Über Jazz, seine erste E-Gitarre und seine spezielle Beziehung zu Schlagzeugern

Meistergitarrist und Weltmusiker: John McLaughlin im Interview

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(Bild: Georges Braunschweig)

Am 4. Januar wurde der legendäre britische Gitarrist John McLaughlin 80 Jahre alt. Zunächst mit Miles Davis und dann mit dem 1971 gegründeten Mahavishnu Orchestra legte er den Grundstein für den Jazz Rock, der in den 70er-Jahren einen Siegeszug antrat. Bands wie Return To Forever, Weather Report oder Herbie Hancocks Headhunters eroberten die Charts und waren Headliner großer Festivals. John McLaughlin hängte sich wie Jimmy Page eine rote Gibson SG Double Neck um und drehte seine Marshall-Stacks auf bis zum Anschlag. Aber auch leise, oft rasend schnelle Töne auf diversen Akustikgitarren waren von ihm zu hören. Hier das Interview.

INTERVIEW

John, du hast mit dem Piano angefangen, hattest Unterricht, bevor dir die Gitarre von deinen älteren Brüdern weitergereicht wurde.

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Ja, das stimmt. Meine beiden Brüder gingen schon zur Universität, als in England der Blues-Boom begann. Das war 1952/1953, und mein ältester Bruder kaufte sich eine Gitarre, weil er, wie damals fast jeder, Blues spielen und dazu singen wollte. Er verlor aber schnell die Lust und gab das Instrument meinem anderen Bruder weiter. Dem ging es bald genauso, und schließlich landete die Gitarre bei mir. Und ich verlor bis heute nie die Freude an dem Instrument.

War das eine akustische Gitarre oder schon eine elektrische?

Nein, damals hatte ich noch nicht die geringste Ahnung, was eine elektrische Gitarre ist. Das war 1953! Damals kannte ich nur Mozart und Beethoven auf dem Klavier, und die akustische Gitarre war eine wunderbare neue Erfahrung für mich. Später habe ich dann die elektrische Gitarre entdeckt, als der Rock’n’Roll aufkam.

Du kamst in einem sehr frühen Alter schon mit Flamenco und mit indischer Musik in Kontakt.

Um die Chronologie richtig darzustellen: Am Anfang waren die klassische Musik und das Klavier. Mit der Gitarre trat dann der Mississippi-Blues in mein Leben. Den lernte ich durch meine Brüder kennen, die mich dann auch auf den Flamenco brachten. Da war ich 15, und diese Musik beeindruckte mich tief. Und viele Jahre später erst widerfuhr mir das große Glück, mit Paco De Lucia spielen zu können, den ich sehr vermisse. Mein Interesse an indischer Musik kam später über meine Beschäftigung mit der indischen Philosophie. Und der Begriff der Erleuchtung in der indischen Philosophie ist untrennbar mit der Musik verbunden.

John McLaughlin (rechts) mit Paco de Lucía 1987 (Bild: Edouard Curchod)

Bei uns in der westlichen Kultur ist die Musik säkular und von der Religion getrennt, in der indischen Kultur ist die Musik ein Aspekt der spirituellen Suche. Als ich die indische Musik entdeckte, war ich schon 25 oder 26 Jahre alt. Natürlich hatte ich über die Beatles und George Harrison indische Musik gehört. Ich liebe die Beatles! Noch in den 60er-Jahren hörte ich dann Bismillah Khan, Sundaram Balachander oder Vilayat Khan, unglaubliche indische Musiker. Dann las ich über John Coltranes Beziehung zu Ravi Shankar und zu indischer Musik. Jazz und indische Musik haben die Improvisation gemeinsam.

Wann hast du zum ersten Mal Jazz gehört?

Da war ich 15, und ich verdanke dies meinen Brüdern, die eine Platte von Django Reinhardt in unser Haus brachten. Da spielte auch der Geiger Stéphane Grappeli mit, was mir sehr gefiel, denn meine Mutter war eine Violinistin. Die Kombination von Gitarre und Violine zog mich sofort in ihren Bann. Ich höre noch heute gerne Django Reinhardt, er war ein phänomenaler Gitarrist, radikal und revolutionär! Und bald darauf entdeckte ich Miles Davis, und so nahm mein Leben eine entscheidende Wendung.

Was war das erste Album von Miles, das du gehört hast?

Daran erinnere ich mich gut, das Album war ‚Miles Ahead‘, das 1957 veröffentlicht wurde. Es wurde mit der kleinen Big Band des Komponisten und Arrangeurs Gil Evans aufgenommen. Auf diesem Album ist ein besonderer Track zu hören, ‚Blues for Pablo‘, der Pablo Picasso gewidmet ist. Da hörte ich Miles nicht nur mit seinen Blues-Roots zum ersten Mal, er integrierte auch Elemente spanischer Musik. Pablo Picasso war Spanier, und Miles war hingerissen vom Flamenco. Für mich war das der Beginn der Fusion-Musik, Jazz trat in eine innige Verbindung mit spanischem Flamenco ein. Ich kann dieses Album jedem nur auf das Wärmste empfehlen.

Da gibt es ja auch die Querverbindung zu den französischen Komponisten des Impressionismus, Ravel und Debussy, die ja auch spanische Einflüsse in ihren Kompositionen verarbeiteten.

Absolut richtig! Ravels größter Erfolg war ja sein ‚Bolero‘. Der war ja das Resultat einer Wette mit einem anderen Komponisten. Er wettete, ein über sechs Minuten langes Stück schreiben zu können, das mit nur zwei Themen auskommt. Der Bolero ist ja über fünfzehn Minuten lang, ein unglaublich außergewöhnliches und wunderbares Werk. Aber die Harmonik von Ravel, Debussy, Scriabin und Gabriel Fauré beeinflusste den legendären Jazz-Pianisten Bill Evens zutiefst. Als 1959 dann ein weiteres epochales Miles-Davis-Album, ‚Kind of Blue‘, herauskam hörte ich Bill Evans zum ersten Mal. Der Pianist in mir sank auf die Knie in Ehrfurcht, Bills Touch war unglaublich. Und der französische Impressionismus gab fortan die Richtung in der Harmonik des Jazz vor, und das hat sich bis heute nicht geändert.

1958 hörte ich auf dem Album ‚Milestones‘ zum ersten Mal John Coltrane. Und als der sein berühmtes Quartett mit dem Pianisten McCoy Tyner formierte, gab das einen zweiten entscheidenden Impuls. Beeinflusst von Bela Bartok führte er die Quart-Harmonik im Jazz ein. Und der großartige Hammond-Organist Larry Young war stark von McCoy Tyner beeinflusst. Als ich im Januar 1969 Mitglied in Tony Williams Band wurde, war alleine schon die Erfahrung, mit diesem genialen Schlagzeuger spielen zu dürfen, fantastisch. Dann mit Larry in dieser Band zu sein, der McCoy Tyner in seinem Blut und unter der Haut hatte, gab der klassischen Kombination von Hammond-Orgel und Gitarre eine völlig neue Dimension. Und bald danach lud mich Miles Davis ein, mit ihm zu arbeiten. Ich hatte wahnsinniges Glück, ich war zur rechten Zeit am richtigen Ort. (lacht)

Kommen wir zurück zur Gitarre. Ich bin sicher, du erinnerst dich an deine erste elektrische Gitarre.

Die habe ich selbst gebaut! Ich hatte überhaupt kein Geld. Aber jemand schenkte mir einen Pickup. Ich nahm ein Holzbrett, und ein Gitarrenbauer gab mir einige Tipps. Das Resultat war eigentlich lächerlich, trotzdem wünsche ich mir, dieses Ding wäre noch in meinem Besitz. Und das Ding ließ sich tatsächlich spielen. Aber weil ich auch kein Geld für einen Amp hatte, hörte ich nie, wie es verstärkt klang. (lacht)

Und die erste richtige E-Gitarre war …

… eine Höfner. Das war eine Archtop mit Cutaway. Total aufregend, ich bekam auch noch einen sehr kleinen Verstärker dazu. Zusammen mit Schulfreunden gründeten wir sofort eine Band. Wir lebten in einer Kleinstadt und fragten den Pastor der Kirche, ob wir in seinem Keller proben könnten. Er stellte uns den Raum immer vormittags zur Verfügung, und wir versuchten, Jazz zu spielen. (lacht) Aber schon, diese Musik auszuprobieren und zu versuchen, zu improvisieren, machte uns richtig Spaß. Das war eine tolle Zeit, und ich lernte eine Menge. In dem Moment, in dem du mit anderen Menschen spielst, bemerkst du, wie wenig du eigentlich weißt, und wie viel Arbeit noch vor dir liegt.

‚Inner Mounting Flame‘ war das erste Album, das ich von dir gehört habe. Da war ich noch sehr jung. Und das erste Mal live habe ich dich 1978 gesehen, und da haben wir auch die Verbindung zu deinem neuen Album ‚The Montreux Years‘, das vor kurzem erschienen ist. Auf dem Festival in Ulm waren Genesis der Headliner, Brand X spielte als erstes, und auch Frank Zappa gehörte zum Line-up.

Oh ja, das war mit der One Truth Band. Ich bin darüber sehr glücklich aus zwei Gründen: Erstens haben wir mit dieser Band nie Platten eingespielt, zweitens bestand die Band weiter, allerdings nach einem Jahr mit komplett neuer Rhythm Section. Der Bassist Fernando Saunders und der Schlagzeuger Tony Smith, die ich beide sehr mag, kamen nicht gut miteinander aus. Aber in einer Band brauchst du Harmonie. Fernando spielte später lange bei Lou Reed. Aber das Mahavishnu Orchestra hast du verpasst, nehme ich an, für das warst du zu jung, oder ich liege ich da falsch? (lacht)

John McLaughlin mit dem Mahavishnu Orchestra 1984 (Bild: Edouard Curchod)

Nein, leider! Aber ich habe alle verfügbaren Videos auf YouTube gesehen. Hast du mit der ersten Besetzung des Mahavishnu Orchestra auch in Montreux gespielt?

Ja!

Gibt es davon auch Videos?

Ich glaube schon, aber die wurden 1971 noch in Schwarz-Weiß gefilmt. Ich selbst habe jedoch keine Aufnahmen. Es gibt aber sicher Filme von der zweiten Besetzung der Band mit Jean-Luc Ponty an der Geige und dem Drummer Narada Michael Walden. Ich weiß, dass die Platten-Industrie nicht in der besten Verfassung ist, aber ich hoffe, dass wir ‚The Montreux Years, Vol. 2‘ herausbringen können, weil noch so viel Musik in den Archiven liegt. Ich habe jetzt nicht jedes Jahr auf dem Festival gespielt, aber es waren sicher mehr als 20 Konzerte. Auf dem aktuellen Album ist zum Beispiel kein einziges von Shakti. Mit der Auswahl der Tracks auf dem Album bin ich glücklich, und auch für die Hilfe, die mir dabei zuteilwurde.

Du hast eine ganz spezielle Beziehung zu Schlagzeugern und hast mit den besten gespielt. Rhythmus scheint deine Passion zu sein. Deine rhythmische Artikulation ist glasklar, gerade auch im Zusammenspiel mit anderen Musikern. Es gibt auf deinem Album ‚Electric Guitarist‘ (1979) ein Duo mit Billy Cobham, ‚Phenomenon: Compulsion‘. Da spielt ihr wie aus dem Nichts die unglaublichsten Rhythmen in Unisono.

Zuallererst: Ich liebte den Rhythmus von dem Moment an, in dem ich zum ersten Mal schwarze amerikanische Musik hörte. Das war befreiend. Diese Rhythmen hatten eine Sinnlichkeit, die ich in der klassischen Musik nie gehört hatte. Die gleiche Sinnlichkeit entdeckte ich später auch in der indischen Musik. Und im Jazz entdeckte ich schon sehr früh, dass der Schlagzeuger den Herzschlag einer Band verkörpert. Und wenn ich mit einem Schlagzeuger spiele, muss ich sehr genau wissen, was ich tue, sonst bin ich ihm im Weg. Und das ist das Letzte, was ich will. Ich will ihn stimulieren und ich will natürlich selbst stimuliert werden. Wir alle brauchen das, wenn wir auf die Bühne gehen. Wir gehen nicht auf die Bühne und spielen, was wir schon kennen, wir wollen diese Grenze immer überschreiten. Mit Tony Williams zu spielen, war ein Traum!

