Produkt: Gitarre & Bass 8/2019
Gitarre & Bass 8/2019
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Aus dem neuen Heft

Jeff Berlin: Systemkritiker

Jeff Berlin(Bild: Mineur)

Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermuten würde: Mit Jeff Berlin lässt sich trefflich streiten. So ruhig und ausgeglichen der 66-jährige Amerikaner äußerlich wirkt, so verbissen und dogmatisch kann er im Detail sein. Vor allem dann, wenn es sich um einen seiner Haupttätigkeitsbereiche handelt, den Bass-Unterricht.

Die Kehrseite der Medaille: Seitdem sich Berlin öffentlich zu seiner Meinung nach ungenügenden Unterrichtsmethoden äußert, entlädt sich über ihm zeitweise ein regelrechter Shitstorm. Dabei ist der Standpunkt des Ausnahmemusikers durchaus interessant, und seine Argumentation nicht so einfach von der Hand zu weisen.

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Wir haben uns mit Jeff Berlin getroffen und uns seine Sichtweisen angehört. Aber natürlich wollten wir auch etwas über sein geplantes Jack-Bruce-Tribute-Album erfahren, an dem er zurzeit arbeitet.

interview

Jeff, im Unterschied zu unserem letzten Treffen vor ca. sechs Jahren wirkst du heute deutlich entspannter und zufriedener. Offenbar hat dein Leben eine erfreuliche Entwicklung genommen.

Ein entscheidender Wendepunkt in meinem Leben war die Psychotherapie, die ich im Alter von 60 Jahren gemacht habe. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mit mir und der Welt im Unreinen, es schmerzte, ich war in Zwietracht mit meinem Leben, mir fehlte die Fähigkeit, Frieden mit der Welt zu schließen. Als ich es mit 60 nicht mehr aushalten konnte, fand ich eine großartige Psychologin, die zu mir sagte: „Du musst dich mit deinem Schmerz auseinandersetzen.“ Normalerweise läuft man davon, wenn etwas wehtut, aber ich setzte mich damit auseinander und kam aus dieser Zeit als friedvollerer und glücklicherer Mensch hervor. Eigentlich so, wie ich eigentlich schon hätte sein sollen, bevor ich eine Familie gründete.

Hatte dieser Gesundungsprozess auch Einfluss auf deine Musik?

Und ob! Ich spiele heute friedvoller, leidenschaftlicher, meine Songs klingen fließender und harmonischer. Seit der Psychotherapie ist so viel passiert, ich fühle mich heute als besserer Musiker und Mensch als jemals zuvor.

Dabei stehst du schon seit den 70ern im Rampenlicht und wirst gefeiert.

Das stimmt, ich habe mit Bill Bruford gespielt, Allan Holdsworth, Tony Williams, John McLaughlin, Al Di Meola, den Brecker Brothers, Etta James, der Average White Band. Die Liste ist lang, denn ich gehörte zu einem erlauchten Kreis. Von jedem der Genannten konnte ich etwas lernen, am meisten allerdings von Bill Bruford. Bill war schon damals ein erfahrener Musiker, der genau wusste, wie man das Publikum erreicht. Außerdem zeigte er mir eine völlig andere Musikerethik. Ich war es gewohnt, die Zeit im Studio als Job zu betrachten. Er dagegen sieht Musik als etwas Größeres an, etwas Spirituelles, das man nicht so einfach aus den Kleidern schüttelt, wenn die Uhr abgelaufen ist. Bill ist bis heute mein wichtigster Lehrer, wenn es um den wahren Geist von Musik geht.

Seit einigen Jahren ist dir deine Tätigkeit als Musiklehrer zunehmend wichtiger geworden. Gibt es dafür eine Initialzündung?

Ich habe ja schon in den späten 70ern unterrichtet, aber erst kurz vor meiner Therapie kam ich an den Punkt, dass ich diese Tätigkeit ausweiten wollte.

Weil du mit vielen Unterrichtsformen nicht einverstanden bist.

Exakt. Die Botschaft vieler Kurse im Internet ist richtig, die Art der Präsentation aber meiner Ansicht nach fehlerhaft. Mittlerweile bin ich diesbezüglich entspannter und äußere mich sachbezogen, aber vor meiner Therapie war ich wütend darüber. In den späten Siebzigern hatten alle großen Bassisten einen ähnlichen theoretischen Background wie ich, der Violine von der Pike auf gelernt und anschließend Musik studiert hat.

Durch die Beatles kam ich dann zum Bass und wurde zum Autodidakten. Und damit sind wir beim Punkt: Es gibt für mich nur zwei Wege zum Musiker: als Autodidakt oder als Schüler einer grundlegenden Musiklehre, ich wiederhole: einer grundlegenden Musiklehre! Als ich feststellen musste, dass viele BassUnterrichtsangebote den Schülern nicht weiterhelfen, entschied ich mich zum Handeln.

Jeff Berlin
Jeff Berlin mit seinem Cort-Rithimic-Bass, mit Erle-Korpus
und Bartolini-Custom-Soapbars-Pickups
(Bild: Mineur)

Was kritisierst du an den besagten Unterrichtsformen?

Dass sie nicht die Grundlagen lehren. Man kann auch keine Sprache ohne Buchstaben lernen oder ein Wiener Schnitzel braten, ohne die Grundkenntnisse des Kochens zu kennen. Ich weiß, dass viele Basslehrer und Musikschulen mich nicht mögen. Sie halten mich für grausam und gemein, weil ich Schülern sage, dass sie bei diesen Lehrern und Schulen nichts lernen können. Dabei bin ich weder grausam noch gemein, ich greife diese Lehrer und Schulen ja nicht persönlich an.

Ich behaupte auch nicht, dass die Eigentümer der Tabakindustrie schlechte Menschen sind. Ich sage nur, dass ihr Produkt fehlerhaft ist. Die meisten Bass-Schüler haben keinerlei Kenntnisse von Musiktheorie. Wie also sollen sie etwas verstehen, wovon ihnen die Grundkenntnisse fehlen? Ich besitze diese Kenntnisse in Musiktheorie, und deshalb weiß ich, dass das, was viele Basslehrer lehren, den meisten Studenten nicht weiterhilft.

Deiner Meinung nach kann man das Bass-Spielen also nicht auf völlig unterschiedliche Weisen lernen?

Produkt: Gitarre & Bass 4/2019
Gitarre & Bass 4/2019
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Jeff is completly right,

    i am guitar teacher, my expierences are the same,
    he does not need a theterapy, the other
    people are crazy

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