Falling in Between

Steve Lukather & Toto: Wieder ganz oben

Beinahe 30 Jahre im Geschäft, nicht mehr wirklich jung, aber immer noch frisch: Die Mannen um Steve Lukather von Toto sitzen – wie ihr aktuelles Album ,Falling In Between‘ suggeriert – sprichwörtlich zwischen allen Stühlen. Mit einem neuen Independent-Label im Rücken finden sich Steve Lukather, David Paich, Greg Phillinganes, Mike Porcaro, Bobby Kimball und Simon Phillips plötzlich in Europas Charts wieder. Wer hätte das gedacht?

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Kritiker hatten Toto nach ihrem Cover-Album ,Through The Looking Glass‘ (2002) bereits abgeschrieben, die treuen Fans hingegen wussten immer, dass diese Band jederzeit wieder durchstarten kann. Mit dem neuen Album transportieren die Kalifornier schließlich ihren Signature-Sound ins zeitgenössische Klangformat und liefern mal eben ein weiteres Meisterwerk in ihrer langen Geschichte ab. In England waren wir exklusiv beim Tourstart und den Proben in den altehrwürdigen Bray-Filmstudios dabei und begleiteten die Band über zwei Tage.

Und es war Nervosität zu spüren an diesem Freitagmorgen in London: Da, wo sonst früher schräge S/W-Horror-Filme produziert wurden, wird das Stage-Setup für die am tags drauf beginnende Welt-Tournee ein erstes und letztes Mal geprobt. Der Sound ist schon mal perfekt, aber die multimediale Symbiose aus Licht, Leinwand und Videoeffekten probt die Produktion nur dieses eine Mal. Es läuft gut, keine Probleme, nach ein paar Stunden wird eingepackt, nur um am nächsten Morgen ein paar Kilometer weiter Richtung Innenstadt alles wieder im London Hammersmith Apollo aufzubauen. 3.500 Zuschauer werden am Samstag die Premiere der Tour erleben und Toto begeistert empfangen.

Abends im Hotel in unmittelbarer Nähe zum Schloss Windsor nimmt sich Steve Lukather Zeit bei ein paar Lager-Bieren ausführlich zu plaudern. Sämtliche vorbereitete Fragen sind schon nach wenigen Momenten Makulatur, da Luke wie ein Wasserfall bei bester Laune loslegt: über die neue Platte, die Tour, die Band, sein Equipment und die Zukunft. Und das, nicht zu vergessen, mit seinem ureigenen Sinn für Humor, der selbst am Nebentisch dafür sorgt, dass andere Gäste sich das Lachen nicht verkneifen können.

Danke, dass ihr euch hier in London so viel Zeit nehmt.

Steve Lukather: Hey, gerne! Es ist schön, dich wiederzusehen.

Ich hab mir ,Falling In Between‘ bereits seit ein paar Wochen angehört und muss sagen, es ist eine exzellente CD: frisch und typisch Toto.

Steve Lukather: Oh danke, wir haben auch sehr hart daran gearbeitet.

Wenn man eure Karriere nur lange genug verfolgt hat, ist es offensichtlich, dass ihr eine Band seid, die ein außergewöhnlich enges Verhältnis zu ihren Fans hält. Inwieweit, seid ihr bei ,Falling In Between‘ auf das Feedback eurer Anhänger eingegangen?

