Kid in America

Jen Majura: Die Evanescence-Gitarristin im Interview

Jen Majura cool in Szene gesetzt auf dem Sofa
Mineur, Ibanez

Mit ihrer AC/DC-Cover-Band hat sie deutsche Bühne gerockt, anschließend bei Rage, Equilibrium und Knorkator am internationalen Business geschnuppert und ist von dort direkt nach New York zu Evanescence, der Band um Sängerin Amy Lee, gejettet, um ihren neuen Job anzutreten: Man könnte Jen Majura als weiblichen Shooting Star der deutschen Gitarristen-Szene bezeichnen.

Jen Majura selbst steht das Staunen über diese rasante Entwicklung noch immer ins Gesicht geschrieben, wovon wir uns beim Ibanez Guitar Festival, Mitte Juni in Gutenstetten, überzeugen konnten.  Hier das Gespräch mit der versierten Musikerin, die so ganz nebenbei auch noch eine super freundliche junge Frau ist. Und eine auffallend hübsche obendrein, wie man an den Bildern nur unschwer erkennen kann.

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Jen, wer so früh so gut an der Gitarre ist wie du, muss bereits in jungen Jahren mit Musik aktiv in Berührung gekommen sein.

Jen Majura: Ich habe im Alter von sechs Jahren mit Klavier angefangen, hab dann aber schnell festgestellt, dass man dafür eigentlich auch Noten lesen können muss, wozu ich keine Lust hatte. Mein Vater hatte immer eine Vision: die kleine Jen am Klavier. Aber leider wollte das Kind lieber rocken. Deswegen fing ich mit acht an, Gitarre zu spielen. Gesungen habe ich eigentlich immer schon. Dazu kamen später Schlagzeug, Bass, Saxophon, Trompete, Querflöte, von allem ein bisschen. Ich denke, dass diese Vielfalt beim Komponieren und Arrangieren hilft.

Dein Vater ist selbst Musiker, Stichwort: Neue Deutsche Welle.

Jen Majura: Das stimmt, mein Papa (der Thailänder Chutichai „Schuti“ Indrasenn kam 1977 nach Deutschland) war Bassist von Kiz, die mit ,Die Sennerin vom Königssee‘ einen Hit hatten. Ich saß schon als zwei-, dreijährige Göre überall am Bühnenrand und wollte daher nie etwas anderes werden als Musikerin.

Bist du auch musiktheoretisch ausgebildet?

Jen Majura: Ja, obwohl ich nie Musik studiert habe. Aber es gab an unserer Schule einen sehr guten Musik-Leistungskurs, an dem ich sehr viel gelernt habe.

Du kannst vom Blatt spielen?

Jen Majura: Ja, natürlich. Ich spiele ja auch klassische Gitarre und Flamenco. Ohne Basiswissen stagniert irgendwann das eigene Songwriting, und nicht nur das Songwriting, sondern auch die Situation beim Proben oder im Studio. Meine Band hasst und liebt mich dafür, wenn ich sage: „Du hör mal, die Sechzehntel gehört vorgezogen.“ (lacht) Ich bin da mitunter ziemlich kleinkariert. Ich hoffe, dass mich meine Band-Kollegen nicht nur als Mean Mummy betrachten, die ständig nörgelt.

In welcher Phase deiner noch jungen Karriere hast du die größten Fortschritte als Musikerin gemacht?

Jen Majura: Jetzt, genau in dieser Zeit. Ich sag dir auch warum: Jahrelang habe ich versucht, es allen Recht zu machen, allen zu gefallen. Ich wollte immer allen beweisen, dass ich zwar ein Mädel bin, aber trotzdem spielen kann. So etwas funktioniert natürlich nicht. Dann kam ein Gitarrist in mein Leben, der alles verändert hat, nämlich Mattias IA Eklundh. Im vergangenen Jahr war ich bei ihm im „Freak Guitar Camp“. Ich kannte ihn allerdings schon länger, da ich mit meiner Band mal im Vorprogramm von Freak Kitchen gespielt habe und der Kontakt seitdem nie abgerissen ist. Ich habe mich intensiv mit ihm beschäftigt, mit der Art, wie er denkt. Sein Ansatz ist: „Ich mach mein Ding. Wenn es dir nicht gefällt, hör halt weg.“ Mit dieser Haltung hat er Recht. Von Mattias habe ich gelernt, meinen eigenen Weg zu suchen und nur Dinge zu tun, die zu mir passen. Bestes Beispiel: neo-klassische Arpeggios à la Jeff Loomis – vergiss es, kann ich nicht! Ich könnt sie mir natürlich draufschaffen, aber es wäre nicht echt. Ich befasse mich lieber mit Dingen, die ich mag und kann.