Ich habe dann mit vielen großen Drummern gespielt. Als ich aber über die indische Philosophie, wie vorher schon gesagt, die indische Musik entdeckte, erkannte ich: Das sind die wahren Meister des Rhythmus! In ihrer Musik gibt es keine Harmonik, aber der Reichtum ihrer Rhythmen ist so erstaunlich, dass in mir die Erkenntnis reifte, diese zu studieren. 1972 begann ich, Vina (altindisches Saiteninstrument, Anm. d. Verf.) bei Professor Ramanathan an der Wesleyan University zu studieren.

Und 1974 hatte ich das große Glück, Ravi Shankar kennenzulernen. Jedes Mal, wenn er in New York war, rief er mich an, und ich besuchte ihn in seinem Hotel. Und nach einigen Treffen begann er, mich in Konnakol zu unterrichten. Aber er als nordindischer Musiker lehrte mich südindisches Konnakol, er war ein Meister in beiden Schulen. Und schon 1973 hatte ich diese kleine Band, Shakti gegründet, mit Zakir Hussain und dem Geiger L. Shankar, die dann ab 1976 meine Hauptband wurde. Der großartige Ravi Shankar zeigte mir, wie ich für mich selbst Rhythmus studieren und lernen konnte. Und so konnte ich 2008, Jahre später, mit S. Ganesh Vinayakram, dem Sohn von T.H Vinayakram, der zum ersten Line-up von Shakti gehörte, die Lehr-DVD ‚Gateway To Rhythm‘ aufnehmen, mit der man Konnakol lernen kann. Egal ob in indischer Musik, Latin, Flamenco oder im Jazz, wenn du nicht mit dem Schlagzeuger zusammen bist, hast du verloren.


(erschienen in Gitarre & Bass 06/2022)

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich liebe seine Musik seit ich ihn kenne. Das sind bestimmt schon 45 Jahre. Vorgestern in Neuhardenberg konnte ich ihn erstmals sehen. Ich bin wieder neu begeistert.

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  2. Ein wunderbarer Musiker. Zum ersten Mal habe ich ihn bei einem der berühmten Sommer Open Air Events von Fitz Rau 1978 im Ludwigsparkstadion in Saarbrücken erlebt. Nach dem Konzert gab er mir In seinem Wohnwagen ein Interview in dem er ausführlich über seine musikalischen Vorstellungen und seine Laufbahn berichtete, ruhig, gelassen und ganz nahbar. Und dann kam er – es muss ca 2010 gewesen sein – ins Kammgarn in Kaiserslautern, älter geworden , musikalisch mit neuem Konzept, aber unverändert der sympathische, unprätentiöse Typ von nebenan – und an den nahegelegenen Ludwigspark konnte er sich noch gut erinnern.

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  3. Ich habe John McLaughlin jetzt zum ersten Mal in Würselen gesehen und er übertrifft alles, was ich bisher kannte. Ich wünsche mir, er würde noch weitere 80 Jahre leben. Ein unfassbarer und sehr sympathischer Musiker.

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  4. Ich habe das Mahavishnun Orchestra 1 in der längst abgerissenen frankfurter Kongresshalle auf dem Messegelände gesehen. Wahnsinn!

    Es gibt auf Youtube einige Videos aus diser Zeit. Im Vorwort zu einem erwähnt Jochaim-Ernst Berendt, das MO sei zum ersten Mal live in Europa 1972. Also muss mein Konzert auch 72 gewesen sein.

    In 50 Jahren ändert sich die Welt, aber die Erinnerung an das Konzert ist intensiv geblieben. Die Energie, die da von Bühne kam, hatte was von Punk oder Metal, insbesondere die Double Bass von Billy Cobham.

    Bei aller Liebe zu seiner Virtuosität und seinem komplexen musikalischen Formen haben sich im Laufe der Jahrzehnte meine musikalischen Vorlieben ebenso geändert, wie die Namen meiner Idole. Mclaughin gehört definitiv immer noch dazu, auch wenn andere heute höher in meiner Gunst stehen.

    Das erste MO ist und bleibt für mich mit seiner schieren Energie und seinem brutalen Sound – das war live wirklich s e h r laut – meine Lieblingsband unter allen seinen Formationen.

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  5. Das schlechteste Album ist die Aufnahme Love,Devotion & Surrender mit C.Santana.Seine stärkste Zeit ist mit dem Mahavishnu Orchestra.Mein Lieblingsalbum ist Inner Worlds mit dem großartigen Besenarbeiter Narada Michael Walden

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