Im Interview

Jerry Cantrell: Man In The Box

(Bild: Jonathan Weiner)

Als Gitarrist und Haupt-Songwriter der Grunge-Veteranen Alice In Chains, neben dem verstorbenen Sänger Layne Staley, gehört Jerry Cantrell zu den großen Rockstars der 90er. Drei Jahre nach dem letzten Album seiner Band und fast 20 Jahre nach seiner letzten Soloplatte veröffentlicht der 55-Jährige nun den Nachfolger ‚Brighten‘, der im Gegensatz zu den tonnenschweren Riffs und der düsteren Ästhetik seines bisherigen Schaffens von eingängigem, amerikanischen Rock und Country geprägt ist.

Wir sprachen mit ihm über seine neue, auf 100 Stück limitierte Gibson Custom Signature Les Paul, das Herumbasteln an seinen Gitarren und Räume voller Gear, das auf seinem Album zum Einsatz kam.

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Jerry, ‚Brighten‘ klingt deutlich positiver und optimistischer als das meiste, was du bisher solo und mit Alice In Chains aufgenommen hast. Wie kam es dazu?

Ich fange nie ein Projekt mit irgendeiner Art von Plan oder Ziel an. Es ist viel organischer als das, und ich bin immer wieder überrascht, welche Richtung es am Ende nimmt. Aber ich habe gelernt, einfach dieser Richtung zu folgen. Und ich denke, das ist wirklich cool, denn das ist eine Reise, die noch nie jemand zuvor unternommen hat, und die nie wieder unternommen wird. Es ist eine Aufnahme – nicht im Sinne eines Albums, sondern es ist eine Momentaufnahme dieser spezifischen Zeit. Das finde ich immer großartig.

Ich stimme dir zu, dass das Album interessanterweise ein anderes Gefühl rüberbringt und es definitiv ein paar mehr Lichtblicke hat. Aber es gibt auch zu diesem Album immer noch genug tiefere Schichten. Das ist cool, denn darauf hofft man: Etwas zu kreieren, das man noch nie zuvor gemacht hat. Vielleicht etwas, das dich selbst und deine Hörer:innen überrascht, aber es ist nicht zu wild und anders als das, was sie gewöhnt sind. (lacht) Man klingt immer noch wie man selbst. Das ist eine andere Lektion, die ich früh gelernt habe, und für die ich sehr dankbar bin: Du klingst immer nur nach dir selbst. Ich kann niemand anderes sein als ich.

Du hast gerade mit Gibson deine eigene Signature Les Paul Custom veröffentlicht. Wie war der Entstehungsprozess und worauf basiert diese Gitarre?

Ich habe eine Handvoll Les Pauls, die ich Anfang und Mitte der Neunziger gekauft habe. Les Pauls gehören schon sehr lange zu meinem Arsenal. Natürlich bin ich auch für meine Partnerschaft mit G&L und meiner Signature Rampage bekannt. Dazu kommen aber verschiedene Gibson-Gitarren, also fühlte es sich sehr natürlich an, diese Signature Les Paul zu machen.

Ich habe mich mit Cesar (Gueikian, Brand President von Gibson, Anm. d. Aut.), James Curleigh (Gibson-CEO, Anm. d. Aut.) und dem Gibson-Team getroffen und mir gefiel die Richtung, die das Unternehmen eingeschlagen hat, sehr. Sie haben Gibson daran gehindert, bankrott zu gehen. Sie haben dann Interesse geäußert, mit mir zu arbeiten. Also haben wir über ein paar Gitarren nachgedacht, die wir rausbringen könnten. Die ‚Wino‘ ist Gitarre Nummer Eins, und ein paar andere Projekte sind in Arbeit.

Deine Les Paul hat einen Fishman-Piezo-Pickup im Steg, der einen sehr akustisch klingenden Sound erzeugt. Woher kam die Idee dazu und wie benutzt du diesen PU?

Wir spielen viele Akustik-Shows und reduzierte Konzerte. Ich habe also damals meinen Gitarrentech Brian Herb diesen Mod für mich machen lassen, damit wir diese Gigs spielen können, aber trotzdem von akustisch zu elektrisch wechseln können.

Du bastelst also gerne an deinen Gitarren herum?