Steve Lukather: Es stimmt, über unsere Web-Seite bekommen wir eine Menge Feedback. Den konstruktiven Teil davon nehmen wir auch gerne auf. Vieles davon hatte den Tenor, das ich bei Toto zu dominant wäre und wir die Keyboards weiter nach vorn holen sollten. Das haben wir dann ja auch getan: mit David Paich, Greg Phillinganes und Steve Porcaro steht es 3:1 für die Keyboard-Fraktion auf ,Falling In Between‘ – hahaha! Ich weiß natürlich auch, dass jetzt wieder eine Menge Leute sagen, es wären zu wenig spektakuläre Gitarren-Parts auf dem Album, aber Toto ist ja nicht die Steve-Lukather-Band. Für all diese abgefahrenen Parts habe ich z. B. El Grupo. Live kann ich natürlich auch ein bisschen tiefer in die Trickkiste greifen. Ich muss aber letztlich keinem mehr irgendetwas beweisen. Schließlich ist ,Falling In Between‘ endlich mal wieder ein Album mit frischem Material von uns. Weißt du, die meisten haben unsere Vorgänger-Scheibe mit den Cover-Versionen nicht verstanden. Wir bekamen da Dinge um die Ohren gehauen wie: „Das ist totaler Scheiß“ oder „Toto hat es einfach nicht mehr drauf“. Das zeigt uns nur, dass viele unseren Sinn für Humor nicht verstanden haben: Denn wir wollten zu unserem 25jährigen Jubiläum mal etwas anderes machen und haben da eben diese Cover-Versionen eingespielt – übrigens alle innerhalb eines Monats!

Bei ,Falling In Between‘ habt ihr aber deutlich mehr Zeit investiert …

Steve Lukather: Ja, ungefähr ein Jahr, mit Unterbrechungen. ,Falling In Between‘ ist eine Band-Platte. Wir kamen morgens zu Simon ins Studio mit nichts in der Hand und abends hatten wir dann unsere Ideen zusammen entwickelt. Dann haben wir über diese Ideen gejammt, Demo-Tracks davon aufgenommen und am nächsten Tag frisch den Song eingespielt.

Inwieweit hat euch die aktuelle Technologie dabei die Arbeit erleichtert?

Steve Lukather: In Simons Studio steht ein Pro-Tools-System. Simon, Mike, Bobby, Dave, Greg und ich waren zusammen im Aufnahmeraum. 90 Prozent haben wir als Band live eingespielt und noch dazu in der Regel ohne Click. So entstanden die Basic-Tracks. Einzig bei ,Spiritual Man‘ und ,Bottom Of Your Soul‘ war die Herangehensweise anders, da hier die ursprünglichen Ideen schon recht weit gediehen war. Diese beiden Songs waren mehr ein Puzzle, wo der Startpunkt der jeweils verwendete Loop war und von da an haben wir – wie bei einem Bild – die unterschiedlichen Sounds und Takes hinzugefügt. Natürlich haben wir nach den Basic-Tracks noch eine Menge Overdubs gespielt: Chöre, Keyboards, manche Gitarren sind viermal übereinander gespielt.

Interessant: Die Gitarren klingen gar nicht so, als wären sie großartig gedoppelt ….

Steve Lukather: Bei den härteren Takes mache ich das fast immer so. Es muss schon sehr tight sein, dann klingt es enorm fett! So richtig Aufwand haben wir bei den Vocal-Parts betrieben, da haben wir unzählige Spuren voller Harmonie-Gesänge produziert, und das hat bei den Aufnahmen die meiste Arbeit ausgemacht.

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Wer ist bei euch der Leader im Studio und sagt, wann etwas gut oder noch nicht fertig ist? Schließlich hattet ihr keinen Produzenten am Start..

Steve Lukather: Im Grunde sind wir alle die Produzenten. Die stärksten Charaktere sind Simon, der auch als Tontechniker aktiv war, Dave und ich; früher war es hauptsächlich Jeff (Porcaro). Was meine Parts betrifft, so sind es immer die Jungs, die zu mir sagen: „Hey, wir wissen, dass du spielen kannst, jetzt denke mal nicht an deine Gitarristen-Freunde, sondern spiele etwas für den Song!“ Wann immer ich die Tendenz haben sollte, zu viel zu spielen, fangen mich die Jungs wieder ein. ,Dying On My Feet‘ ist so ein Beispiel, das ist ein wenig spektakuläres Solo, aber es hat das gewisse Etwas für mich und es war dann letztlich einer der ersten Takes, die wir genommen haben. Das ist gut so. Ich stehe mit Toto nicht im Wettstreit zu Steve Vai oder Joe Satriani…

Das ist aber auch ein ganz anderes Genre.

