Definitives Gitarren-Design

Ken Parker im Interview

Archtop first! Wer hätte gedacht, dass Ken Parker, der Erfinder des futuristischen Parker-Fly-Designs, in Wirklichkeit der Archtop-Gitarre verfallen ist. Alles begann für ihn Mitte der 70er-Jahre mit dem Bau von Jazzgitarren und heute, nach seinem höchst bemerkenswerten und erfolgreichen Ausflug ins elektrische Metier, widmet er sich wieder ausschließlich seiner ersten großen Liebe.

Ken Parker
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Stimmt das Ken, du hast tatsächlich mit der Archtop-Gitarre angefangen?

Ken Parker: Das ist richtig! 1974 hab ich damit angefangen Archtops zu bauen – meine erste Liebe. Die 70er-Jahre hindurch hab ich damit weitergemacht und ich wurde richtig gut, beeinflusste sogar das Feld, also Gitarrenbauer wie Jimmy D’Aquisto, aber niemand weiß das.

Du hast Jimmy D’Aquisto beeinflusst?

Ken Parker: Weitreichend! Ich versuche ja, ein Leben ohne Reue zu führen, aber es gibt da doch ein Bedauern, was Jimmy angeht. Anfang der 90er-Jahre besuchte ich ihn und er sagte: Hey, warum kommst du nicht für eine Woche runter in meine Werkstatt. Wir reißen das Telefon aus der Wand und bauen etwas Verrücktes. Aber gerade da startete ich mit Parker Guitars durch, arbeitete 90 Stunden die Woche und hatte absolut keine Zeit, um irgendetwas anderes zu tun. 1996 ist er dann gestorben und ich bedaure wirklich, dass wir das nicht gemacht haben.

Offenbar hatte er ja etwas Besonderes in dir gesehen.

Ken Parker: Als ich das erste Mal bei ihm war, hat er mich ermutigt, später ermutigte ich ihn. Bei unserem ersten Treffen spielte er meine erste Archtop eine lange Zeit und fragte mich dann: Wer hat dir gezeigt, das so zu machen? Ich: Niemand, ich kenne ja niemanden außer dir der Archtop-Gitarren baut und dich traf ich erst vor 10 Minuten (lacht). Er: Wirklich? Das hat dir niemand gezeigt? Wie hast du’s angefangen? Ich sagte ihm, dass ich mir einige Gibsons und D’Angelicos näher angesehen und darüber nachgedacht hätte. Er hat leise gelacht und gesagt: Nun, das ist die beste erste Gitarre, die ich jemals gesehen habe.

Wie alt warst du damals?

Ken Parker: Ich war 25, arbeitete für einen hervorragenden Möbelbauer und in einem zweiten Job an großen Pendeluhren, hatte für einen jungen Kerl also schon bemerkenswerte Kenntnisse im Umgang mit Holz und Metall gesammelt. Deshalb war ich auch geschockt über seine Werkstatt und Ausrüstung – das war Junk, richtiger Müll. So in der Art von jemandem, der Vogelhäuschen oder Blumentöpfe baut. Er hatte nicht mal die grundlegenden Maschinen für die Holzbearbeitung. Bei meinem nächsten Besuch brachte ich ihm erst mal eine ganze Kiste mit Werkzeug.

Wie konnte er dann so bemerkenswerte Gitarren bauen?

Ken Parker: Nun, sie funktionieren ja. Hätten wir aber eine hier und würden näher hinschauen, dann wäre da schon die eine oder andere Schlampigkeit zu entdecken. Man wüsste, zumindest als Gitarrenbauer, dass er mit diesem oder jenem Aspekt zu kämpfen hatte. Er machte einfach keine brillante Detailarbeit. Es war ihm nicht wichtig, weil es auch John D’Angelico nicht wichtig war. Eine gute traditionelle Archtop ist für mich eine Gibson, gebaut in Kalamazoo zwischen 1922 und 1929. Unter Beteiligung übrigens von vielen deutschen Immigranten, die ihre traditionelle Handwerkskunst in die Firma einbrachten. Die Große Depression brachte die Produktion praktisch zum Erliegen, dann wurde auch noch der elektrische Pickup erfunden und das war das Ende dieser Geschichte. Es gab eh nur eine Handvoll Archtop-Bauer und von historischer Bedeutung sind, neben Epiphone, die einige absolut bemerkenswerte Masterbild-Deluxe-Gitarren bauten, natürlich noch die Strombergs, Vater und Sohn, in Boston.

Ken Parker´s Jazz-Gitarre

Was ist denn in deinem heutigen Archtop-Design von der alten Bauweise noch zu finden?

Ken Parker: Ich würde sagen, dass in meinen Gitarren die größte Ähnlichkeit zu den alten Archtops, wie etwa der L5 der 20er-Jahre überhaupt zu finden ist. Ich rede nicht vom Aussehen, ich rede vom Charakter, von Balance, Projektion, Basswiedergabe, Gewicht und über den Fun-to-Play-Faktor. Sag mir, welchen Spaß macht es, eine 3 kg-plus-Gitarre zu spielen? Das ist doch albern. Und eine Kopfplatte, auf der ein Helikopter landen könnte? Das ist ein Witz, genauso wie ein 1959er Cadillac, dieser dämlich schwere Wagen, ein Witz ist.

Es macht mich an, wenn die Leute sagen: Oh schau, er baut eine traditionelle Archtop und die wiegt 3 kg. Tut mir leid, eine L5 aus den 20ern wiegt 2 kg, manchmal sogar weniger. Meine Gitarren wiegen 1,8/1,9 kg und sie sind resonanzstark, lebhaft, haben ein schönes Bassvolumen und es sind wirklich musikalische Instrumente. Verglichen mit diesen gigantischen Archtops ist eine Telecaster mit Humbucker am Hals oft die besser klingende Gitarre – das ist meine ungeschönte Meinung. Du hast gefragt, was geblieben ist? Eine Menge! Ich fühle da eine echte geschichtliche Referenz.

Aber wie hast du es angestellt, diesen guten alten Geist zu transformieren?

Ken Parker: Nun, das ist die Frage nach dem Design. Die Antwort ist: Wenn du High Performance willst, musst du jede Einzelheit in jedem Bauteil berücksichtigen, selbst an Stellen, wo die Leute sagen, das macht aber doch keinen Unterschied. Wenn du z. B. etwas leicht machen willst, darfst du eben nicht nur ein einzelnes Teil leicht machen, sondern musst jedes Baudetail auf seine Funktion abklopfen, um es dann bis an die Grenze der Funktionstüchtigkeit zu reduzieren. Du denkst darüber nach, wo die Belastungen und Spannungen entstehen, wie du die Tonübertragung möglichst hübsch hinkriegst.

Die Arbeit eines Designers eben.

Ken Parker: Ja genau, das ist die wirkliche Arbeit eines Designers. So denkt, wer nicht nur Kopien von etwas macht, das in einer Fabrik gefertigt wurde.

Denkst du denn zuerst vom Holz aus, oder ordnest du alles der Funktion unter?

Ken Parker: Offenkundig ist Holz ja unser Material. Aber die Gitarre ist ein komplexes Gebilde, es gibt jede Menge von Variablen, alle möglichen Dinge kannst du ändern und es gibt nicht nur den einen richtigen Weg. Auch ich behaupte nicht, es richtig zu machen. Ich bin ein Forscher und versuche nur immer jedes Instrument noch besser zu machen. Die Leute fragen immer ob ich Modelle hätte. Nein, ich habe immer nur ein Modell, die nächste Gitarre (lacht). Ich gebe ihnen Namen, aber es sind keine Modelle. Ich würde nie etwas bauen, das ich vor Jahren schon gemacht habe. Das macht keinen Sinn.

Gibt es denn auch einen Einfluss deiner berühmten Fly-Designs auf deine Archtops?

Ken Parker: Natürlich, es geht doch immer um die gleiche Sache. Alle Gitarren sind Gitarren! Das ist doch eine künstliche Unterscheidung, dass elektrische und akustische Gitarren zwei verschiedene Dinge wären. Klar gibt es Unterschiede, aber die findest du ja auch zwischen einer Tenor-Gitarre und einer Parlor-Gitarre. Ich denke, der erfahrene Spieler sieht die elektrische Gitarre wie eine leise Akustik-Gitarre, die Verstärkung braucht. Ich widerspreche der Idee, dass du eine schlechte E-Gitarre bauen kannst, die durch ordentliche Pickups dann gut wird. Das passiert einfach nicht. Zeig einem richtig guten Tele-Spieler eine 54er Tele. Der wird sie am Hals hochheben und wenn die mehr als 2,5 kg wiegt, dann stellt er sie zurück und geht Mittagessen. Der braucht die nicht zu hören und weiß einfach, dass sie ihn nicht anmachen kann, dass die nicht so funktionieren kann wie die besten Exemplare.

Ken Parker´s Jazz-Gitarre

Aber so einfach ist es doch wohl nicht, Spieler glücklich zu machen?

Ken Parker: Nun, elektrische Gitarren müssen eine wirklich gute Ansprache haben, um gute Spieler glücklich zu machen. OK, ich wollte ja nie E-Gitarren bauen, ich wollte immer nur Archtops bauen. Ende der 70er-Jahre konntest du aber jede L5 oder D’Angelico für zweitausend Dollar oder weniger bekommen. Wie sollte ich da auf die fünftausend Dollar kommen, die meine Rechnungen bezahlen würden? Obwohl ich viel Zuspruch von den großen Spielern wie Joe Pass, Kenny Burrell oder Jim Hall hatte, brauchten die aber nicht, was ich da machte. Da hab ich mir irgendwann gesagt: Na gut, Instrumentenmacher bauen Gitarren für lebende Musiker, nicht für diese alten Knacker. So fing ich also damit an, elektrische Gitarren zu bauen. Ich hatte ja schon im Service an tausenden von Electrics aus den 50er- und 60er-Jahren gearbeitet und wusste, was ich an ihnen mochte und nicht mochte. Service ist ja das, woran man wirklich etwas lernt.

Wie war das zu der Zeit mit Vintage-Instrumenten?

Ken Parker: Als ich so zwischen ’79 und ’83 in New York war, fingen die Leute an, den alten Kram cool zu finden. Exemplare, die nie gespielt wurden, ließen sich besonders gut verkaufen. Da kamen Leute mit Sachen wie einer 54er oder 57er Strat im Originalkoffer an, die hatten noch die Fender-Saiten aus der Fabrik drauf.

Die berühmten Case Queens.

Ken Parker: Genau die. Du hast die eingestöpselt und wusstest sofort, warum die nie jemand gespielt hatte. Das waren einfach keine guten Gitarren. Wie auch immer, ich setzte mir dann irgendwann Ziele. Stellte mir Fragen, wie denn ein eigenes Design aussehen könnte. Was mache ich, damit die Bünde nicht verschleißen? Wie stabilisiere ich den Hals, um den Zug der Saiten besser zu kompensieren etc.? Ich hatte ja viele alte Gibsons und Fenders auf dem Tisch, die alle die Fabrik mit schnurgeraden Hälsen verlassen hatten.

Ich aber musste das Griffbrett vor dem Neubundieren abrichten, also Material wegnehmen, damit das wieder ins Lot kam. Meine Gedanken kreisten um die Linienführung, um Balance und Kopfplattengestaltung und wiederum fragte ich: Braucht man wirklich vier oder mehr Kilo an Material, um eine gute Gitarre zu bauen? Les Paul? Das ist doch lächerlich! So entwarf ich eine Gitarre, die in der Regel zwischen 2 und 2,5 Kilo wiegen sollte.

Ken Parker´s Jazz-Gitarre

Aber du hast die ästhetischen Aspekte dabei auch nicht vernachlässigt.

Ken Parker: Das ist richtig. Die mit mir assoziierte 6-in Reihe-Kopfplatte entwarf ich aber 1983 für eine akustische 7-StringArchtop. 1985 gestaltete ich die Fly-Korpusform in Abstimmung auf diese Kopfplatte hin. Die Leute sagen immer: Oh, du hast den Fly-Headstock für deine Archtop übernommen. Nein, umgekehrt wird ein Schuh draus.

Ist es eigentlich ein Problem für dich, deine Gitarren an konventionelle Spieler zu verkaufen?

Ken Parker: Die kaufen meine Gitarren nicht. Weißt du warum? Es gibt Firmen, die bereit sind, ihnen Gitarren zu geben. Damit kann ich nicht konkurrieren und wenn wir wirklich von spielenden Musikern sprechen: Instrumente werden gebraucht und verbrauchen sich und natürlich kosten Boutique-Gitarren ein Vermögen.

Das hier ist ja dein persönliches Instrument, besitzt du mehrere?

Ken Parker: Im Moment ist es nur dieses. Ich hab meine Gitarre gerade Bill Frisell für Aufnahmen angeboten und wir versuchen noch ein Zeitfenster dafür zu finden. Mein Ziel für 2015 ist es, zwei mehr für mich selbst zu bauen, Gitarren aus verschiedenen Materialien mit unterschiedlichen Klangfarben, so eine Art Ton-Bibliothek aus der der Kunde in meinem Shop dann wählen kann, um herauszufinden welches Instrument wirklich zu ihm spricht.

Danke Ken, für die freimütigen Auskünfte. Soviel ist sicher: du hast deine Spuren in der Historie des Gitarrenbaus hinterlassen.

Ken Parker: Danke vielmals … aber ich wollte noch die Geschichte mit Jimmy D’Aquisto zu Ende bringen. Als ich damals seinen Laden verließ, sagte er: Du bist verrückt … (macht eine lange Pause), wenn du aufhörst Gitarren zu bauen (lacht). Das hat mich für Monate in Hochstimmung versetzt. Er sagte mir, ich sei ein Gitarrenbauer und das hielt mich an der Arbeit. Ich zeigte ihm alle meine Gitarren, er sagte mir welche ihm besser gefiel und warum, hatte Anregungen. Ein berühmter New Yorker Gitarrenhändler kritisierte mich, sagte: Deine Gitarren sehen aus wie so Hippie-Dinger. Ich: Okay, was schlägst du vor? Na, die sollten mehr wie D’Angelicos aussehen.

Ken Parker´s Jazz-Gitarre

Ich: Dann zeig mir doch mal deine D’- Angelicos. Er hatte einige da und ich schaute mir eine an, die auf der Bass-Seite sehr flach und auf der Treble-Seite stark ausgebeult war, die Wölbung war weitgehend asymmetrisch. Für meine nächste Gitarre habe ich das übernommen, aber mit einer speziellen Fächerbeleistung und einem extra Tone Bar. Ich veränderte das Cutaway, setzte Holz-Bindings, modifizierte viele andere Details. Diese Gitarre brachte ich dann zu Jimmy D’- Aquisto und brauchte fast zwanzig Jahre um zu verstehen, was an diesem Tag geschah. Ich ging also zu ihm, hatte fast ein Jahr daran gearbeitet, war unendlich stolz auf das Ergebnis und er? Er war genervt! Heute weiß ich, dass er es wirklich mochte, aber er erzählte mir blöden Scheiß, sagte, diese Gitarre hat keinen Nutzen, man müsste erst einen dafür erfinden.

Vielleicht hast du ihm Angst gemacht?

Ken Parker: Ich besitze diese Gitarre heute noch, wenn ich dir die jetzt in die Hand gäbe, würdest du laut auflachen. Diese Gitarre ist eine Kanone, die klingt absolut großartig, ist wunderbar ausgewogen, hat Tonnen an Sustain, ein wunderbares Instrument. Das haben inzwischen auch viele Menschen mit Spaß gespielt und bestätigt. Und er nölte rum: Du gehst in die falsche Richtung, hast ja fast alles geändert, orientiere dich lieber an diesen alten bewährten Sachen. Ich sagte, probier doch mal das eine oder andere aus und er: Nein nein, ich mach das lieber wie John D’Angelico. Aber wenn du jetzt seine späteren Arbeiten anschaust, kannst du eine Menge dieser Ideen aus meiner Gitarre von 1977 wiederfinden, das kann ich beweisen. Er brauchte allerdings mehr als zehn Jahre um seine Bauweise zu modernisieren

3 Kommentare zu “Ken Parker im Interview”
  1. HEADKNOCKER

    Great Read.. I used google to translate this to english for me..
    Works every time..

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