Featuring Myles Kennedy And The Conspirators

Slash: Abenteuer in Covid Manor

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(Bild: Gibson)

Das Equipment gecheckt, die Koffer gepackt und los gings im Tourbus nach Nashville, um in den legendären RCA Studios das vierte Studiowerk einzuspielen. Ein Road-Trip an den sich Slash und seine Rock’n’Roll-Reisegruppe mit Sicherheit lange erinnern werden.

Nashville statt Los Angeles? Ein Tapetenwechsel! Keine schlechte Idee. Also bestieg die Band ihren Tourbus mit einer Hand voll Songideen und dem Konzept, sie in der Music City live einzuspielen. Dort ließ Produzent Dave Cobb derweil in den legendären RCA Studios die Röhren vorglühen und die Bandmaschinen einmessen, um das Werk mit dem Arbeitstitel ,4‘ aufzunehmen. Schön altmodisch, analog auf Tonband. Es macht alles Sinn, zumal in Nashville auch Slashs neue Plattenfirma beheimatet ist: Gibson Records. Der langjährige Endorser und überzeugte Paula-Player ist – tata! – der erste Künstler, der für das neue Musiklabel feierlich unter Vertrag genommen wurde.

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Schließlich pflegt der Herr mit dem Zylinder eine langjährige wie fruchtbare Geschäftsbeziehung zum amerikanischen Gitarrengiganten. Passend zum Album bringt Gibson auch gleich noch ein neues Slash-Signature-Gitarrenmodell heraus. Überraschung: Es ist eine Les Paul.

Slash, du sagst der Hauptunterschied eures neuen Albums zu dessen Vorgängern sei, dass ihr alles live eingespielt habt. Habt ihr nicht schon immer so gearbeitet?

Wir haben tatsächlich immer live im Studio gespielt, aber ich habe meine Gitarren-Parts später noch einmal aufgenommen. Bei den Aufnahmen muss ich ja Kopfhörer tragen und da weißt du nie, wie du wirklich klingst. Ich mag es einfach, ohne Kopfhörern zu arbeiten. Auf ‚Apocalyptic Love‘ (2012) habe ich deshalb in einer winzigen Kabine gespielt, mit meinem Marshall und Monitoren. Aber Resultat und Vibe haben mich nicht vollends überzeugt.

Was war also diesmal anders?

Diesmal haben wir unser Equipment aufgebaut, als ob wir auf einer Bühne spielen würden. Also mit kompletter Backline hinter uns und den Monitoren vor uns. Das haben wir dann mitgeschnitten. Das ist exakt das, was ihr auf ‚4‘ hört. Selbst der Gesang von Miles ist live. Okay, er stand in einer separaten verglasten Kabine. Aber es war ein wirklich sehr natürlicher Vibe. Eine unverfälschte Momentaufnahme.

Es herrschte angeblich sogar „Rotlichtfieber“. Mal ehrlich: Ist der Aufnahmeprozess wirklich noch Stress für euch?

Nun, ich meinte damit eigentlich nur mich selbst! (lacht) Ich bin dieses „Rotlichtfieber“ nie ganz losgeworden. Ein Studio ist eine sehr kontrollierte Umgebung, die dir bewusst macht, was du tust. Mehr als irgendwo sonst. Das macht mich immer noch fertig! Wenn du eine Show spielst, gehst du raus, legst los und vergisst die ganze Aufregung. Aber ein Studio hat immer noch eine ziemlich einschüchternde Wirkung auf mich.

Die Sessions fanden im legendären RCA Studio A statt, einem riesigen Aufnahmeraum, in dem schon Legenden wie Chet Atkins, John Hiatt und B.B. King aufgenommen haben. Spürt man diesen Vibe dort?

