Im Interview

Kenny Wayne Shepherd: Der Ärger des (Viertel)-Jahrhunderts

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(Bild: Graeme J Baty / Shutterstock)

Der Titel verrät bereits die Hintergründe: 25 Jahre nach ‚Trouble Is‘ hat der amerikanische Bluesrock-Gigant Kenny Wayne Shepherd mit ‚Trouble Is…25‘ eine (erweiterte) Neuauflage seines 1997er Albumklassikers aufgenommen, inklusive drei seiner Originalmitstreiter sowie eines bis in Details deckungsgleichen Gitarrenequipments. ‚Trouble Is…25‘ ist also gleichermaßen neu und alt, mit einem Konzept, wie man es in dieser Form bislang nur äußerst selten erlebt. Wir haben uns mit dem 45-Jährigen verabredet, um über die zum zweiten Mal bemerkenswerte Scheibe zu sprechen.

 

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Um die Veröffentlichung von ‘Trouble Is…25’ zu feiern, hat die Kenny Wayne Shepherd Band siebzehn Shows für April-Mai 2023 angekündigt, bei denen sie Songs aus ihrem kultigen Album ‘Trouble Is…’ spielen werden. Bei uns könnt ihr jeweils 2×2 Tickets für die Deutschland-Termine gewinnen!

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interview

Kenny, kannst du dich eigentlich noch an den Kenny Wayne Shepherd des Jahres 1997 erinnern? Was für ein Typ warst du damals?

Ich war gerade erst 19 geworden, also im Vergleich zu heute noch richtig jung, und war am brennen. Kurz zuvor war mein Debütalbum veröffentlicht worden, für das ich sensationelle Kritiken bekam und mir die Möglichkeit eröffnete, etwas Besonderes herauszubringen. Ich war daher total erpicht darauf, mich mit dem zweiten Album deutlich zu steigern und diese riesige Chance nicht zu vergeuden. Mein Selbstbewusstsein war ziemlich groß, denn ich hatte die Erfahrung gemacht, dass ich mich auf meine Instinkte verlassen und auf dem eingeschlagenen Pfad weitermachen kann. Unter diesen Vorzeichen entstand ‚Trouble Is‘.

Wie viel deiner heutigen technischen und kompositorischen Fähigkeiten waren damals schon vorhanden?

Nun, es war ja erst mein zweites Album, auch wenn ich aufgrund von Demoproduktionen bereits vor meinem Debüt einige Studioerfahrungen hatte sammeln können. Dennoch besaß ich nur einen kleinen Erfahrungsschatz, für mich war alles ein großer Lernprozess. Ich brauchte also die Hilfe erfahrener Leute, auf deren Instinkt ich mich verlassen konnte. Einer von ihnen war unser Produzent Jerry Harrison, für mich die wichtigste Vertrauensperson. Mit Jerry habe ich im Laufe der folgenden Jahre eine Menge unterschiedlicher Alben und Projekte realisiert. Ich brauchte damals diese Orientierungshilfe, denn ich hatte meine Songs zwar selbst geschrieben und wusste genau, wie sie klingen sollten, benötigte aber Unterstützung, um meine Visionen umzusetzen.

Heute ist die Situation eine völlig andere, denn mittlerweile verfüge ich über massenhaft Erfahrungen. Zudem bin ich in meiner Band mittlerweile auch der Leadsänger. Da ich seit 30 Jahren praktisch jeden Tag Gitarre spiele, hat sich natürlich auch ein eigener Stil herausgebildet. Ich spiele vielseitiger und akkurater und kann mich dadurch stärker auf die Emotionen meiner Songs konzentrieren, was immer mein erklärtes Ziel war.

Wie war das, als du 1997 ‚Trouble Is‘ eingespielt hast: Konntest du fühlen, dass es ein echter Klassiker werden würde?

Ich spürte, dass wir etwas ganz Besonders in den Händen halten. Aber natürlich weiß niemand im Vorfeld, was am Ende daraus wird. Erfolg hängt immer nur zu 50% vom Künstler ab, die anderen 50% basieren auf der Arbeit der Plattenfirma. Damals gab es für Musiker nur Plattenfirmen, heute existieren die Sozialen Medien, die Künstlern bei der Verbreitung ihrer Musik helfen können. Nicht zu vergessen: die Fans. Wenn man ein Album veröffentlicht, das man für absolut großartig hält, für das sich aber niemand interessiert, verläuft die Sache im Sand. Man weiß nie, wie die Fans auf neue Songs reagieren.

Weshalb bist du trotz des riesigen Erfolges von ‚Trouble Is‘ das Risiko eingegangen, die Scheibe ein zweites Mal einzuspielen? Immerhin wird man beide Versionen miteinander vergleichen, mit einem derzeit noch völlig offenen Ergebnis.

Natürlich habe ich mir im Vorfeld über diesen Aspekt viele Gedanken gemacht. Deshalb sind wir ins Studio gegangen und haben zwei Versionen des Albums aufgenommen. Eine Version wurde eng an den Originalsongs ausgerichtet, die zweite an den Fassungen, die sich in den zahllosen Konzerten der zurückliegenden 25 Jahre entwickelt haben, also mit alternativen Enden, anderen Gitarrensoli, längeren Arrangements, verändertem Gesang.

Danach stand die Frage im Raum: Welche dieser beiden Versionen wollen wir fertigstellen? Oder soll es eine Kombination beider Versionen werden? Ich war mir darüber im Klaren, dass sich die Leute an den Sound des Originals gewöhnt haben. Für die Fans, ebenso wie für mich, war ‚Trouble Is‘ ein wichtiges Album. Daher stand fest, dass wir uns nicht allzu weit vom Originalsound entfernen dürfen, um keine Schelte zu bekommen. Irgendjemand ist zwar immer enttäuscht, das lässt sich nicht verhindern, aber die Mehrheit sollte zufrieden sein.

Ein Beispiel: Wir spielten ‚Blue On Black‘ in einer neuen Version, doch ich wusste sofort, dass sie den Fans nicht so gut wie das Original gefallen würde. Deshalb orientierten wir uns – wie erwähnt – am ursprünglichen Sound der Scheibe, ohne jedoch übertrieben kleinlich zu sein. Wir haben die Songs eng an ihren Vorlagen ausgerichtet und in puncto Sounds dasselbe Equipment wie damals verwendet. Natürlich lässt sich so etwas nicht bis ins kleinste Detail reproduzieren. Aber mir war wichtig, dass die Leute sofort erkennen, um welchen Song es sich handelt und woher er stammt, nämlich von der 1997er ‚Trouble Is‘.

Wer sich die Scheibe bewusst anhört, findet kleine, feine Unterschiede und merkt, dass es sich hier um aktuelle Aufnahmen handelt. Dennoch klingen die neuen Versionen so, dass man ‚Trouble Is‘, ‚Blue On Black‘, ‚Slow Ride‘ oder ‚Somehow, Somewhere, Someway‘ sofort erkennt.

Studioaufnahmen: 1964er Fender Blackface Twin Reverb, 1964er Fender Blackface Vibroverb und ein sehr früher Fender Vibro King
Hoffentlich auch auf der nächsten Tour dabei: Shepherds Twin Reverb und sein Fender Bassman

Du hast auf ‚Trouble Is…25‘ das exakt gleiche Equipment wie 1997 eingesetzt. Konntest du dich noch an dein Setup erinnern?

Mit nur einer Ausnahme konnte ich mich an alles erinnern. Das Einzige, was mir entfallen war und ich nur anhand von Fotos rekapitulieren konnte: Seinerzeit spielte ich ein Klon-Overdrive-Pedal. Ich wusste zwar, dass ich damals eines besessen hatte, war mir aber nicht bewusst, dass ich es tatsächlich auf dem Album gespielt hatte. Vielmehr dachte ich, es wäre mein Ibanez Tube Screamer TS808 gewesen. Doch mein Vater fand ein Foto von mir, auf dem Studioboden sitzend, mit meiner Gitarre, dem gesamten Equipment und direkt vor mir dem Klon-Pedal. Daraufhin habe ich in einem A/B-Verfahren sämtliche Songs untersucht, um herauszufinden, wann es sich um meinen TS808 und wann um den Klon handelt. Dabei stellte sich heraus, dass die meisten Stücke mit dem Klon eingespielt wurden. Ich hatte versucht, den Sound mit einem Tube Screamer herzustellen, was aber nicht funktionierte, während ich exakt den Originalsound bekam, wenn ich den Klon nahm.

Das Pedalboard mit Boss TU-3, Voodoo Lab Amp Selector, Tinsley Audio Sir Henry, Voodoo Lab Pedal Power 2 Plus, MXR Carbon Copy Delay, Analogman Bi-Chorus, Jam Pedals Delay Llama, Analogman King Of Tone, Ibanez TS808 Overdrive, Tycobrahe Octavia und Dunlop WahWah (Bild: Matthias Mineur)

Wirst du auf der kommenden Tour die Songs von ‚Trouble Is‘ mit dem originalen Equipment spielen?

Darüber denke ich tatsächlich nach. Derzeit spiele ich auf Tour bevorzugt meine Dumble-Amps, während auf dem Album mein 1964er Fender Blackface Twin Reverb, mein Fender Blackface 1964 Vibroverb und ein sehr früher Fender Vibro King eingesetzt wurden. Allerdings hatten wir mit ihnen im Studio einige Probleme. Speziell beim Vibro King brannten mehrfach die Röhren durch, und auch der 64er Twin Reverb funktionierte nicht einwandfrei. Deshalb habe ich noch nicht endgültig entschieden, welche Amps ich auf Tour mitnehme.

