Der musikalische Widerstand

Manic Street Preachers: James Dean Bradfield im Interview

Manic Street Preachers
FOTO: Alex Lake, YouTube Guitarist

Nach vierjähriger Album- Pause meldet sich das walisische Trio mit einem extrem ambitionierten Werk zurück: ‚Resistance Is Futile‘ ist eine Abrechnung mit dem Zeitgeist, eine Kampfansage an die Mächtigen und Reichen sowie ein Statement in Sachen Harmonie, kompositorischer Anspruch und musikalischer Reife. Kurzum: Ein richtiger Paukenschlag.

James Dean Bradfield ist alles andere als der typisch britische Rockstar: Ein kleines Männchen, Ende 40, das kein Geheimnis aus seinen grauen Haaren, seinem dezenten Bauchansatz und seinem fortgeschrittenen Alter macht. Der zweifache Familienvater redet engagiert und viel bzw. muss sich in jedem Interview beim Presse- Marathon im Berliner Hyatt Hotel aufs Neue erklären: Worum geht es ihm mit dem neuen Album unter dem vielsagenden Titel „Widerstand ist zwecklos“?

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Interview

James, inwieweit kommentiert ,Resistance Is Futile‘ den Zeitgeist? Was wollt ihr damit sagen, wo steht ihr?

James Dean Bradfield: Ich denke, es geht einfach darum, einen Sinn in diesem Chaos zu erkennen, das wir gerade erleben. Einfach um sich das alles selbst zu erklären und nicht komplett am Rad zu drehen. Das Ergebnis sind diese Songs, die wir in erster Linie für uns selbst geschrieben haben, um uns Sicherheit und Halt zu geben. Um unsere Zeit ein bisschen besser zu begreifen. Momentan ist alles derart übel, dass man es kaum ignorieren kann. Nur: Es ist nicht leicht, das in vernünftige Worte zu fassen und sich nicht in bitterböser Ironie zu ergehen. Es ist schwer, halbwegs sachlich und ruhig zu bleiben und da mit klarem Kopf heranzugehen.

YouTube Guitarist
FOTO: Alex Lake, YouTube Guitarist

Um das Cover-Artwork zu deuten: Fühlt ihr euch als politisch engagierte Band wie die letzten Samurai? Wie die letzte Bastion gegen das Böse?

James Dean Bradfield: Wenn wir so richtig gefrustet und deprimiert sind, dann schon. (lacht) Aber das sind wir eher selten. Wir mochten einfach das Image, das auf diesem berühmten Bild „Der letzte Samurai“ basiert – und das extrem realistisch anmutet. Man erkennt den Blick des Kriegers, der voller Trotz ist, aber auch deutlich macht, dass er weiß, dass seine Zeit vorbei ist. Dass er nicht Teil der Zukunft ist und er sich entweder damit arrangiert oder untergeht.

Wie verhält es sich mit den Manics?

James Dean Bradfield: Na ja, die Sachen, die wir machen mussten, um einen Plattenvertrag zu bekommen, waren ganz anders als das, was man jetzt machen muss. Und unsere Ambitionen waren es auch: Wir wollten unsere Namen auf einem Album sehen, wir wollten Songs schreiben und eine Band sein. Wobei es gar nicht so wichtig war, worüber wir singen und schreiben – das war völlig sekundär. Es ging nur darum, das abzubilden, was um uns herum in der Welt passiert. Dagegen ist es für Rockbands heute sehr schwer, überhaupt über die Runden zu kommen. Sie verdienen nicht genug, bekommen kaum Publicity und haben immer weniger Auftrittsmöglichkeiten. Weshalb sich die meisten Kids aus der Arbeiterklasse anderen Arten von Musik zuwenden. Wie etwa „Urban Music“, die gerade in London eine riesige Explosion erlebt. Was OK ist. Aber für alle, die ein paar tolle Gitarrenbands hören wollen, sind das aktuell harte Zeiten. Es gibt zwar Shame oder Hookworms, die ich sehr mag, aber was fehlt, ist diese eine Gruppe, die das Zeug hat, die Musik an sich zu retten.

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FOTO: Alex Lake, YouTube Guitarist

Weshalb sich viele Menschen der Nostalgie hingeben – dem Schwelgen in der Vergangenheit mit Boxsets, Reissues und Remasters?

James Dean Bradfield: Das ist ein klares Indiz dafür, dass sie etwas vermissen. Dass ihnen etwas fehlt, das sie in der modernen Welt nicht finden. Die Beschleunigung des Fortschritts – in Anführungsstrichen – ist auf Kosten von vielen guten Dingen passiert. Etwa, dass man sich seine Meinung schon innerhalb von 10 Sekunden bilden muss, weil das die Zeit ist, die einem überhaupt zum Reagieren zugestanden wird. Was dafür sorgt, dass Menschen kaum noch nachdenken, sondern Wut und Hass verbreiten. Das ist schlimm. Es ist alles nur noch Schwarz oder Weiß, aber es gibt nichts mehr dazwischen. In der digitalen Welt hat man keine Zeit, sich eine fundierte Meinung zu bilden, sondern man ist zu emotionalen Schnellschüssen gezwungen. Das weiß ich, weil ich mich da schon selbst schuldig gemacht habe. Ich habe zum Beispiel mal behauptet, dass ich die Alben von Nirvana fürchterlich finde – worüber ich mich später wahnsinnig geärgert habe, weil ‚In Utero‘ eigentlich ziemlich genial ist. Insofern sollte man manchmal besser nichts sagen und erst mal nachdenken, bevor man irgendwelchen Blödsinn von sich gibt.

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FOTO: Alex Lake, YouTube Guitarist

Und diese Einsicht jubelt ihr der Welt mit hymnischer Rockmusik unter – wie eine subversive, unterschwellige Botschaft?

James Dean Bradfield: Ich denke, das haben wir in der Vergangenheit noch stärker getan als heute. Gerade zu Zeiten von ‚The Holy Bible‘, als das unser Hauptanliegen war. Da haben wir die Leute regelrecht gezwungen, sich mit unserer Meinung und unserem Standpunkt auseinanderzusetzen. Aber ich schätze, manchmal haben wir es auch übertrieben, weil wir zu idealistisch und zu heroisch waren. Was definitiv mein Fehler war. Denn ich bin besessen von starken Melodien – und deswegen wollen nicht wenige Leute, dass wir immer so bleiben, wie wir mal waren. Und immer dieselben hymnischen Songs schreiben wie zur Zeit von ‚The Holy Bible‘. Klar,mag ich diese Momente, in denen dir Musik das Gefühl von Größe und Kraft gibt. Das ist wichtig – aber es ist eben nicht alles.

Euer neues Studio in der Nähe von Newport ist komplett analog, oder?

James Dean Bradfield: Leider nicht. Aber wir haben eine alte Bandmaschine, mit der wir aufnehmen – ehe wir alles ins Pro-Tools laden. Wobei wir aber oft Entscheidungen wie diese treffen: „Wisst ihr was? Lasst uns den Drum-Track auf dem und dem Song nicht ändern, sondern genauso belassen, wie er ist.“ Einfach, weil das gar nicht nötig ist – weil ein kleiner Fehler nicht schlimm wäre. Sollte es etwas Übles sein, ändern wir es natürlich. Ansonsten ist es besser, es so zu lassen, wie es ursprünglich war und wie es sich im ersten Moment richtig angefühlt hat. ‚If You Tolerate This, Your Children Will Be Next‘ ist zum Beispiel komplett auf Band entstanden.

Sean hat vier Drum-Takes gebraucht, die wir editiert haben. Was dafür sorgte, dass überall Band herumflog. In dem Raum, in dem wir gearbeitet haben, hing es regelrecht von der Decke und daran waren Notizen und solche Sachen. Es war ein sehr organisiertes Chaos (lacht) – ehe wir alles zusammengesetzt haben. Als wir dann den Start-Knopf drückten, hörte es sich zwar nicht perfekt an, aber irgendwie schon. Und es hatte einen besonderen Charme, eben mit ein bisschen Spannung. Lädt man dagegen alles in Pro-Tools, kommt man leicht in Versuchung, Änderungen nur um der Änderungen willen vorzunehmen und da zig Sachen hinzuzufügen, die eigentlich unnötig sind. Das an der Bandmaschine zu machen, war dagegen ein großer Spaß, den ich sehr genossen habe.

Welche Gitarren hast du für das Album benutzt?

James Dean Bradfield: In erster Linie eine neue Guild T-Bird. Außerdem meine Gretsch Chet Atkins Country Gentleman und meine 62er-Stratocaster. Nicht zu vergessen meine Telecaster von 1960, aber auch die gute alte Gibson Custom von 1990. Also viele unterschiedliche Sachen. Ich habe wirklich etliche Gitarren und ich spiele sie alle sehr gerne. Die ganz wertvollen, wie meine ES- 330 von 1963, allerdings nur noch zu Hause und nicht so oft im Studio, geschweige denn auf Tour.

Bist du ein Sammler?

James Dean Bradfield: Na ja, ich hatte nie ein Drogenproblem. Und ich war nie süchtig nach Autos, Häusern oder sonstigen Luxusartikeln. Stattdessen habe ich mir Gitarren gekauft. Sehr viele sogar. Eben, weil mir das wichtig ist. Meinen Führerschein habe ich dagegen erst vor zwei Jahren bestanden. Und ich weiß, dass Lemmy nie einen hatte. Von daher muss man Prioritäten setzen, und sie konsequent beibehalten.

Heißt das: ein ganzes Lagerhaus voller Instrumente?

James Dean Bradfield: Oh, es sind etliche – aber ich bin kein verrückter Sammler. Ich bin nicht der Typ von Aerosmith oder so. Ich spiele sie alle, und habe nur, was ich auch benutze. Bei so einer Albumproduktion hole ich dann immer alles hervor, was ich finde – und genieße das sehr. So eine alte Gitarre zu spielen, ist ein bisschen, wie an einem guten Whiskey zu nippen. Es ist ein Genuss – sofern man sich beides leisten kann: Richtig guten Whiskey und richtig gute Gitarren. (lacht)

Stimmt es, dass du als Kind immer die Rollläden im Wohnzimmer deiner Eltern heruntergelassen und bei voller Lautstärke zu den Alben von Guns N‘ Roses gespielt hast?

James Dean Bradfield: Das ist die volle Wahrheit! (lacht) Es war der Sommer 1987, als ich mich entschied, ein mindestens genauso guter Gitarrist zu werden wie Slash. Deshalb habe ich alles daran gesetzt und geübt wie ein Weltmeister. Es war ein wirklich heißer Sommer. Brüllend heiß. All meine Kumpels haben ihr Geld in Bier investiert und versucht, Mädels aufzureißen. Ich dagegen habe jede freie Minute damit verbracht, der beste Gitarrist der Welt zu werden. Das war meine Mission.

Angeblich war Musik für dich immer mehr als nur Musik – in der Art, dass du darin die perfekte Realitätsflucht siehst?

James Dean Bradfield: Und das liebe ich. Das ist der Grund, warum ich Musik mache. Ansonsten habe ich das nie analysiert. Es befriedigt mich einfach.

Also musstest du quasi ein Rockstar werden?

James Dean Bradfield: Das musste ich wirklich – aber es war halt nie mein erster Gedanke. Ich wollte einfach Teil einer Band sein. Das war alles, worum es mir ging. Und als ich mir schließlich richtig teuren Whiskey und noch teurere Gitarren leisten konnte, wurde mir klar: „Verdammt, jetzt bin ich doch geworden, was ich nie sein wollte.“ (lacht)

Manic Street Preachers Resistance Is FutileDiscographie:

  • Generation Terrorists (1992)
  • Gold Against The Soul (1993)
  • The Holy Bible (1994)
  • Everything Must Go (1996)
  • This Is My Truth Tell Me Yours (1998)
  • Know Your Enemy (2001)
  • Lifeblood (2004)
  • Send Away The Tigers (2007)
  • Journal For Plague Lovers (2008)
  • Postcards From A Young Man (2010)
  • Rewind The Film (2013)
  • Futurology (2014)
  • Resistance Is Futile (2018)

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(Aus Gitarre & Bass 06/2018)

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