Meilenstein 1990: The Vaughan Brothers – Family Style

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(Bild: Epic)

James Lawrence „Jimmie“ Vaughan und sein jüngerer Bruder Stevie Ray Vaughan zählen mit zu den bekanntesten Blues-Gitarristen der 80er-und 90er-Jahre. Aufgewachsen in Dallas, ging Jimmie schließlich nach Austin und belebte dort mit verschiedenen Bands die texanische Blues-Szene, bis er schließlich als Lead-Gitarrist der Fabulous Thunderbirds auch international neue Maßstäbe im Blues setzte. Auch Stevie Ray machte den Umweg über Austin, um dann – nach seinem aufsehenerregenden Gastspiel auf David Bowies ,Let‘s Dance‘ (1983) – mit seiner Band Double Trouble abzuheben. Zwischen 1983 und 1985 standen die Alben ,Texas Flood‘, ,Couldn’t Stand The Weather‘ und ,Soul To Soul‘ in den US-Top40.

Stevie wollte schon immer ein Album mit seinem großen Bruder machen, den er in Interviews oft als sein Vorbild bezeichnete. Und endlich ergab sich 1990 die Gelegenheit für das gemeinsame Projekt, das in der Rückschau die Blues-Brüder sehr vielseitig zeigt. Mit einer knackigen Gitarrenmelodie zieht das schnelle ,Hard To Be‘ den Hörer gleich in dieses Album hinein. Der gerade ,Rock’n’Roller‘ wirkt wie eine gezähmte Version von Stevie Rays ,The House Is Rockin’‘ (seines vorherigen Albums ,In Step‘).

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Sehr cool kommt das Instrumental ,D/FW‘, das mit seinem Hauptthema sofort im Ohr hängen bleibt. Zusätzlich verleihen Gitarreneffekte in Richtung Vibrato/Leslie und gegen Ende ein dezentes Delay Schärfe. Wesentlich entspannter kommt das zweite Instrumental ,Hillbillies From Outerspace‘, das Assoziationen an Western Swing bis hin zu Jazz weckt. Tragend ist hier die Steel Guitar von Jimmie Vaughan, die sich fast wie eine Orgel anhört. Dazu begleitet die zweite Gitarre geradezu spartanisch und bricht immer wieder in lässige Solo-Spots aus.

(Bild: Epic)

,Long Way From Home‘ ist ein schneller Rocker, der im ,Scuttle Buttin’‘-Tempo nach vorne jagt. Entsprechend soliert hier Stevie Ray gewohnt virtuos. Die durchdringenden Licks von Jimmie im swingenden ,Good Texan‘ springen den Hörer geradezu an. Im Kontrast dazu steht sein cooler Gesang. Die Ironie des Songs zeigt sich dann vollends im offiziellen Video: Ein guter Texaner kann mit Steaks jonglieren, fährt einen Cadillac mit Longhorn-Rinder-Geweih auf der Motorhaube, und rennt ständig mit Cowboy-Hut, -Boots und freiem Oberkörper herum. Und er hat immer großen Appetit und reitet auf Bullen.

Die zweite Single: Good Texan (Bild: Lee Crum, Don Hunstein)

Ganz anders ist die Stimmung im leichten ,Telephone Song‘. Der starke Funk-Einschlag zeigt die für Stevie Ray typische Rhythmus-Spielweise, wie man sie auch aus seinem Song ,Couldn’t Stand The Weather‘ kennt. Noch mehr Funk gibt’s dann in ,Baboom/ Mama Said‘. Über einem hypnotischen Groove von Drums und Bass entfaltet sich ein feines Lick, bevor im B-Teil eine jazzige Gitarre in einem eher dumpfen Sound einen Kontrast schafft. Dazwischen blitzen schnelle SRV-Soli auf. In beiden Stücken ist sicher der Einfluss von Produzent Nile Rodgers spürbar, der als Gitarrist und Sänger mit seiner Band Chic 70er-Disco/Funk bis hin zum HipHop der 80er nachhaltig geprägt hat. Stevie kannte ihn bereits seit seiner Zusammenarbeit mit David Bowie.

Sicher war Rodgers für die eher glatte Produktion verantwortlich – gerade im Vergleich zu den Alben von Stevie Ray Vaughan und den späteren Soloalben seines Bruders. Dies war damals durchaus ein Kritikpunkt von Fans und Kritikern. Doch aus heutiger Sicht erlebt man hier die beiden Texas-Blueser ohne ihre Stamm-Bands mit neuen Musikern und eben offen wie experimentierfreudig. Doch zwei Dinge blieben unverkennbar: Die unterschiedlichen Sounds und Stile der Vaughan Brothers.

Beeindruckend ist der satte Clean-Sound von Jimmie Vaughan. Den produzierte er auf einer weißen 1958er-Fender-Stratocaster mit Ahorn-Hals, die mit Flatwound-Saiten bestückt ist. Zudem setzte er auch ein Kapodaster ein. Hinzu kamen alte Fender-Bassman- und Super-Reverb-Verstärker.

Stevie Ray Vaughan mit seiner abgerockten Number One (Bild: Epic)

Stevie Ray spielte insgesamt mit mehr Verzerrung. Seine Hauptgitarre nannte er „Number One“, eine abgerockte Sunburst-Stratocaster mit einem Rosewood-Griffbrett. SRV bezeichnetet die Gitarre stets als eine 1959er, da auf den Tonabnehmern diese Jahreszahl handschriftlich vermerkt war. Doch laut Stevies langjährigem Gitarrentechniker Rene Martinez stammt der Body von 1962. Stevie spielte dicke Saiten in den Stärken .013 (oder .014), .015, .019 (plain), .028, .038, .058. Die wurden allesamt um einen Halbton nach unten gestimmt. Auch Stevie favorisierte Fender-Amps wie Vibroverb, Bassman und Twin. Zudem experimentierte er im Studio mit Marshalls und nutzte u. a. einen Ibanez Tube Screamer und ein Vox WahWah.

Die Aufnahmen waren beendet und man plante gemeinsam auf Tour zu gehen. Doch dazu sollte es nicht kommen. Stevie Ray Vaughan starb bei einem Helikopterabsturz am 27. August 1990 in East Troy, Wisconsin. So erschien ,Family Style‘ posthum einen Monat später. Das Album erreichte in den US-Charts Rang 7 und gleich drei Singles knackten die Top 20.

Mit Soul zum kleinen Single-Erfolg: Tick Tock (Bild: Lee Crum, Don Hunstein)

Rückblickend war das Jahr 1990 für Jimmie Vaughan ein Wendepunkt. Er hatte die Fabulous Thunderbirds verlassen, nahm mit seinem Bruder ein wohl lang erwartetes Album auf, der dann kurz darauf aus dem Leben gerissen werden sollte. Jimmie zog sich daraufhin für einige Jahre zurück. In künstlerischer Hinsicht war ,Family Style‘ für ihn eine Weiterentwicklung, denn zum ersten Mal hatte er bei einigen Songs den Lead-Gesang übernommen. Schließlich begann Jimmie Vaughan ab 1994 mit dem Album ,Strange Pleasure‘ seine Solokarriere. Am 20. März feierte er seinen 71. Geburtstag. Letztes Jahr veröffentlichte er mit dem Boxset ,The Jimmie Vaughan Story‘ eine Retrospektive.

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2022)

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