Ein Bündel potenzieller Maßnahmen...

Oktavreinheit: Das Intonieren der Gitarre

Der Begriff „Intonation“ steht für ein Bündel potenzieller Maßnahmen, um die Tonhöhen von Leer- wie auch gegriffenen Saiten einer bestimmten Norm anzupassen. Diese Norm nennt sich in der Musiktheorie „gleichschwebend temperierte Stimmung“. Sie ist ab Werk durch die spezifische Bund-Anordnung in die Gitarre bereits „eingebaut“. Damit sind alle auf diesem Instrument greifbaren Intervalle gleichermaßen fest definiert, denn es ist gewährleistet, dass die Frequenzverhältnisse dieser Intervalle sich nicht ändern, wenn die Akkorde (und damit Tonarten) gewechselt werden.intonieren

Die Vorraussetzung dafür, dass die Bundanordnung ihre Aufgabe auch korrekt erfüllen kann, ist neben der richtigen Lage und Höhe der Bünde auch der Zustand des Gitarrenhalses. Ist der Hals verzogen (konvex, konkav) oder in sich verdreht, dann ist es gut möglich, dass manche auf dem Griffbrett erzeugten Akkorde ähnlich schräg klingen, wie es der Zustand des Halses bereits vermuten lässt.

Anzeige

Ebenfalls wichtig ist ein lineares Höhenverhältnis der Bünde zueinander. Ein Abrichten aller Bünde wird für eine viel bespielte Gitarre daher früher oder später notwendig sein. Doch wie steht es um die nicht gegriffenen Töne, also um die Leersaiten? Auch die Tonhöhen der Leersaiten müssen in Vielfachen von gleich großen Halbtonschritten relativ zueinander gestimmt werden, ansonsten verlören die exakten Bundpositionen ihre Aufgabe.

Saiten: Ein entscheidender, aber häufig vergessener Faktor für den Erfolg aller Tuning-Arbeiten an einer Gitarre ist der Zustand der verwendeten Saiten. Sind diese bereits längere Zeit in Gebrauch, tun sie oftmals nicht mehr das, was man von ihnen erwartet. Abgelagerter Schmutz und Schweiß, aber auch einfache Materialermüdung wirken sich auf das Schwingungsverhalten aus. Saiten sollten also regelmäßig gewechselt werden, um die Gitarre verlässlich in der gewollten Stimmung halten zu können.

Nickelsaiten besitzen unterschiedliche Längs- und Quersteifigkeiten, die beim Stimmvorgang ebenfalls mit berücksichtigt werden müssen. In der Regel werden neu aufgezogene Saiten erst einmal vorgedehnt, damit sie sich beim endgültigen Hochspannen nicht gleich wieder nach unten verstimmen.

Überdies beginnen Stahlsaiten aufgrund ihrer Quersteifigkeit nicht exakt an den Auflagepunkten mit der Grundschwingung, sondern vielmehr erst ein kleines, aber tonhöhenrelevantes Stückchen von diesen Punkten entfernt. Kompensiert wird diese Materialeigenschaft ebenfalls durch das Verschieben der Saitenreiter am Gitarrensteg einer E-Gitarre, und zwar so lange, bis die am 12. Bund gedrückte Saite den Oktavton (Flageolett am 12. Bund) dieser Leersaite produziert.

Mit dieser Prozedur sollten – theoretisch – auch alle bekannten Tonhöhenfehler beim Niederdrücken von Saiten kompensiert sein. Gemeinhin wird der eben geschilderte Oktavabgleich meistens missverständlich als Einstellen der „Oktavreinheit“ bezeichnet.

Missverständlich deshalb, weil eine Gitarre erst dann oktavrein sein kann, wenn alle auf ihr erzeugbaren Oktaven stets die doppelte Frequenz ihres Grundtons produzieren. Letzteren Zustand könnte man dann als „Bundreinheit“ einer perfekt intonierenden Gitarre bezeichnen. Diese Bundreinheit kann jedoch mit dem Oktavabgleich allein nicht erzielt werden, dafür müsste auch der Sattel an die physikalischen Eigenschaften schwingender Saiten angepasst werden.

Ein weiterer Schritt hin zum Idealzustand der Bundreinheit führt also zu den Eigenschaften eines Gitarrensattels. In aller Regel wird er lediglich als weiterer Bund aufgefasst („Nullter Bund“), was aber nicht gerechtfertigt ist. Erstens befinden sich seine Saitenauflageflächen oft weit über der Höhe der restlichen Bünde, was dazu führt, dass in seiner Nähe gegriffene Töne zu hoch erklingen: Offene Akkorde klingen dann oftmals irgendwie „schräg“ – im Zusammenklang mit den korrekten Tonhöhen der Leersaiten. Der Grund dafür ist, dass die Saiten beim Herunterdrücken stärker gespannt werden als in Sattelferne, da der Abknickwinkel dort größer ist. Dadurch werden die Töne beim Abgreifen übermäßig nach oben verstimmt.

Zweitens sind die Positionen der Sattelauflageflächen in den meisten Fällen unglücklich gewählt, nämlich exakt nach dem theoretischen Modell der gleichschwebend temperierten Stimmung. Dieses Modell kann aber naturgemäß nichts mit den physikalischen Zusammenhängen von Saitenstärken, Saitenlängen und Saitenspannungen anfangen.

Saiten werden ja, wie gerade erwähnt, zwangsläufig beim Niederdrücken zusätzlich über die Standardspannung der Leersaiten hinaus angespannt, was Tonhöhenfehler für sämtliche Bundpositionen – mit Ausnahme des „Nullbunds“ – verursacht. Wenn die unpassende Sattelposition/Sattelhöhe unmodifiziert bleibt, beschränkt sich die Beseitigung dieser Tonhöhenfehler mittels Oktavabgleich lediglich auf den 12. Bund.

In Richtung Steg (vom 12. Bund aus gesehen) werden die Töne dann in der Regel zunehmend tiefer erklingen, als es die Theorie fordert, in Richtung Sattel zunehmend höher. An den ersten ein bis drei Bünden schließlich landet der Gitarrist dann am Kulminationspunkt eines jeden Sattelproblems: Mehrklänge klingen dort auffällig schräg. Wer also seine Gitarre möglichst perfekt intoniert haben möchte, der muss den Mehrklang „Sattel, Bünde, Hals, Saiten, Steg“ irgendwann einem fachmännischen Fein-Tuning unterziehen.

Ein solches Fein-Tuning erfordert auf jeden Fall sowohl die Benutzung von intakten Saiten als auch die Berücksichtigung der Saitenstärken. Auch die Abrichtung der Bünde muss gegebenenfalls in Betracht gezogen werden. Nach erfolgter Anpassung des Gitarrenhalses an die Zugkräfte der verwendeten Saitenstärken wird eine solche Gitarre traditionell am Steg weiter intoniert.

Die Tonhöhen der Leersaiten werden möglichst genau auf die erforderlichen Werte gebracht und dann mit deren Oktavtönen am 12. Bund verglichen. Ist der gegriffene Ton höher als die Oktave des Grundtons, muss der effektiv schwingende Saitenabschnitt durch Verschieben der Saitenauflagepunkte verlängert werden.

Ist der gegriffene Ton tiefer als die Oktave des Grundtons, muss diese Länge reduziert werden. Auch muss nach jeder Änderung der effektiv schwingenden Saitenlänge die Tonhöhe der betreffenden Leersaite wieder auf den gewollten Grundton hin korrigiert werden. Abwechselnd werden also „Oktavton“ und „Grundton“ der Leersaite solange verändert, bis beide Tonhöhen auch wirklich exakt eine Oktave auseinander liegen und dem gewollten Tonwert entsprechen.intonieren-2

Bei diesem Vorgang wird das Verhältnis von Saitenspannung zu Saitenlänge derart eingestellt, dass die Gitarre am 12. Bund oktavrein ist. Die effektiv schwingenden Längen der Leersaiten werden nach diesen Einstellungen auf jeden Fall etwas größer sein, als die Gitarrenmensur es rein theoretisch vorsieht.

Damit ist auch die ungewollte Tonerhöhung durch das Niederdrücken der Saiten am 12. Bund kompensiert worden. Ein Niederdrücken bedeutet ja immer eine unmittelbare Spannungserhöhung der betreffenden Saite, und eine Spannungserhöhung hat zwangsläufig auch eine Tonerhöhung zur Folge.

Die Kompensation dieses störenden physikalischen Sachverhalts ist zwar mit dem geschilderten Oktavabgleich für den 12. Bund erledigt (dort wurden ja gegriffene mit nicht gegriffenen Tönen abgeglichen), wirkt aber nicht notwendigerweise genauso für die restlichen Bünde. Denn diese ungewollten Spannungserhöhungen fallen für verschiedene Bünde unterschiedlich stark aus, da dort deren Abstände zur Saite aufgrund des Saitenverlaufs nicht stets gleich bleiben können.

Betrachtet man den üblichen Saitenverlauf einer Gitarre, so stellt man fest, dass der Saitenabstand zu den Bünden sich in Richtung Gitarrensteg sukzessive vergrößert. Es stimmt zwar, dass die unerwünschten Auswirkungen dieser linearen Abstandszunahme auch immer einen linearen Anstieg der Kompensation (durch die Mensurzugabe, die prozentual in die Länge der effektiv schwingenden Saite mit eingeht) hin zum Steg erfahren, jedoch haben in manchen Fällen diese beiden Linearitäten jeweils unterschiedliche „Steigungen“. In solchen Fällen trifft zu, was oben bereits angedeutet wurde: In Richtung Steg (vom 12. Bund aus gesehen) werden die Töne in der Regel zunehmend tiefer erklingen, als es die Theorie fordert, in Richtung Sattel zunehmend höher.

Machen wir dazu ein Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, die so eingestellte Gitarre hätte einen deplazierten Sattel. Der Sattel sei dergestalt deplaziert, dass er sich viel zu nahe am ersten Bund befindet. Man stelle sich nun vor, wo die Bünde platziert sein müssten, um der gleichschwebend temperierten Stimmung trotzdem Folge zu leisten: Die Bünde müssten um einen gewissen Betrag in Richtung Steg wandern.

Freilich tun sie dies nicht, sondern bleiben um diesen Betrag zu nahe am Sattel. Für die gegriffenen Töne auf diesen Bünden bedeutet dies, dass die effektiv schwingende Saitenlänge länger ist, als die Theorie es erfordert und damit die gegriffenen Töne tiefer als gewollt. Diese Dynamik nimmt in Richtung des 12. Bunds immer mehr ab, denn dort wurden ja – mittels Oktavabgleich – die Mensurzugabe und die erforderliche Saitenspannung so zueinander eingestellt, dass an diesem Bund keine störenden Tonhöhenfehler zwischen gegriffenen Tönen und Leersaiten entstehen. Nach dem 12. Bund in Richtung Steg werden für eine Gitarre mit derart deplaziertem Sattel die gegriffenen Töne dann zunehmend höher erklingen, als die Theorie es fordert.

Der Grund für diese verwirrende Dynamik ist einfach: Der Oktavabgleich bezog sich auf einen falsch platzierten „Bund“ („Nullbund“), nämlich den deplazierten Sattel und soll nun für die restlichen (korrekt gesetzten) Bünde konsistente Töne ermöglichen. Das kann nicht funktionieren. Der Sattel ist eben kein Bund im üblichen Sinne, auf ihm können keine Saiten niedergedrückt werden.

Daher ist auch die traditionelle Positionierung des Sattels mit Hilfe der theoretischen Formeln unglücklich, denn diese Formeln berücksichtigen weder, dass gegriffene Töne eine störende Saitenspannung erzeugen, noch, dass Leersaiten-Töne ja nicht kompensiert werden müssen. In diesem theoretischen Sinn sind alle Sattelpositionen, die den traditionellen Formeln entsprechend gewählt wurden, deplaziert.

Abhilfe kann hier der professionelle Gitarrenbauer schaffen, indem er die Sattelauflagepunkte einiger oder gar aller sechs Saiten – je nach Saitenstärken – etwas in Richtung des ersten Bundes verschiebt. Firmen wie Taylor und PRS machen dies bereits seit Jahren, im Zubehörbereich gibt es den Earvana-Sattel, der den Saiten einstellbare Auflagepunkte bietet.

Eine derart modifizierte Gitarre muss erneut den Oktavabgleich durchlaufen, damit die Modifikationen auch wirksam werden. Sollen schlussendlich auch die geschilderten Probleme, die ein zu hoher Sattel mit sich bringt, beseitigt werden, ist darauf zu achten, dass die neuen Sattelauflageflächen tiefer gewählt werden als beim alten Sattel. Freilich, ohne dabei ein störendes Aufschlagen der schwingenden Saiten auf den Bünden zu riskieren.

>>Mehr Basics rund um deine Gitarre findest du in unserem Gitarren ABC!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: