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Slash Workshop-Special
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Im Interview

Tom Morello: Am Grab von Bon Scott

Tom Morello(Bild: Travis Shinn)

Ungewöhnliche Zeiten, ungewöhnliche Resultate. Der Start von Tom Morellos neuem Kooperations-Album ‚The Atlas Underground Fire‘ gestaltete sich schwierig, doch dann fand der 57-Jährige zu einer für ihn gänzlich neuen Arbeitsweise und entwickelte die Songs mit Partnern rund um die Welt. Neben weniger bekannten Namen finden sich auch ein paar echte Hochkaräter darunter – vor allem Bruce Springsteen und Eddie Vedder, mit denen Morello ‚Highway To Hell‘ einspielte.

interview

Tom, vor drei Jahren hast du mit ‚The Atlas Underground‘ bereits ein Kooperations-Album veröffentlicht, du hast also Erfahrung damit. War dieser Nachfolger damals schon geplant oder ist er vor allem ein Resultat der Pandemie?

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Ich arbeite ständig an Musik, und ich liebe das kollaborative Element des ‚The Atlas Underground‘-Albums. Aber die neue Platte entstand in der Tat aus der Pandemie heraus. Als die Welt zusperrte, war klar, dass es für einige Zeit keine Konzerte und Touren geben würde. Ich musste mir also etwas überlegen. Zunächst war ich ein wenig ratlos. Ich habe zwar ein Studio in meinem Haus, aber keine Ahnung, wie ich das ganze Zeug bediene. Normalerweise übernimmt das ein Tontechniker. Der Gedanke, nicht aufnehmen zu können, machte mich ganz schön unruhig. Die Lage schien ausweglos. Der Durchbruch kam durch eine sehr ungewöhnliche Lösung.

Und die war?

Ich habe ein Interview gelesen, in dem Kanye West damit angab, dass er die Vocal-Passagen für zwei seiner großen Hitalben mit dem Voice Memo seines Telefons aufgenommen hat. Ich dachte mir: Wenn Kanye West das kann, dann kann ich ja auch ein paar meiner Riffs auf diese Weise festhalten. Und genau das habe ich getan. Ich nahm die Musik mit meinem Mobiltelefon auf und schickte sie dann an Musiker und Produzenten rund um die Welt: an Bruce Springsteen in New Jersey, Refused in Schweden, Bring Me The Horizon in Großbritannien oder Chris Stapleton in Nashville. Mike Posner (Singer/ Songwriter aus den USA, Anm. d. Autors) nahm den Gesangspart zu unserem Song ‚Naraka‘ auf, als er in Nepal war, um dort den Mount Everest zu besteigen. Man kann sagen, dass sich das Projekt wegen der Pandemie selbst definiert hat.

Du saßt also in deinem Studio und hast dein Telefon vor den Amp gelegt, wie es Hobby-Gitarristen auch machen würden?

Genau so war es. So habe ich 95% der Gitarrenspuren des Albums aufgenommen. Diese Arbeitsweise brachte mich auch dazu, ganz anders zu schreiben. Im Studio kannst du viel überlegen, du kannst etwas fünfzig Mal neu aufnehmen – oder auch 500 Mal. Es jedoch auf diese Art zu machen, war komplett intuitiv, du fängst diesen einen Moment ein und veränderst ihn auch nicht mehr.

Und dann kamen die verschiedenen Partner ins Spiel und steuerten ihre Parts bei.

Sie haben die Nummern häufig auch selber produziert. Generell ist es so: Ich liebe es, ein Solo-Künstler zu sein, denn so behältst du die Reinheit deiner Vision. Auf der anderen Seite mag ich es sehr, in einer Band zu spielen und die Chemie der Musiker untereinander zu spüren. Dabei kannst du etwas erschaffen, das du alleine nicht hinbekommen würdest. ‚The Atlas Underground Fire‘ verbindet das Beste der beiden Welten.

Wie oft sind die Tracks zwischen den beiden Kooperations-Parts hin und her gewechselt?

Einige mehr als andere. Das Album startet mit ‚Harlem Hellfighter‘. Diese Nummer entstand an einem Tag, an dem ich richtig gut drauf war und mir viele tolle Riffs einfielen. Ein befreundeter Produzent rief an und fragte mich, wie ich arbeiten wolle. Ich antwortete: „Weißt du was? Ich habe eben fünf Riffs geschrieben, die sich echt gut anfühlen. Die schicke ich dir.“ Er nahm sie und fing an, Beats dafür zu basteln und schickte sie mir dann zurück, damit ich weitere Parts hinzufügen konnte. Das ging so ein paar Mal hin und her. ‚Highway To Hell‘ auf der anderen Seite entstand sehr schnell, es war „one and done“. Ich habe den Track eingespielt, Bruce Springsteen hat zwei Gesangsparts aufgenommen, Eddie Vedder einen – schon war die Nummer fertig.

