Der dritte Mann an der Gitarre

Scorpions Gitarrentechniker Ingo Powitzer im Interview

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(Bild: Matthias Mineur)

Im Anschluss an unser Gespräch mit Matthias Jabs in Ausgabe 05/22 stand uns sein Gitarrentechniker Ingo Powitzer zur Verfügung, der nicht nur aktiv an der Vorbereitung der neuen Songs mitgewirkt hat, sondern auf ‚Rock Believer‘ sogar (Solo-) Gitarre und ein, zwei Bassspuren beigesteuert hat.

INTERVIEW

Womit begann deine Arbeit an ‚Rock Believer‘?

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Es fing damit an, dass ich mich im April 2019 mit unserem Produzenten Hans-Martin, Klaus Meine und Rudolf Schenker getroffen habe. Rudolf zeigte uns die neuen Songs und sagte dann häufig: „Dies ist die Idee. Macht mal!“ Daraufhin haben Hans-Martin und ich begonnen, die Layouts zu machen, also Drums, Bass und Gitarren. Mit Klaus war es ähnlich: Er kam mit Melodien und Akkorden seiner neuen Ideen, Hans-Martin und ich haben die Nummer dann angelegt und in Form gebracht bzw. arrangiert. Es zeigte sich schnell, dass Hans-Martin viele gute Ideen hat und weit mehr als nur der Engineer ist. Zu diesem Zeitpunkt hat Matthias Jabs noch allein an weiteren Songs gearbeitet. In dieser Phase habe ich noch einmal den Unterschied zwischen Songwriting und Arrangieren gelernt. Fürs Arrangieren braucht man Geduld und Fantasie, um aus losen Ideen einen Song zu machen, hier eine kleine Melodie, da ein Solo-Part. Viele unserer Ideen sind auf dem Album gelandet, was mich sehr stolz und glücklich macht.

War die Entstehung von ‚Rock Believer‘ ein mühsamer Prozess?

Nein, überhaupt nicht, denn die Stimmung war über den gesamten Zeitraum sehr gut, was natürlich enorm hilft. Es gab kein Ego-Clashing, weil wir jeden so haben arbeiten lassen, wie er es wollte.

Inwieweit musst du dich in die Scorpions-Gitarristen hineinfühlen können, um konkret an ihren Songs mitzuarbeiten?

Ein Schenker-Riff ist eben ein Schenker-Riff. Die Idee dieser Frage/ Antwort-Sequenz bei ‚Seventh Sun‘ ist ein typisches Beispiel für den klassischen Scorpions-Sound. Das Riff stammt von Hans-Martin und mir. Ich kenne Rudolf seit vielen Jahren und weiß, was er mag und was ihm liegt. Bei Matthias ist es ähnlich, er war allerdings in den kreativen Prozess extrem involviert, was auch deutlich zu hören ist.

‚Shoot For Your Heart‘ ist einer der Bonustracks auf der Vinyl-Version, der Song stammt von Klaus und wurde von Hans-Martin und mir arrangiert. Auch hier fing es mit der Melodie und den Akkorden an. Wir haben dann die Riffs und Licks usw. gemacht. Bei den Basic-Tracks im Studio haben wir zusammen mit unserem Schlagzeuger Mikkey Dee und Matthias das Intro gemacht und zusammen den Song fertiggestellt. Die ursprüngliche Tonart war A, doch das gefiel Klaus nicht, deshalb wurde der Song deutlich höher auf C transponiert, wodurch das komfortable Gitarrespielen in A wegfiel und es natürlich auch anders klang. Vieles haben Hans-Martin und ich entwickelt und arrangiert, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. ‚Call Of The Wild‘ ist beispielsweise ein altes Demo, das Hans-Martin auf Tape gefunden hatte, mit einem Riff, das ich kaum spielen konnte.

Bassist Pawel Maciwoda (Bild: Matthias Mineur)

Das Demo hatte einen tollen Gesang, war aber in keiner Tonart, in der man Klaus Stimme wirklich glänzen lassen kann. Deshalb haben Hans-Martin und ich mit Mickey Dee und unserem Bassisten Pawel Maciwoda ein neues Demo angefertigt. Klaus kam dazu, Matthias spielte seine Parts und ein großartiges Solo, wie ich finde. Rudolf dirigierte die Nummer schließlich zu dem, was sie jetzt ist.

Yamaha BB1025X 5-String
Auch in Maciwodas Rack findet sich Skrydstrup-Equipment
Ampeg SVT VR

Wie viele Gitarren besitzt du insgesamt? Mit welchen hast du auf dem Scorpions-Album gespielt?

Überwiegend mit Dommenget-Modellen, also mit meiner eigenen, die Boris Dommenget mir geschenkt hat, einer Doublecut mit einem Humbucker und zwei Singlecoils. Ich besitze 36 Gitarren. Die älteste ist eine 65er Gibson SG, ein Geschenk meines Freundes und Kollegen Peter Kirkman.

Schenkers langjähriger Gitarrentechniker Peter Kirkman (Bild: Matthias Mineur)

Außerdem habe ich zwei originale Van Halen Music Man, eine davon in grün, die extrem selten ist und um 15.000 Euro Wert sein soll, beides Geschenke eines sehr guten Freundes in Las Vegas. Außerdem besitze ich eine Presentation Taylor Acoustic, diverse G&Ls, Dommengets, Tom Andersons, Patrick Eggles und natürlich eine Mastercaster. Meine Lieblingsgitarren befinden sich bei mir Zuhause, die anderen sind im Scorpions-Lager hier in Hannover. Generell arbeite ich seit Jahren eng mit Lars Elfendahl von Yamaha zusammen, von denen ich das bekomme, was ich brauche. Yamaha-Gitarren sind universell einsetzbar, dazu stresslos und unverwüstlich und funktionieren immer.

Powitzers Dommenget Classic Custom mit Dommenget-PAF-Pickups (Bild: Matthias Mineur)

Wie sieht das Equipment aus, mit dem du zuhause an den Scorpions-Demos arbeitest?

Ich habe einen alten iMac mit Pro-Tools, gepimpt mit einem Skrydstrup-Mikrofon-Preamp, da es ja auch Spaß machen soll. Ich besitze auch einen alten Marshall, einen Wizard, einen Mastertone, einen Skrydstrup und eine Two-Notes-Speaker-Simulation. Mitunter habe ich zum Spaß auch mal einen Marshall genommen, denn man kennt das: Irgendwann entsteht Magie, die sich so nie wiederholen lässt, was bei der Reproduktion nicht immer gut ist. Bei Demos ist immer ein D.I.-Signal gewünscht, wir haben uns auf das S-Gear-Plug-in geeinigt, das sehr gut klingt.

Auch Schenkers Rack wird von Skrydstrup diktiert.
Schenker spielt über eine Skrydstrup 4x12er-Box.

Erzähl bitte die Geschichte deines Solos auf der Deluxe-Version des Scorpions-Album. Immerhin wirst du im Booklet dafür explizit erwähnt.

Das Solo für ‚When Tomorrow Comes‘ habe ich zuhause bei Rudolf aufgenommen, der Text des Songs stammt von Klaus. Rudolf kam irgendwann rein und sagte: „Spiel dazu mal ein Solo!“ Eigentlich hält man sich als Gitarrentechniker natürlich zurück, aber er meinte: „Spiel mal, irgendetwas mit Hebel, etwas Wildes!“ Und genau das habe ich gemacht, allerdings nicht mit einem Tremolo-Arm, sondern über ein Boss-ME-5-Pedal mit Pitchshifter plus einem Plug-in.

Hans-Martin hat mich sehr inspiriert und mir auch ein bisschen die Scheu genommen, was keiner besser macht als er. Das Solo hat sofort allen gefallen, und damit wurde es für mich etwas problematisch, da sich Klaus schnell an so etwas gewöhnt und er es dann auch im Song hören will, egal von wem es stammt. Immerhin gibt es ja zwei Gitarristen in der Band, die beide Lust auf Soli haben. Mein Solo blieb dennoch und wurde irgendwann in die Album-Session importiert. Frag mich bitte nicht, ob ich das Solo nochmal spielen könnte. Ich freue mich schon auf die YouTube-Covers!

Könntest du eigentlich für Rudolf oder Matthias einspringen, wenn mal einer der beiden kurzfristig ausfallen würde?

Nein. Rudolf und Matthias sind unersetzlich, denn sie sind zwei von drei Galionsfiguren der Scorpions. Ich könnte beide unterstützen, mehr aber nicht. Das wäre den Fans gegenüber auch nicht fair. Bei vielen Bands findet man, mit Ausnahme des Sängers, kein Originalmitglied mehr, das hat eher den Charakter einer Cover-Band. So etwas würde bei den Scorpions nicht funktionieren, dazu verbindet man die Gruppe zu stark mit Klaus, Rudolf und Matthias. Außerdem ist die Live-Performance der Scorpions nicht zu unterschätzen. Die Band spielt immer noch etwa 60 bis 80 Konzerte pro Jahr. Die meisten jungen Bands würden alleine aufgrund der Vielfliegerei in die Knie gehen. Die Energie und Kondition der Band suchen nach wie vor ihresgleichen.

