meinen Stil nicht verändern, sondern einfach nur etwas von der Energie der jungen Wanda Jackson wollte, konnte ich ihm das auch liefern. Aber natürlich ist er ein Sklaventreiber und ein Perfektionist. (lacht) Er hat mich nicht aufhören lassen, bis er genau das hatte, was er wollte. Aber: Ich halte ihn für einen Ziegelstein, der in purpurnen Samt gehüllt ist. Eben: Er ist irgendwie hart, aber du willst ihn zufrieden stellen, weil er doch so ein netter Kerl ist.

Wie hat Ihnen das Third Man Hauptquartier in Nashville gefallen – die Kombination aus Plattenladen, Label und Live-Venue?

Das ist ein interessanter Ort. Er hat sogar eine richtige Bühne, wo er regelmäßig Live-Shows abhält. Und ich werde da in Zukunft auch noch auftreten. Und was das Studio betrifft: Das ist sehr klein und intim. Außerdem nimmt er analog auf. Insofern habe ich mich da sehr wohl gefühlt. Eben mit diesem alten Mischpult und diesen großen Tonbandspulen. Außerdem hat er so viele Talente. Ich bin mir sicher, dass ich längst noch nicht alle kenne. Aber im Studio sind die Wände zum Beispiel kunstvoll mit Nieten und Stoffen ausgeschlagen. Was er alles alleine gemacht hat. Insofern besitzt er auch handwerkliche Fähigkeiten – er kann nicht nur singen … Ich denke zwar nicht, dass er daraus je einen Beruf machen wird, aber zumindest hat er Talent. (lacht)

‘The Party Ain’t Over’ zeigt Ihr gesamtes Spektrum auf – von Rockabilly bis Country und wieder zurück. Eine Art Werkschau?

Stimmt. Das war genau das, was er im Sinn hatte. Eben meine unterschiedlichen Stile aufzuzeigen – aber mit frischem Material, statt einfach meine alten Hits aufzuwärmen.
Er wollte mir neues Material geben, und er hat mich wirklich hart gepusht. Aber was ist passiert? Er hat mich direkt ins 21. Jahrhundert katapultiert. Denn irgendwie war ich ja in den 50ern verloren. Keine Frage.

Und Bob Dylan höchstpersönlich hat ihnen nahe gelegt, sein ,Thunder On The Mountain‘ zu covern?

Na ja, Jack und er sind scheinbar gute Freunde. Insofern rief er ihn an und meinte: „Ich nehme Wanda auf – welchen Song von dir soll sie probieren?“ Und er hat nicht lange gezögert, sondern meinte: „,Thunder On The Mountain‘ – unbedingt.“

Wie steht es mit Amy Winehouse, deren ,You Know I‘ m No Good‘ Sie ebenfalls covern? Sind Sie sich ihrer Reputation bewusst?

(lacht) Ich habe gehört, sie soll ein ziemlich schlimmer Finger sein. Aber ihr Repertoire kannte ich nicht wirklich… Und wir haben den Text zu ,You Know I’m No Good‘ auch ein bisschen entschärft. Denn ich meine: Die zweite Strophe konnte ich so wirklich nicht singen. Also sagte ich zu Jack: „Das müssen wir ändern.“ Ich meine, ich werde jetzt nicht verraten, worum es da geht – das sollen die Leser selbst herausfinden. Aber er antwortete nur: „Das hätte ich auch nie von dir verlangt.“ Dann hat er einen Stift aus der Tasche gezogen und mir in zehn Minuten eine neue Strophe geschrieben. Das hat mich wirklich umgehauen. Und danach, als ich es dann gesungen habe, erkannte ich: „Hey, ich kriege das hin. Ich kann mich da wirklich hineinversetzen, und ihm diese junge Wanda Jackson geben.“

Was ist das für ein Gefühl, ihre Alben und Singles jetzt wieder auf Vinyl veröffentlichen zu können?

(lacht) Damit kenne ich mich aus! Aber ich hätte doch nie erwartet, dass das mal zurückkehrt. Und genau das ist der Fall: Die jungen Leute stehen wieder auf Vinyl-LPs, und sie kaufen wieder Plattenspieler. Jack baut sogar gerade seinen eigenen – mit seinem Logo und solchen Sachen. Irre, oder?

Spielen Sie eigentlich noch viel Gitarre?

Auf dem neuen Album nicht. Und das aus dem einfachen Grund, weil ich so eine tolle Band am Start hatte, dass es gar nicht nötig war. Ich meine, wer will sich ernsthaft mit Jack messen? Ich bestimmt nicht. (lacht) Und ich muss sagen, dass ich es sehr genossen habe, mich voll und ganz auf meinen Gesang zu konzentrieren. Das hat sicher seinen Teil dazu beigetragen, dass ich da so viel Energie reinlegen konnte.

Und auf der Bühne? Wie handhaben Sie es da?

Da greife ich bei den älteren Sachen natürlich noch zur Gitarre! Schließlich habe ich die meisten Songs ja selbst geschrieben und käme mir komisch vor, wenn ich mich da nicht begleiten würde – sprich, wenn ich das komplett jemand anderem überließe. Denn für mich war es immer wichtig, alles alleine machen zu können, also völlig autark zu sein und mich auf niemanden verlassen zu müssen. Das hat mir mein Vater beigebracht. Er war es, der mir als junges Mädchen eine Gitarre gekauft hat. Zwar eine billige aus dem Sears-Katalog, aber immerhin. Zumal das damals, in den späten 40ern, ja alles andere als normal war: Da haben junge Mädchen nicht Gitarre spielen gelernt, sondern – wenn sie aus gutem Hause kamen – Klavier oder Geige. Und wenn sie aus weniger gutem Hause kamen, dann Kochen, Waschen und Putzen. (lacht) Aber mein Dad hat mich zu etwas ermutigt, das eben nicht normal war. Er hat erkannt, dass ich Talent habe, er hat mich gefördert und er hat sich jahrelang um meine Karriere gekümmert. Und das auf wirklich rührende Weise. Ich schätze also, ich habe einfach Glück gehabt, so einen offenen Menschen um mich herum zu haben, der mir die Möglichkeit gegeben hat, mich voll zu entfalten, und der immer an mich geglaubt hat – selbst als ich Rock &-Roll gespielt habe. Was nicht wirklich sein Ding war … (kichert)

Bis zu welchem Grad verfolgen Sie, was in der heutigen Pop- und Rock-Musik passiert? Und wie denken Sie zum Beispiel über Lady Gaga und ihre gewagten Outfits? Geht es nur ums Provozieren?

Aber natürlich. Die Klamotten sind doch völlig überzogen. Ich stelle mir da die Frage: „Wo soll das hinführen?“ Und als ich Lady Gaga das erste Mal gesehen habe, musste ich lachen. Ich dachte, das wäre ein Witz. Bis ich sie live singen gehört habe. Da habe ich erkannt, was für ein Riesentalent sie hat. Also: Sie ist provokant. Aber wahrscheinlich muss sie das auch sein, um Anerkennung zu finden und sich durchsetzen zu können. Denn heute musst du auffallen – sonst wirst du eben komplett übersehen. Wobei man damals bestimmt dasselbe über Sie gesagt hat. Das ist möglich. Denn auch ich war in meinen Kleidern, die meine nackten Schultern gezeigt haben, sehr figurbetont waren und aus dünner Seide bestanden, bestimmt ziemlich provokant. (lacht) Ja, das war sehr gewagt – also für die damalige Zeit.

Eine Zeit, in der Teenager trotzdem wesentlich sorgloser gelebt haben, als heute?

Das würde ich so unterschreiben. Ich meine, ich weiß natürlich nicht, wie es 2011 ist, ein Teenager zu sein. Aber ich habe Enkel, und von daher kenne ich die Versuchungen und die Probleme, die junge Leute heute haben. Ich würde sagen, dass es definitiv schwieriger ist. Denn wir konnten einfach ausgelassene, glückliche Kinder sein. Wir hatten nicht all diese Gewalt um uns herum …

Weil Sie in dieser kleinen Blase zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und Ausbruch des Vietnamkriegs groß geworden sind?

Ja, das war eine friedliche, unschuldige Zeit. Und genauso würde ich die 50er-Jahre beschreiben: als unschuldig. Wir hatten eine gute Zeit, haben unsere Cola getrunken, die Jukebox gespielt und in unseren Cabrios die Straßen unsicher gemacht. Wir waren richtige Kinder.

Aber diese Party ist für Sie noch nicht vorbei.

Stimmt: Die Party geht weiter!

www.wandajackson.com

Das Interview stammt aus der März-Ausgabe 2011.

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