Mr. Rastlos

Mark Tremonti: Die letzte Tour war die längste und erfolgreichste, die wir je mit Alter Bridge gespielt haben

Tremonti
FOTO: Napalm Records

Ruhepausen oder gar Stillstand kennt Mark Tremonti nicht: Kaum hat der amerikanische Gitarrist mit seiner Band Alter Bridge eine weltumspannende Tournee zum Album ‚The Last Hero‘ beendet, schon kehrt er mit seiner aktuellen Soloscheibe ‚A Dying Machine‘ in die Öffentlichkeit zurück. Zwischendurch hat der 44-Jährige mal eben einen neuen PRS Signature Amp konzipiert, genannt ‚MT 15‘ und mit Alter Bridge zwei Shows inklusive Sinfonieorchester in der Londoner Royal Albert Hall auf DVD festgehalten. Nun schickt er sich an, mit seiner Soloband erneut auf Europatournee zu kommen, diesmal im Vorprogramm der Metal-Giganten Iron Maiden.

Wir haben den umtriebigen Musiker kurz vor den Tourvorbereitungen gesprochen, um neben einem zwischenzeitlichen Resümee seiner Karriere auch eine geschäftliche Einschätzung des ‚MT 15‘ einzuholen und – Überraschung! – die Kunde von einem sich in Planung befindlichen 100 Watt starken großen Bruder des kleinen PRS-Brüllaffen zu erhalten. Viel mehr geht nicht!

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Mark Tremonti
FOTO: Mineur

interview

Mark, zunächst einmal: Wie fällt dein Fazit der letzten Alter-Bridge-Tour aus, auf deren Höhepunkt ihr in der Londoner ‚Royal Albert Hall‘ mit einem Sinfonieorchester gespielt habt?

Die letzte Tour war die längste und erfolgreichste, die wir je mit Alter Bridge gespielt haben. Es war zugleich auch die aufwendigste, da wir unterwegs die beiden Shows in London aufzeichnen wollten. Die DVD wird in Kürze erscheinen und begleitend dazu gibt es dann eine Reihe weiterer Shows mit der Band.

Wurden beide Konzerte in der Royal Albert Hall mitgeschnitten?

Ja. Und beide Abende waren gleichermaßen großartig. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht mit einem Orchester zu spielen. Natürlich musste man sich erst an ein paar Neuerungen gewöhnen: Wir haben einige Tonarten geändert, außerdem war der Sound der Band auf der Bühne natürlich ein anderer. Ansonsten: Für mich ist in London ein Traum wahr geworden, denn die Orchesterarrangements hieven das Alter-Bridge-Material auf ein noch höheres Level.

In welcher Hinsicht? Was sind die offenkundigsten Unterschiede zu den Originalversionen? War der Spagat schwierig?

Ehrlich gesagt hatte ich im Vorfeld mit mehr Schwierigkeiten gerechnet, aber die Orchesterarrangements waren so perfekt ausgearbeitet, dass wir uns als Rockband einfach nur noch dranhängen mussten. Die größte Schwierigkeit bestand darin, wirklich durchgehend auf einem so hohen Niveau abzuliefern, dass man möglichst viele Aufnahmen verwenden kann. Denn überall standen Kameras herum, die Tonaufzeichnung lief durchgehend, und gleichzeitig war natürlich auch Publikum in der Halle, das unterhalten werden wollte. Das alles in Einklang zu bringen, setzte eine hohe Konzentrationsfähigkeit voraus.

Gab es zum Zeitpunkt der Londoner Konzerte schon erste Skizzen für dein neues Studioalbum ‚A Dying Machine‘?

Ja, ich habe wie immer sofort nach den Studioaufnahmen zu ‚The Last Hero‘ mit dem Songschreiben für mein Soloalbum begonnen. Ich arbeite generell so, dass ich direkt nach Fertigstellung des einen Albums mit dem Songwriting des folgenden anfange.

Wie und wo schreibst du? Gibt es eine bestimmte Umgebung, eine bestimmte Stimmung, um kreativ sein zu können?

Generell ist es immer besser für mich, in einer positiven Stimmung zu sein, alles andere dagegen ist ziemlich egal. Zuhause komponiere ich nachts, wenn meine Kinder im Bett liegen, unterwegs schreibe ich in der Lounge des Tourbusses, im Hotel, in meiner Garderobe, überall. Sobald ich etwas Zeit finde, setze ich mich hin und komponiere.

Womit fängst du an, mit einer Melodie, einem Riff, einer Textidee?

Immer unterschiedlich. Manchmal habe ich eine Hookline im Ohr, oder ein Riff, ein anderes Mal schwirrt mir irgendeine Melodie im Kopf herum, die ich dann mit der Gitarre umsetze. Ich richte mich immer nach den Dingen, die mich inspirieren, und das können die unterschiedlichsten Sachen sein.

Was hat dich in diesem Fall besonders inspiriert? Worin siehst du Unterschiede zwischen den früheren Alben und der neuen Scheibe?

Nun, obwohl es die gleichen Bandmitglieder wie beim letzten Mal sind, war die Herangehensweise eine völlig andere. Diesmal wollte ich ein Konzeptalbum schreiben und das bedeutet: Man muss Songs nach einer vorgegebenen Story ausrichten, was nicht immer ganz einfach ist. Deshalb haben wir uns eine ziemlich teure Vorproduktion gegönnt, um das Material auf Herz und Nieren zu prüfen.

Mark Tremonti
FOTO: Mineur
Tremontis Gitarrentechniker Jeremy „Frosty“ Frost

Wie bist du auf die Geschichte des Konzepts gekommen?

Ich schrieb den Titelsong ‚A Dying Machine‘ und den Text dazu, dadurch wurde eine Art Lawine losgetreten, die ich nicht wieder stoppen konnte. (lacht) Oder nicht stoppen wollte.

Würdest du die Story als sozialkritisch bezeichnen?

Nun, es geht generell um Menschlichkeit. Und darum, wie wohl die Zukunft unseres Zusammenlebens mit Maschinen und mit künstlicher Intelligenz aussehen könnte. Es geht um die Frage, ob Maschinen irgendwann wohl wie Menschen fühlen können und dann trotzdem von uns nur wie Maschinen behandelt werden. Es geht um Trauer und Verzweiflung, und darum, ob sich dann wohl eine große Traurigkeit auf diese Wesen legen wird.

Zu welchem Ergebnis kommt deine Geschichte? Denkst du positiv an die Zukunft, oder bist du eher skeptisch?

Ich persönlich denke, dass es ein schlimmes Ende nehmen könnte, wenn man diese Fragen nicht allumfassend beantwortet. Meine Geschichte ist zwar keine traurige, trotzdem sieht es für die menschliche Rasse nicht sonderlich gut aus.

Mark Tremonti
FOTO: Mineur
Das Pedalboard der Alter-Bridge-Tour mit T-Rex Octavius, Dunlop Uni-Vibe, Ibanez TS808HW Tube Screamer und Morley Mark Tremonti Power Wah wird auf der Tremonti-Solo-Tour ähnlich bestückt sein

Du zweifelst an den Fähigkeiten der menschlichen Spezies?

Mein feste Überzeugung ist, dass es der menschlichen Rasse vorbestimmt ist, sich selbst zu vernichten. Egal ob die industrielle Revolution, die Erfindung nuklearer Waffen, für mich ist die Menschheit generell auf Zerstörung ausgerichtet.

Weshalb?

Weil die Menschheit immer territorial denkt. Und weil Menschen sich permanent in Konkurrenz zu anderen fühlen. Es gab immer schon schlimme politische Führer, die nichts anderes im Schilde führten, als fremde Länder zu überfallen und dort die Menschen zu unterjochen. Es scheint, dass diese negative Charaktereigenschaft zur menschlichen Natur dazugehört.

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Kommen wir zur Studioproduktion von ‚A Dying Machine‘: Mit welchen Gitarren hast du die Scheibe aufgenommen?

Ausschließlich mit meinen PRS Signature-Gitarren. Insgesamt waren es 14, jeder Song hat eine eigene Gitarre bekommen. Alle Modelle klingen weitestgehend gleich, der Unterschied besteht nur in der Art der jeweiligen Brücke. Für die tieferen Tunings habe ich andere Brücken verwendet als bei Standard-Tunings.

Ist auch dein neuer Signature Amp ‚MT 15‘ zum Einsatz gekommen?

Ja, durchgehend, speziell bei den angezerrten Sounds, allerdings mitunter im Mix mit anderen Verstärkern, wie etwa dem Cornford RK 100. 80% stammen vom ‚MT 15‘, 20% vom Cornford. Bei den cleanen Sounds war es vor allem ein Victory V 40.

Kannst du bitte mal die Entstehungsgeschichte des ‚MT 15‘ erzählen?

Gerne. Wie du weißt bin ich ein absoluter Amp-Fanatiker. Ich sammle Verstärker und besitze mittlerweile eine ansehnliche Stückzahl unterschiedlicher Modelle. Mein großer Wunsch war, einen eigenen Amp zu entwickeln, der die Qualitäten meiner liebsten Amps in sich vereinigt und zwar sowohl hinsichtlich verzerrter als auch cleaner Sounds. Bei den cleanen Sounds ist es der Fender Twin, mit seinem offenen, strahlend-klaren Sound. Er war also die Blaupause für den cleanen Sound des ‚MT 15‘.

Darüber hinaus sollte der Amp aber auch einen etwas dreckigeren Sound bekommen, deshalb gibt es diesen Push/Pull-Poti, mit dem man den cleanen Sound anrauen kann. Für den Gain-Sound des Amps wollte ich unbedingt 6L6-Röhren, die man in anderen kleinen Tops normalerweise nicht findet. Die meisten kleinen Amps besitzen nur kleine Röhren, ich aber wollte unbedingt 6L6-Röhren. Es gibt also zwei 6L6-Tubes und einen deutlich größeren Trafo als in sonstigen kleinen Amps.

Der Sound soll aggressiv und perkussiv zugleich klingen, außerdem soll er sowohl für Rhythmus- als auch für Soloparts, in denen man viel Sustain braucht, geeignet sein. Man findet nur ganz wenige Amps, die sowohl diesen knurrenden Rhythmussound als auch einen vollen, singenden Leadsound besitzen. Und genau deshalb war dies unser Ziel.

Wie lange hat es vom ersten Prototyp bis zum finalen Amp gedauert?

Insgesamt zwei Jahre. Wir fingen im Herbst 2015 an und hatten 2017 das fertige Ergebnis.

Weshalb aber nur ein verhältnismäßig kleiner 15-Watt-Amp, und nicht die für dich übliche 50- oder 100-Watt-Version?

Weil ich mit einem kleinen, bezahlbaren Amp anfangen wollte. Ich habe lange im Internet recherchiert und dabei festgestellt, dass diese kleinen Amps momentan Konjunktur haben. Deshalb habe ich mir überlegt, dass dies der perfekte Einstieg in den Markt sein könnte, nämlich mit einem kleinen bezahlbaren Gerät. Allerdings klingt der ‚MT 15‘ wie ein 50-Watt-Amp. Außerdem arbeiten wir zurzeit an einer 100-Watt-Version. Wir sprechen darüber nur noch nicht öffentlich, um den Fokus nicht vom ‚MT 15‘ wegzunehmen.

Mark Tremonti
FOTO: Mineur
Tremontis neuer Amp: Der MT15 von PRS

Gibt es von der 100-Watt-Version schon einen Prototyp?

Ja, ich habe ihn vor wenigen Wochen zu mir nach Hause bekommen.

Es wird in einigen Monaten also einen PRS ‚MT 100‘ geben?

Nein, in ein paar Monaten auf keinen Fall. So etwas dauert deutlich länger. Außerdem kann es passieren, dass es diesen Amp niemals geben wird, denn er wird nur dann gebaut, wenn er zu 100% meinen Qualitätsvorgaben entspricht.

Wie viele verschiedene Prototypen gibt es, bevor ein solches Gerät in Serie geht?

Vom ‚MT 15‘ habe ich drei Prototypen zu Hause. Es würde sicherlich noch einige mehr geben, wenn ich nicht mehrmals zur Fabrik geflogen wäre und dort meine Änderungswünsche vor Ort erklärt und direkt umgesetzt hätte. Ich war alle paar Monate dort und konnte den Technikern meine Vorstellungen direkt erläutern, anstatt ständig irgendwelche Prototypen hin und her zu schicken.

Die ersten Reaktionen auf den ‚MT 15‘ sind sehr ermutigend, nicht wahr?

Absolut! Sie sind noch besser, als ich persönlich erwartet hätte.

Wirst du den ‚MT 15‘ auch mit auf Tournee nehmen?

Ich denke, dass der ‚MT 15‘ völlig ausreichend ist, wenn man in Bars oder kleinen Clubs spielt. Aber für mich selbst muss es ein 100-Watt-Amp sein, denn ich spiele nicht mit In-Ear-Monitoring. Für Musiker, die auf In-Ear schwören, ist der ‚MT 15‘ perfekt. Ich jedoch brauche für die Bühne einen 100-Watt-Amp, habe den ‚MT 15‘ aber immer in meiner Garderobe stehen.

Welche Effekte hast du im Studio für ‚A Dying Maschine‘ verwendet? Hast du sie direkt mit eingespielt oder wurden sie nachträglich hinzugefügt?

Ich spiele die Parts grundsätzlich ohne Effekte ein. Beim Einspielen gab es nur zwei Sounds: mit Gain und clean. Die Effekte wurden von meinem Toningenieur anschließend hinzugefügt. Vieles basiert auf den Sounds des Micro POG, hinzu kommen einige Fuzzy-Effekte, und es gibt ein neues großartiges Univibe, das ich eingesetzt habe. Insgesamt gingen wir aber vergleichsweise vorsichtig mit Effekten um. Das Meiste stammt wirklich aus dem Micro POG.

Vielen Dank für das Gespräch, ich drücke dir für den ‚MT 100‘ die Daumen!

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(erschienen in Gitarre & Bass 07/2018)

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