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Sting – Ein Eismärchen?

Sting mit Kontrabass

April 1996: Der Frühling naht. Und das ist gut so. Doch während bei uns das Thermometer steigt, fallen beim Ex-Polizisten Sting die Temperaturen. Zumindest, was den Albumtitel seines neuesten Outputs betrifft. Doch eine drohende Eiszeit braucht der Bassist und Sänger nicht zu fürchten, denn ‘Mercury Falling’ wird sich mit Sicherheit nahtlos in die Reihe seiner rund einhundert bislang vergoldeten Alben einfügen. Das ist so sicher wie der Frühling.

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Es gibt Vorabkassetten zu anstehenden Plattenveröffentlichungen, die behandelt man als Journalist mit unwillkürlicher Hochachtung. Mehr als 50 Millionen Platten hat der Mann schließlich verkauft, seine Zeit bei Police nicht einmal mitgerechnet. Seine stil- und genreübergreifende Fusion aus Jazz-Elementen, Pop- und Rock-Strukturen, die er mit Chansons, Latino-Einflüssen und klassischen Zitaten anreichert und in komplex arrangierte Songs verwebt, spricht eine global verstandene Sprache.

Nun steht sein neues Album an. Sting 1996, ,Mercury Falling‘. Elf Tracks warten auf ihre Aufführung. Doch was in den nächsten gut 50 Minuten aus den Lautsprechern schallt, klingt ganz und gar nicht frostig: wohltemperierter Soul, erwärmende Gospel-Chöre, garniert mit ein paar heißen Country-Licks. Was Sting über Weihnachten in seinem Homestudio geschrieben und aufgenommen hat, steht ganz in der Tradition seiner bisherigen Solo-Karriere. Der blonde Bassist, Songwriter und Sänger zeigt sich in Höchstform und seine Mannschaft setzt den kreativen Gedankenfluss vom Blatt in die Tat um.

Dabei gibt es ein Wiederhören mit alten Bekannten: Dominic Miller sorgt wieder für rhythmische Gitarrenakzente und geschmackvolle Fills, Kenny Kirkland greift in die Tasten und Masterdrummer Vinnie Colaiuta sorgt für druckvolle, wie filigrane Schlagzeugarbeit. Nicht zu vergessen sein langjähriger Weggefährte Branford Marsalis, dessen Tenorsaxofonspiel Stings Songwriting zu einem unverkennbaren Wiedererkennungseffekt verholfen hat. Kurz und gut – die Zeichen stehen ganz und gar nicht auf Sturm, im Gegenteil, dieses Album hat alle Qualitäten ein heißer Anwärter auf weitere Edelmetallvergütung zu werden. Vielleicht ist einfach nur Stings Thermometer kaputt?

Sting nachdenklich

Album

Brian Eno hat kürzlich gesagt, er komponiere für den Winter anders, als für den Frühling oder Sommer. Wörtlich genommen, fällt bei Dir derzeit das Thermometer. Wofür steht ,Mercury Falling‘?

Sting: ,Mercury Falling‘ ist die erste und auch letzte Zeile auf diesem Album. Während des kompositorischen Prozesses habe ich diesen Text sehr wörtlich genommen: Es meint einfach, dass es kalt wird, das Thermometer fällt. Die gleiche Zeile am Ende des Albums ist jedoch eher symbolisch gemeint: Mercury (Merkur) ist einer der Planeten, voll astrologischer Symbolik, gleichzeitig ist Mercury (Quecksilber) ein chemisches Element, eine Flüssigkeit. Außerdem ist Merkur ein griechischer Gott – der Gott der Diebe, des Kommerzes und der Nachrichten. Im Englischen haben wir das Wort „mercurial“, das heißt, etwas ist nicht greifbar, nicht erfassbar, es ist überall. Und diese Platte ist genau so: Schwer erklärbar, was den Stil betrifft. Deshalb fand ich ,Mercury Falling‘ einen gelungenen Titel.

Dein letztes Album hast Du mit Deinen Musikern in nur acht Wochen eingespielt. Habt ihr diese rekordverdächtige Produktionszeit diesmal gebrochen?

Sting: Nein, es lag Weihnachten dazwischen. Wir haben zwei Wochen pausiert, das hat uns zurückgeworfen… (lacht) Wir haben zehn Wochen gebraucht!

Musikalisch ist ,Mercury Falling‘ ein sehr gefühlvolles, souliges Album geworden. Was auffällt, sind die häufigen Country-Style-Zitate. Was reizt einen Englishman am amerikanischsten aller Musikstile?

Sting: Das liegt an der Art, wie ich Musik höre und der Art, wie ich an Musik glaube. Ich gebe nichts auf sozioökonomische Musik-Ghettos oder Musikbereiche. Das ist für mich alles nur künstlich geschaffen. Musik ist eine universale Sprache, die Kulturen verbindet. Deshalb

mag ich es Folk Music, Bossa Nova oder Country zu spielen und ohne Entschuldigungen zu mixen. Schließlich ist Musik eine globale Sprache. Ich benutze die Qualitäten und Referenzen dieser verschiedenen Musikstile, während ich sie gleichzeitig als Stil ignoriere. Das ist ein weiterer Weg – mein Weg. Und er macht mir Spaß. So höre ich Musik: Ich akzeptiere keine Grenzen. Und wenn Du gute Musiker hast, kannst Du alles spielen.

Eine Country-Grundregel lautet: Ein guter Song muss immer eine Geschichte erzählen. Welcher der neuen Songs enthält Deine Lieblingsgeschichte?

Sting: Ich denke, die beste Erzählung auf dem Album ist für mich ,I Hung My Head‘, ein Cowboy-Song in entsprechendem Ambiente. Außerdem hat er ein ungewöhnliches Taktmaß, der Song ist in 9/8. Ich habe damals dieses Riff auf der Gitarre geschrieben und das erinnerte mich an ein galoppierendes Pferd. In meiner Fantasie wollte ich eine Geschichte über eine zufällige Schießerei erzählen, über die Gerichtsverhandlung und die Exekution. Und heraus kam diese Kurzgeschichte, dieser Western.

Mit ,La Belle Dame Sans Regret‘ hast Du einen Song auf Französisch gesungen, unterlegt mit einem Bossa-Rhythmus. Hast Du mit einem wissentlichen Schmunzeln im Studio gesessen?

Sting: (lacht) Klar, das ist pervers, aber ich spiele gern mit den verschiedensten Elementen und mag es Stilbrüche zu ignorieren. Dieser Song macht sicherlich mehr Sinn, wäre er auf portugiesisch oder spanisch gesungen. Aber es gibt perverses in mir, das sagt: Nein, ich singe auf französisch! Ich bin sehr am Klang ausländischer Sprachen in meiner Musik interessiert. Das ist wie ein weiteres Instrument, eine weitere Zutat, eine weitere Farbe, die du in einen Song hineinbringst. Ich denke, man muss nicht immer auf englisch singen, das ist nicht nötig. Du kannst auf deutsch, französisch, spanisch oder portugiesisch singen. Mich interessiert allerdings weniger der Text, als der Klang der jeweiligen Sprache.

 

Was nach meinem Empfinden dem Album gut getan hätte, wäre eine Up-Tempo-Rock-Nummer…

Sting: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das brauche, denn es gibt heutzutage genügend Rockmusik. Ich brauche das nicht auch noch zu machen, das bedienen momentan andere Leute. Meine Interessen haben sich verändert. Ich denke, Rock’n’Roll ist junge-Leute-Musik und am besten, wenn sie auch von jungen Leuten gespielt wird. Ich bin nicht mehr jung. Ich bin 44. Mir ist mein Alter zwar nicht peinlich, aber ich denke, ich muss ehrlich zu mir selbst sein. Und die Musik, die ich jetzt mache, ist genau die Musik, die ich machen will.

Mit The Police hast Du großen kommerziellen Erfolg gehabt. Stört es Dein Ego, dass Du als Solo-Künstler nie einen vergleichbaren Chartbreaker gehabt hast?

Sting: Nein, ich verkaufe Platten und darüber kann ich mich nicht beschweren. Es gab eine Zeit, da hatte ich wirklich meinen Finger am Puls der Zeit, wusste was populär war und was ein Hit wird. Nein, ich vermisse das nicht. Ich machte damals die Musik, die ich mochte und zufällig traf es den Publikumsgeschmack. Wenn ich heute einen Nummer-1-Hit hätte, wäre es nett, aber nicht wichtig. Ich will meine Musik nicht auf bestimmte Formeln zurechtschneiden, denn ich wäre nicht ehrlich zu mir. Ich wäre geschmeichelt, wenn ich mit diesem Album einen Hit hätte, ich glaube jedoch nicht, dass das passiert. Ich mache mir darüber keine Gedanken.

 

Seitensprünge

Das Projekt „Bryan Adams/Sting/Rod Stewart“ hat mit der Soundtrack-Single ,All For One‘ einen beachtlichen kommerziellen Erfolg erzielt. Mit Deinem Musketier-Kollegen Rod Stewart warst Du Dir allerdings in der Vergangenheit nie besonders grün. Gibt es irgendeine Anekdote von eurem Zusammentreffen, die wir wissen sollten?

Sting: Ich hatte Rod Stewart vorher nie persönlich getroffen, obwohl wir in der Vergangenheit einige verbale Auseinandersetzungen hatten. Einmal habe ich sogar die Einfahrt zu seinem Haus mit einer Kette versperrt, so dass er nicht nach Hause konnte. Eine kleine Aufmerksamkeit, weil er mich mal verarscht hat. (lacht) Egal, wir hatten jedenfalls Spaß, als wir uns jetzt trafen. Wir merkten, dass wir doch mehr Gemeinsamkeiten haben, als wir dachten. Es war ein gutes Zusammentreffen, denn ich war schon immer ein Fan von ihm. Er ist ein großartiger Sänger.

Auf dem letzten Album der Chieftains hast Du neben Mick Jagger, Keith Richards, Van Morrison und Sinead O’Connor auch auf einem Song mitgewirkt. ,Mo Ghile Mear‘ heißt der Titel, den Du in gaelisch gesungen hast. Hast Du das phonetisch gelernt?

Sting: Meine Großmutter ist Irin, deshalb habe ich wahrscheinlich auch gaelisches Blut in mir. Aber ich kann Sprachen für einen Song recht einfach phonetisch lernen. Das hat für mich etwas mit Musikalität zu tun. Dieser Song ist einfach wunderbar, die Atmosphäre ist fantastisch und ließe sich wohl kaum in eine andere Sprache übersetzen. Also habe ich diesen Song auf gaelisch gesungen, und es war nicht einmal besonders schwer. Schließlich habe ich inzwischen auch auf deutsch, portugiesisch, spanisch, französisch, selbst auf japanisch gesungen.

Auf ,It’s Probably Me‘ zum Soundtrack von „Lethal Weapon“ hast Du mit Eric Clapton gespielt. Wurde da so etwas wie ein Traum für Dich wahr?

Sting: Ja, absolut! Eric war einer meiner Helden, als ich jung war. Und mit seinen Helden spielen zu können, ist eines der Privilegien, wenn du berühmt bist. Das seltsame ist, dass dich plötzlich alle behandeln, als ob Du ähnlich berühmt wärst. Nun, von mir aus kann das so weiter gehen. (lacht) Letztes Jahr konnte ich übrigens mit John McLaughlin spielen, ein weiterer Held von mir. Er ist großartig. Fantastisch.

 

 

Instrument

Neben den vielen Instrumenten, die Du spielst, bist Du vorrangig Bassist, Sänger und Songwriter. Wie siehst Du momentan die Gewichtung Deiner verschiedenen Rollen?

Sting: Meine ganze Arbeit basiert auf meiner Fähigkeit Songs zu schreiben. Das ist der wichtigste Teil: Musik und Worte. Das wird von meiner Rolle als Sänger unterstützt, durch die Fähigkeit, mich ausdrücken zu können. Dass ich Bassist bin, hilft mir ein Teil einer Band, bzw. Bandleader zu sein. In meiner Rolle habe ich also eine gute Basis Bandleader zu sein. Denn als Bassist kontrollierst du die tiefen Frequenzen und als Sänger die hohen. Das ist viel besser, als einen Taktstock zu schwingen. So kann ich die Band in eine bestimmte Richtung leiten, ohne sie ganz offensichtlich zu führen.

Aber Bandleader zu sein ist eine Rolle, von der Du mal gesagt hast, dass Du sie eigentlich gar nicht willst…

Sting: Hmmm, ich bin ganz froh Bandleader zu sein. Ich bin mittlerweile der Älteste, habe die meisten Erfahrung, ich gebe meine Ratschläge, Erfahrungen und mein Wissen an die jungen Bandkollegen weiter – die übrigens oftmals viel bessere Musiker sind als ich. Aber irgend jemand muss halt sagen, wo’s langgeht.

Sting Live

Du spielst Bass, Gitarre, Mandoline, komponierst am Klavier – steht für Dich eine allgemeine Musikalität vor der Virtuosität an einem Instrument?

