Word Music Blues Rock

Joe Bonamassa: Songs funktionieren auch ohne lange Gitarrensoli

Joe-Bonamassa-1
(Bild: Mascot, Mineur, Witzelmaier)

Diesmal steckte wahrlich der Wurm drin: Zunächst brachten Ungereimtheiten in der Kommunikation zwischen Promotion-Agentur und Plattenfirma den Zeitplan für ein Gitarre & Bass-Interview mit Joe Bonamassa in Hannover durcheinander. Dann musste der amerikanischen Blues-Gitarrist plötzlich und völlig überraschend seine Nachmittagspläne über den Haufen werfen, da sein Gitarrentechniker Mike Hickey einen Schlaganfall erlitt und in ein Hannoveraner Krankenhaus gebracht werden musste. Denn als Bonamassa davon erfuhr, ließ er natürlich sofort alles stehen und liegen, fuhr ebenfalls ins Hospital und erkundigte sich vor Ort nach dem Zustand seines wichtigsten Zuarbeiters.

So kam es, dass das fest versprochene Interview ins Wasser fiel und auch ein Treffen mit Mike Hickey aus nachvollziehbaren Gründen nicht stattfinden konnte. Ein paar Tage später war der erste Schreck überwunden, der Gitarrentechniker wieder auf dem Weg der Besserung und Bonamassa nun in der Lage, zumindest ein kurzes Gespräch mit uns in seinen engen Terminkalender einzuschieben. Natürlich wollten wir ihn vor allem zu seiner neuesten CD ,Live At Carnegie Hall. An Acoustic Evening‘ befragen, die im Januar 2016 in New York aufgenommen wurde und auf der Bonamassa mit einer neunköpfigen Besetzung zu hören ist. Zum Line-Up gehörten unter anderem Hooters-Frontmann Eric Bazilian, der ägyptische Percussionist und Komponist Hossam Ramzy und die chinesische Cellistin Tina Guo, die seinen Songs ein wunderbares Ethno-Flair verpassten.

Anzeige

Joe, erste Frage: Wie geht es deinem Gitarrentechniker Mike?

Joe Bonamassa: Danke der Nachfrage, es geht ihm schon wieder besser. Es war ein medizinischer Notfall, aber er ist mittlerweile wieder wohlauf. Er wurde sofort ins Krankenhaus gebracht und gründlich durchgecheckt, aber er ist wieder komplett genesen.

Wie lange war er nicht dabei?

Joe Bonamassa: Er hat zwei Shows verpasst und war dann die letzten drei Europa-Dates wieder an Bord.

Wie hast du dir bei den zwei Shows geholfen, bei denen Mike fehlte?

Joe Bonamassa: Nun, unser Produktionsleiter kümmerte sich um den Aufbau der Anlage, und meine Freundin, die eine sehr erfahrene Gitarristin und Sängerin ist (er spricht von Mahalia Barnes, einer australischen Sängerin/Songwriterin), hat die Instrumente gestimmt. Sie ist als Background-Sängerin ja sowieso mit mir auf Tour und weiß, wie so etwas geht. Ich habe die Gitarren vor der Show schon mal grob vorgestimmt, insofern konnte ich mir die beiden Abende ohne Mike helfen.

Warst du deswegen nervöser als sonst, als es auf die Bühne ging?

Joe Bonamassa: Na ja, Mike ist natürlich ein wichtiger Bestandteil meiner Show. Wir arbeiten mittlerweile schon so viele Jahre zusammen, dass man ihn nicht einfach so ersetzen könnte. Es war natürlich ein merkwürdiges Gefühl, ihn bei den zwei Shows nicht an meiner Seite zu haben. Aber letztendlich haben wir auch diese Situation gemeistert.

Wie kommt es eigentlich, dass du in Europa eine elektrisch verstärkte Blues-Rock-Tour spielst und gleichzeitig das Unplugged-Album ,Live At Carnegie Hall. An Acoustic Evening‘ veröffentlichst?

Joe Bonamassa: Weil die Unplugged-Tour in Amerika nur acht Konzerte umfasste. Mehr wären mit dieser immerhin neun Leute betreffenden Band logistisch nur schwer machbar gewesen. Außerdem kommen die meisten Fans, um meine elektrischen Shows zu sehen. 2012 gab es in Europa ja eine zwölf Konzerte umfassende Akustik-Tour, die in Amerika nicht stattfand. Diesmal haben wir es einfach umgedreht.

Wie hast du dich auf diese Konzerte vorbereitet?

Joe Bonamassa: Sehr sorgfältig, denn mit dieser vielköpfigen Band war es für mich eine große Herausforderung. Andererseits gehört es zu meinem Gesamtkonzept, immer wieder mit ungewöhnlichen Instrumenten und unterschiedlichen Ansätzen mit dem Blues zu experimentieren. Wir machen niemals eine Sache zweimal, sondern versuchen ständig etwas Neues. Diese Shows waren der Versuch, die Grenzen des Blues ein wenig zu erweitern, mit Einflüssen, die man meiner Musik untermischen kann.

Kanntest du Eric Bazilian, Hossam Ramzy und Tina Guo bereits vorher?

Joe Bonamassa: Nein, sie waren völlig neu in meinem Umfeld. Reese (Wynans, Klavier), Anton (Fig, Schlagzeug) und die drei australischen Background-Sängerinnen sind ja fester Bestandteil meiner Live-Band, aber Eric, Tina und Hossam waren nur bei den besagten acht Shows dabei. Die drei haben einen tollen Job gemacht. Ich wusste bei der ersten Probe schon nach wenigen Takten, dass es ein großer Spaß mit ihnen werden wird …. Wir wollten diesen World-Music-Aspekt integrieren und brauchten dafür authentische Könner. Nur ein Ägypter wie Hossam kann wirklich ägyptische Percussion spielen, nur jemand wie Tina kann diesen fernöstlichen Aspekt einbringen. Mit angeheuerten Studiomusikern aus Amerika oder Europa hätte man diesen Ethno-Effekt sicherlich nicht so konsequent hinbekommen.

Was hast du als Komponist aus dieser Zusammenarbeit mitnehmen können?

Joe Bonamassa: Zunächst einmal habe ich gelernt, dass diese Songs auch ohne lange Gitarrensoli funktionieren. Man kann sich da nie so sicher sein, weil nicht alle elektrischen Nummern auf Akustikinstrumenten funktionieren. Aber diese Stücke in diesem Arrangement funktionierten. Das war für mich natürlich eine sehr inspirierende Erfahrung. Es ist eine Art Ernte nach der vielen mühsamen Arbeit, die wir seit Jahren in jedes Album stecken. Immerhin 15 Stücke, die in diesem ungewöhnlichen Kontext funktionierten. Ich finde, das ist kein schlechter Schnitt.

Spielt dein Bassist Michael Rhodes in diesem Zusammenhang eigentlich eine große Rolle?

Joe Bonamassa: Er scheint noch vielseitiger zu sein als sein Vorgänger Carmine Rojas. Eigentlich kann man die beiden nicht miteinander vergleichen. Beide sind brillante Musiker, aber Carmine kommt eher von der britischen Schule, das gilt nicht nur für sein Spiel, sondern auch für seinen Sound. Michael dagegen hat in seinen Wurzeln den amerikanischen Blues und Country. Mit Michael zu spielen ist ein riesiger Genuss, weil er unglaublich gut ist. Egal welche musikalischen Bälle du ihm zuwirfst, immer reagiert er großartig darauf. Sein musikalischer Wortschatz ist unglaublich groß. Er könnte in einem Power-Trio spielen und schon am nächsten Tag mit knochentrockenem Country auf die Bühne gehen, ohne an irgendeinem Punkt zu schwächeln.

Anderes Thema: Zur Freude vieler Fans gibt es Black Country Communion wieder, deine Band mit Glenn Hughes, Jason Bonham und Derek Sherinian. Eigentlich hattest du dich entschieden, nicht mehr daran teilzunehmen, da du nach eigenen Angaben von Glenn Hughes’ Star-Gehabe ziemlich genervt warst. Was hat dich zum Umdenken bewogen?

Joe Bonamassa: Nun, die letzten gemeinsamen Aktivitäten liegen fünf Jahre zurück. Und ich habe mich entschieden, dass das Leben zu kurz ist, um jahrelang nachtragend zu sein. Zumal: Wenn wir zusammen Musik machen, ist es immer eine ganz außergewöhnliche Sache. Deswegen haben wir uns vor eineinhalb Jahren ausgesprochen und im vergangenen Januar eine neue Scheibe aufgenommen. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Das klang vor vier Jahren noch etwas anders …

Joe Bonamassa: Das stimmt, zum damaligen Zeitpunkt musste ich mir eingestehen, dass mir Black Country Communion keinen Spaß macht und dass die Sache unehrlich ist, sowohl innerhalb der Band als auch vor den Fans. Diese Situation war unterhalb der Grenze, wozu ich mich als Musiker und Künstler hergeben wollte. Mein Haltung damals war: Sie können machen, was sie wollen, ich lege ihnen keine Steine in den Weg. Und falls es irgendwann gute Gründe gibt, es noch einmal zu versuchen, weil es Sinn macht, geht es für mich in Ordnung. Und falls nicht – auch in Ordnung. Jetzt machte es wieder Sinn.

Wie verhinderst du diesmal, dass es erneut zu einem Zerwürfnis zwischen dir und Glenn Hughes kommt?

Joe Bonamassa: Indem jeder immer ehrlich ist und jeder versteht, welche Rolle er in dieser Band hat und wie meine Position ist. Ich glaube, Glenn hat das diesmal verstanden. Ich denke, dass wir 2011 zu viele Fehler gemacht haben. Aber das ist Schnee von gestern, diesmal hat es riesigen Spaß gemacht. Ich bin glücklich, dass ich sagen kann: Die Band klingt unglaublich gut.

Ihr werdet also auch wieder gemeinsam auf Tour gehen?

Joe Bonamassa: Das ist ein schwieriges Thema. Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Es wird auf alle Fälle eine Frage des Terminkalenders sein.

Letzte Frage: Stimmt es, dass du dich von einem Teil deines Equipments getrennt hast und nun unter anderem deine blonde 68er Telecaster auch Pierre de Beauport für seinen Chef Keith Richards angeboten wurde?

Joe Bonamassa: Ja, allerdings habe ich zunächst bei Thomas (Weilbier, No. 1 Guitar Center in Hamburg) eine 53er Fender Telecaster und einen Fender Bass VI aus den frühen 60ern gekauft. Die Telecaster ist übrigens auch im „Blackguard Book“ abgedruckt. Im Gegenzug habe ich ihm ein paar Instrumente da gelassen, darunter die erwähnte 68er Telecaster, einen 1959er Fender Twin, einen Category-5-Custom-Amp und ein Marshall-Silver-Jubilee-Topteil. Ich bin mit dem Handel sehr zufrieden. Bin mal gespannt, ob man etwas davon irgendwann bei den Rolling Stones wiederfindet.

Danke Joe, und alles Gute für deine weiteren Pläne!



Live At Carnegie Hall. An Acoustic Evening

Als kaufwilliger Fan von Joe Bonamassa kann man sich wirklich nicht beschweren: Der amerikanische Ausnahmemusiker ist seit Jahren allgegenwärtig, veröffentlicht in erstaunlich hoher Taktung ein starkes Album nach dem anderen und ist willkommener Dauergast auf Deutschlands Bühnen. Sein neuester Wurf nennt sich ,Live At Carnegie Hall. An Acoustic Evening’, und verrät bereits im Titel alles das, was man als potentieller Kunde wissen muss.

Bleibt einem Rezensenten also nur, der üblichen (und berechtigten) Lobhudelei ein paar Bemerkungen über die Besonderheit dieser Scheibe hinzuzufügen, als da wären die zur Erweiterung des üblichen Bühnentrosses hinzugezogenen Musiker Eric Bazilian (Mandoline, Drehleier, Saxophon, Akustikgitarre, Gesang), der ägyptische Percussionist und Komponist Hossam Ramzy und die chinesische Cellistin Tina Guo. Dank des Instrumentenzuwachses bekommen die Bonamassa-Songs auch auf diesem Werk etwas Neues, Ungewöhnliches, konkret: einen unterschwelligen Beigeschmack von World Music.

Und genau das ist Bonamassas Musik ja eigentlich auch: ein über geographische und kulturelle Grenzen hinauswachsendes Hörerlebnis auf der Basis von Blues und Rock. Oder besser noch: ein internationales Phänomen! [2774]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: