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Robert Cray Special
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Im Interview

Marcus King: Fluchtpunkt Nashville

(Bild: Alysse Gafkjen)

Nach drei Alben mit der Marcus King Band wagt das einstige Wunderkind des Southern Rock einen Alleingang, der einem musikalischen Ausfallschritt gleicht: Auf ‚El Dorado‘ versucht sich der 23-jährige Sänger & Gitarrist an Soul, klassischem Orchester-Pop und einem Hauch von Country …

Der Mann ist busy. So busy, dass er keine Zeit zum Telefonieren hat bzw. den Gesprächstermin vor seinem Auftritt im malerischen City Auditorium von Macon, Georgia, gleich mehrfach verschiebt. Es hätte halt etwas länger mit dem Soundcheck gedauert, sagt er. Und der sei ihm heilig – gerade in einem historischen Konzertsaal von 1925, in den über 2600 Zuhörer passen und der an diesem Abend, kurz vor Jahresende, restlos ausverkauft ist.

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Dabei ist Kings erstes Solo-Album ‚El Dorado‘ zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht erschienen – ein Indiz dafür, wie populär der Gitarrist inzwischen ist. Der Mann aus Greenville, South Carolina, hat sich in der letzten Dekade in die erste Liga des amerikanischen Roots-Rock gespielt und genießt ein erstklassiges Standing. Das dürfte er mit ‚El Dorado‘ noch untermauern. Die zwölf Songs sind entstanden mit Dan Auerbach, der als Produzent und Co-Songwriter fungierte, Studio-Cracks wie den berühmten Memphis Boys (Bobby Woods, Gene „Bubba“ Chrisman), aber auch mit Paul Overstreet (27 Top-Ten-Country-Hits) und Ronnie Bowman (Lonesome River Band).

Sie alle haben Marcus King dabei geholfen, einen Alleingang vorzulegen, der ganz anders ist als das, was man bislang von ihm kennt. Anfang März war King auf Deutschland-Tour, seltsamerweise wieder mit der Marcus King Band, mit der er bereits das nächste Album plant. Aber das erzählt uns Marcus am besten selbst…

Was hat dich veranlasst, nach drei Band-Alben ein Solo-Werk in Angriff zu nehmen – und was ist es, das du scheinbar nur alleine, aber nicht mit deiner Stammformation machen kannst?

Na ja, es ist wichtig, auch mal etwas anderes zu machen und mit der eigenen Routine zu brechen – egal, in welcher Band man spielt. Man muss Dinge tun, die aufregend und spannend sind. Die dafür sorgen, dass ein frischer Wind weht.

Also der Ausfallschritt als Frischzellenkur?

Ja, er sorgt dafür, dass die Chemie, die wir schon immer hatten, neu belebt wird. Und ich vergleiche das gerne mit Gregg Allman – jemand, den ich sehr bewundere. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs mit den Allmans hat er 1974 ‚Laid Back‘ aufgenommen, sein erstes Solo-Werk. Anschließend ist er einfach zur Band zurückgekehrt. Und bei mir ist es ähnlich – es geht darum, mal etwas anderes mit anderen Musikern zu machen. Das ist wichtig, um die Kreativität am Laufen zu halten.

Jetzt, da du zum ersten Mal mit externen Musikern gearbeitet hast, existiert da so etwas wie eine Wunschliste an Leuten, mit denen du in Zukunft gerne arbeiten bzw. dein zweites Solo-Album aufnehmen würdest?

Aber sicher! Mein Traum wäre David Crosby oder Neil Young. Ich würde auch wahnsinnig gerne etwas mit Chris Stapleton machen, mit dem ich 2019 einige Shows bestritten habe – und auch 2020 eine Tour unternehmen werde. Ansonsten ist da noch Brittany Howard, die ich ebenfalls sehr interessant finde. Da könnte ich mir durchaus eine Zusammenarbeit vorstellen. Wir werden sehen, was passiert.

Dein Hauptinstrument ist eine Gibson 345 von 1962, die du von deinem Großvater geerbt hast. Verwendest du sie nur im Studio oder auch auf der Bühne?