Und was ist das zum Beispiel?

Jen Majura: Ich spiele zum Beispiel gerne Metal-Riffs. Im Riffing betrachte ich mich als solide, außerdem entdecke ich gerade die Obertöne für mich, also Floyd-Rose, Whammy-Bar, und so weiter. Außerdem will man sich ja irgendwann auch mal von der Pentatonik trennen, daher beschäftige ich mich zurzeit auch mit indischen und orientalischen Skalen, Ragas oder mit der indischen Rhythmik Konnakol – super interessant. Ich weiß allerdings nicht, ob ich sie jemals perfekt anwenden kann, aber auch so hat es mir bereits sehr viel Freude bereitet.

Klingt nach Neugier auf Neues.

Jen Majura: Ja, unbedingt, sobald man nichts Neues mehr kennenlernt, stagniert man. Ich übe ja auch immer noch täglich und gehöre damit wohl eher zur Minderheit. (lacht) Wenn ich damit aufhöre, entwickle ich mich nicht weiter.

Jen Majura live in Action
Mineur, Ibanez
Jen Majura live in Action

Hast du in der Zeit als Freundin des früheren Rage-Gitarristen Victor Smolski wichtige Inspirationen von ihm bekommen?

Jen Majura: Ich war ja nie seine Schülerin, und musikalisch unterscheiden wir uns schon sehr stark. Aber wir waren halt mehr als vier Jahre zusammen, da schnappt man natürlich das ein oder andere auf, was einen weiterbringt. Zumal Victor wirklich ein grandioser Musiker ist.

Wer sind deine persönlichen Helden?

Jen Majura: Nuno Bettencourt, Mattias IA Eklundh und Richie Kotzen. Ich mag Vielfalt. Mit Mattias und seinen Jungs habe ich vergangenes Wochenende sogar noch gespielt. Am darauffolgenden Tag habe ich mir dann The Winery Dogs angeschaut und anschließend mit Richie Kotzen getwittert. Und heute Abend werde ich mir natürlich Steve Vai anschauen, damit habe ich dann drei meiner größten Idole innerhalb einer Woche gesehen. Mir könnte es kaum besser gehen. (lacht)

Wie hast du dich zur Band-Musikerin entwickelt? Wie fing alles an?

Jen Majura: Meinen ersten Auftritt hatte ich im Alter von elf oder zwölf, allerdings war ich von den Fähigkeiten meiner Band-Kollegen eher enttäuscht. Anschließend habe ich mit der Band meines Vaters gespielt, also die alten Herren und das kleine Kind. Dann hatte ich vier Jahre lang eine AC/DC-Tribute-Band. Eine tolle Zeit mit super Konzerten und viel Spaß, die leider endete, weil ich es zeitlich mit meinen anderen Projekten nicht mehr koordinieren konnte. Es folgte die Zusammenarbeit mit Rage, anschließend Knorkator und ein einjähriger Ausflug in die Pagan-Metal-Welt mit Equilibrium.

Allerdings als Bassistin, nicht wahr?

Jen Majura: Ja, und genau das war auch mein Problem, denn eigentlich hatte ich gegen mein Empfinden eingewilligt, um dann festzustellen, dass der Bass nicht wirklich mein Instrument ist. Man spielt anders, man bewegt sich anders, alles ist anders. Es gab das Schlüsselerlebnis, dass ich auf dem RockharzFestival an einem Abend Bass mit Equilibrium und am nächsten Tag Gitarre bei Knorkator spielen musste. Dabei habe ich gemerkt, wie groß der Unterschied auf der Bühne ist. Beim Bass habe ich das Gefühl, ein Holzstück zu bedienen. Die Gitarre dagegen schnalle ich um und – flutsch – ist sie meins. Also bin ich bei Equilibrium wieder ausgestiegen, bin mit den Jungs aber immer noch befreundet. Ihr Gitarrist Dominik Crey hat eine neue Band namens Nothgard, auf deren neuem Album ,The Sinner’s Sake‘ ich ein wenig Gitarre spiele und eine Nummer singe.