Sting: Ja. Ich war nie ein Virtuose, das würde ich auch nie behaupten. Ich bin ein sehr effizienter Bassist, der andere Instrumente akzeptabel spielen kann. Aber diese Instrumente sind für mich nur Werkzeuge im Songwriting, oder eine Hilfe, um anderen Musikern mein Konzept zu erklären. Ich spiele zwar klassische Gitarre, aber würde sicherlich keinen Pfennig als klassischer Gitarrist verdienen. (lacht) Diese Instrumente sind einfach Werkzeuge, die ich als Songwriter, Arrangeur und Bandleader benutze.

Es gab eine gewisse Phase der Müdigkeit vom Bass, in der man Dich mehr mit der Gitarre, als mit Deinem Hauptinstrument vor dem Bauch gesehen hat…

Sting: Für mich war es vor ein paar Jahren sehr wichtig, mal Ferien vom Bass zu machen. Ich war sehr froh, jemanden wie Darryl (Jones) in der Band zu haben. Das hat mir eine gewisse Frische gegeben, als ich mich wieder mit dem Bass beschäftigt habe. Nun macht es mir wieder richtig Spaß.

Nach welchen Kriterien bewertet der Bassist Sting eigentlich einen Kollegen, den er als Bassisten in seiner Band haben will?

Sting: Ganz einfach: Darryl ist einer der großartigsten Bassisten der Welt! Im Moment arbeitet er gerade für die Rolling Stones – das sagt wohl genug. Da ich selbst Bass spiele, ist es für mich natürlich ganz einfach, einen guten Bassisten zu erkennen. Ich kann recht schnell ihre Möglichkeiten abschätzen, ihr generelles Musikverständnis taxieren. Der Bass ist ein sehr interessantes Instrument, obwohl er so einfach zu spielen ist. Dafür ist er jedoch fundamental. Du kannst einen C-Dur-Akkord auf dem Klavier spielen, aber es ist kein richtiges C, solange der Bass nicht den Grundton dazu spielt. Der Bass ist auch dynamisch sehr wichtig, denn du kontrollierst die Dynamik der Band in einer sehr subtilen Weise. Deshalb lege ich viel Wert auf ein fundamentales Bass-Spiel. Und Darryl beherrscht das großartig.

Sting live 2

In dieser Phase hast Du mal gesagt, mit 16 seist Du ein viel besserer Gitarrist als heute gewesen…

Sting: Ich denke, Bass zu spielen verursacht furchtbare Veränderungen an der Handmuskulatur: Schau dir meine Hände an! Ich habe Hände, die gut zum Boxen geeignet wären, aber nicht für die Gitarre!

Siehst Du den Bass als kompositorisches Instrument?

Sting: Kann sein. Manchmal schon. Der Bass ist sicherlich sehr limitiert, obwohl ich in der Vergangenheit einige Songs auf meinem Instrument geschrieben habe: ,Walking On The Moon‘ zum Beispiel, ,The Bed’s To Big Without You‘, ,Driven To Tears‘ glaube ich auch.

Viele E-Bassisten kommen über den Fretless-Bass irgendwann zum Kontrabass. Bei Dir war es umgekehrt. Stimmt eigentlich die Anekdote, dass Du Dir zu Police-Zeiten in New York einen Fretless-Bass gekauft, und ihn am gleichen Abend, ohne zu üben auf der Bühne ausprobiert hast?

Sting: Ja, und den Bass habe ich immer noch – einen naturbelassenen Fender Precision mit einem Ahornhals. Wunderbares Instrument. An jenem Abend spielten wir im CBGB’s und ich hatte nie zuvor einen Fretless-Bass gespielt. Es war ziemlich ungewohnt und seltsam. Aber ich hatte wenigstens lange genug Kontrabass gespielt, so dass der Gig nicht völlig in die Hosen ging. Ich habe an diesem Abend einfach immer fröhlich geguckt, während ich idie falschen Töne gegriffen habe. (lacht)

In den Tagen Deiner ersten Band ,Last Exit‘ hast Du einen Fender Precision-Bass gespielt, später einen Jazz-Bass. Was benutzt Du heute?

Sting: Ich habe vor kurzem einen der ersten Fender-Precision-Bässe gefunden, aus den ersten Tagen, Anfang der 50er. Er sieht irgendwie einer Telecaster ähnlich. Ich verehre ihn, weil er unglaublich verbindlich klingt, irgendwie sehr real. Zu jener Zeit wurden die Instrumente noch mit großer handwerklicher Liebe gebaut. Ich meine in wirklicher Handarbeit! Ich denke, das kann man hören, auf alle Fälle fühlen.

Welche Rolle spielt eigentlich Dein langjähriger Techniker Danny Quatrochi?

Sting: Er ist mein Mädchen für alles. Er wechselt meine Saiten und stellt sicher, dass alle Instrumente „in tune“ sind. Darüber hinaus ist er – live und im Studio – dafür verantwortlich, dass mein Equipment funktioniert. (lacht) Und wenn doch irgendetwas schief geht, schiebe ich’s auf ihn.

 

Bass, better, best!

Die Universität von Newcastle hat Dir unlängst die Doktorwürde verliehen. Könntest Du Dir vorstellen, Bass zu unterrichten?

Sting: Nun, ich habe auch einen Doktortitel der Berklee School Of Music verliehen bekommen, vor etwa zwei Jahren. Teil dieser Prozedur war, einen Musik-Kurs zu leiten. Nun, ich bin ja ausgebildeter Lehrer. (Anm. d. Verf.: Englisch, Geographie, Sport) Ich habe diesen Job schon einmal gemacht…

Was würdest Du also einem angehenden Bassisten empfehlen?

Sting: Es gibt ein Lehrbuch über den Kontrabass von Ray Brown, einem großartigen Jazzbassisten. (Anm. d. Verf.: Brown spielte u.a. für Billie Holiday, Quincy Jones, Steely Dan, Aretha Franklin, José Feliciano und ca. 50 andere Künstler). Es enthält ausschließlich Fingersätze und Skalen. Sich durch dieses Buch zu kämpfen ist eine unglaubliche Tortur! Aber danach kannst Du alles spielen. Dieses Buch würde ich jedem empfehlen. Lernt Skalen! Langweilige Skalen… (lacht)

Du hast mit Deinem Bass-Spiel nie geprotzt, hast vornehmlich songdienlich, effizient und kontrolliert gespielt. Wie ist Deine persönliche Philosophie als Bassist?

Sting: Ich könnte und kann mein Bass-Spiel nicht von meiner Rolle als Sänger trennen. Ich versuche mir vorrangig immer Räume für meinen Gesang zu schaffen. Ich bin kein „vielbeschäftigter“ Bassist (lacht). Ich will auch gar nicht alle Räume füllen, sondern Platz schaffen. Daraus wurde mein Stil: Sehr einfach, sehr akzentuiert und sehr gradlinig. Außerdem begreife ich mich nicht als Innovator, sondern ich spiele einfach nur Bass.

Es erfordert aber sehr viel Selbstdisziplin, nicht alle sich bietenden Räume zu füllen…

Sting: Das lernst Du mit der Zeit als Musiker. Du musst nicht die ganze Zeit über spielen, Saiten-Akrobatik bieten und angeben, was Du alles kannst. Ich denke, das Publikum schätzt und respektiert das.

Der Schlagzeuger ist ja des Bassisten bester Freund. Mit welchen Drummern kommt der Bassist Sting am besten zurecht?

Sting: Ich tendiere mit meinem Spiel dazu, permanent den Beat zu schieben. Ich will ständig gegen den Beat spielen. Ich liebe die Spannung, die daraus entsteht. Wenn ich mit einem Drummer spielen würde, der sich darauf einlassen, und ebenfalls im Tempo anziehen würde, geriete alles außer Kontrolle! Am liebsten arbeite ich mit Schlagzeugern, die über einen grundsoliden Beat verfügen und ein exzellentes Timing haben. Dann kann ich meinen Job machen: nämlich gegen den Beat zu drücken. Vinnie Colaiuta ist einer der besten Drummer der Welt. Und er ist mein Drummer! (lacht) Darüber bin ich sehr froh. Aber ich habe mit einigen der besten gearbeitet: Stewart Copeland, Manu Katché, Omar Hakim – sie alle sind exzellente Musiker.

Du hast des öfteren über den musikalischen Tellerrand hinausgeschaut. Neben Deiner Vorliebe für klassische russische Komponisten des letzten Jahrhunderts – was hat Dich eigentlich an der Musik von Berthold Brecht und Kurt Weill fasziniert?

Sting: Ich denke, von ihnen stammt die großartigste Theatermusik der 20er Jahre. Weill ist sehr interessant, weil er als klassischer Musiker begann und sich allmählich zum „Pop-Musiker“ entwickelte. Er war ja schließlich ein Schönberg-Schüler. An Brecht schätze ich, dass er ein sehr kontroverser Charakter war, politisch gesehen und in der Welt des Theaters. Ihre Songs haben mich schon immer fasziniert. Ich denke, sie sind eklektisch, sehr interessant und äußerst inspirierend. Für mich jedenfalls.

Aus Gitarre & Bass 04/1996

 

 

 

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