Steve Lukather: Richtig, ich habe erst letzte Woche bei einer Les-Paul-Tribute-Show mit ihnen gespielt, sie sind fantastisch. In meiner Zukunft sehe ich aber keine Gitarristen-Platte, bei der es sich um reine Gitarren-Instrumentalmusik handelt mit meinem Spiel im Mittelpunkt. Ich bin mehr ein Songwriter, Sänger, ich spiele Keyboards. Es gibt eine Menge Jungs da draußen, die diese „Gitarrenmusik“ besser beherrschen als ich. Schau dir mal die ganzen Metal-Gitarristen an, die haben teilweise unglaubliche Sachen drauf.

Jetzt stapelst du aber tief. Es geht doch nicht um besser oder schlechter …

Steve Lukather: Ja, richtig. Niemand ist „besser“ oder „schlechter“ … das ist sowieso alles subjektiv. Ich finde diese Gitarristen-Best-Of-Listen auch lächerlich, das ist absoluter Blödsinn. Vielleicht erkennt man das auch erst später, wenn man mit Abstand auf etwas zurückblicken kann. Es ist wie mit unseren eigenen Platten: Jede davon ist so etwas wie ein audiovisueller Schnappschuss des jeweiligen Zeitpunkts unseres Lebens. Wenn ich mir die erste Toto-Platte vor Augen halte – die klingt wirklich grausig vom Produktionsstandpunkt aus, aber sie fängt die Schwingung der damaligen Zeit ein. Und dann ist es auch wieder vollkommen in Ordnung.

Hörst du dir eure alten Scheiben ab und zu noch an?

Steve Lukather: Ich höre mir unsere Platten so gut wie gar nicht an; mein Sohn Trevor allerdings schon! Er weiß mehr über Toto als ich selbst, hahahaha! Er wird selbst dieses Jahr seine erste Platte machen. Er ist 19 und ein sehr melodischer Spieler, nicht der Super-flashy-hammer-on-to-death-Gitarrist, aber er hat ein sehr gutes Gespür und ist ein brillanter Songwriter. Seine Band heißt Isolation und sie haben schon eine Menge Angebote. Um ihn mache ich mir keine Sorgen.

Na, da kannst du sicher eine Menge Erfahrung weiterreichen…

Steve Lukather: Absolut! Aber ich lasse ihn sein Ding machen. Ich passe nur auf, dass er nicht über den Tisch gezogen wird.

Stichwort Songwriting: Auffallend ist beispielsweise ,Simple Life‘, ein wunderbarer Take und ein gewagt kurzes Arrangement; mit nur 2:22 Minuten tanzt es völlig außer der Reihe..

Steve Lukather: ,Simple Life‘ war ursprünglich eine Idee von mir für ein viel längeres, fast episches Stück. Das was jetzt zu hören ist, war nur das Intro! (lacht) Den Rest haben wir erst gar nicht mehr aufgenommen, weil dieses Snippet schon so cool rüberkam. Vielleicht spielen wir auf der nächsten CD dann ,Simple Life Part II‘. Hahaha!

,Let It Go‘ ist ein cooler Song mit R’n’B-Flair und Greg Phillinganes an den Vocals. Dabei hat es diesen ,Jake To The Bone‘-Groove…

Steve Lukather: Ja, das ist sehr abgefahren, und Greg hat da ein paar sehr ausgeklügelte Parts geschrieben. Für mich als Gitarristen – und ich bin sicher, du und die Leser des Magazins verstehen das nur zu gut – ist es durchaus eine Herausforderung, wenn Keyboarder schnelle Parts ausnotieren, die du dann doppeln musst. Die zu spielenden Noten auf dem Griffbrett sind mitunter total abgefahren und außerhalb der gängigen Routinen angeordnet, weil ein Keyboarder ja ganz anders musikalisch denkt als ein Gitarrist. Am Ende des Songs ist es genau umgekehrt, da spiele ich diesen schnellen Lick, simple Pentatonik, und Greg musste sich erst mal dran gewöhnen.