Im gesamten Gebäude herrscht ein ganz spezieller Vibe. Da schweben definitiv die Geister vieler verstorbener Musiker herum! (lacht) Überall hängen Schwarz-Weiß-Fotos legendärer Künstler wie Willie Nelson, Kris Kristofferson, Johnny Cash oder Dolly Parton. Der legendäre Steve Cropper hat übrigens sein Büro direkt über dem Studio. Und nebenan im Studio B steht das ganze coole Analog-Equipment, mit dem sie schon in den 50ern all die legendären Scheiben aufgenommen haben. Es schwingt wirklich eine historische Atmosphäre in diesen Räumen mit.

Das neue Album wurde live in den RCA Studios in Nashville aufgenommen. Nur Sänger Miles Kennedy befand sich in einer separaten Kabine. (Bild: Austin Nelson)

Eure letzten beiden Alben habt ihr mit Michael Baskette aufgenommen. Diesmal hast du Grammy-Produzent Dave Cobb ausgesucht. Ihr habt euch im Vorfeld über Live-Recording und Spontaneität unterhalten.

Zunächst haben Dave und ich uns darauf verständigt, live aufnehmen zu wollen. Wir haben uns über Glyn Johns’ (Led Zeppelin, Jimi Hendrix, The Eagles, Joe Satriani, Eric Clapton) Arbeitsweisen unterhalten. Dave hat mir viel über ihn erzählt. Als wir dann im Studio probten, legten wir fest, dass ein Take gut sei, wenn er von Anfang bis Ende stimmt. Was wir gewöhnlich ziemlich schnell hinbekommen haben. Wir waren gut vorbereitet und hatten die Songs zu 75 Prozent fertig arrangiert. Wir mussten also nur die Nummern festlegen und einspielen. Wir brauchten meist nur einen oder zwei Takes, das wars. Mitunter haben wir auch zwei Takes kombiniert, zumeist was die Gitarrensoli betraf. Wenn ich einen besseren Part auf einem anderen Take hatte, haben wir halt den genommen.

Ihr habt komplett analog aufgenommen, was selten geworden ist.

Nun, Dave hat wirklich tolles Equipment, er hat mit zwei Tonbandmaschinen und einem alten API-Mischpult gearbeitet und am Ende mit einem ebenso alten Neve-Pult gemixt. Tolles altes Zeug. Genau mein Ding.

(Bild: Austin Nelson)

‚4‘ ist das erste Album des brandneuen Plattenlabels Gibson Records. Und du bist der erste Künstler, den man unter Vertrag genommen hat. Übrigens hat auch Marshall ein eigenes Label gegründet. Hast du im Vorfeld überlegt, wer besser passt?

Ich wusste gar nicht, dass Marshall auch ein Plattenlabel hat! Mein Manager erzählte mir, dass Gibson ein Label gründen wollten und ob ich interessiert sei, mit ihnen zu arbeiten. Für mich hörte sich das fast schon zu schön an, um wahr zu sein! Ich fragte mich, wo da der Haken sei. (lacht) Aber den gab’s nicht. Es war verdammt perfekt! Denn ich kenne die Leute und weiß, mit wem ich es zu tun habe. Da gibt es kein aufgeblasenes Gehabe, da geht’s einfach um Musik. Und genau das hat den Ausschlag gegeben. Ich freue mich total darauf, wer wohl die nächsten Künstler sein werden, die sie unter Vertrag nehmen. Das wird bestimmt cool.

Zurück zum Album. Eure Produktion kam ziemlich jäh zum Stillstand, als Myles Kennedy positiv auf Covid-19 getestet wurde. Dann Todd Kerns. Und Brent Fitz. Schließlich auch du.

Ja. Myles bekam Covid, gerade nachdem wir alle Songs im Kasten hatten. Er hatte seine Gesangsspuren fertig. Wir mussten nur noch ein paar Backing-Vocals aufnehmen, etwas Percussion und ein paar Gitarren-Overdubs. Als Myles mich anrief und sagte er habe das Virus, dachte ich nur: Fuck! Myles musste also in Quarantäne. Kurz darauf fingen sich Todd und Brent das Virus ein! Myles und Brent ging es ziemlich schlecht. Bei Todd war es nicht ganz so schlimm, er war kurz vorher noch geimpft worden. Ich selbst bin in Nashville vor den Sessions geimpft worden. Also begannen Dave und ich die Tracks zu mixen. Und zwei Tage später hatte ich ebenfalls einen positiven Test und ging in Quarantäne!

Wie ging es dann weiter? Ihr sollt einen Teil der Sessions in das Poolhaus eures Airbnb verlegt haben.

Genau. Dave arbeitete im Studio allein weiter und wir richteten uns dort, wo wir wohnten im Poolhaus ein, das wir „Covid Manor“ nannten. Myles und Brent lagen ein paar Tage echt flach. Ich hatte zum Glück keinen schweren Verlauf, mir ging es vielleicht fünf Tage nicht so gut. Zum Glück bekam keiner von uns Long-Covid oder irgendwelche Probleme. Mit der Zeit ging es Todd und Brent deutlich besser. Sie sangen dann im Poolhaus die Backing Vocals ein, so gut das ging. Als alle wieder genesen waren, haben wir das Album gemeinsam gemixt und sind dann zurück nach L.A. gefahren. Es war echt eine abgefahrene Reise! (lacht)

Du sagst, es sei eine „wirkliche Krisenzeit“ gewesen, die ihr aber gemeinsam durchgestanden hättet. Und „in gewisser Weise eine großartige Erfahrung, die uns noch näher zusammengebracht hat.“

Diese Extremsituation hat uns tatsächlich näher zusammengebracht. Es war wieder so aufregend, wie am Anfang, wenn du eine Band gründest, zusammen wohnst, redest, arbeitest, spielst und 24 Stunden am Tag miteinander verbringst. Die Situation durch die Covid-Erkrankungen hat die Kameradschaft in der Band definitiv gestärkt. Wir sind halt alle gemeinsam da durch. Das Komische war: Als Myles erkrankte und kurz darauf Todd und Brent, war mein erster Gedanke ein Fluchtreflex. Ich dachte: Shit! Vielleicht sollte ich in ein anderes Hotel ziehen! Aber dann dachte ich sofort: Ich kann doch die Jungs nicht hängen lassen! Und schon hatte es auch mich erwischt und ich lag mit ihnen im Poolhaus. Es war also eine Einer-für-Alle-Alle-für-Einen-Sache. (lacht)

Der letzte Song ‚Fall Back To Earth‘ ist ein sechsminütiges Epos mit einer recht dramatischen Atmosphäre, befeuert von einem deiner typischen Hooks. Erzähl uns was darüber.

Den Song habe ich auf einer Safari in Afrika geschrieben. Nach einem anstrengenden Tag im Busch, habe ich mir abends meine Gitarre geschnappt und diese Melodie gespielt. Ich fand sie sofort ziemlich cool. Ich habe das dann immer wieder bei Soundchecks mit den Conspirators gespielt. Als die Pandemie zuschlug, machte ich zu Hause ein Demo und schickte es Myles, der eine Version mit wundervollen Vocals zurückschickte. Zu der Zeit war der Refrain noch anders, erst in Nashville hat der Song seine Form bekommen. Dave schlug vor, aus dem Intro den Refrain zu machen. Etwas, das ich schon die ganze Zeit im Kopf hatte, aber ich brauchte wohl jemanden, der das aussprach. So bekam das Arrangement letztendlich seine Form.

‚Spirit Love‘ wird von einem Singlenote-Thema auf einer Sitar eingeleitet, das du angeblich über deinen Marshall gespielt hast.

Ja. Ich glaube, das war eine Coral-Sitar. Ich hab die seit den Neunzigerjahren, aber bislang noch nie benutzt. Als wir unsere Sachen packten, um nach Nashville zu fahren, bat ich meinen Gitarrentechniker die Sitar mal mitzunehmen. Als wir dann aufnahmen, spielte ich das Intro von ‚Spirit Love‘ auf meiner Les Paul, aber irgendwie kam das nicht so gut. Es klang einfach nicht so richtig gut. Also probierte ich das Intro auf der Sitar mit genau den gleichen Settings meines Marshalls. Und das wars!

