Unbekannte Helden

J. Mascis und Dinosaur Jr.

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Zum ersten Mal begegnete mir Joseph Donald Mascis Jr. als Gitarrist von Dinosaur Jr. auf der Stereoanlage eines Freundes. Ein kurzer Drumfill und dann erklangen die krachigen WahWah-Akkorde von ,Little Fury Things‘. Als dann noch der leicht schläfrige Gesang einsetzte, war es um mich geschehen …

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Ein paar Monate später war der Mann auf dem Cover der Spex, der damals angesagtesten Indie-Postille. Ich kaufte mir ein altes Vox-Wah und ein Smiley T-Shirt, ließ die Haare wachsen und vertiefte mich in den amerikanischen Underground-Rock von Labels wie SST und SubPop.

1987 klang die Musik des kurz J. genannten Gitarristen wie die Anti-These zum Mainstream. Meine Schulkameraden lauschten den mit Gated-Reverb-Snares getränkten Popsongs von Phil Collins und Konsorten oder Hairspraygetriebenem Hardrock und im örtlichen Musikladen diskutierte man, welche Elemente man ins Rack schrauben sollte. J. Mascis hingegen machte mit altmodischen Pedalen, weit aufgedrehten Marshalls und einem komischen Gitarrenmodell namens Jazzmaster den schönsten Gitarrenkrach, den ich je gehört hatte. Ein paar Jahre später wurde dann Nirvana für einen innovativen neuen Sound gefeiert, den Dinosaur Jr. schon Jahre vorher – und meiner bescheidenen Meinung nach wesentlich spannender – praktiziert hatten. Grund genug also, J. Mascis einmal genauer vorzustellen.

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Das Licht der Welt erblickte der kleine Joseph am 10. Dezember 1965 in Amherst, einer Kleinstadt in Massachusetts, in der er heute noch mit Frau und Kind lebt. Seine musikalische Karriere begann der Sohn eines Zahnarztes als Drummer in der Hardcore-Band Deep Wound, in der auch der spätere Dinosaur-Jr.-Bassist Lou Barlow als Gitarrist in Erscheinung trat. Deep Wound waren schnell, aggressiv und unmelodisch – was nach ein paar Konzerten und einer EP seinen Appeal verlor. Mascis begann Gitarre zu spielen und Songs zu schreiben und öffnete sich anderen Einflüssen: 70s-Rock à la Black Sabbath, Rolling Stones und Underground-Bands wie Birthday Party oder The Jesus & Mary Chain.

So beschloss er, eine Country-Punk-Band zu gründen. Lou Barlow wechselte zum Bass, Emmett Jefferson „Patrick“ Murphy, kurz Murph genannt, wurde der neue Drummer. Nach einem kurzen Versuch mit Ex-Deep-Wound-Sänger Charlie Nakajima beschlossen Lou und J. den Gesang aufzuteilen und als Trio weiterzumachen. Unter dem Namen Dinosaur begann die Band am Material der ersten Platte zu arbeiten. Zum Thema Coverversionen meint J. in der Bandbiographie nur: „Wir waren nicht gut genug, um Coversongs zu spielen. Ich konnte keine Barré- Akkorde – und was ich spielen konnte, wurde zu den ersten Songs.“

Lou Barlow sagt dazu: „Wir kamen vom Punk-Rock und New Wave, und eigene Songs zu spielen war extrem wichtig. Die Musik anderer Leute zu spielen war lahm.“ Heraus kam dabei das nach der Band betitelte Debüt-Album ,Dinosaur‘. Das klang noch etwas unentschlossen mit deutlichem Wave-Einschlag, hatte aber schon typische Elemente des späteren Dinosaur-Jr.- Sounds: Folkige Gitarrenakkorde, die verzerrt gespielt zu Gitarrenwänden mutierten, melodische Fuzz-Solos und den Einsatz von Seventies-Effekten wie WahWah und Flanger.

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Die Band vergrößerte ihren Show-Radius, spielte in Boston und New York und landete schließlich im Vorprogramm der Noise-Pioniere Sonic Youth. Statt 15, standen plötzlich 500 Leute vor der Bühne und die dadurch entstehende Aufmerksamkeit brachte die Band an ihr erstes Ziel: ein Plattendeal mit dem legendären Underground-Label SST. ,You’re Living All Over Me‘ hieß die erste Veröffentlichung auf dem Label des Black-Flag-Gitarristen Greg Ginn und zeigte eine Band, die ihren Stil gefunden hat. J. Mascis sang nun fast alle Songs und schrieb die Parts für seine Bandmitglieder. Statt New Wave prägten 70s-Hardrock, Noise-Gitarren und der an Neil Young auf Tranquilizer erinnernde Gesang die Songs.

Nach einem Rechtsstreit mit einer gleichnamigen Band aus Seventies-Veteranen von Quicksilver und Country Joe & The Fish musste der Bandname um das Kürzel Jr. erweitert werden, was dem Erfolg jedoch keinen Abbruch tat. Die neu benannte Band tourte zuerst in den USA und dann mit dem dritten Album ,Bug‘ auch in Europa und wurde zum erfolg reichen Underground-Act. Parallel zum Erfolg verschlechterte sich jedoch die Stimmung in der Band. Besonders zwischen Lou und J. entwickelte sich eine regelrechte Feindschaft. Statt die Probleme zu besprechen, löste J. die Band auf, um sie ein paar Tage später mit einem neuen Bassisten neu zu gründen.

Dinosaur Jr. wurden immer mehr zum Solo-Projekt von Mascis. Ausgestattet mit einem Major-Label-Deal spielte er fast alle Instrumente selbst und schaffte mit Songs wie ,The Wagon‘ und dem Album ,Where You Been‘ sogar den Einstieg in die US-Charts. Während im Zuge des Grunge-Hypes aber Kollegen wie Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden zu Superstars mutierten, blieben Dinosaur Jr. immer dem Underground verbunden. J. integrierte immer mehr Gitarren-Sounds in die zunehmend komplexer werdenden Songs, hatte aber wenig Interesse am Rockstar-Lifestyle. 1997 löste er Dinosaur Jr. auf und machte als Solokünstler weiter – mit einer Bandbreite, die von Akustik-Alben über die an Dinosaur Jr. erinnernden J. Mascis & The Fog bis zur für den indischen Guru Mata Amritanandamayi geschriebenen Platte ,J and Friends Sing And Chant For Amma‘ reicht.

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2005 schaffte es das Original-Lineup von Dinosaur Jr. die alten Konflikte auszuräumen und tourte anlässlich der Wiederveröffentlichung der ersten drei Alben gemeinsam. 2007 erschien mit ,Beyond‘, das erste Album mit neuen Songs seit 1997, und seitdem scheinen Dinosaur Jr. zu einer stabilen Band zusammengewachsen zu sein, die sich zwar auf der Bühne immer noch nicht durch große Kommunikation oder Entertainment-Elemente auszeichnet, aber sichtbar Spaß an der eigenen Musik hat.

Drei weitere Alben entstanden in J’s eigenem Studio, und mit dem letzten ,Give A Glimpse Of What Yer Not‘ ist das Trio aus Amherst seit über einem Jahr auf Tour …. – ein Ende von Dinosaur Jr. ist somit nicht in Sicht.

equipment & stil

J. Mascis Gitarrenstil zeichnet sich vor allem durch zwei Elemente aus: Rhythmusparts aus offenen Akkorden und melodische Solos, die mit Feedback, WahWah und krassen Fuzz-Sounds vor zu viel Schönklang bewahrt werden. Seine Voicings basieren oft auf einfachen Griffen in der ersten Lage, die er aber mit zusätzlichen Tönen erweitert und so Moll7, add9 oder Maj7-Akkorde erzeugt. Durch den angecrunchten Gitarrensound wird jedes Jazz-Feeling jedoch schnell zunichte gemacht.

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Die Fender Squier J. Mascis Jazz Master

Seine Hauptgitarren sind alte Fender Jazzmaster-Modelle. Zur Jazzmaster kam J. allein aus Kostengründen. Im lokalen Musikgeschäft war die 65er-Jazzmaster billiger als die eigentlich gewünschte Stratocaster. J. gefiel der Look der Offset-Gitarre und so erstand er für 300 Dollar seine erste 1965er-Jazzmaster. Statt des Original-Stegs verwendet er bis heute auf all seinen Gitarren eine Tune-o-matic-Bridge, wie man sie auf Gibson Gitarren findet. J. hat auch ein Signature-Modell von der Firma Squier, das an eine End-Fünfziger-Jazzmaster angelehnt ist.

Live sorgen drei(!) Fullstacks mit Marshall und Hiwatt-Topteilen und ein alter Fender Twin für den kraftvollen Gitarrensound. Die Amps sind leicht crunchy eingestellt. Die eigentliche Verzerrung macht J. jedoch mit diversen Pedalen, die oft auch gestackt werden. Als Haupt-Modell dient ein Electro-Harmonix Big Muff, auf den weitere Fuzz-Pedale geschaltet werden. Für seinen Rhythmus-Sound kommen ein Tube Works Real Tube und die Z-Vex Box Of Rock zum Einsatz. J. nutzt die unterschiedlichen Verzerrer auch für die Dynamik und reduziert mit manchen Modellen bewusst die Amp-Lautstärke, statt den Amp mit einem Pedal zu kicken. Für weitere atmosphärische Klänge sorgen ein Electric Mistress-Flanger, ein KR Mega Vibe, ein Ibanez Analog Delay und ein extrem eingestelltes Custom Audio Tremolo.

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(erschienen in Gitarre & Bass 10/2017)

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