Ich verlasse mich auf mein Gespür

Mark Knopfler: Ich bin der Albtraum jedes Gitarrenlehrers

Mark Knopfler nahm nie Unterricht, sondern studierte lieber aktuelle Songs aus Rock ’n’ Roll und R’n’B. Vor allem von Shadows, Elvis, Rick Nelson und den Everly Brothers. 

Youtube Screenshot Mark

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Stimmt es, dass du nie Gitarrenunterricht hattest?

Das stimmt, was aber nicht heißt, dass ich keinen gebrauchen könnte. Und das würde mir wohl jeder Gitarrist bestätigen. Ich weiß nicht, ob du das nachvollziehen kannst, aber es ist mir schon peinlich. Kannst du dir vorstellen, wie es ist, mit jemandem wie Chet Atkins zu spielen und zu erkennen, wie dilettantisch man doch ist? Das ist eine fürchterliche Erfahrung, die deinem Ego einen ziemlichen Knacks versetzt.

Aber ich sage mir dann, dass ich immer weiter machen und auch mal zu einem Buch greifen muss, um wirklich etwas zu lernen. Vielleicht wäre es aber auch toll, einfach nur jemanden zu finden, der mir etwas beibringt. Eben so etwas, wie einen privaten Trainer, der zu bestimmten Zeiten an meine Haustür klopft und mich regelrecht zwingt, etwas gegen mein kleines Problem zu machen.

Also dieselbe Methode, der sich auch Telecaster-Legende Roy Buchanan bediente – er engagierte ein paar Studenten, die ihm das Notenlesen beibrachten.

Das wäre das Größte – zweifellos … Ich habe mich immer so durchgemogelt. Und der einzige Grund, warum ich als Linkshänder wie ein Rechtshänder spiele, basiert eben darauf, dass ich als Kind von meiner großen Schwester gesagt bekam: „Hier Kleiner, du musst das so rum halten und so spielen!“ Das war vollkommen OK – bis meine Eltern auf die Schnappsidee kamen, ich sollte doch Violine lernen. Was für ein Drama! Nicht, weil ich keinen Ton aus dem Ding rausbekommen hätte, aber ich habe mich einfach geweigert, die Musik als solche zu lernen.

Dasselbe dann als ich Klavierunterricht bekam: Das ging nur so lange gut, bis die Theorie anstand – dann war die Sache gelaufen. Glaub mir: Ich habe wirklich alles nach Gehör gespielt. Und so mache ich es bis heute – selbst bei orchestralen Soundtracks und Arrangements. Das funktioniert immer – du nimmst es eben irgendwie auf. Klar ist das Selbstbetrug. Aber das habe ich erst erkannt, als ich plötzlich in einem New Yorker Studio saß und Session-Tracks für Steely Dan aufnehmen sollte.


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Ich war völlig hilflos – bis mir ein Gitarrenlehrer zeigte, was ich zu tun hatte. Und genau so funktioniert das bei mir: Ich kenne zwar kaum Fachbegriffe, weiß aber sehr wohl, was gemeint ist und wie ich es spielen soll. Eben so, als wenn du eine Sprache nur bruchstückhaft beherrschst, aber trotzdem irgendwie zurechtkommst. Wenn ich zum Beispiel irgendeine Note spielen soll, dann erkenne ich am Klang, ob sie richtig oder falsch ist.

Das mag sehr amateurhaft sein und mit Sicherheit werden jetzt einige Gitarrenlehrer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und denken: „Oh, mein Gott!“ Aber mir reicht es – ich verlasse mich auf mein Gespür. Und bis zu einem gewissen, bescheidenen Grad kann ich eine Akkordfolge auch vom Blatt spielen, zumindest so lange sie simpel und übersichtlich ist und aufeinander aufbaut. Also ganz einfache Folgen, wobei ich an der Tonart merke, wo ich auf dem Griffbrett hin muss und welche Akkorde es sein könnten. Und wenn es darum geht, die Tonart schnellstmöglich zu wechseln, dann markieren ich mir das mit kleinen Zeichen und Symbolen. So lange ich die habe, kann ich auch kompliziertere Sachen spielen. Und zwar völlig ohne Notierung.

Vor Jahren hat jemand bei einer Benefiz-Versteigerung 35.000 Pfund bezahlt, um von dir eine halbe Stunde Gitarrenunterricht zu bekommen. Wäre das nicht Grund, sich ganz aufs Unterrichten zu verlegen?

(lacht) Unter solchen Bedingungen schon – natürlich! Da würde ich nur noch Gitarren-Stunden geben. Aber das war eine einmalige Sache für einen guten Zweck, und irgendein Verrückter hat tatsächlich so viel Geld hingelegt. Was natürlich eine noble Geste ist, und der Aktion wirklich hilft. Aber jetzt muss ich tatsächlich den Lehrer spielen. Und warum jemand ausgerechnet bei mir Unterricht nehmen will, kann ich mir nicht erklären. Schließlich bin ich der Albtraum jedes Gitarrenlehrers. (lacht)

7 Kommentare zu “Mark Knopfler: Ich bin der Albtraum jedes Gitarrenlehrers”
  1. Eugen Eliu

    Presumably SULTANS OF SWING (and many others) could only be created like that. Thanks, Mark Knopfler!

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  2. Thomas Szejnmann

    Das ist das Schöne bei Rock und auch bei Folk – die Persönlichkeit zählt. Bei Jazz und besonders bei Klassik hört man die Schule in der einer gelernt hat – und nicht seine eigene Persönlichkeit. Und die Idiotie ist dass das dann auch zählt und bezahlt wird.

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  3. Michael Nölle

    Wieso Amateurhaft und unbedingt Noten lernen ? Bei blinden Musikern ist das ganz normal !!! Und davon gibt es doch genügend erstklssige Musiker ! Oder ?

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  4. Rolf Gückel

    Django Reinhardt hatte von Noten / Musiktheorie null Ahnung. Ihm war es egal, ob das jetzt As-Dur oder phrygisch, lydisch oder trallala war. Allerdings war er auch ein Genie. Für uns Sterbliche gelten andere Regeln, z. B. die vom Schweiß und Preis, oder No pain, No gain oder ganz einfach das GIGO-Prinzip: Garbage In, Garbage Out.
    Es gibt eine Zeit, da ist Technik wichtig und es gibt eine Zeit, wo man sie vergessen sollte.

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  5. Martin Schlu

    Ich kann ganz gut Noten vom Blatt – was manchmal sehr entspannend ist – und ich habe Hochachtung vor den Leuten, die 500 Stücke (oder mehr) im Kopf haben und auf Zuruf spielen können. Das könnte ich nie. Es ist aber schön, wenn man auc nach Gehör spielen kann und vorher merkt, was die anderen spielen werden. Beides ist wichtig.

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