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Interview & Transkription

Klingende Landschaften: Aaron Marshall & Intervals

(Bild: Wyatt Clough)

Aaron Marshall ist der Mastermind, Gitarrist und Komponist der kanadischen Progressive-Instrumental-Rock-Band Intervals. Mit dem Konzept-Album ‚Circadian‘ erschien am 13. November 2020 der dritte Longplayer des Trios, auf dem auch einige illustre Gastmusiker mitwirkten. Aaron gehört sicher zu den interessantesten Rock-Gitarristen dieses Planeten. Wo seine musikalischen Wurzeln liegen, wie er seine überragende Spieltechnik entwickelte, und wie das Album in Zeiten des Lockdowns entstand, erzählt uns der sympathische Kanadier im folgenden Interview.

INTERVIEW

Lass uns gleich über den Kompositionsprozess sprechen. Am Anfang stand dein Thema mit dem Begriff ‚Circadian‘, aber wie ging es dann weiter?

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Das ist witzig, denn dazwischen ist eine Menge passiert. Ich hatte zum ersten Mal ein vorgegebenes Thema für ein Album als Basis. Sonst war es immer umgekehrt, ich schrieb die Songs, und die sagten mir dann, wie sie heißen, und als Album-Titel musste ich dann einen Schirm finden, unter den alle Songs passen. Was tat ich also? Ich setzte mich hin und erlaubte meiner Intuition, mich zu führen. Was bedeutet das für einen Gitarristen?

Hier kommt die Klischeeantwort schlechthin: Jammen und Ideen finden, die du spannend findest! Dabei setzte ich mich aber nicht unter Druck, ich genoss die Situation, nicht auf Tour zu sein und Zeit zu haben für die Gitarre. Ich mache dann vielleicht acht oder neun solcher Sessions, bis ich genug Material habe, das mir wirklich richtig gut gefällt. Der Prozess danach ist aber nie gleich. Manche Songs sind eher einfach, andere bauen auf einer richtig komplexen Sequenz auf. Oder ich habe eine Akkordfolge, die ich dann wie ein Maler auf seiner Leinwand ausmale.

So schaffe ich mir klingende Landschaften, über die ich gerne improvisiere, die mir dabei helfen, mich auszudrücken und gute Themen zu finden. Oft steht ganz am Anfang ein Drum-Groove, den ich programmiere. Erstens, weil ich das Schlagzeug als Instrument liebe, und zweitens, weil ich glaube, dass ein guter Song vom Zusammenwirken der Rhythmus-Sektion mit der Gitarre lebt. Wenn es um Basslinien geht, können sich neue Seiten eines Songs von der Groove-Seite zeigen, an die ich am Anfang gar nicht gedacht habe.

Kommen wir zu deiner persönlichen Geschichte. Wann hast du mit dem Gitarrespielen angefangen?

Ursprünglich wollte ich ein Schlagzeug. Aber wir lebten in einem kleinen Haus, und das wollten sich meine Eltern nicht antun. Die erste Akustikgitarre besorgte mein Vater aus einem Pfandleihhaus. Ich kam heim von der Schule, und sah, wie er aus einem Mel-Bay-Buch Beethovens ‚Ode an die Freude‘ oder ‚Greensleeves‘ spielte, und ich war so frustriert, dass er schneller als ich herausbekam, wie eine Melodie zu spielen war. Ich sagte zu ihm: „Los, gib mir das Ding“, und ich glaube, das entfachte meinen Ehrgeiz. Der Punkt, als ich die Tabulatur mit dem Griffbrett verbinden, und so zumindest den notierten Klang reproduzieren konnte, startete einen Prozess, der bis heute andauert. Mein Vater kaufte mir eine Fender Mexico Strat, und ich übte ohne Unterlass und lernte alles, was mir unter die Finger kam.

Aaron Marshall im Studio mit der Mayones Regius Core
Mayones Regius Core mit BareKnuckle-Silo-Pickups

Hattest du jemals Unterricht?

Ja, in einem Musikladen gab es einen Lehrer, der für mich wegweisend war. Er zog keinen festen Lehrplan durch, sondern orientierte sich an dem, was der Schüler lernen wollte. Bei ihm konnte ich mir Songs selbst aussuchen, und er zeigte mir, wie sie gespielt werden. Und immer, wenn ich für den Unterricht mein Equipment aufbaute, improvisierte er unbegleitet. Das faszinierte mich, und ich stellte viele Fragen, über die ich eine Menge lernte. Er kannte sich aus mit Akkorden und Modes, und erklärte mir, wie diese zusammenhängen.

Er zeigte mir Akkordfolgen, die ich lernte, um ihn bei seinen Soli zu begleiten. Am Anfang traute ich mich nicht, selbst zu solieren, aber mit der Zeit entwickelte ich das nötige Selbstvertrauen. In der Highschool absolvierte ich einen Kurs in Musik-Theorie. Und meine Bandleader dort waren wunderbar, wir spielten Broadway-Musicals wie ‚Rent‘, ‚Pirates Of Penzance‘, ‚Grease‘ oder ‚Godspell‘. Eine meiner ersten Live-Performances war das Gitarrensolo von ‚Bohemian Rhapsody‘, das wir in einem riesigen Ensemble mit Chor und Tänzern aufführten.

Um diese Zeit herum kam ‚School Of Rock‘ in die Kinos, und mein Vater und ich standen sehr auf die weinrote Gibson SG Standard. So bekam ich eine, und mit ihr spielte ich den Queen-Song. Meine Bandleader damals halfen mir sehr dabei, mein Gehör zu verbessern und zeigten mir viele Tricks, von denen ich noch heute profitiere. Am meisten aber lernte ich in der Highschool durch das Spielen in den Ensembles. Heute gestalte ich meine Kompositionen selbst, aber meine Erfahrungen in der Rolle des Begleiters sind für das Komponieren unschätzbar wertvoll.

Welche Musiker haben dich beeinflusst?

Am Anfang war das kalifornischer Skate Punk, Bands wie Blink-182 oder Green Day. Dann gefielen mir Strung Out, AFI und Anti-Flag, und so gut wie alles von Tony Hawk’s Pro Skater Soundtracks. Da war auch Goldfinger drauf mit ‚99 Red Balloons‘, ursprünglich ein deutscher Song, oder?

Ja, ‚99 Luftballons‘ von Nena!

Strung Out waren für mich besonders wichtig, sie spielten schnellen Punk, aber mit coolen Riffs. Ein Song heißt ‚Exhumation Of Virginia Madison‘, der gibt zweieinhalb Minuten nonstop Vollgas, und seither mag ich rasend schnelle Tempi. Dann begann ich Gitarren-Magazine wie Guitar World zu lesen, und dort fand ich Geheimtipps von damals noch eher unbekannten Bands wie Avenged Sevenfold. Ein Song wie ‚Second Heartbeat‘ erweckte in mir meine Passion für Metal. Jetzt gefiel mir Slipknot, und ich war lange Zeit ein Metallica-Fan. In dieser Zeit hörte ich dann auch Gitarren-Legenden wie Steve Vai oder Joe Satriani, die ich sehr respektiere, deren Musik mich aber nicht so in ihren Bann zog.

Einer der ersten Gitarristen, die mich technisch wie musikalisch faszinierten, war Marco Sfogli, der ja auch auf ‚Circadian‘ bei einem Track mitspielt. Das macht mich stolz, schließlich ist er einer meiner größten Idole. Ich fand immer instrumentale Musik gut, Planet X, dann Gitarristen wie Brett Garsed oder Eric Johnson. Mein Vater hörte Pat Metheny, George Benson, Lee Ritenour und Steve Lukather. Diese Musik war bei uns allgegenwärtig. Pat war für mich besonders wichtig, über ihn lernte ich, wie schön instrumentale Musik sein kann. ‚American Garage‘ oder ‚Imaginary Day‘ sind wunderschöne und zeitlose Klassiker. Allan Holdsworth war damals noch zu viel für mich, zu kopflastig. Heute verehre ich ihn, RIP Allan!

Um es kurz zu sagen, meine Musik entsteht aus einem Schmelztiegel der unterschiedlichsten Einflüsse. Ich fühle mich immer etwas schizophren, mein Spotify-Account ist ein riesiges Chaos, ich springe von einer Stimmung zur nächsten.

Abasi J Larada 7 String mit Fishman-Fluence-Pickups
Mayones Regius Core 7 String mit Bare-Knuckle-Silo-Pickups

Lass uns über deine Spiel-Technik sprechen. Typisch für dein Spiel ist der ausgiebige Einsatz von Hybrid Picking und Economy Picking.

Das Lustige am Hybrid Picking, das ich vor allem in den letzten drei, vier Jahren mehr und mehr verwende, ist, dass es sich fast natürlich in mein Spiel einschlich. Schon ganz am Anfang wollte ich neben dem Pick auch meine Finger zum Einsatz bringen, dachte aber zuerst, das sei eine schlechte Angewohnheit. Wenn du Alternate Picking lernst, ist die allgemeingültige Regel „Aufschlag, Abschlag, Aufschlag, Abschlag“!

Zwischen dem Pick und der klassischen Fingertechnik gab es früher keinen Mittelweg. Erst als ich realisierte, dass man solche Regeln getrost vergessen kann, lernte ich, meiner Intuition und dem, was sich für mich gut anfühlt, zu folgen. Dann entdeckte ich Gitarristen wie Rick Graham und Tom Quayle und andere moderne Gitarristen, die einen Mix verschiedener Spieltechniken verwendeten. Ich habe mir jahrelang so vieles selbst verboten! Dabei sind Sequenz-Patterns, die im Wechsel die linke wie die rechte Hand involvieren, ähnlich wie beim Schlagzeug, eine Quelle toller Licks. Ich mag String-Skipping, weil man so völlig unerwartete Töne in seine Linien integrieren kann, die nur mit dem Pick aber unspielbar wären.

Und ich sage dir: Immer wenn ich solche Hybrid-Picking-Sequenzen schreibe, teste ich, ob sich das nur mit Pick auch gut anfühlt. Manchmal ist es gut und produktiv, beides zu können. Generell probiere ich verschiedene Tempi aus und versuche, technisch so flexibel wie möglich zu bleiben. Economy Picking setze ich meistens nicht bewusst ein. Es ergibt sich ganz natürlich, dass das Pick seine Anschlagsrichtung beibehält. Sweeping aber war nie mein Ding. Und oft benutze ich Techniken der linken Hand wie Hammer On, Pull Off, Slide und auch Hammering-Out-Of-Nowhere, wenn sich die Tonerzeugung mit der rechten Hand nicht gut anfühlt.

‚Lock & Key‘ von deiner neuen CD ist der Song, der mir am besten gefällt. Dort kann man hören, dass dir der Klang von übereinander gestapelten Quinten sehr gefällt. So entstehen Akkorde wie F#5/add9. Bei ‚5HTP‘ hören wir diese Akkorde auch, und meine erste Assoziation war: Das klingt ja ähnlich wie ‚Message In A Bottle‘ von Police.

Oh, schön, ja, klar. (lacht)

Hast du diese Ähnlichkeit auch schon bemerkt?

Absolut, und zu ‚Message In A Bottle‘ gibt es eine lustige Geschichte, ich weiß aber nicht, ob die stimmt. Sting nahm wohl mal bei Joe Satriani Unterricht. Joe gab ihm eine Übung, wie er seine Finger überstrecken kann, indem er „add9“-Akkorde spielt, und Sting machte daraus einen der größten Songs aller Zeiten. Ich mag den Sound dieser Akkorde sehr gerne. Offensichtlich sind diese im Drop-Tuning sehr einfach zu spielen und schon deshalb weit verbreitet. In den beiden von dir erwähnten Songs greife ich diese Akkorde aber anders, da ist der Grundton auf der A-Saite. Ich liebe den Sound dieser Akkorde, sie sind ein guter Ausgangspunkt für Songideen, oft arpeggiere ich sie und baue Sequenzen aus ihnen.

Bei ‚Lock & Key‘ schrieb ich das Intro-Lick am Computer und konnte es lange nicht auf der Gitarre spielen, probierte es und scheiterte. Ich komponierte zu dem Lick dann die Basslinie und Drums, und ursprünglich war meine Idee, diese Linie vom Computer spielen zu lassen. Die Band sollte dann nur Fragmente davon unisono mitspielen. Wenn du bei einem Problem nicht weiterkommst, ist es oft gut, Abstand zu bekommen und eine Pause zu machen. In dieser Pause hatte mein Gehirn Zeit, all den Input zu verarbeiten, und danach klappte es auf einmal.

(Bild: Wyatt Clough)

TRANSKRIPTION

(zum Vergrößern klicken!)

Beispiel 1 zeigt das oben schon erwähnte Intro-Lick, das Aaron zuerst im Sequenzer komponiert hatte und erst später auf die Gitarre übertrug. Die vier Takte enthalten die meisten der im Interview angesprochenen Spieltechniken. Videos mit eingeblendeter TAB/Notation in verschiedenen Tempi helfen beim Einstieg in Aarons Spieltechnik.

In Beispiel 2 findet sich das Riff, das Josh De La Victoria zu ‚Lock & Key‘ beigesteuert hat. Er hat es auf einer achtsaitigen Gitarre aufgenommen, es lässt sich aber problemlos auf einer konventionellen Gitarre spielen. Interessant ist das Picking-Pattern, mit dem er die je sieben Sechzehntel langen Motive anschlägt. Der jeweils zweite und dritte Ton jedes Motivs werden mit zwei Downstrokes auf Dund G-Saite gespielt. Auch zu diesem Beispiel gibt es Video-Support.

Beispiel 3 schließlich zeigt eine sehr spannende Riff-Passage aus ‚Earthing‘. Diese lebt vom Wechsel gedämpfter und ausklingender Töne, und den unterschiedlichen Sounds, die sich mit Hybrid-Picking erzeugen lassen.

Alle Gitarrenparts wurden ausschließlich digital aufgenommen, Aaron spielte über:

  • Neural DSP Fortin Cali Suite
  • Neural DSP Archetype Nolly
  • Neural DSP Archetype Abasi

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2021)

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