Das Original bleibt zu Hause, das nehme ich nicht mit auf Tournee. Und Gibson war so nett, mir ein Signature-Modell anzubieten, das in diesem Jahr auf den Markt kommt. Ein exakter Nachbau meiner 62er – bis ins letzte Detail. Den verwende ich auf der Bühne, aber nicht die echte Big Red, wie ich sie nenne. In den letzten Jahren habe ich eine Menge neuer Gitarren verwendet, die alt aussehen, sich auch alt anfühlen und eine Menge sentimentalen Wert besitzen, aber eben nicht so viel wie die Big Red. Die ist so etwas wie ein Familienmitglied. Und live spiele ich gelegentlich noch eine Tele, eine Les Paul oder eine Strat.

Das klingt, als hättest du einiges zur Auswahl – spricht da der Sammler in dir?

Ich habe eine ständig wachsende Sammlung. Meine erste Telecaster aus den Mittsechzigern habe ich übriges in Frankfurt gekauft. Ich liebe diese Gitarre. Und ich trage immer mehr Instrumente aus allen Teilen der Welt zusammen. Das Problem ist nur, dass ich nicht gut darin bin, mich auch wieder von Sachen zu trennen. Eine alte Musikerkrankheit.

Marcus im Studio mit Dan Auerbach (The Black Keys) (Bild: Alysse Gafkjen)

Wie denkst du über die neuen Gibson-Gitarren, die die Firma nach der Insolvenz und der Rückbesinnung auf ihr Kerngeschäft baut?

Man muss sich nur die Eric Clapton Firebird vor Augen führen, die sie gerade veröffentlicht haben – eine umwerfende Gitarre. Und wirklich eine für Gitarristen. Sie macht der Marke alle Ehre – in Bezug auf handgemachte Gitarren und nichts anderes. Gibson hat sich in den letzten Jahren in diesem ganzen Merchandise- und Zubehörquatsch verloren, den wirklich niemand brauchte. Ich bin froh, dass sie diese Krise überwunden haben. Nicht zuletzt, weil ich sehr gerne mit ihnen arbeite.

Wie steht es um den Ladenpreis deiner Signature-Gitarre? Wie teuer wird sie sein?

Unglücklicherweise dürfte sie ziemlich teuer werden. Einfach, weil da sehr viel Liebe zum Detail im Spiel ist und sie wahnsinnig viel Zeit in dieses Instrument investiert haben. Ich habe ebenfalls meinen Teil dazu beigetragen: Ich war sehr wählerisch, denn ich wollte, dass diese Replika dem Original so nahekommt wie eben möglich. Insofern ist es ein bisschen teurer ausgefallen als ich mir das erhofft hatte. Aber mir war es halt wichtig, dass es ein Modell für Gitarristen ist.

Trotzdem will ich, dass sie sich möglichst jeder leisten und genießen kann, was wohl ein Spagat ist, der nicht wirklich funktioniert. Zumindest anfangs wird es ein sehr teures Instrument sein. Aber in der Zukunft wird es hoffentlich auch erschwinglichere Ausführungen geben. Das ist mein Ziel: Ich möchte, dass die Leute damit dieselben tollen Sounds erzielen, wie ich – ohne irgendjemanden in den Ruin zu treiben.

Ein Gitarrist mit unglaublichem Feeling: Marcus Kings Musik ist immer ein intensives Erlebnis. (Bild: Alysse Gafkjen)

Gibst du deinen Instrumenten eigentlich Namen? Sind sie für dich wie Freunde oder Freundinnen?

Klar, gebe ich ihnen Namen. Meine SG heißt zum Beispiel Foxy Brown, meine ES-345 ist die Big Red und meine Telecaster habe ich Mrs. Butterworth getauft.

Wie hat sich dein Spiel über die Jahre entwickelt – welche Veränderungen kannst du feststellen, und sei es nur, weil du permanent live performst?

Ich würde sagen, dass sich mein Spiel auf eine Art verändert hat, die mir einfach ein bisschen mehr Raum zum Atmen gibt – und ein bisschen mehr Zeit, um zu hören, was alle anderen um mich herum machen. Das ist etwas, das ich ganz bewusst vorantreibe. Es ist der Ort, an dem ich als Spieler sein will und der mir mehr Kontrolle, aber auch mehr Freiheit gewährt: Ich habe wirklich alles im Griff und kann es selbst mehr genießen. Das geht zurück zu dem, worüber wir gerade gesprochen haben – nämlich dass die Reise wichtiger als das Ziel ist. Also die Art, wie man die Reise bestreitet, wie man sie angeht und was man dabei alles lernen kann.

Das ist die Art, wie ich über mein Spiel denke und hoffentlich entwickelt es sich immer weiter. Das ist mir wichtig. Ich weiß, dass man seine Kunst nie perfektioniert, dass es eine endlose Geschichte ist. Jeder, der behauptet, er würde sein Instrument perfekt beherrschen, der lügt. Und das ist niemand, mit dem ich mich umgeben möchte. Denn was würde mir das bringen? Wenn man denkt, man kann alles, dann entwickelt man sich nicht weiter. Was für mich keine reizvolle Idee darstellt.

Ich habe definitiv noch einen langen Weg vor mir. Und den möchte ich genießen – gerade, weil das viele meiner Helden nicht konnten. Sie haben diese Welt viel zu früh verlassen und zwar ungefähr in dem Alter, in dem ich mich jetzt befinde. Das ist etwas, das viele Leute übersehen: Ich bin genauso alt wie meine Helden, als sie die Musikwelt auf den Kopf stellten. Das heißt nicht, dass ich mich mit ihnen vergleiche, sondern dass ich in einer wichtigen Phase meiner Karriere bin – nämlich an dem Punkt, an dem ich Spuren hinterlassen muss. Daran arbeite ich.

All deine Helden sind in der Zeit gefangen, in der sie starben. Es wäre sehr interessant zu hören, wie Hendrix mit 60 oder 70 geklungen hätte.

Ganz genau. Er war jemand, der sein Spiel permanent verbessert hat. Und für mich ist es kaum vorstellbar, wie er wohl als 60- oder 70-Jähriger geklungen hätte. Oder auch Stevie Ray Vaughan – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Es ist tragisch, dass sie alle so früh abgetreten sind und nie die Möglichkeit hatten, einfach weiter zu machen und noch mehr Stufen auf der Entwicklungsleiter zu nehmen. Das ist tragisch.

Neben Marcus King gibt es auf der neuen Platte jede Menge Gastmusiker zu hören. Hier zu sehen: Russ Pahl und Dan Auerbach (Bild: Alysse Gafkjen)

Themenwechsel: Wie steht es mit Amps und Effekten – was verwendest du da?

Diverse Orange-Verstärker und einen alten Fender Super Reverb. Das ist mein StandardRig. Es sind 2×12“-Cabinets mit Vintage30-Speakern. Außerdem habe ich einen Amp, den ich mit den Leuten von Orange designt habe. Er basiert auf einem 606 mit einem 50-Watt-Stromkreis. Er hat drei Knöpfe, ist also ganz simpel angelegt, aber sehr laut und sehr kraftvoll. Er erledigt den Job ohne jeden Nonsens. Das gilt auch für den Fender Super Reverb. Den verbinde ich mit dem Orange, und ich verwende ein Tru-Fi-Fuzz-Pedal, das eine Firma in Maine baut. Dazu einen Way Huge Phaser, einen MXR Phaser, ein Fulltone Univibe und ein Cry Baby Wah. Das ist alles … bis jetzt.

Um zum Ende zu kommen: Warum hast du im März nur drei Deutschlandkonzerte gespielt? Liegt es an deinen vielen Verpflichtungen oder willst du – wie angedeutet – möglichst schnell wieder ins Studio?

Es ist eine Kombination. Normalerweise gehe ich beim Touren so vor, dass ich überall spiele, wo man uns hören will. Was auch bedeutet, dass ich an vielen kleinen Orten auftrete. Leider hatten wir in der Vergangenheit oft mit schlechten Ankündigungen und viel zu geringer Werbung für die Auftritte zu kämpfen – gerade in Deutschland. Was bedeutete, dass etliche davon nicht sonderlich gut besucht waren. Ganz im Gegensatz zu den Gigs in den Großstädten, die viel besser liefen.

Und bei dieser Tour, die sehr kurz war, versuchten wir eben viele unterschiedliche Märkte binnen kürzester Zeit zu bedienen. Was auch bedeutete, dass wir uns erst einmal auf die großen europäischen Metropolen beschränkten. Aber keine Sorge: Wir kommen bald zurück und treten dann auch in ländlichen Gebieten auf – versprochen.

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2020)

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