Music City London

London für Musiker

Eine ganze Straße voller Musikläden, Tür an Tür. Dazu eine unterhaltsame Historie mit Verlagen und Studios. Die Londoner Denmark Street ist ein gelebtes Rock-Museum, mit raren Instrumenten, legendären Studioaufnahmen und allerlei Anekdoten über George Harrison und David Bowie, Jimmy Page und Yngwie Malmsteen. Selbst die Sex Pistols starteten hier.

Der Londoner Rapper Jamie T. besingt in ‚368‘ die legendäre Denmark Street, Ecke Charing Cross, unweit Tottenham Court Road. Und er hat Recht: Ein Besuch lohnt sich. Nirgendwo im musikverrückten London gibt es mehr Instrumentenläden und eine vergleichbare historische Verbindung zur Rock- und Pop-Szene.

Anzeige

Ob Maccari’s oder Wunjos, ob Vintage & Rare Guitars, oder Music Ground, Hanks Guitar Shop oder das Regent Sounds Studio: Das Angebot ist vielfältig. Auf beiden Straßenseiten locken Gitarren, Bässe, Amps, Effektgeräte – neu, gebraucht, vintage. Alles, was das Musikerherz schneller schlagen lässt – in einem unscheinbaren Gässchen, kaum 100 Meter lang, mitten in London.

Die Verlage

„In den Fünfzigern waren hier hautsächlich Musikverlage ansässig, mit Noten, Songs und Lizenzen wurde Geld verdient“, berichtet Clement Cachot-Coulom von Music Ground, der sich mit Graham Noden von Hank‘s Guitar Shop den Eingang mit der Hausnummer 27 teilt. Innen belegt jeder Shop eine, beziehungsweise zwei Etagen. Konkurrieren tut man nicht. Dafür sorgt das breit gefächerte Angebot: Während Hank‘s im Parterre eher im Stil der Fifties daherkommt und sich auf Acoustic-Gitarren spezialisiert, hat Music Ground die Wände des Obergeschosses liebevoll mit kopierten Zeitungsausschnitten über Rock- und Pop-Musiker tapeziert, vor denen dann die überwiegend elektrischen Instrumente hübsch aufgereiht an den Wänden hängen, von deutschen Höfners, über amerikanische Klassiker bis hin zu britischen Exoten.

Die europäische „Tin Pan Alley“ wird die Denmark Street auch genannt, in Anlehnung an die vielen New Yorker Musikverlage in der 28th Street, zwischen Fifth Avenue und Broadway, über die ein Journalist des Herald einst schrieb, das Geklimper der Klaviere erinnere an das Geklapper von Kochtöpfen und Pfannen.

Auch in der Denmark Street klimperte es in den 50er- und 60er-Jahren überall in den kleinen zweigeschossigen, viktorianischen Backsteinhäuschen. Den Grundstein dafür legte Komponist Lionel Bart, dem unter anderem der Musical-Erfolg ,Oliver‘ gelang.

Der Mann hatte aber auch das Ohr auf der Straße und schnappte auf, was britische Marinesoldaten an „moderner Musik“ aus Amerika mitbrachten. Allein schon durch die Nähe zum Musical-District, aber auch durch Barts Erfolg siedelten sich schnell andere Verlage an, u.a. hatte auch die Musikgazette Melody Maker ihre Redaktionsräume in der Denmark Street Nummer 19.

„In den Sechzigern“, erklärt Clement Cachot-Coulom von Music Ground, „waren überall rund um Charing Cross Modegeschäfte, wegen der vielen Kunststudenten die in Soho abhingen. Hier herrschte eine bunte, kreative Atmosphäre. Es war eine spannende und aufregende Zeit des Aufbruchs, der Befreiung und der Selbstverwirklichung, denn in den 50s war in Großbritannien alles streng reglementiert. In den Sechzigern aber legten die jungen Leute diese Zwänge ab. Es herrschte ein offenes Denken, es gab Drogen und Sex, die Kids beschäftigten sich mit Musik, Mode, Fotografie. Es muss toll gewesen sein. Wöchentlich gab es neue Bands, neue Clubs. London war der Schmelztiegel einer angesagten und provokanten Kulturszene.“

Guitar Shops

Erst in den 1980er-Jahren etablierten sich die heutigen Gitarrenläden in der Denmark Street. Mit Erfolg: „Willst du in London eine alte Gitarre kaufen, geh in die Denmark Street“, bekommt man überall zu hören. Und auf Nachfrage erhält man, selbst angesichts der Massen an Nichtmusikern und Touristen die sich täglich an den Vitrinen mit den hübsch angestrahlten, alten Instrumenten die Nase platt drücken, von den erfreulich entspannten Besitzern noch die Anekdoten dazu obendrauf. George Harrison zum Beispiel kaufte in der Denmark Street jene Nylonstring, die ihn zu ‚Till There Was You‘ inspirierte. Thin-Lizzy-Gitarrist Scott Gorham bekam hier von Kumpel Phil Lynott seine erste Les Paul geschenkt. Blur-Gitarrist Graham Coxon fand hier seine Telcaster, die heute vom Fender Custom Shop nachgebaut wird, und Ex-Eurythmic Dave Stewart jene Gretsch, die ihn zum Album ‚The Blackbird Diaries‘ inspirierte. Im Video-Clip-Zeitalter indes drehten The Moody Blues hier für ‚I Know You’re Out There Somewhere‘ ein Filmchen in dem es natürlich darum geht, wie jemand eine Gitarre in einem der Shops kauft …

Jeder Laden hat seine Geschichten, jeder Mitarbeiter seine persönlichen Anekdoten zu erzählen. Für Clement ist es die Begegnung mit Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour. „Er suchte einen alten Hiwatt-Amp und wollte seinen repariert haben. So kam ich zu der Ehre, ihn in sein Heiligtum zu begleiten, eine Lagerhalle in Nord-London in der das gesamte Pink-Floyd-Equipment lagert. Geradezu sagenhaft!“ Angesprochen auf vielleicht nicht immer nette Promi-Begegnungen nickt Kollege Graham Noden und holt aus: „Wir hatten mal einen sehr, sehr bekannten Superstar der Siebziger mit seiner Begleitung bei uns, der eine Gitarre im Nebenraum probieren wollte. Als wir ihn später fragen wollten wie er die Gitarre findet, kniete gerade seine junge Begleiterin vor ihm“, grinst Noden und schweigt, ganz Gentleman. Und fährt fort: „Wir hatten auch regelmäßig ein Ex-Babyshambles-Mitglied im Laden, das wir wiederholt wegen versuchtem Ladendiebstahls rausschmissen. Ist wohl eine üble Angewohnheit von ihm.“ Die legendärste Begegnung ist für Noden indes die Erinnerung an Yngwie Malmsteen:

„Er drehte bei uns ein Perfomance-Video und am Ende standen wir alle knietief in Bierdosen!“ Hauptattraktion und Anziehungspunkt aller Shops ist natürlich die Möglichkeit, eine große Zahl an alten Instrumenten aller nur erdenklichen Marken vor Ort zu begutachten, zu spielen und natürlich kaufen zu können. Die Vintage-Faszination ist ungebrochen, alle Shop-Besitzer bestätigen reges Interesse. Selbstverständlich bietet jeder Laden seine Schätzchen auch über eine eigene Website an, Versandt weltweit.

„Es steckt ein ganz eigener Mythos hinter Vintage-Instrumenten“, versucht Clement die Faszination zu erklären. „Viele der Songs, die heute Gitarristen begeistern, stammen aus den 50er-, 60erund 70er-Jahren. Dadurch ist die Faszination, sich ein altes Instrument aus dieser Zeit kaufen zu können, bis heute riesig. Ich erlebe es täglich: Wenn ich eine Gitarre aus den Fünfzigern mit einer Reissue-Version vergleiche das ist einfach nicht das Gleiche.

Die neuen Instrumente werden meiner Meinung nach nicht mehr mit der gleichen Qualität, Sorgfalt und Liebe gebaut wie früher. Andersherum bedeutet das nicht, dass automatisch jede alte Gitarre auch gut klingt. So manche Vintage-Gitarre mag toll aussehen, sich sogar annehmlich spielen lassen und klingt dennoch … scheiße! Dafür ist eine alte Gitarre in gutem Zustand jedoch immer eine Investition und in gewisser Weise auch ein Stück Kunst, ein Sammlerstück, wie ein Oldtimer im Autobereich. Rostet nur weniger.“

Die Sex Pistols

Tatsächlich nahm in dieser kleinen Straße die Explosion des Punk-Rock ihren Anfang. In Hausnummer 6 mietete ein gewisser Malcolm McLaren das Gartenhaus im Hinterhof für eine neue Band namens Sex Pistols. Der damalige und heutige E i g e n t ü m e r Christopher Trigg erinnert sich. „McLaren mietete die beiden Räume. Er hatte die Band zusammengebracht und nahm hier mit Chris Spedding ihre ersten Demos auf. Die Sex Pistols wohnten, probten, soffen und feierten hier. Glen Matlock und Steve Jones pennten unten auf dem Boden, Johnny Lydon und Paul Cook oben. Mick Jones von The Clash kam öfters vorbei, auch Adam Ant. Alle möglichen Musiker hingen hier ab.“ Trigg hütet seine Räume wie einen geheimen Schatz, mitten in London. Niemand kommt ohne ihn in die Privatgemächer der Punk-Rock-Geschichte. Im oberen Raum zieren bis heute Lydons naive Malereien die Wände. The Queen Saved The Sex Pistols:

Das ganze Gebäude wurde inzwischen unter Denkmalschutz gestellt. Das gilt auch für die Verkaufsräume von Triggs Vintage & Rare Guitars, einem opulent sortierten Laden mit klassischen Acoustics und Electrics und dem definitiv stimmungsvollsten Interieur. Man fühlt sich beim Antesten wie im heimischen Wohnzimmer.

Legendäre Aufnahmen

Was läge näher, als in einer Straße voller Musikverlage auch gleich Aufnahmestudios einzurichten? In der Denmark Street entstanden in den Sechzigern zum Teil legendäre Alben. Jimi Hendrix nahm hier ein Demo von ‚Hey Joe‘ auf, Donovan seine frühen Hits. Elton John schrieb ,Your Song’ hier und besang später die Denmark Street auf seinem Album ,Captain Fantastic And The Brown Dirty Cowboy‘. Auch die Kinks benannten einen Song nach dem Entstehungsort auf ,Lola Versus Powerman And The Moneyground Part One‘.

Das Regent Sounds Studio in Hausnummer 4 hat in der Hinsicht die am besten dokumentierte Geschichte. In den Siebzigern verkauft, mutierte das Studio zwischenzeitlich zu einem Comic-Book-Shop, in den Neunzigern zu einer Notenbuchhandlung und ist seit gut zehn Jahren ein Gitarrenladen, spezialisiert auf Fender-Instrumente. Inhaber Crispin Weir, kümmert sich heute liebevoll um die Geschichte seiner kultigen Räumlichkeiten, in denen früher The Who, The Kinks und David Bowie aufnahmen. Die Rolling Stones spielten 1964 hier ihr gleichnamiges Debüt ein.

„Es gibt eine unbestätigte Geschichte, dass die Stones dem Tontechniker Bill Farley versprachen, sollte er ihr Debüt umsonst aufnehmen, würden sie wiederkommen und die nächsten fünf Alben hier aufnehmen –und dafür bezahlen, versteht sich“, berichtet Weir. „Was aus heutiger Sicht ein attraktiver Deal für beide Seiten gewesen wäre. Jagger, Richards & Co. spielten so im Januar und Februar 1964 ihren Erstling umsonst ein – kamen aber dann nie wieder.“ Immerhin auf einem Foto ist das dokumentiert: „Ich habe eine Aufnahme von Charlie Watts, wie er sein Schlagzeug aus dem alten Bedford-Lieferwagen holt, mit dem die Stones anfangs herumgezogen sind“, ergänzt Nachbar Trigg.

Momentan geht Weir einer Geschichte um Stevie Wonder nach. „Wir recherchieren gerade, da er in den Siebzigern hier ein Album gemixt haben soll. Das Regent Sounds hat eine bewegte Geschichte, ähnlich wie die Sun Studios in Memphis. Doch während in den USA in den letzten Jahren eine Menge alter Studios, und damit Originalschauplätze der Musikgeschichte, verschwinden, bemühen wir uns, diese Räume der Rock-Geschichte zu erhalten. Die Denmark Street bietet eine Menge für Musiker, Touristen und Geschichtsinteressierte. Sie ist eine der letzten authentischen Kulturstraßen Londons. Man denke nur daran wie sich die Carnaby Street verändert hat.“ Das Regent Sounds Studio war in den Sixties auch Treffpunkt für viele Session-Musiker, u.a. für Jimmy Page. „Im Regent haben sich John Paul (Jones) und Jimmy (Page) bei einer Session kennengelernt. Das hat mir Jones selbst erzählt“, berichtet Weir stolz und ist schon bei der nächsten Anekdote von Black Sabbath, die ihre ersten beiden Scheiben im Regent Sounds aufnahmen. Mit kleineren Hindernissen.

„Bassist Geezer Butler hatte ein Problem mit einer Gruppe Skinheads, die ihn verdreschen wollte. Die lungerten vor dem Studio herum, bis Ozzy mit einem Vorschlaghammer auf die Straße rannte und sie flüchteten“, lacht Weir. „Danach nahmen sie ‚Paranoid‘ auf. Das Regent Sounds ist sozusagen der Geburtsort des Heavy Metal. Ich bin total stolz darauf.“ Die Instrumente und Geschichten der kleinen Gasse locken alljährlich unzählige Touristen an. Im vergangenen Sommer, durch die Olympischen Spiele, verbuchten alle Shops sogar einen Rekordansturm. „Ich wünschte, ich hätte ein Pfund für jeden Touristen bekommen“, meint Trigg lachend. „Ahnungslose Mütter und Väter wurden von ihren musikbesessenen Teenagern in unsere Läden gezogen und mussten Fotos von ihren Kindern vor alten Gitarren machen. Na, und wir haben natürlich erlaubt, dass Mama und Papa diese Fotos machen durften.“ Es sind die Kunden von morgen. n Regent Sounds Studio: Fender, Fender, Fender … Regent-Besitzer Crispin Weir kennt alle Anekdoten des Studios.

Du hast Lust auf Sightseeing in der Heimat? Wir haben Köln für Musiker unter die Lupe genommen!

Fotos: Niki Kamila 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: