Produkt: Gitarre & Bass 9/2019 Digital
Gitarre & Bass 9/2019 Digital
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Zum aktuellen Album ‚Exit Strategy‘

Runter mit den Scheuklappen: Drangsal im Interview

(Bild: Max vom Hofe)

Während 80er-Einflüsse immer noch weite Teile der Popmusik bestimmen, ist Drangsal schon längst weiter: Der Sänger aus der Pfalz avancierte mit dem eiskalten New Wave seines Debüts ‚Harieschaim‘ 2016 zum Kritiker:innen-Liebling, nur um später mit dem Album ‚Zores‘ sowie einem Feature und Podcast mit Rap-Star Casper seinen Status als Indie-Größe zu untermauern. Auf dem von Patrik Majer (Wir sind Helden, Rosenstolz) produzierten ‚Exit Strategy‘ befreit sich der 27-jährige Max Gruber, wie Drangsal bürgerlich heißt, nun endgültig von Genre-Konventionen und präsentiert nicht nur einen hochmusikalischen und absolut einzigartigen Mix aus Indie, Pop und Punk, sondern auch eines der besten deutschsprachigen Alben des Jahres.

INTERVIEW

Bei all den Themen um Zweifel, Identitätssuche und Unzufriedenheit finde ich, dass ‚Exit Strategy‘ musikalisch dann doch dein optimistischstes Album bisher ist. Gehst du da mit?

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Hm… ja. Es klingt heiter. Ich glaube aber nicht, dass es optimistisch ist, ganz im Gegenteil. Aber ich empfinde das wahrscheinlich auch einfach nur so. Und ich weiß nicht, ob es da wirklich einen Fakt gibt, oder ob das eine Gefühlssache ist, die jeder selbst entscheiden sollte.

Dein Album ist musikalisch unglaublich divers. Wie kam es dazu?

Es war einfach eine lange Zeit. Den Song ‚Rot‘ habe ich schon zur Zeit von ‚Zores‘ geschrieben. ‚Ich bin nicht so schön wie du‘ war tatsächlich der erste Song, den ich für das Album geschrieben habe, und ‚Schnuckel‘ war der letzte, der kurz vor Studioschluss entstand. Vielleicht liegt es einfach daran, dass der Schreibprozess diesmal länger war. Es gibt aber auch viele Songs, bei denen das Komponieren nicht mit der Gitarre anfing, sondern mit einem Drumbeat, einer Bassline oder irgendwas auf dem Keyboard. Und ich könnte mir vorstellen, dass das dann auch den weiteren Songwriting-Prozess beeinflusst hat.

Vieles von ‚Exit Strategy‘ ist außerdem deutlich poppiger und eingängiger als auf deinen beiden Vorgängern. Ist das der Einfluss von Patrik Majer?

Ich glaube, du wärst überrascht, wie nah die Demos an dem Endprodukt sind. Bei ‚Liedrian‘ hat Patrik das Tempo einfach runtergeschraubt – der war vorher nochmal gut 30 bpm schneller. Aber soundtechnisch ist das alles auf jeden Fall genauso, wie ich das wollte und schon als Demo in Logic aufgenommen habe. Patrik hat hier und da mal was hinzugefügt und weggenommen, aber ich muss sagen, dass das alles wirklich geringfügige Sachen waren.

Bei mir ist natürlich alles in the box, d. h. ich habe meine Gitarren direkt ans Interface angeschlossen. Im Studio habe ich dann halt Amps und Live-Drums – ich nenne es immer „richtig aufgenommen“. Dann werden nochmal Synth-Sounds ausgetauscht oder ein Tamburin aufgenommen, Claps und irgendwelche Loops hinzugefügt. Aber meistens sind die Demos schon relativ nah am Endprodukt.

(Bild: Privat)

Ihr habt aber trotzdem alles nochmal neu aufgenommen? Manchmal gibt es ja auch diese magischen First Takes bei einer Demospur.

Patrik würde zwar etwas anderes sagen, aber: Ich habe keine Demo-itis. Wir übernehmen viele der Synth-Sounds, die ich gemacht habe, weil die die Songs oft einzigartig machen. Diese schrottigen Synthesizer, gerade beim Song ‚Exit Strategy‘ sind relativ definierend. Aber bei ‚Mädchen sind die schönsten Jungs‘ war es zum Beispiel so, dass der Song nicht genug fiese Höhen hatte, und dann haben wir alle meine Demo-Gitarren noch leise dazugemischt. Und bei ‚Exit Strategy‘ laufen sogar die programmierten Demo-Drums ganz leise unter den Live-Drums durch.

Was hast du auf dem Album alles eingespielt?

Alles außer Drums – wir haben vier Drummer auf der Platte. Das Vibraphon ist Midi, und ein paar Glockenspiele habe ich live gespielt. Die Synthies kommen auch alle von mir.

Wie seid ihr an die Gitarrensounds herangegangen?

Gitarrensounds sind für mich sehr einfach aufgeteilt in Clean, Overdrive und Distortion.

Also die Line-6-Spider-Kategorien, bis hin zu „Insane“?

Alter, es gab diese Band, die Billy Corgan nach den Smashing Pumpkins hatte: Zwan. Und da hatte er wohl ein Line-6- Endorsement. Es gibt nämlich einen Auftritt bei David Letterman, da spielt die ganze Band – alle drei Gitarristen und die Bassistin – Line-6-SpiderAmps. And it sounds like shit! Und das Geile ist, dass Billy Corgan ja eigentlich ein totaler Nerd ist, was das angeht, und dann hast du auf einmal diese dünnen Flanger-Gitarren … Aber wie bin ich an die Sounds herangegangen?

Viele Gitarren, viele Amps. Ich spiele ja meistens diesen relativ klassischen Clean-Sound aus Fender und Roland Jazz Chorus, bisschen Delay, bisschen Hall. Wir haben ein Rack-Chorus von Patrik benutzt, was einen superschönen und breiten Sound erzeugt hat. Außerdem hatten wir meinen Fender-Amp, bei dem ich über mein Pedalboard noch Chorus hinzugefügt habe, um verschiedene Ebenen zu bekommen. Dann war da noch eine Marshall-Box mit Belz-Elektromagie-Bastard-Topteil. Dann haben wir noch alles über DI aufgenommen, falls man nochmal etwas reampen oder durch Amplitube schicken will. Und für Zerr-Sachen hatten wir noch einen Engl-Amp.

Für den Bass haben wir eigentlich genau das gleiche Equipment verwendet: Den haben wir durch einen Fender, einen Roland Jazz Chorus und einen fetten Ampeg aufgenommen, plus DI. Wir haben immer alle Amps aufgenommen und es uns anschließend so zusammengebastelt, wie wir es brauchten. Davor war mein Pedalboard – ich habe bei der Platte tatsächlich alles out of the box gemacht. Nur bei ‚Liedrian‘ sind im Refrain ein paar Gitarren, die wir nochmal durch Plug-ins gejagt haben, damit alles ein bisschen angedickt ist. Im Großen und Ganzen habe ich aber versucht, alles mit meinem Setup zu machen, obwohl ich kein Pedal-Nerd bin. Ich schreibe nicht mit dem Pedalboard, sondern: Das Pedalboard ist ein Mittel zum Zweck. Ich habe auch einen Electro Harmonix Super Switcher auf dem Board, einfach weil bei mir so schnell zwischen Sounds gewechselt wird. Clean mit Delay und dann plötzlich ein Octaver mit Pi-Zerre … Den Stepptanz auf dem Pedalboard kann ich gar nicht mehr.

Drangsals Pedalboard

Welche Instrumente kamen zum Einsatz?

An Bässen hatten wir meinen alten Squier Precision, den ich habe, seit ich 13 bin, und den ich sehr liebe. Außerdem hatten wir einen Jaguar-Bass und zwei Rickenbacker im Studio. Bei denen hat es vom Sound aber nie gepasst. An Gitarren habe ich verwendet: Meine geliebte Deimel Custom, die eigentlich am meisten zu hören ist, weil sie auch am besten klingt. Außerdem eine alte, amerikanische Strat mit 13er-Saiten, also richtig beefy. Und meine Mexiko300-Euro-Strat, die ich auch live spiele. Dazu zwei Akustik-Gitarren: Meine Takamine und eine uralte Gibson, die fantastisch klingt. Meine Zwölfsaiter ist auf der Platte nicht zum Einsatz gekommen.

Du sagtest ja, du bist kein Pedal-Nerd. Gibt es denn ein paar Effekte, die bei dir zum Grundsound einfach dazugehören?

Ja, Mann. Und zwar: Der Boss Heavy Metal HM-2.

Wirklich?

Ja, das ist nämlich immer die Reaktion, die ich kriege. Aber pass auf: Super oft kommen nach Konzerten Leute zu mir und fragen mich, was mein Zerrsound ist. Und mein Zerrsound ist ja auch das krasse Gegenteil zu meinem Clean-Sound. Ich mag halt drei Sachen: Wenn es klingt wie ein Cembalo, so wie bei Metallicas ‚Fade To Black‘. Ich mag „Raggededang“, also den Sound wie bei ‚Liedrian‘. (lacht)

Und ich mag: (Hier ahmt Drangsal mit zusammengebissenen Zähnen eine dicke Rock-Gitarre nach). So muss eine verzerrte Gitarre klingen! Turbonegro, Tool. Einfach viel chunky Distortion. James Hetfield hat früher den Boss HM-2 in den Roland Jazz Chorus gespielt!

Ich benutze live keinen Roland Jazz Chorus mehr, weil die Dinger sehr anfällig für Wehwehchen sind. Ich habe einen Fender … Hot Rod Deluxe? Deluxe Reverb? I don‘t even know. So einen schwarzen Combo. Es gibt ein paar Pedals, auf die ich schwöre. Ich habe einen Kompressor von Fender auf dem Board, und einen MXR Micro-Amp, der nur einen Regler für Gain hat. Ein bisschen Boost, aber es macht nicht nur lauter, sondern noch mehr. Da geht das Signal vor allen anderen Pedalen erstmal durch. Dann noch einen Boost vom EHX Super Switcher plus den Boss HM-2 durch einen Fender Amp. Das ist eine chunky Zerre.

Ich liebe dieses Pedal, und ich traue mich nicht, es auszutauschen. Ansonsten habe ich noch den EHX Big Muff Pi für ein bisschen schmierigere Zerren. Eigentlich klingen die alle gleich. Dann habe ich noch zwei Millionen Overdrives auf dem Board, die auch alle gleich klingen. Und ich kriege es einfach nicht hin, sie so einzustellen, dass sie nicht gleich klingen. (lacht) Ich habe den Truetone Jekyll & Hyde, von dem ich aber nur den Jekyll benutze. Dann den Way Huge Green Rhino und den Harley Benton Rated Boost, den ich aber nur für ganz leichtes Anzerren benutze. Dazu kommen dann noch zwei Delays, eins mit Tap-In, das die bpm vom Super Switcher bekommt und ein EHX Memory Man mit Tap-Tchalter, weil der kein Tap-In hat. Dann habe ich noch ein Strymon Blue Sky und einen EHX POG, und all diese Sachen nur, weil mein Gitarrist auf einen Kemper umgestiegen ist.


EQUIPMENT

GITARREN & BÄSSE

  • Deimel Custom Firestar
  • Fender Stratocaster (USA)
  • Squier Stratocaster
  • Epiphone Emperor Pro-II
  • Takamine Akustik-Gitarre
  • Squier Precision Bass
  • Fender Jaguar Bass
  • Rickenbacker 4003 Bass

AMPS & BOXEN

  • Fender Deluxe Reverb
  • Belz Elektromagie Bastard
  • Marshall Box

EFFEKTE

  • Truetone Jekyll & Hyde
  • Way Huge Green Rhino
  • MXR Analog Chorus
  • Boss HM-2
  • EHX Memory Man
  • Boss DD-8
  • Harley Benton Rated Boost
  • TC Electronic Polytune
  • EHX OP Amp Big Muff Pi
  • EHX Micro Pog
  • Strymon BlueSky
  • EHX Super Switcher
  • MXR Micro Amp
  • Fender Micro Compressor
  • Palmer PWT 12

KABEL/SAITEN/PLEKTREN/ ZUBEHÖR

  • Mogami Kabel

SOFTWARE, MIKROFONE & RECORDING-TOOLS

  • Logic Pro X
  • XLN Audio Addictive Drums
  • Native Instruments Amplitube

Das ist ja doch ein sehr bunter Mix.

Ich spiele auch eine 5000€-Gitarre und wechsle im dritten Song auf eine Gitarre für 300€. Who gives a shit?

Ich bin mittlerweile aber auch schlimm geworden: Ich spiele nur noch Mogami-Kabel, weil die nicht so viel Höhenverlust haben. Das liegt aber auch daran, weil mir meine Cordial-Kabel, genau wie die Roland-Kabel, die ich davor gespielt habe, und davor die Fender-Kabel, sofort kaputt gegangen sind. Ich mag es einfach, wenn die Sachen funktionieren. Es ist mir egal, ob es 100 € kostet oder 10000 € – it just has to fucking work! Deichbrand-Festival 2017: Line-Check funktioniert.

Einige von Drangsals Gitarren: Fender Stratocaster, Ibanez JEM, Deimel Custom Firestar und Takamine Acoustic (v.l.n.r.)
Einige von Drangsals Gitarren: Fender Stratocaster, Ibanez JEM, Deimel Custom Firestar und Takamine Acoustic (v.l.n.r.)
Einige von Drangsals Gitarren: Fender Stratocaster, Ibanez JEM, Deimel Custom Firestar und Takamine Acoustic (v.l.n.r.)
Einige von Drangsals Gitarren: Fender Stratocaster, Ibanez JEM, Deimel Custom Firestar und Takamine Acoustic (v.l.n.r.)

Ich geh zwei Minuten von der Bühne, Intro läuft, komm wieder raus – Kabel kaputt. The fuck? Das ist es halt. Und manchmal macht der Super Switcher auch einfach Käse: Sendet nicht mehr die richtigen bpm, die Presets sind nicht mehr richtig eingestellt … Es ist ein kleiner Bullshit-Computer. Und da muss man dann einfach drüberstehen und es irgendwie deichseln. Aber ich versuche schon, dass mein Gear stimmt. Ich lasse ständig meine Gitarren einstellen. Ich habe jetzt auch so einen riesigen Rack-Schrank für alle meine Gitarren, damit ich nicht mehr hundert Cases mitnehmen muss.

Am Ende des Tages sage ich aber immer noch: Gear doesn’t really matter. Auf dem Album hörst du einen 3000-Euro-Bass und im nächsten Song einen für 180€. Who will hear this? Ich liebe keins der Pedals außer den Fender Compressor und den HM-2. Auf die schwöre ich. Aber es gibt kein Pedal, das ultimativ wichtig für mich ist. Ich habe noch einen MXR-Chorus, weil ich den Jazz Chorus nicht mehr spiele, das auch immer in der Effektschleife vom Super Switcher an ist. Ich bin einfach nicht so der Pedal-Nerd. Unser Bassist ist so jemand und unser Gitarrist, und ich finde es voll schön, wenn die zwischen den Songs dann so Ambient-Kram machen. Aber ich möchte nur Songs schreiben, und die haben dann halt Gitarrengeräusche.

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2021)

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