Kommen wir zum Quantensprung deiner Karriere, der Verpflichtung als Gitarristin bei Evanescence. Wie kam es dazu?

Jen Majura: Ich habe mit Equilibrium auf dem MetalFest in Tschechien gespielt, Testament waren auch da. Ihren Gitarristen Alex Sknolnick kenne und schätze ich sehr. Zufällig waren wir mit Equilibrium am Tag zuvor in Geiselwind, wo auch Testament spielten, und Alex und ich verstanden uns sofort super. Bei dieser Gelegenheit habe ich ihm meine Solo-CD gegeben, woraufhin er sich nach der Tour bei mir per Mail meldete und mir mitteilte, dass er die CD richtig gut findet. Die nächste E-Mail, die dann von ihm kam, lautete in etwa so: „Es werden sich Freunde von mir bei dir melden. Ich kann dazu noch nicht mehr sagen, aber du wirst wissen, worum es geht, und du wirst wissen, dass es dann diese Freunde sind. Es ist definitiv etwas, zu dem du ja sagen solltest.“ Ich fand das zunächst etwas seltsam …

Wann genau war das?

Jen Majura: Im Juli 2015. Dann ging alles super schnell. Alex hat einen guten Bekannten namens Dave Eggar, ein Cellist, der auf Amy Lees (Sängerin, Komponistin von Evanescence) Soloalbum gespielt hat und gebeten wurde, einen Vorschlag für die Position des Gitarristen bei Evanescence zu machen. Er gab meinen Namen weiter, so kam die Sache ins Rollen. Am 23. Juli 2015 saß ich bei meinen Eltern auf der Couch, es waren Sommerferien, als bei mir eine E-Mail ankam: „Hello Jen, I’m the manager of the band Evanescence, I would kindly ask you if you are interested in joining us.“ Ich konnte es kaum fassen. Unfassbar! Ich habe natürlich sofort zugesagt und bin bereits drei Tage später nach New York geflogen.

Mit Songs, die du geprobt hattest, vermute ich.

Jen Majura: Nein, ich hatte nicht einmal eine Gitarre dabei. (lacht) Es hieß nur: „Komm rüber, wir gehen essen, unterhalten uns, lernen uns kennen.“ Ich war drei Tage lang mit Amy in New York, wir haben lediglich einmal in einem Musikladen mit Akustikgitarre zusammen gesungen. Danach fragte sie: „Hab ich es dir schon gesagt?“ Ich: „Was genau?“ Amy: „Du bist in der Band, you’ve got the gig!“

Und dass, ohne vorzuspielen.

Jen Majura: Ich hatte Amy vor meiner Reise gefragt, ob ich eine Gitarre mitbringen soll, aber sie meinte nur: „Mädchen, ich weiß, dass du spielen kannst, ich habe Unmengen von Videos von dir gesehen.“

Was hat Amy in New York hinsichtlich ihrer Erwartungen und Wünsche an dich geäußert?

Jen Majura: So konkret wurde darüber gar nicht gesprochen. Ich weiß heute, da ich jetzt einige Monate dabei bin, dass eine gewisse Bühnenpräsenz erwartet wird, dass man ein bestimmtes Maß an Unterstützung durch die Endorser mitbringen, möglichst viel Spaß haben und kein Depp sein sollte.

Was konkret ist nach New York passiert?

Jen Majura: Ich bin wieder nach Hause geflogen, mit einer Setliste, die ich mir erarbeiten musste, weil es im November einige Shows gab. Erst fand eine einwöchige Probe in Nashville statt, dann kam eine Show in Nashville, eine in Dallas und eine in Los Angeles, anschließend ging es nach Tokio und über Abu Dhabi bin ich dann zurück nach Deutschland. Da hatte ich dann den schlimmsten Jetlag meines Lebens. Das war sozusagen mein erster Einsatz für Evanescence, mein zweiter war bei drei Shows in Florida, auch da gab es vorher eine längere Probe.

Wie war die Resonanz des Publikums?

Jen Majura: Shows von Evanescence sind immer gut und immer gut besucht. Man kennt ja die Bedenken von Musikern vor einer Tour, ob genug Leute kommen, weil die Vorverkäufe eher mau sind. Bei Evanescence ist immer alles ausverkauft. Es gibt für mich keinen Tag in dieser Band, an dem mir nicht ein-, zweimal vor Erstaunen die Kinnlade herunterklappt.

Welches Material hat dir die Band für die Vorbereitung gestellt?

Jen Majura: Du kennst das ja: Auf Studioproduktion gibt es immer Unmengen an Gitarrenspuren, gedoppelt, vierfach. Ich hab einfach alles vorbereitet und in der Probe dann gefragt: „Okay, was davon soll ich spielen?“ Ein paar Dinge mussten noch justiert werden, weil ich sie aus der fetten Studioproduktion nicht ganz eindeutig hatte heraushören können. Dann wurden alle Gitarren-Parts zwischen Troy (McLawhorn, zweiter Gitarrist der Band) und mir aufgeteilt. Bei ,Call Me When You’re Sober‘ habe ich den Tapping-Teil bekommen, was mich tierisch freut. Und dann ging’s los.

Liegt dir die Musik der Band? Entspricht sie deinem Spielgefühl? War es schwierig, deine Parts zu lernen?

Jen Majura: Nein, es ist nicht schwer. Evanescence haben sehr gute Kompositionen, aber spielerisch ist es bei Knorkator teilweise schwieriger.

Wie so häufig: Die besten Songs basieren auf den simpelsten Ideen.

Jen Majura: Richtig. ,Bring Me To Live‘ hat zwar nur viele Powerchords, aber der Song fetzt und es macht Spaß, ihn zu spielen.

Spielst du eng am Original?

Jen Majura: Ja, absolut. Ich muss, das war Bedingung.

Sprich: Keine eigene Note, sondern alles so, wie es Studio eingespielt wurde.

Jen Majura: Richtig.

Gefällt dir das? Würdest du gerne etwas mehr von dir einbringen?

Jen Majura: Hm… (zögert mit vielsagendem Blick)

OK, ich zieh die Frage zurück. Bist du bei Evanescence auch für zukünftiges Songwriting vorgesehen?

Jen Majura: Amy hat mir vor Kurzem geschrieben: „Wenn du irgendwelche Riffs oder Ideen hast, schick sie gerne rüber.“ Aber generell wurde noch nicht über ein neues Album gesprochen. Die Besetzung ist noch zu neu, das muss sich jetzt erst einmal einspielen.

Wird man dich mit Evanescence in absehbarer Zeit auch mal in Europa sehen?

Jen Majura: Ich hoffe es sehr. Zurzeit gibt es nur eine Tournee-Anfrage für Südamerika. Insgesamt ist es bei Evanescence ungewöhnlich ruhig. Ich bin eigentlich viel mehr Chaos gewohnt. Aber mich entspannt das, es heißt einfach nur: „Wir treffen uns dann und dann, hier ist dein Flugticket.“ Ich bin eigentlich ein Kontrollfreak, der in seinen Bands alles macht, vom Booking über Facebook, Merchandise, Abrechnungen. Bei Evanescence hat man damit nichts zu tun, man kann einfach nur Musiker sein. Mit meinem Gitarrentechniker komme ich super klar, alles ist total entspannt.

Hast du deinen eigenen Techniker mitgenommen?

Jen Majura: Ich hätte es tun können, aber ich wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und hab mich danach gerichtet, was man mir in Amerika empfohlen hat. Mein Techniker ist Stretch, der normalerweise mit Alice In Chains arbeitet. Der andere Techniker, der für Troy und Tim (McCord, Bass) zuständig ist, arbeitet normalerweise für Gus G., alles super Jungs. Die Crew ist einfach Bombe.

Wie viele Gitarren hast du überhaupt bei Evanescence im Einsatz?

Jen Majura: Beim ersten Durchlauf waren es eine Siebensaiter, drei Baritons, zwei FRs und zwei SGs. Es gibt sehr viele Tunings, ich nehme quasi nach jedem Song einen Gitarrenwechsel vor. Die Bariton-Gitarren waren für mich eine riesige Herausforderung, weil ich vorher noch nie mit ihnen gespielt hatte. Mein Aufbau war früher Gitarre – Tuner – Amp. Dann habe ich mein Equipment um ein Line 6 Helix erweitert. Aktuell habe ich fünf Gitarren dabei, darunter zwei Ibanez Uppercut-FRs, zwei Baritons und eine JEM77P-BFP, mit der wir beim letzten Auftritt ,Purple Rain‘ gespielt haben. War echt ein krasses Gefühl, diesen Song mit der Band zu spielen …

Danke für das nette Gespräch, Jen, und alles Gute für deine Zukunft!

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