Mit dem Titel-Song und Opener ,Falling In Between‘ haut ihr richtig auf die Pauke.

Steve Lukather: Ich habe (Dream-Theater-Gitarrist) John Petrucci gesagt: „Hey, wir schreiben da ein bisschen in eure Richtung. Du wirst lächeln, wenn du es hörst!“ ,Falling In Between‘ hat diesen Prog-Touch, ohne dass wir etwas gestohlen hätten. John ist ein sehr guter Freund von mir.

Es ist ein ungewöhnlicher Song für euch, aber es bringt diesen Toto-typischen Sound auf ein aktuelles Level, ohne die Wurzeln aus den Augen zu verlieren.

Steve Lukather: Wir wollten schon beim Opener mit etwas Unerwartetem starten. Im weiteren Verlauf wird die Platte auch wieder familiärer. Es sind eine Menge Zitate aus alter Zeit drauf, aber in einem zeitgenössischen, frischen Song-Kontext verpackt. Und darum geht es uns eigentlich auch, wir sehen das nicht so ernst, sondern es ist einfach Spaß. Ich glaube, dass ist immer noch das größte Missverständnis, das die Leute mit uns haben: Wir sind definitiv keine bierernste Band! Du weißt es, denn du hast uns jetzt hier und in der Vergangenheit erlebt; aber andere eben nicht … Ich bin im Herzen noch immer ein kleiner Junge… ein 16 Jähriger, der in einem 48jährigen Körper steckt. Hahaha!

Auf der anderen Seite bist du aber auch ein totaler Workaholic, ich schätze, du kannst nicht zwei Wochen stillsitzen ohne ein Projekt, oder?

Steve Lukather: Das stimmt, zwei bis drei Wochen sind mein Limit. Nach der El-Grupo-Tour hatte ich drei Wochen frei. Ich war mit meiner Frau in meinem Haus in Palm Springs, meine Schwiegereltern kamen vorbei, mein Kumpel Sterling Ball kam mal zu Besuch, da habe ich nicht mal die Gitarre zur Hand genommen. Wenn ich mal eine Auszeit nehme, dann mache ich das auch konsequent, ich mag Grillen, kann den ganzen Tag abhängen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben …

Noch mal zurück zu den neuen Songs: ,No End In Sight‘ erinnert mich von der Schwingung an ,Home Of The Brave‘, wirkt dabei aber sehr frisch.

Steve Lukather: Danke, das ist es, worum es uns letztlich auch geht. ,Falling In Between‘ ist typisches Toto-Material, aber mit einem neuen Sound und unvorhersehbaren Arrangements, ohne dass es zu abgefahren wirkt. In ,Bottom Of Your Soul‘ haben wir unseren alten Sänger Joseph Williams eingebaut und auch ein kleines Zitat von ,Till The End‘ (dem Opener der CD ,Fahrenheit‘) versteckt.

Natürlich treten wieder die üblichen Kritiker auf den Plan, die dann behaupten, ihr hättet euch selbst kopiert.

Steve Lukather: Klar, aber who gives a shit?! Wir sind ja keine Band, die nur aus drei, vier Akkorden Musik zieht! Ich fand das immer klasse, wenn Bands solche Gimmicks verarbeitet haben, es ist bei uns eher subtil. Nimm ,Taint Your World‘, das ist meine Verbeugung vor Eddie (Van Halen)! So what? Wie könnten wir das nicht zugeben? Aber der Song insgesamt, das ist trotzdem unser Stil!

Es gibt doch niemanden, der nicht bewusst oder unbewusst beeinflusst wird und Musik, die er schätzt, in sein Spiel aufnimmt, oder?

Steve Lukather: Auf jeden Fall! Manchmal wird man sogar unbewusst von Musik beeinflusst, die man gar nicht sonderlich mag. Aber das ist ja kein Ideenklau, sondern Inspiration. Wenn du beispielsweise Jeff Beck und mich Seite an Seite stellst und uns beide dasselbe Lick spielen lässt, wir würden total unterschiedlich klingen. Aber natürlich ist Jeff einer meiner stärksten Einflüsse und ich entnehme auch Anleihen aus seinem Spiel.

Außerdem geht es bei Musik am Ende doch um das Gefühl und nicht um die …

Steve Lukather: … nicht um die Analyse! Stimmt schon. Wir haben diese Kritik in Schweden bekommen, da hat uns ein Typ minus-5 Punkte auf der Skala von 0 – 5 gegeben! (lacht) Garniert mit den Worten, wir wären alternde Fettsäcke und es sollte verboten werden, die neue Platte zu spielen. In der darauf folgenden Woche sind wir in Schweden in den Charts auf Platz 6 eingestiegen. Hahaha!!! So … fuck you! Hahahaha! Nein im Ernst, wir sind für jede Form konstruktiver Kritik offen, wie ich eingangs schon sagte, aber es gibt eben diese Zunft, die uns noch nie mochte. Da können wir dann aber auch nichts mehr machen außer uns darüber zu amüsieren. Ich sage dann immer: „Schicke mir mal ‘ne CD von dir, die höre ich mir dann kritisch an! Und ich bin sicher, nach über 1.000 Platten auf denen wir gespielt haben, und nach fast 30 Jahren im Musikgeschäft, ist meine Meinung dann genau so schwergewichtig, oder?!“ Ich will damit aber nicht sagen, dass alles, was wir gemacht haben, großartig ist. Ganz sicher nicht. Wir haben auch schon danebengelegen, aber wir haben uns nicht unterkriegen lassen. Und vor allen Dingen: Nach fast dreißig Jahren sind wir immer noch hier!

Ihr seid bei Frontiers unter Vertrag, einem kleinen Independent-Label aus Italien. Und jetzt, nach langer Zeit, seid ihr sogar wieder in den Charts …

Steve Lukather: Der Hammer, oder?! Ich habe mit Neal Schon über Frontiers gesprochen, Journey haben ihre letzte CD auch dort herausgebracht, und er sagte, die Leute bei Frontiers arbeiten sich den Hintern breit, um gute Promotion auf die Beine zu stellen. Es ist unglaublich, was Engagement bewirken kann. Bei Sony waren wir irgendwo auf den hinteren Plätzen in deren Prioritätenliste. Sony oder auch EMI hatten das Geld, aber kein wirkliches Engagement. Frontiers wollte uns unbedingt haben und sie lassen nichts unversucht, uns zu pushen. Jetzt schauen die Leute bei Sony und EMI verwundert auf die Charts, sehen uns dort und reiben sich verwundert die Augen. In Deutschland sind wir direkt auf Platz 13 eingestiegen – das ist sensationell für so alte Säcke wie uns. Hahaha!

Dabei seid ihr heutzutage in den Charts umgeben von überwiegend designten Typen, die zur Stars gepusht werden sollen.

Steve Lukather: Ich wollte sowieso immer nur ein Musiker sein, keinesfalls ein Rockstar! In den Neunzigern gab es diese Zeit, in der auch wir aussahen wie so frisierte Pseudo-Rock-Stars … und dann diese Videos, oh je! Ich wünschte mir, ich könnte all dieses Material zurückkaufen und vernichten. Das ist doch total Spinal Tap! Im Grunde ist es urkomisch…

Das ganze Business hat sich seitdem aber auch total verändert.

Steve Lukather: Oh ja, die Major-Labels fallen auseinander, sie haben die technologische Entwicklung total verschlafen und jetzt zahlen sie die Zeche. Heute kannst du auf einem Independent-Label sein und trotzdem gehören dir weiterhin die Rechte an deiner Musik. Seit 20 Jahren waren wir nicht in einer so guten Situation wie heute, was das Business betrifft.

Wenn man in die Zukunft schaut, wird es da noch Bands geben, die über einen längeren Zeitraum hinweg existieren? Der kurzfristige Profitgedanke der großen Industrie scheint doch so etwas eher unmöglich erscheinen zu lassen..

Steve Lukather: Da halte ich gegen! Und zwar aus folgendem Grund: Es ist eine andere Generation im Anmarsch. Nimm meinen Sohn oder meine Tochter und deren Freunde. Die meisten von denen lieben Bands und nicht die gehypten aalglatten „Popstars“; viele entdecken Classic Rock wieder. Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir das Ende dieser gefaketen Karrieren erleben werden. Da geht es nur ums Geld, und die Protagonisten gehen am Ende mit nichts bis wenig und ein bisschen Erinnerung an ein paar Tage Ruhm nach Hause. Das hält nicht. Es ist wieder eine Generation von Bands und Musikern im Kommen, die auch tatsächlich was drauf haben.

Morgen startet eure Welttournee. Seit einiger Zeit spielt ihr live mit Tony Spinner als zweitem Gitarristen. Wie kam es dazu?

Steve Lukather: Tony ist ein Wahnsinns-Gitarrist, er ist aber bei uns mehr aufgrund seiner Gesangsqualitäten: Er singt die ganzen hohen Stimmen und gibt manchen Songs mit der zweiten Gitarre ein bisschen mehr Flair. Weißt du, wir machen diese extrem aufwändigen Produktionen und dann müssen wir schauen, wie wir das alles auf die Bühne bringen – Hahaha!!! Aber im Ernst: Du musst ihn dir mal mit seiner eigenen Band ansehen; er hat den Blues-Rock total drauf.

Kam dein spezielles Dreiwege-Rack-System von Bob Bradshaw auch im Studio für die Gitarren-Parts zum Einsatz?

Steve Lukather: Ja, meistens; außerdem noch ein Marshall JCM DSL2000 von meinem Sohn, der zufälligerweise aus einer gemeinsamen Session noch bei Simon im Studio stand.

Habt ihr bei deinem Wet-Dry-Wet-System (rechts & links Effektsignal, in der Mitte der trockene Gitarrenton) auch alle drei Cabinets abgenommen?

Steve Lukather: Ja, aber beim Mix kamen die Effektspuren dann so gut wie gar nicht zum Zuge. Stattdessen hat Steve MacMillan, der die CD gemixt hat, etwaige Effekte später hinzugefügt. Aber das Gute an diesem DreiwegSystem ist, das ich total flexibel damit bin. Das trockene Signal liegt immer unabhängig neben den Effekt-Signalen an, so dass man damit im Mix stets experimentieren kann und man zu keiner Zeit im Aufnahmeprozess festgelegt ist.

Lass uns dein Equipment noch mal im Detail durchgehen!

Steve Lukather: Herzstück ist mein dreikanaliger CAE-3+- Preamp von Bob Bradshaws Firma Custom Audio Electronics (designed von John Suhr). Es ist eines der allerersten Modelle. An Endstufen benutze ich einen Kanal meiner VHT-Classic für das trockene Cabinet in der Mitte und eine VHT-2/50/2 für die beiden Effekt-Cabinets links und rechts. Die 2×12- Cabinets sind auch von Bob Bradshaw und mit Celestion-Vintage-30-Lautsprechern bestückt. Auch wenn mein Racksystem komplex aussieht, im Grunde ist es sehr simpel aufgebaut und hat mit dem Sound aus den 80ern nichts mehr gemeinsam. An Effekten verwende ich hauptsächlich zwei Lexicon PCM 70, deren Presets ich unverändert lasse (Steve verwendet „Pan Delays“ und „Circular Delays“; d. Verf.).