Anlässlich unseres Interviews zu deinem letzten Album ‚The Traveler‘ hast du ein neues Fender-Signature-Modell in Aussicht gestellt. Im Herbst 2020 ist es erschienen. Bist du mit dem Resultat zufrieden?

Ja, sehr sogar. Ich bin allerdings auch immer noch mit meiner ersten Fender-Signature sehr glücklich, die restlos ausverkauft ist, sodass Fender der großen Nachfrage kaum gerecht wird. Aber die Verantwortlichen der Firma meinten, es sei ein guter Zeitpunkt für eine überarbeitete Version, womit sie Recht hatten. Denn mein neues Signature-Modell ist völlig anders als das erste. Ich wollte nicht nur eine neue Version einer an sich alten Gitarre veröffentlichen, weshalb die neue einige signifikante Änderungen hat.

Sie ist ‚Made in USA‘, daher sind die Qualität und die Materialien entsprechend hochwertiger. Sie ist deshalb auch etwas teurer als die erste Version, die in Mexiko gefertigt wurde. Die hatte einen 12“-Radius und einen dicken Hals mit sehr flachem Griffbrett, die neue dagegen orientiert sich komplett an Form und Kontur meiner 61er Strat, sie hat also einen 7,25“-Griffbrettradius und somit das einzig wahre Vintage-Profil der Gitarren jener Jahre. Hinzukommen Jumbo-Frets, Block-Inlays, ein Hals-Binding, ein Rosewood-Fretboard, eine in der Korpusfarbe lackierte Kopfplatte mit meinem Namen vorne eingraviert, so wie es früher gemacht wurde, während man später die Namen an allen möglichen Stellen platziert hat. Ich aber wollte ihn auf der Vorderseite, so wie ich es aus meiner Kindheit kannte.

Der Korpus ist aus Esche, weil Esche und Erle klanglich nicht weit auseinanderliegen, man bei Esche aber eine durch die von uns gewählte Lackierung schimmernde Holzstruktur bekommt. Wir nahmen eine Fabrikfarbe genannt „Sonic Blue“ und machten daraus eine Custom-Farbe namens „Transparent Faded Sonic Blue“, die absolut großartig aussieht, eine Mischung aus Blau und Grau, bei der die Holzstruktur durchschimmert. Der Korpus ist chambered, weshalb die Gitarre nur knapp 3,5 kg wiegt und eine noch bessere Resonanz hat. Nicht zu vergessen: meine Fender-Custom-Voiced-Kenny-Wayne-Shepherd-Singlecoils mit noch mehr Output, sowie einem Graph-Tech-Sattel.

Einer der Prototypen der neuesten Fender KWS Signature, hier noch in TS Sunburst
KWS-Signature in Arctic White mit Custom-Voiced-Kenny-Wayne-Shepherd-Pickups
Fender Kenny Wayne Shepherd Signature Strat, Baujahr 2015
1961er Fender Stratocaster und die Signature-Strat in Transparent Faded Sonic Blue

Klingt nach einer fast vollständigen Neukonstruktion. Existieren Prototypen?

Ja, es gab in der Tat etwa vier bis fünf unterschiedliche Prototypen. Mitunter schickten sie mir aber auch nur einen Hals, um dessen Spielbarkeit zu überprüfen. Oder ich bekam neue Pickups, die ich in meinen Konzerten testen konnte. Zudem wollte ich, dass die Gitarre auch optisch ins Auge fällt. Ich spiele sowieso nur sorgfältig gefertigte und erstklassig klingende Gitarren. Doch in diesem Fall sollte sie auch optisch Aufsehen erregen. Ursprünglich war meine Idee, das Modell wie eine Custom-Shop-Stratocaster aussehen zu lassen, die aber nicht aus dem Custom Shop stammt. Doch das, was wir jetzt an Farben und Design gewählt haben, sorgt für deutlich mehr Aufmerksamkeit. Man schaut hin, hält inne und denkt: Wow, was ist das denn?

Letzte Frage: Stimmt es, dass zu deiner nächsten Europa-Tournee ein weiteres Album, diesmal mit neuen Songs erscheinen wird?

Ja, das ist richtig. Aufgenommen haben wir es im Februar 2020, also unmittelbar vor dem Beginn der Pandemie. Aus bekannten Gründen mussten wir es bislang zurückhalten. Von beiden Scheiben, also von ‚Trouble Is…25‘ und vom neuen Studioalbum, werden wir auf der Tour im nächsten Jahr eine Menge spielen.

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2023)

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