Goold old times:

Kenny Wayne Shepherd über seinen Job bei The Rides

Abgesehen von der Liebe zu betagten Sechssaitern teilen die Herren Stephen Stills und Kenny Wayne Shepherd eine weitere Leidenschaft: Sie sammeln Oldtimer. Keine Wunder, dass ihre gemeinsame Supergroup The Rides heißt.

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Technik? Sicherheit und Bequemlichkeit? Sicher nicht. Meist ist es die Ästhetik der alten Hubraummonster die Oldtimer-Liebhaber anspricht. Etwa die Jugendstil-Referenzen der US-Motorschmiede Pierce-Arrow aus Buffalo, New York, die zwischen 1901 und 1938 außergewöhnlich formschöne und stilvolle Nobelkarossen hervorgebracht hat. Einer ihrer größten Kenner und Sammler lebt im sonnigen Kalifornien und hat eine eindrucksvolle Auswahl in der heimischen Garage zu stehen: Stephen Stills.

„Darin liegt auch der Grund, warum unsere Band The Rides heißt“, erklärt Kumpel Kenny Wayne Shepherd. „Wir cruisen gerne und lieben Oldtimer.“ Der junge Familienvater aus Louisiana hat sich seinerseits auf amerikanische Klassiker der 50er- bis 70er-Jahre spezialisiert. Seine Schmuckstücke aus Blech und Chrom hei- ßen Dodge Business Coupe (1954), Dodge 330 (1964) oder Plymouth Barracuda Convertible (1970). Da macht es Sinn, dass die legendäre Kühlerfigur der Firma PierceArrow – ein versilberter Bogenschütze – das Cover des neuen The-Rides-Albums ziert, das passenderweise auch ‚Pierced Arrow‘ heißt.

„Stephen mag auch die übergeordnete symbolische Ebene“, erklärt der blonde Blues-Rock-Gitarrist, „dass diese Figur dir wie Amor einen Pfeil der Liebe ins Herz schießt.“ Mit ihrem ersten Pfeil im Köcher landeten The Rides – in persona die Sänger und Gitarristen Stephen Stills und Kenny Wayne Shepherd, Keyboarder Barry Goldberg sowie Bassist Kevin McCormack und Schlagzeuger Chris Layton gleich einen Volltreffer. Ihr Debüt ‚Can’t Get Enough‘ enterte die Top 40 der US-Charts und erhielt eine Nominierung für das beste Album bei den US-Blues-Awards 2014.

„Wir waren echt geplättet, denn wir hatten einfach nur ein paar Songs veröffentlicht die uns gefallen“, erinnert sich der 38-Jährige an die Ausgangssituation. „Und ob die den Leuten da draußen gefallen, weißt du ja nie. Also gibst du dein Bestes und schaust was passiert. Aber das Wichtigste ist, dass wir Spaß haben. Nur darauf kommt es an.“ „Spaß“ ist das Schlüsselwort des Songwriter-Trios Stills, Shepherd und Goldberg. Alle drei können auf bemerkenswerte Karrieren zurückblicken. Ihr Unterhaltungsschwerpunkt – Blues-Rock und stilvolle Interpretationen zeitloser Klassiker und Evergreens – schlug ein und resultierte in einer gefeierten Tour. „Wir hatten so viel Spaß, dass wir direkt verabredeten ein zweites Album einzuspielen.

Wir haben uns gleich auf den Arsch gesetzt, um neue Songs zu schreiben.“ Wie zum Debüt fanden die Sessions in Stills Anwesen in den Bergen Los Angeles‘ statt. Im Unterschied dazu hatte das Trio diesmal mehr Zeit, als nur fünf Tage. 2014 war Shepherds Frau Hannah hochschwanger, diesmal liefen Karriere- und Familienplanung perfekt. Ihr fünftes Kind kam ganz pünktlich vor den Sessions. „Alles lief entspannt“, lächelt der fleißige Familienvater, der bei seinem Sensationsdebüt ‚Ledbetter Heights‘ noch ein Teenager war. „Wir haben es uns bei Stephen gemütlich gemacht, die Klampfen rausgeholt, Barry sein E-Piano, haben uns Ideen vorgespielt und angefangen daran zu arbeiten. Ein ganz ungezwungener Prozess. So entsteht gute Musik.“

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Da mag er Recht haben. Die neuerliche Sause der Rides strotzt neben Vintage-Sounds und unaufdringlicher Gitarrenarbeit vor allem vor Vitalität. Der knarzige Blues-Boogie ‚Game On‘ hätte Kumpel Gibbons kaum besser aus dem Griffbrett schütteln können. Ein Kompliment, das dem einstigen Gitarrenwunderkind ein Strahlen ins Gesicht zaubert. „Ich bin mit ZZ Top groß geworden und mit Billy gut befreundet“, sagt Shepherd. „Seine Riffs sind wirklich klassisch und ich liebe seine pentatonischen Skalen. Er ist ein Meister! Ich habe ‚Game On‘ auf meiner 1969er Les Paul gespielt, ganz wie er. Daher der Sound.“

Auf ihren Erstling ‚Can’t Get Enough‘ hatte die neue Supergroup in Ermangelung eigener Songs zunächst Cover-Versionen wie ‚Search And Destroy‘ von Iggy And The Stooges oder Neil Youngs ‚Rockin‘ In The Free World‘ aufs Album genommen. Diesmal glänzt man vornehmlich mit eigenen Stücken, hat aber nebenbei Willie Dixons ‚My Babe‘ aufpoliert, das klingt, als habe man gejammt und einfach mal das Tonband mitlaufen lassen. „Ich fuhr morgens ins Studio und hörte den Song im Radio. Ich mochte den schon immer und dachte, dass wir bestimmt auch eine coole Version hinkriegen. Also legten wir los und nahmen gleich auf. Ein Versuch und das war‘s.“

Für ihr Debüt entstanden übrigens auch Big Maybelles ‚That’s A Pretty Good Love‘ und Elmore James’ ‚Talk To Me Baby‘ exakt so. Es mag als Statement von besonderer Bedeutung gewertet werden, wenn eine Ikone wie Stills, gestählt durch unzählige Konzerte, Sessions und Studioaufnahmen über seinen jungen Sideman schwärmt, dessen Spiel gleiche seinem eigenen und bedürfe überhaupt keiner verbalen Kommunikation. Etwas, das er so nur mit Neil Young erlebt habe. Ein Kompliment, dass Shepherd, der seit seinem 13. Lebensjahr zeigt, dass er die Riffs von Muddy Waters, B.B. King, Albert Collins und Howlin’ Wolf ohne Nebenwirkungen verdaut hat, mit braver Bescheidenheit kommentiert und zurückgibt. „Stephen ist brutal offen und ehrlich. Er hat seinen ganz eigenen Sound und massig Einflüsse aus dem Blues, dem Folk, Westcoast, Rock. Er kann im Fingerstyle zupfen oder Akkorde brettern, er beherrscht alle Techniken perfekt. Er bringt mich dazu, ein besserer Sänger und Gitarrist zu werden und er sagt, ich treibe ihn ebenfalls dazu an. Stephen ist für mich wie ein großer Bruder.“

Man spürt diese Seelenverwandtschaft bei einem Song besonders: Shepherd, obwohl gut 30 Jahre jünger als sein Bruder im Geiste, klingt beim balladesken ‚Virtual World‘, als seien Stills und sein Kumpel Neil Young bei Buffalo Springfield am Werk. „Als Stephen den Song vorstellte, fragte er mich, ob ich die zweite Stimme dazu singen könne. Als wir es gemischt haben, waren wir total baff. Stephen meinte, ich klinge wie der junge Neil Young und das sei genau das gewesen, wonach er gesucht habe. Der Satzgesang macht den Song wirklich speziell.“ Was ‚Pierced Arrow‘ ebenfalls unverkennbar macht, ist der altmodische Ansatz in der Aufnahmetechnik mit einem 8-SpurMischpult und einer betagten Tonbandmaschine, sowie der Live-Charakter der Sessions, für die man wieder auf Bassist Kevin McCormack und Schlagzeuger Chris Layton vertraute.

„Die beiden harmonieren, als würden sie schon ihr halbes Leben gemeinsam Musik machen“, schwärmt Shepherd. „Uns gefällt der Sound dieser Rhythmus-Sektion also fragten wir sie, ob sie wieder dabei sind.“ Alter Autoschrauber-Grundsatz: „Warum etwas austauschen was wunderbar funktioniert?“ Und wie bei ihren Oldtimern vertrauen Stills und Shepherd auch wieder ihren betagten Sechsaitern. Stills besitzt bekanntlich eine Gitarrensammlung von musealer Größe. Ein Traumspielplatz für den gleichfalls gitarrenverrückten Kollegen. „Stephen kam mit rund 40 verschiedenen Gitarren aller möglichen Fabrikate ins Studio und das ist nur ein Bruchteil seiner Sammlung“, schwärmt Shepherd, „darunter sogar seine Martin Dreadnought, die er beim Woodstock Festival gespielt hat. Es ist cool, viele Instrumente zur Auswahl zu haben. Besser, als später festzustellen, dass du einen bestimmten Sound gerne gehabt hättest.“

Shepherd wiederum vertraute seiner Grundausstattung: seinen drei Lieblings-Strats, zwei Baujahr 1959 (eine davon als Hardtail) und eine von 1961, dazu zwei Custom-Shop-Strats und seine Signature-Modelle. Auch die Auswahl der Amps entsprach der des Debüts: „Ich habe einen unverbastelten 1958er Fender Bassman gespielt, selbst die Cones der Speaker sind original. Das Teil war ein Highlight! Dann hatte ich einen 1964er Blackface Vibroverb und noch ein paar Amps die Alexander Dumble für mich gebaut hat, einen Ultrasonic, Tweedle-Dee Deluxe und einen Slidewinder.“

Jetzt gehen The Rides auf US-Tour um ‚Pierced Arrow‘ vorzustellen. „Mal gucken, wie die Tour unser nächstes Album beeinflusst“, schaut Shepherd schon in die Zukunft. Ist aus dem „Projekt Supergroup“ eine Band geworden? „Wir sind definitiv eine Band“, meint Shepherd entrüstet. „Ich sehe uns schon von Anfang an so. Wir sind keine Eintagsfliege. Uns wird es noch eine ganze Weile geben!“

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