Du hast also zunächst überwiegend Riffs aufgenommen. Hast du dabei schon Textideen für einzelne Parts im Kopf gehabt oder war das die Aufgabe der jeweiligen Sänger?

Bei manchen Songs habe ich an den Texten mitgearbeitet, bei anderen schrieben die Sänger für sich alleine. Was für mich sehr wichtig war: Damit Musik fesselnd wirkt, muss sie authentisch sein. Es war eine bizarre und historisch sehr einzigartige Zeit, um eine Platte zu machen. Ich wollte die beteiligten Kollaborateure nicht unter Druck setzen, sondern sie ihr Ding machen lassen. Es gibt einige Rebellensongs auf dem Album, etwa ‚The Achilles List‘ mit Damian Marley, aber es sind auch Nummern darauf, die die Angst dieser Zeit widerspiegeln, zum Beispiel Chris Stapletons Beitrag ‚The War Inside‘. Ähnliches gilt für ‚Let’s Get The Party Started‘ mit Bring Me The Horizon. Der Text handelt davon, wie Menschen mit dieser Bedrohung und der extremen Angst umgehen – manche Leute entwickeln eine Depression, andere drehen durch und feiern sich zu Tode. Ich wollte, dass die Songs reflektieren, was in der Welt vor sich geht.

Kommen wir zum Equipment: Bei den Interviews zum Vorgänger-Album sagtest du, dass du eine Les Paul gefunden hast, die damals deine Favoritin war. Ist sie das heute noch?

Da ich dieses Album bei mir zu Hause aufgenommen habe, wo alle meine Gitarren sind, hat sich das täglich geändert. Ich ging ins Studio und spielte, worauf ich gerade Lust hatte. Einige Songs wurden mit der „Arm The Homeless“-Gitarre aufgenommen, einige mit der Tele, die ich seit vielen Jahren spiele. Außerdem habe ich mehrere Nummern mit meiner ersten E-Gitarre eingespielt, einer Kay-SG-Kopie. Die hat seinerzeit 50 Dollar gekostet, klingt aber ziemlich gut. Es kam immer auf den Song und den Tag an. Im Zweifel habe ich aber zur „Arm The Homeless“ gegriffen.

Dann gehe ich mal davon aus, dass der Amp dein altgedienter 2205er-Marshall war?

Yeah! Aber mit meinem Telefon davor und dem Rest war das nicht wirklich ein Rock’n’Roll-Setup. Im Studio stand mein Laptop auf einem Stuhl, ich hatte Ohrhörer drin, damit ich den Beat hören und halten oder zum Track spielen konnte. Auf demselben Stuhl lag mein iPhone. Da war nichts Technisches dran, nach dem Motto: „Es muss 18 Zoll vom Speaker entfernt platziert werden.“ Ich habe es einfach hingelegt und dann gespielt. Das war der ganze Prozess, alles geschah sehr spontan.

Hast du in Sachen Effekte ebenfalls dein Standard-Setup verwendet – etwa das Whammy und dazu ein paar Pedale? Oder gab es etwas Neues?

Eigentlich nicht, dennoch habe ich ein paar brandneue, verrückte Sounds herausbekommen. Einer der Vorteile des Lockdowns war es, die Möglichkeit zu haben, jeden Tag ins Studio zu gehen und ein wenig herumzuspielen. Ansonsten war es auch bei uns ziemlich stressig: Meine Mutter ist 97 Jahre alt, sie hat während der Pandemie hier gelebt, genau wie meine 90-jährige Schwiegermutter. Wir waren also damit beschäftigt, die Mütter zu schützen und gesund zu halten. Dazu kommen unsere beiden Kinder, sie hatten Schule via Zoom, was ebenfalls alles andere als leicht war. Ich nahm mir ein paar Stunden am Nachmittag, ging hoch ins Studio und kreierte Dinge. Wenn du das über Monate machst, kommt etwas dabei herum – wie etwa der ‚Harlem Hellfighter‘-Gitarrensound oder die Soli in ‚Let’s Get The Party Started‘ und ‚The War Inside‘. Für mich war das bis dahin unerforschtes Terrain.

Morellos Pedalboard v.r.n.l.: Boss TU-3 Tuner, Dunlop TBM95 Tom Morello Cry Baby Wah, Digitech Whammy, zwei Boss DD-3 Digital Delays, DOD FX40B Equalizer, Electro-Harmonix Nano POG, MXR Phase 90 (nicht verkabelt), Voodoo Lab Pedal Power 2 Plus. Neben dem Board: Digitech Space Station XP 300, One Control Minimal Series 1 Loop Box (Bild: Tom Morello)

Als du fertig warst, hattest du da was über dein Studio und das Aufnehmen gelernt?

Zumindest eines habe ich mitgenommen: Ich bin jetzt sehr viel furchtloser, was Recording angeht, und das ganz ohne Techniker. Alles was ich brauche, ist meine Gitarre, meine Vorstellungskraft und mein Telefon. (lacht)

Was hat denn zur Coverversion von ‚Highway To Hell‘ geführt? Für viele Fans und Musiker sind AC/DC so etwas wie eine heilige Kuh, deren Songs man nicht besser machen kann.

Bruce Springsteen, Eddie Vedder und ich habe eine lange Historie mit dem Song. Ich habe ihn mit der E Street Band gespielt, als wir 2014 in Australien auf Tour waren. Die Geschichte entwickelte sich folgendermaßen: Als wir mehrere Konzerte in Perth, der Heimat von Bon Scott, gaben, habe ich eines Nachts sein Grab besucht. Es war kurz vor Mitternacht, und ich konnte es auf dem Friedhof zunächst nicht finden. Aus der Dunkelheit kam ein Motorrad, der Typ darauf hatte ein T-Shirt mit folgender Aufschrift an: „I don’t give a shit. But if I did, you’re the one I’d give it to.“ Ich dachte mir: Der Kerl weiß, wo Bon Scotts Grab ist! Das wusste er natürlich auch.

Ich konnte Bon also schließlich meinen Respekt zollen und ging danach zurück ins Hotel. Bruce war in der Bar. Ich sprach ihn an: „Gibt es eine Möglichkeit, dass die E Street Band und AC/DC sich in irgendeiner Form überschneiden?“ Er antwortete: „Das kann schon sein.“ Im Verlauf der folgenden Woche haben wir ‚Highway To Hell‘ bei den Soundchecks geprobt. Irgendwann spielten wir in einem Fußballstadion in Melbourne vor 80.000 Menschen. Zufällig war Eddie Vedder ebenfalls in der Stadt. Er war auf einer Solo-Tour und besuchte die Show. Ich klopfte an die Tour von Bruce‘ Backstage-Raum und sagte: „Ich habe eine Idee. Wir sind in Australien, wo AC/DC die Band des Landes ist – und ‚Highway To Hell‘ die Nationalhymne. (lacht) Wie wäre es, wenn wir die Show damit eröffnen? Und wir holen Eddie Vedder dazu.“

Er sagte: „Das hört sich nach einer guten Idee an.“ Also haben wir es gemacht. Die Leute sind komplett durchgedreht. ‚Highway To Hell‘ war eine der letzten Nummern, an der ich für ‚The Atlas Underground Fire‘ arbeitete. Es gibt viele junge Künstler auf dem Album, ich wollte noch einen historischen Moment. Da fiel mir diese Nacht in jenem Stadion in Melbourne wieder ein. Es ist meine Art, AC/DC zu ehren und zu würdigen – eine der größten Bands aller Zeiten.

Tom Morello
Eddie Vedder, Tom Morello und Bruce Springsteen (Bild: Travis Shinn)

Zum Schluss noch etwas ganz anderes. Du hast mit Fender Anfang vergangenen Jahres ein Artist-Modell deiner „Soul Power“-Strat herausgebracht. Wie war das für dich? Und würdest du das wieder machen?

Absolut. Ich hatte nie irgendwelche Gitarren-Endorsements. Das fühlte sich für mich immer komisch an. Es gibt Gitarristen, die jedes Jahr eine andere Marke spielen und dafür werben. Für mich war klar: Wenn wir das angehen, machen wir die „Soul Power“-Gitarre exakt so wie meine. Es geht nicht darum, dass ich irgendeine Fender-Gitarre verkaufe. Ich wollte sicherstellen, dass sie genau so klingt wie meine Gitarre, und ich bin sehr stolz auf das Resultat. Ich würde das auch jederzeit wieder machen.

Tom Morello
Tom Morello mit der „Soul Power“- Stratocaster

Wie lange hat der Prozess gedauert, bis du mit dem Instrument zufrieden warst?

Schon einige Zeit. Ich war ziemlich wählerisch, denn das Original bedeutet vielen Menschen sehr viel. Die Gitarre stammt aus der Zeit mit Audioslave und bewahrt die Erinnerungen an Chris Cornell. Ich wollte daher, dass sie perfekt wird. Es gibt ein Online-Demo-Video, in dem ich nicht meine Gitarre spiele, sondern eines der Signature-Modelle, es ist quasi identisch. Ich habe außerdem ein Wah-Pedal mit Dunlop gemacht. Das ist exakt mein Wah, das ich schon ewig benutze – von ‚Bulls On Parade‘ bis zum aktuellen Album. Es war nicht so, dass sie mir einen Scheck gegeben haben, um ein paar ihrer Produkte zu verkaufen.

(erschienen in Gitarre & Bass 11/2021)

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