Was ist das Geheimnis des typischen Scorpions-Sounds?

First things first: Der Sound kommt aus den Fingern. Und zweitens: Nicht weniger wichtig sind die Arrangements. Wir, also Matthias, Rudolf, Hans-Martin und ich, haben von Anfang an darauf geachtet, dass alles so Scorpions-typisch wie möglich arrangiert wird, also zwei Rhythmus-Gitarren – Rudolf und Matthias links und rechts – plus die typischen Jabs-Fills on top. Unser Produzent Hans-Martin Buff hat sehr penibel darauf geachtet, dass alles im Scorpions-typischen Rahmen bleibt.

Auf der Equipment-Seite ist alles sehr puristisch, keine Effekte aus Stompboxes, mit Ausnahme eines MXR Badass Overdrive im französischen Bonustrack ‚Language Of My Heart‘. Der Sound kommt hauptsächlich aus dem zu spielenden Part, den Fingern, der Gitarre und dem Amp. Unser Signalweg war folgendermaßen:

RUDOLF

  • verschiedene Gibson Flying-V-Modelle (2x original 1958er, 1x Standard, 1x Rudolf Schenker Signature, 1x Flying V Black & White aus den 70ern)
  • Der Amp war fast immer ein Skrydstrup TD 50 über eine Skrydstrup 4x12er-Box mit Vintage-30-Lautsprechern. Einmal kam auch ein alter Marshall JMP zum Einsatz. Die Mikrofone waren ein Shure SM57 über den SSL-Preamp, ein Royer 121 über den SSL-Preamp, und ein Neumann KM 84 über einen Neve-4081-Preamp. Die Kabel sind von Van Damme.
  • Das Signal ist bei Rudolf und Matthias außerdem immer auch durch eine Skrydstrup-Studio-D.I./Buffer-Box gegangen.
Epiphone Flying V, Baujahr 2016, mit LED-Beleuchtung, 1994er Husqvarna 610TE-Auspuff und Look Solutions Mini Fogger, modifiziert & lackiert von Peter Kirkman
Gibson Flying V Rudolf Schenker Signature, Baujahr 2014
Dommenget Flying V, Baujahr 2004, mit Dommenget-Musclebucker-Pickup

MATTHIAS

  • Gibson 1958 Les Paul (original)
  • Gibson 1959 Les Paul (original)
  • Dommenget Korina Explorer
  • originale „World Wide Live“-Strat
  • 1959er Gibson 335
  • Dommenget Mastercaster
  • 1964er Stratocaster
  • 1965er Telecaster

Die Amps:

  • Fender Tonemaster (ist seit 2000 auf jedem Album zu hören)
  • Soldano SLO 100 (ist auf ‚Crazy World‘ zu hören)
  • Marshall JMP (der originale Amp von früher)
  • Skrydstrup Armageddon
  • Vox AC30

Das Cabinet war ein Wizard 4x12er-Cabinet mit Greenback-Lautsprechern.


Die Mikrofone:

  • Shure SM57 über einen Skrydstrup-Preamp
  • Neumann KM84 über einen Neve 4081
  • Royer 121 über den SSL-Preamp

Bei den Rhythmusgitarren war immer klar, was wir aufnehmen wollten. Bei den Soli gab es ein grobes Gerüst, was aber zum Take noch ausgearbeitet und verfeinert wurde. Grundsätzlich wurde immer so lange gespielt, bis alles so war, wie es sein sollte. Ein paar Doppelungen hier und da, ein bisschen „sparkle on top“, aber immer so, dass es live spielbar bleibt.

Ein großer Vorteil war, dass das Amp/Mikrofon-Setup immer feststand. Das spart Zeit, und Rudolf und Matthias konnten sich komplett auf den zu spielenden Part konzentrieren. Die Besetzung bei den Aufnahmen der Gitarren bestand immer aus Hans-Martin und mir, jeweils mit Matthias oder Rudolf. Wir haben alles so klein und ruhig wie möglich gehalten, was allen Beteiligten große Freude bereitet hat, und das über einen Zeitraum von fast einem Jahr.


(erschienen in Gitarre & Bass 06/2022)

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