Laid Black

Marcus Miller im Interview

Marcus Miller
(Bild: Thierry Dubuc)

Marcus Miller ist unbestritten einer der wichtigsten und bekanntesten E-Bassisten unserer Zeit. Seit den späten 70er-Jahren spielte er unzählige Recording Sessions in New York. Später war er als Produzent und Komponist für prominente Bandleader wie Luther Vandross und David Sanborn aktiv, und seine Arbeit für den legendären Jazztrompeter Miles Davis machte ihn endgültig zum Weltstar. 1993 startete er mit seinem Album ‚The Sun Don’t Lie‘ die eigene fulminante Karriere als Bandleader. Am 1. Juni erschien mit ‚Laid Black‘ sein neues Solo-Album. Grund genug für ein ausführliches Gespräch mit dem Meister der tiefen Töne.

interview

Marcus, beim Albumtitel ‚Laid Black‘ handelt es sich um ein Wortspiel, oder?

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Klar, die Assoziation mit dem Begriff „laid back“ ist offensichtlich. Dieser stammt aus der US-Musiktradition, und die ist wesentlich geprägt durch Blues, Jazz, R&B und HipHop. Ich wollte mit dem Titel daran erinnern, dass die schwarze Musik das Fundament gelegt hat.

Viele deiner Songs wie ‚Trip Trap‘ sind in einem langsamen Tempo gehalten.

Ja, das HipHop-Genre Trap ist in den USA sehr populär und hat mich stark beeinflusst. Die Tempi sind oft ziemlich langsam, und die Subdivisions können dann entsprechend komplex ausfallen. Und das eröffnet mir natürlich am Bass, und generell viel mehr rhythmische Möglichkeiten.

‚Que Sera Sera‘ wolltest du eigentlich gar nicht einspielen, aber deine Frau Brenda hat dich dazu überredet.

Doris Day nahm den Song in den 50er-Jahren auf. Sly Stone spielte dann 1973 seine eigene Version ein. Mit der Sängerin Selah Sue habe ich in letzter Zeit öfter gearbeitet. Sie kann singen wie Janis Joplin. Unsere Version von ‚Que Sera Sera‘ ist zunächst lieblich und luftig, aber im Chorus gibt Selah richtig Vollgas. Sie hat diesen rauen R&B-Sound, auf den ich so stehe. Ich bin sehr glücklich mit dem Resultat.

‚Untamed‘ hast du ja zusammen mit Musikern von Peculiar 3 geschrieben. Kannst du uns etwas über die Entstehung des Songs erzählen?

Brett Williams ist der Keyboarder in meiner Band. Ich fragte ihn nach einem Song, der richtig modern und zeitgenössisch sein sollte. Dann komponierte Brett mit Charles Haynes und Mitch Henry den Song. Ich hörte mir den Track an, schrieb die Melodie dazu, und wir arbeiteten das Ganze aus. ,Untamed’ gefällt mir so gut, dass er als erste Single des Albums ausgekoppelt wurde.

Mit welchem Fretless-Bass hast du das Solo zu ‚Untamed‘ eingespielt?

Ich suchte nach einem Bass, der sich in diesem Mix durchsetzt und habe dann einen Mayones-Fünfsaiter mit tiefer H-Saite gespielt.

Marcus Mill Album Cover

Hast du auch einen alten Fender Fretless Jazz Bass, oder spielst du lieber andere Bässe?

Ich liebe Fender Fretless Bässe, aber seit 1984 besitze ich einen Fodera Fretless, den ich auch bei Miles Davis gespielt habe. Außerdem kommt bei mir auch häufig ein Sire Fretless zum Einsatz.

Wie nimmst du deine Bässe im Studio auf?

Bis vor drei Jahren ging ich einfach direkt ins Pult, wie ich es seit meiner Zeit als Studiomusiker in New York gewöhnt war. Das ist so herrlich einfach. Mittlerweile experimentiere ich gerne mit Re-Amping und habe bei ‚Que Sera Sera‘, ‚Trip Trap‘ und anderen Songs Amps dazugemischt.