Ja! Ich bin kein Gitarrenbauer oder so etwas. Aber ich habe ein paar Änderungen an einigen Instrumenten vorgenommen. Ich habe neben seiner ganzen Hexerei, Kunst und Musik an Eddie Van Halen auch immer sehr wertgeschätzt, wie viel er an seinen Gitarren rumgebastelt hat. Er war da so kreativ und hat permanent Dinge verändert. Von der Optik bis dahin, verschiedene Teile der Gitarre auszuschneiden, Pickups einzubauen und auszubauen, verschiedene Ansätze am Locking-Mechanismus, die Drop-D-Idee … Ich fand das immer toll und behielt daher im Hinterkopf, dass es okay ist, an seinem Kram rumzuwerkeln und rumzuspielen.

Jerry Cantrell und Paul Fig im Studio (Bild: Todd Shuss)

Welche Gitarren kamen auf ‚Brighten‘ zum Einsatz?

Die üblichen G&L Rampages, Teles, eine Tonne verschiedener Gibson Les Pauls, Flying Vs, Explorers, SGs. Wir haben für ein paar Sachen eine Trini Lopez ES-335 gespielt, die ein bisschen wie die von Dave Grohl aussieht. Außerdem eine sehr coole Rickenbacker. Gerade erst habe ich einen Clip auf Instagram hochgeladen, in der ich die Gitarre spiele. Dann eine Gitarre, die ich vor ein paar Jahren erworben habe: Eine Replika von Malcolm Youngs Gitarre. Ich glaube, ich habe die mitten im Recording von ‚Rainier Fog‘ (Album von Alice In Chains von 2018, Anm. d. Aut.) geholt.

Ich benutze einfach alles, was funktioniert und liebe es, zu experimentieren. Wenn wir ein Album machen, bringe ich alles Gear mit, das ich besitze. (lacht) Ich rede von fünfzig bis siebzig Gitarren. Und wenn wir etwas brauchen, das ich nicht habe, rufe ich ein paar Freunde an und frage, ob die uns etwas leihen können.

Wie sah es mit Amps aus?

Das gleiche: Friedman JJs, Bogner, Orange, Laney, Hiwatt, AC30, Fender-Amps … Such dir was aus. Mein Produzent Paul Fig und ich haben schon vier Alben mit Alice in Chains zusammen gemacht und wir ticken sehr ähnlich, was das angeht. Wir haben das also alles aufgebaut und konnten einfach zwischendurch wechseln. Eine riesige Anzahl an Amps und Speakern, verschiedene Mikro-Konfigurationen und eine Wand voller Gitarren. Also haben wir einfach alles mögliche ausprobiert. Er selbst kann dir noch viel mehr darüber erzählen. Ach ja, ich spiele auch einen guten Mix an Bariton-Gitarren, die sind immer gut, um Riffs anzufetten. Ich habe eine Jerry Jones aus der Zeit von ‚Facelift‘ und ‚Dirt‘. Außerdem habe ich eine Goldtop-Les-Paul-Style-Bariton, die ich seit Jahren spiele. Und Gibson hat mir eine mattschwarze Explorer-Bariton gebaut.

Jerry mit seinem Friedman Jerry Cantrell JJ -100 (Bild: Jonathan Weiner)

Ihr habt euch also für jeden Song das individuelle Gear überlegt?

Genau. Da Paul und ich bereits mehrere Alben zusammen gemacht haben, reden wir schon während des Songaufbaus darüber, was vielleicht funktionieren könnte. „Das fühlt sich mehr wie eine Strat mit einem Fender-Amp an, vielleicht mit ein bisschen Phaser und 25-Watt-Celestion-Speakern.“ So reden wir dann darüber. Für mich ist das immer faszinierend: Songs zu schreiben, ist das eine. Aber sie dann mit in die Recording-Phase zu nehmen, etwas komplett anderes. Denn dann entwickeln sie ein gewisses Eigenleben und es ergeben sich Wege, die man nicht beabsichtigt hat.

Meistens sind wir aber schon ziemlich nah am Ziel dran. Und wenn wir falsch liegen, merken wir es sofort: „Das funktioniert nicht, lass es uns stattdessen mit einer Flying V, einem Hiwatt, 70-Watt-Speakern und einem Cry Baby probieren.“ (lacht) Es ist ein Trial-And-Error-Prozess. Das ist das Spaßige daran. Es gibt kein Regelwerk, sondern es geht nur darum, was sich richtig anfühlt.

Welche Pedale hast du auf dem Album benutzt?

Auch da haben wir das gleiche gemacht, wie mit den Gitarren, Amps und Speakern: Eine riesige Box an Effekten mitgebracht. Fig hat tonnenweise davon und mein Mixer Joe Barresi hat sogar ein ganzes Zimmer voller Pedale. (lacht) Sich durch Pedale und Effekte zu wühlen, macht immer Spaß. Ich war immer ein großer Fan vom Cry Baby, also ist das auf dem Album zu hören. Ansonsten alle möglichen Pedale, die wir ausprobiert haben. Dunlop und ich haben auch gerade darüber geredet, eine neue Version meines Signature Cry Babys zu machen. Es soll anders aussehen, aber das gleiche Pedal bleiben, weil das Wah einfach sehr gut klingt. Das wird zusammen mit dem Album herauskommen.

Dein Produzent Tyler Bates hat nicht nur Gitarre bei Marilyn Manson gespielt, sondern ist auch einer der gefragtesten Filmmusik-Komponisten in Hollywood. Wie war die Arbeit mit ihm?

Tyler ist super. Er und Paul Fig waren die ersten, mit denen ich darüber geredet habe, dieses Album zu machen. Joe Baressi kam etwas später dazu, aber es war wichtig, sie alle drei zu haben, um mir dabei zu helfen, dieses Album fertigzustellen. Sie alle hatten tolle Ideen und viel Geduld. Das braucht man nämlich auch, um ein Album zu machen. Tyler ist ein wirklich talentierter und aufrichtiger Typ, der die ganze Zeit auf unterschiedlichen Ebenen arbeitet. Der Typ hat drei TV-Shows und vier Filme am Laufen und produziert nebenbei noch ein paar Alben. Ich könnte so etwas nicht. Ich kann mich immer nur auf eine Sache konzentrieren! (lacht)


ANMERKUNGEN VON PRODUZENT UND ENGINEER PAUL FIG

(Bild: Michelle Pullman)

„Für Jerrys Main-Rig zielte ich auf sein klassisches Setup ab, das wir für Alice In Chains benutzen. Es sollte aber auch etwas anders sein, um für sein Soloalbum einzigartig zu bleiben. Bei den Amps haben wir mit seinem neuen Friedman-Signature als Basis angefangen. Dann gemischt mit dem Bogner Uberschall für etwas zusätzliche Wärme, und dann schließlich einen klassischen Orange-Amp für ein bisschen Klarheit und Gewicht.

Ich habe die Signalkette immer clean gehalten, außer auf manchen Songs, wo ich das Dunlop Hendrix Octavio Fuzz für einen fuzzigeren Sound vor den Orange-Verstärker geschaltet habe. Ein Verstärker, der es auf diese Platte geschafft hat und der wirklich alles zusammenhält, war ein früher Fender Pro Junior. Egal, ob wir ihn an die Marshall 8×10- oder 4×12-Box schickten oder den 10-ZollLautsprecher von Jerrys Friedman-Signature-Combo mikrofonierten – es fühlte sich einfach solide an und fügte sich in den Rest der Gitarrenschichten ein.

Eines der wichtigsten Dinge bei der Aufnahme mit Jerry ist, sicherzustellen, dass sich die Gitarren-Sounds nicht im Weg stehen. Ich wusste, dass er viele, viele Gitarrenschichten haben wollte. Man muss sich Zeit nehmen, um sicherzustellen, dass es eine gute Balance zwischen schweren Gitarren und den cleanen Sounds gibt, damit sie sich gut in den Mix einfügen. Die größte Herausforderung ist immer das Stimmen und die Intonation. Wenn es nur eine Gitarre wäre, die spielt, hätte ich etwas Spielraum gehabt, aber ich wusste, dass Jerry oft Teile der Songs doppeln und triplen will. Man merkt recht schnell, dass die Gitarren nicht in tune sind, wenn man so viele Gitarrenspuren übereinanderlegt.“

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2021)

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