Das G-Force setze ich sehr selten ein für ein bisschen Chorus oder Detuning und ganz selten auch für Reverb. Dazu habe ich noch einen Line6- Mod-Pro (19″), der im Moment ausschließlich für einen Rotary-Simulator verwendet wird. Daneben habe ich noch ein CAE-Tremolo, das CAE-Black-Cat-Univibe, ein Custom-Audio-Japan-VCA, den CAE-Mini- Mixer, der die Effektsignale zusammenführt und ein MXR-Gate. Hinten im Rack habe ich einen MXR-EVH-Phaser und ein Radial-Tonebone-Classic-Distortion für einen Tick mehr Boost, wenn es mal sein muss. Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen: Ein Dunlop-Rack-Wah ist auch noch im Setup – ein wirklich sehr gutes WahWah!

Das ganze System wird über meine RS10 und die beiden CAE- 4×4-Looper verwaltet. Ich wechsle an den Effektgeräten selbst keine Presets, die stehen immer fest. Die Effekte werden nur in den Signalweg ein-, bzw. ausgeschaltet. Im Grunde benutze ich nur ganz wenige Effekte. Das meiste kommt nur sporadisch zum Einsatz, hauptsächlich Delay, um mehr Ambience zu bekommen. John, unser FOH-Mixer, kann dann je nachdem wie die Halle klingt in der wir gerade spielen, den Anteil der Wet-Cabs mit den Effekten so regulieren, dass mein Sound immer konsistent sein sollte.

Du nimmst deine Cabinets mit Kondensator-Mikrofonen ab?

Steve Lukather: Ja, das sind Shure KSM32; diesmal habe ich aber auch ein Shure SM57 am Center-Cab, da diese doch etwas einfacher abzunehmen sind und bei Bedarf noch etwas mehr Punch bringen.

Die Vorteile eines Systems wie du es hast liegen sicher auf der Hand: Alles ist immer fix verkabelt und stabil untergebracht. Du benutzt offenbar kein Backup für technische Probleme. Ist schon mal was schief gegangen?

Steve Lukather: Zu allererst sind die Cases von KrizKraft, das sind die besten Shockmounted-Cases, die ich kenne. Wichtig ist außerdem, dass man nach und vor einer Tour so ein Rack auch pflegt, denn es ist durch Flüge usw. ziemlichen Belastungen ausgesetzt. Erst kürzlich hat Bob (Bradshaw) mein Rack komplett gewartet, die Geräte von innen gereinigt, neue Röhren eingesetzt usw. Quasi die 50.000 Meilen Inspektion … Dann braucht man auch kein Backup.

Wie sieht’s bei den Gitarren aus?

Steve Lukather: An Gitarren habe ich auf Tour ausschließlich meine Ernie Ball Music Mans. Die sind so, wie sie im Laden gekauft werden können – nur mit einem Unterschied: Ich habe überall einen Fernandes-Sustainer einbauen lassen, der gibt mir auf Knopfdruck diese süßen Obertöne wie bei einem Feedback, aber stets kontrollierbar. Für die akustischen Parts habe ich meine Ovations dabei. Damit kam ich auch bei den Aufnahmen zu ,Falling In Between‘ zurecht. Mehr brauche ich nicht.

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Toto 2006: Mike Porcaro [bass], Bobby Kimball [vocal], Steve Lukather [guitar], David Paich [keyboards], Simon Phillips [drums] und Greg Phillinganes [keyboards] (Bild: tolle, frontiers)
Deine legendäre 59er Les Paul kam nicht zum Zuge?

Steve Lukather: Nein, die alten Vintage-Sachen habe ich nicht mitgebracht. Mit meinem Signature-Modell bin ich voll und ganz zufrieden. Die 59er Les Paul, die du meinst, habe ich früher in den 70ern und 80ern auf fast jeder Session benutzt: Dieses Instrument wird irgendwann mal die Rente für meinen Sohn darstellen können. Mit dieser Gitarre habe ich auf hunderten von Hits gespielt, sie ist jetzt schon ein Vermögen wert.

Jetzt seid ihr für mindestens ein Jahr auf Tour. Auch wenn es noch etwas früh dafür ist: Schon eine Idee, wie es danach weitergeht?

Steve Lukather: Ja, diese Tour wird uns erst mal wieder um den ganzen Globus führen. Wir sind jetzt im Frühjahr hier bei euch in Europa und auch im Sommer noch mal. Zwischendurch haben wir auch immer mal wieder ein paar Wochen Pause eingebaut, sonst hältst du die Belastung auch nicht aus und verbrennst deine Energie. Aber puh – was danach kommt? Wahrscheinlich macht dann jeder erst mal wieder sein eigenes Ding … Und dann ist irgendwann auch unser 30jähriges Jubiläum.

Habt ihr dafür schon was Bestimmtes in Planung?

Steve Lukather: Wir haben locker darüber gesprochen. Wir sind immer noch mit vielen, die mal in der Band waren, befreundet. Mal sehen, ob wir ein bisschen „Extravaganza mit den ehemaligen Band-Mitgliedern auf die Beine stellen können. Vielleicht schaffen wir es auch, David Paich noch mal auf Tour zu bekommen. Es wäre sicher keine lange Tour, aber wir werden auf jeden Fall was Außergewöhnliches auf die Beine stellen und bestimmt auch eine DVD davon machen.

Apropos David: Was steckt denn nun wirklich hinter seiner Tour-Abstinenz?

Steve Lukather: Seine Schwester ist sehr, sehr krank. Und er kümmert sich um ihre Familie. Außerdem ist David selbst auch nicht mehr für so eine lange Tour gemacht. Ich will nicht zu sehr ins Persönliche gehen, aber er hat auch seine gesundheitlichen Malaisen. Er muss seine Mahlzeiten zu bestimmten Zeiten einnehmen usw. Nichts wirklich Schlimmes, aber das alles ist auf einer Tour nicht wirklich zu gewährleisten. Außerdem ist er auch nicht mehr so heiß aufs Touren an sich; das ganze Leben auf Tour war noch nie sein bevorzugter Lebensstil. Aber David ist und bleibt ein wesentlicher Bestandteil von Toto. Und mit Greg haben wir ja nun einen fantastischen Kerl und Musiker an Bord, der eine Menge Energie einbringt. Weißt du, Greg war noch nie in einer Rock-Band. Er genießt es sehr! Es ist ganz anders bei uns für ihn, denn vorher war er beispielsweise als musikalischer Direktor von Stevie Wonder oder Michael Jackson unterwegs.

Abschließende Frage: Toto ist im Internet sehr aktiv. Was hat es mit dem kommenden Toto-Network auf sich?

Steve Lukather: Es ist noch nicht ganz fertig. Wir werden neben unserer Website noch etwas anderes anbieten. Es wird ein sehr professionelles Musiker-Online-Network werden. Du kannst dich praktisch live bei uns einklinken, mit uns interagieren, egal wo wir sind. Darüber hinaus werden wir noch Material zur Verfügung stellen, das bislang noch niemand gesehen hat: alte Live-Aufnahmen, Bootlegs, Videos usw. Es ist aber noch nicht so weit, wir müssen noch die Bugs entfernen. Glaub mir, es hört sich aus meinen Worten vielleicht so an, wie etwas, was es möglicherweise schon gibt, aber es wird völlig neuartig sein. Mike (Porcaro) ist das Gehirn dahinter. Es wird auch nicht allzu teuer werden, um Mitglied zu werden – weniger als ein Kinobesuch im Monat vielleicht. Ich denke, es wird im Laufe des Jahres an den Start gehen.

Vielen Dank für das Gespräch!


Websites

Der Gitarrist: www.stevelukather.net

Die Band: www.toto99.com

Der Autor: www.christiantolle.com

Das Magazin: www.gitarreundbass.de

Und das Wetter: www.das-wetter.de

Playalongs und Karaoke-Versionen von Toto-Stücken findest du in unserem Playalong-Shop!

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