Gibson bringt zum Album ein neues Les-Paul-Slash-Modell heraus, eine auf gerade mal 250 Instrumente limitierte ‚4 Album Edition‘.

Ja. Das ist ein Les-Paul-Standard-Modell mit einer coolen transparent roten Ahorndecke. Die Gitarre hat die bekannte Hardware mit meinen Features. Wir fanden es eine coole Idee, den Fans ein Paket zu schnüren, das diese Gitarre, das Album, ein T-Shirt und ein paar weitere coole Extras beinhaltet. Eben ein richtiges Sammlerstück. Das Album wird es auch ohne Gitarre als Box geben, selbst mit einer Audio-Kassette.

Es gibt inzwischen einige Slash-Gitarrenmodelle. Du bekommst dazu von Gibson jeweils Prototypen geschickt. Vergleichst du die eigentlich mit deiner 1958er „First Standard“ (8-3096) als Referenzgitarre?

Nein, das tue ich nicht. Abgesehen davon, ist meine Hauptgitarre inzwischen auch meine 1987er Les Paul. Das ist eine ganz normale Les Paul Standard von der Stange. Auf Grundlage dieser Gitarre sind eigentlich so gut wie alle anderen Signature-Modelle gebaut.

Welche Amps hattest du in Nashville dabei?

Nur mein Marshall Silver Jubilee 100 Watt Topteil. Und zwar ein ganz neues, das sie mir gerade geschickt hatten.

(Bild: Austin Nelson)

Du hast auch mal wieder ein paar Effekte eingesetzt.

Ja. Auf ‚C‘est La Vie‘ ist eine Dunlop HT-1 Talkbox zu hören. Auf ‚Action Speaks Louder Than Words‘ ein MXR Phase 45, so ein Eddie-Van-Halen-inspiriertes Phase-Teil, das den Charakter des Songs gut unterstützt. Ansonsten hab ich noch ein Dunlop MXR MC-401 Boost für meine Soli benutzt und auf ‚Fall Back To Earth‘ kam ein Leslie-Effekt zum Einsatz.

Letzte Frage: Du sagst, das Besondere an eurer Band sei, dass sie sich stetig weiterentwickelt und immer, wenn ein bestimmtes Level erreicht scheint, legt ihr noch einen drauf. Wo steht die Band aktuell?

Momentan freuen wir uns erst mal darauf, diese Platte endlich unter die Leute zu bringen. Natürlich können wir es nicht erwarten, endlich rauszugehen und auch die neuen Sachen wieder live auf der Bühne zu spielen. Doch jeder von uns hat Verpflichtungen im kommenden Sommer. Ich mit Guns N’ Roses, und auch die Jungs haben zu tun, sodass wir hoffentlich 2023 nach Europa kommen. Dazu kommt, dass ich während der Pandemie einen Haufen Songs geschrieben habe. Einiges ist auf ‚4‘ zu hören. Anderes ist schon für die nächste Platte. Ich will weiter nach vorne schauen, denn jede Platte hat Spaß gemacht und war eine tolle Entwicklung für diese Band. Wir sind eine wirklich sehr einfache Band ohne Schnickschnack. Und so wollen wir weitermachen, solange wir Spaß haben.

Slash, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für deine kommenden Projekte!


equipment

  • Gitarren: Gibson Les Paul Vermillion Prototyp, Gibson Les Paul Tobacco Sunburst, Gibson Custom Shop Les Paul Standard ‘58, Coral Sitar
  • Amps & Boxen: Marshall JCM Silver Jubilee 2555 100 Watt Head, plus ein 4×12 Marshall-Cabinet mit Celestion Vintage 30
  • Effekte: Dunlop HT-1 Talkbox, MXR Phase 45, Dunlop MXR MC-401 Boost/Line Driver
  • Kabel: Mogami

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2022)

Produkt: Knockin’ On Heaven’s Door – Guns N’ Roses
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