Meilenstein 1979

The Clash: London Calling

Ihr erstes Konzert spielte die britische Band The Clash im Sommer 1976 im Vorprogramm der Sex Pistols. Ein Jahr später landete der raue Punkrock des selbstbetitelten Debütalbums gleich auf Rang 12 der UK-Charts. 1978 kletterte ,Give ‘Em Enough Rope‘ sogar auf Platz 2.

London Calling Album Cover
FOTO: SONY/COLUMBIA/PENNIE SMITH
Am 21. September 1979 zerlegt Paul Simonon seinen Precision Bass auf der Bühne des New Yorker Palladiums.

Mit dem etwas geglätteteren Sound versuchte man auch in den USA erfolgreich zu sein. Dies glückte Joe Strummer aka John Graham Mellor (voc, g), Mick Jones (g, voc), Paul Simonon (b, voc) und Topper Headon (dr, perc) erst mit ,London Calling‘. Ende 1979 landete die Doppel-LP auf Rang 9 der UK-Charts. Im Frühjahr 1980 knackte es dann die US-Top30.

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Die stoischen Gitarren-Viertel und ein sich genial einklinkendes Bass-Lick ziehen auch heute noch direkt hinein ins titelgebende ,London Calling‘. Aber ist das noch Punk? Der Song verbindet spielerische Präzision mit melodischem Pop-Potential. Die Melange aus sich überschlagenden Delay-/Hall-Effekten des Gesangs, Gitarren-Feedbacks und Backwards-Solo demonstriert den Ideenreichtum einer Band, die keine Angst vor der Grenzüberschreitung hatte. Danach geht’s mit der Interpretation des Vince-Taylor-Klassikers ,Brand New Cadillac‘ mit viel Reverb zurück zum Rockabilly der Fifties. Ganz anders hingegen ,Lost In The Supermarket‘, dessen strammer Drum-Beat plus cleverer Gitarrenmelodie den Disco- Boom der 70er widerspiegelt. Das rockige ,Clampdown‘ erinnert mit dem tief-düsteren Gesang an David Bowie. Daneben durchzieht das Album die Vorliebe für Reggae und Dub. So klingt aus heutiger Sicht das hypnotische Bass-Riff in ,The Guns Of Brixton‘ wie die Vorlage für eine TripHop-Nummer der 90er. Bassist Simonon präsentierte damals seinen ersten eigenen Clash- Song, den er auch gleich selbst sang. Die Interpretation von ,Wrong ‘Em Boyo‘, ein Hit der jamaikanischen Rocksteady- Band The Rulers, geht mit Offbeat und Bläsern im Ska-Modus à la Madness direkt in die Beine.

schwarz weiß
FOTO: SONY/COLUMBIA/PENNIE SMITH
Clash in Atlanta, Georgia

Im Vordergrund des Band-Sounds steht der cleane bis angezerrte Sound von Joe Strummer, den er mit einer 66er- Fender-Telecaster produzierte. Das Modell mit Rosewood-Griffbrett hatte ursprünglich eine Sunburst-Lackierung, die später grau grundiert und anschließend schwarz überstrichen wurde. Zudem verzierte Joe sein Instrument im Laufe der Jahre u. a. mit diversen Aufklebern. Von dieser runtergerockten Telecaster gab es später auch ein Signature-Modell von Fender. Verstärkt wurde meist mit einem Silverface Fender Twin Reverb aus den 70ern, Ende ’79 wechselte Strummer zu einem Music Man Combo-Verstärker (212- HD One Thirty oder One Fifty). Live wurde der Amp mit einer zusätzlichen 2×12″-Box betrieben. Joe setzte als Effekt allenfalls etwas Reverb ein.

Zu Strummer war Mick Jones mit seinem verzerrteren Klang die perfekte Ergänzung. Anfangs benutzte er eine Gibson Les Paul Junior, später wechselte er zu Les Paul Standard und Les Paul Custom. Jones spielte zum Ende der 70er-Jahre über einen Mesa Boogie Mark I 100-Watt-Combo, bei dem der Lautsprecher entfernt wurde, sodass er nun eine 4×12″-Marshall-Box befeuern konnte. Auf der Bühne setzte er parallel einen Mesa Boogie Mark II (100 Watt) plus 4×12″-Marshall-Box ein. Schließlich benutzte er ein Phase 100 und einen Flanger von MXR sowie ein Roland Space Echo RE-201.

Der vielseitige Paul Simonon konnte von Punkrock und Reggae bis hin zu Funk und Jazz eigentlich alles spielen. Für den tragenden, leicht komprimierten Sound, der immer dynamische Fills und Linien erlaubte, benutzte Paul die bewährte Kombination aus Ampeg SVT mit 8×10“-Box und einem weißen Fender Precision Bass. Und genau jenes Modell zerschlägt Simonon auf dem Album-Cover. Das Foto von Pennie Smith war die Grundlage für eines der populärsten LP-Cover der Rock-Geschichte.

The Clash entfernten sich mit ihrem dritten Album noch weiter vom 1-2-3-4-Punkrock. Besonders die seit dem zweiten Album zunehmende Hinwendung zur jamaikanischen Musiktradition eröffnete neue Perspektiven, die zu späteren Pop-Hits wie ,The Magnificent Seven‘ oder ,Rock The Cashba‘ führte. Dabei ragen Strummers kritisch-scharfe Statements zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen vielleicht noch deutlicher aus den sorgsam arrangierten Stücken heraus. Ein Strummer- Zitat aus der Clash-Compilation ,Hits Back‘ (2013) bringt es auf den Punkt, worum es auch schon auf ,London Calling‘ ging: „Ich denke, die Leute sollten wissen, dass wir antifaschistisch, gegen Gewalt, gegen Rassismus und für Kreativität sind. Wir sind gegen Ignoranz.“

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(Aus Gitarre & Bass 05/2018)

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