1981 hast du mit Bill Withers ‚Just The Two Of Us‘ eingespielt. Ungefähr zur gleichen Zeit begann die MIDI-Revolution. Sequenzer eroberten die Musik-Produktion, was drastische Auswirkungen hatte. Wie hast du diese Veränderung erlebt?

Synthesizer und Sequenzer sind auch nur Instrumente, manche wissen damit umzugehen, andere verstecken hinter ihnen die Tatsache, dass es in ihrer Musik eigentlich nichts Interessantes zu entdecken gibt. Aber das muss nicht so sein, es gab Anfang der 80er-Jahre die Band The System und ich fand es fantastisch, wie die mit Sequencing Musik gemacht haben.

MIDI-Sequencer setzten auch einen neuen Standard in Sachen Time. Heute wird sehr oft erwartet, dass man problemlos zum Click spielen kann. Was hältst du von dieser Entwicklung?

Ich erinnere mich gut an die Zeit in den 70er-Jahren, wo es wirklich fast unmöglich war, einen Schlagzeuger zu finden, der gut zum Click-Track spielen konnte. Und die wenigen, die das konnten, etwa Steve Gadd und Steve Ferrone, wurden gebucht ohne Ende. Heute spielt fast jeder Drummer mit Click. Es gibt sich auch keiner mehr die Mühe, das zu verstecken, jeder hat Kopfhörer auf, um synchron zu Pro Tools, Keyboards und was auch immer zu spielen. Der Click ist also für die meisten kein echtes Problem mehr.

Manchmal fehlt mir das Spannende, wenn ein Song in seinem Verlauf schneller wird, was ja durchaus vorkommt, wenn man Spaß hat. Wenn du eine alte Fusion-Aufnahme auf den Plattenteller legst und am Ende die Nadel hochhebst und wieder auf den Anfang setzt, merkst du gleich, um wie viel die Band schneller geworden ist. Aber davon mal ganz abgesehen: Große Musiker können Energie erzeugen bei jedem Tempo, ob mit oder ohne Click.

sire basses

Marcus, du hättest wahrscheinlich zu jedem Bass-Hersteller der Welt gehen und dir deinen Traumbass bauen lassen können. Und viele Bassisten hätten wahrscheinlich jeden Preis gezahlt, um so einen Signature-Bass von dir zu kaufen. Du bist einen anderen Weg gegangen.

Dazu muss ich sagen, dass ich überhaupt nicht auf der Suche nach einem Traumbass war, denn den habe ich ja schon und bin völlig glücklich damit, seit ich ihn mit 17 gekauft habe. Aber Sire kam auf mich zu und sagte zu mir: Pass mal auf, wir sind völlig überzeugt davon, dass wir einen Bass bauen können, der deinem Fender-Signature-Bass qualitätsmäßig ebenbürtig ist, aber für viel weniger Geld.

Und ich wollte sicherstellen, dass wieder mehr junge Menschen Musiker werden. Heute gibt es mit Videospielen, Computern und Smartphones so viel Konkurrenz, wenn es darum geht, Jugendliche für etwas zu begeistern. Ich habe mir ernsthaft Sorgen gemacht, dass die Musik in diesem Wettbewerb den Kürzeren zieht, und deshalb wollte ich gute Instrumente auf dem Markt sehen, die sich jeder leisten kann.

Im Vergleich zu hochpreisigen Instrumenten sind 500 bis 600 Dollar nicht viel, vor allem wenn man weiß, dass die Qualität super ist. Und das Projekt ging durch die Decke, kann ich dir sagen. Nicht nur junge Menschen kaufen diese Instrumente, auch Profimusiker holen sich manchmal sogar gleich zwei dieser Bässe. Wir werden bald mit neuen Modellen für Einsteiger auf den Markt gehen, die noch deutlich billiger sein werden. Ganz ehrlich, ich hätte nicht geglaubt, dass die Bässe dermaßen erfolgreich sein würden.

Marcus Miller
Sire Marcus Miller Five String Fretless Bass

Aber dein Fender Jazz Bass ist immer noch deine erste Wahl?

Ja, klar, wie schon gesagt, ich spiele dieses Instrument seit meinem siebzehnten Lebensjahr. Ich spiele auch einen bundierten und einen Fretless-Sire, aber der Sound, für den ich bekannt bin, kommt von meinem Fender! Der wurde 1977 gebaut, und wenn du heute einen neuen Jazz Bass oder Sire-Bass kaufst, klingt der zwar nicht genau wie meiner, aber du kriegst einen super Sound. Das hängt von deinem Budget ab und natürlich auch davon, was du machen willst.

Marcus Miller
Der legendäre Fender Jazz Bass von 1977

markbass

Marcus, mit Markbass ist es ähnlich wie mit den Sire-Bässen. Die Amps sind auch nicht teuer. Was war dein Motiv, die Firma zu endorsen?

Marco (de Virgiliis, Gründer und Chef von Mark Bass, Anm. d. Verf.) rief mich an. Ich hatte in einem Artikel schon vor längerer Zeit gelesen, dass er Amps bauen will, die exakt den Sound reproduzieren, den du im Studio hast. Das war sein Motiv, überhaupt in dieses Business einzusteigen. Ich sagte ihm, dass ich die Markbass Amps nicht so mag, weil sie mit ihren Mitten zwar richtig gut für Fusion-Bassisten sind, aber mir fehlten die tiefen Bässe und die brillanten Höhen. Ich wollte einen Amp, der das volle Frequenz-Spektrum wiedergibt.

Marcus Miller
Marcus Miller Rig beim Gig am 11. Juni in San Fransciso. Erstaunlicherweise spielt er hier nicht seinen Signature-Amp sondern Mark Bass Little Mark 800 Tops. Vielleicht hatte der örtliche Backline-Verleiher nur die in seinem Bestand. Rechts oben sieht man eine Avalon DI-Box.

Marco erwiderte, so einen Amp könne er mir bauen, und lud mich nach Italien in seine Fabrik ein. Ich war sehr angetan und sagte ihm, meine Vorstellungen wären ähnlich wie bei den Sire-Bässen: Super Qualität zu einem erschwinglichen Preis. Und als der Prototyp fertig war, sagte ich ihm: Niemand, den ich kenne, weiß, was die beiden Regler „VLE“ und „VPF“ eigentlich bewirken. Da erklärte er mir, dass „VLE“ die Höhen beschneidet und den Amp mehr klingen lässt wie einen aus den 50er-Jahren. Ich schlug ihm vor, den Regler einfach in „Old School“ umzubenennen, damit die Leute wissen, was er bewirkt. „VPF“ macht das glatte Gegenteil, hier werden die Bässe und Höhen durch eine Absenkung der Mitten gefeatured. Marco merkte dazu an: Der Regler lässt passive Bässe ähnlich klingen wie bei deinem aktiven Fender Jazz Bass. Er schlug vor, den Regler in „Millerizer“ umzutaufen, und ich war sicher, das würde gut ankommen, und gab mein OK. Dann haben wir noch die Einsatzfrequenzen der Klangregelung an meine Wünsche angepasst.


Marcus’ Techniker zu den Pedalen: Hier sind alle Pedale, die Marcus aktuell spielt. Wir benutzen kein Pedalboard mehr, da jede Show leicht unterschiedlich ist. Das heißt, dass die Pedale in unterschiedlicher Reihenfolge geschaltet werden, je nach Position seines Mikrofons. Das bedeutet ein wenig mehr Arbeit, aber so ist Marcus flexibler, und es macht das Reisen leichter. Auf den Fotos sieht man auch die Einstellungen der Pedale.

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(erschienen in Gitarre & Bass 08/2018)

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