Produkt: Gitarre & Bass 10/2019
Gitarre & Bass 10/2019
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Das Unikum

Interview: Witwe Christine Lakeland über J. J. Cale

(Bild: Stephane Sednaoui)

Sechs Jahre nach dem Tod von J.J. Cale veröffentlicht seine Witwe Christine Lakeland das erste posthume Album des exzentrischen Songwriters: ,Stay Around‘. Eine Hommage an den Ausnahme Musiker.

Er war, um es vorsichtig zu formulieren, ein komischer Kauz: John Weldon „J.J.“ Cale galt als Inbegriff des Anti-Stars und des Totalverweigerers – aber auch als genialer Musiker. Ein Mann, der aus dem provinziellen Oklahoma kam, bei der Armee zum Techniker ausgebildet wurde, sein Glück in Los Angeles suchte, kläglich scheiterte und dann zum Aussteiger, aber auch zum gefragten Songwriter für die geballte Rock-Prominenz wurde.

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Denn während seine eigenen Veröffentlichungen allenfalls bescheidene Aufmerksamkeit erfuhren, feierten Zeitgenossen wie Eric Clapton, Lynyrd Skynyrd, Waylon Jennings, Dr. Hook und sogar Kansas beachtliche Erfolge damit. Was den Mann, der lange Schaffenspausen einlegte und völlig zurückgezogen lebte, nicht weiter störte.

Im Gegenteil: Er war glücklich mit dieser Art von Anerkennung, hat nie versucht, sich zu verbiegen, massentauglicher zu klingen oder um die Welt zu reisen. In Europa war er Zeit seines Lebens gerade zwei Mal, nach Asien oder Australien hat er es nie geschafft. Dafür verbrachte er umso mehr Zeit zu Hause – mit seinem portablen Studio-Equipment, zwei Kindern und seiner Ehefrau Christine Lakeland, die selbst auch Musikerin ist und u.a. in Johns Band spielte. Die kümmert sich seit Cales Tod im Sommer 2013 um seinen Nachlass – was der 64-Jährigen, die weiter im gemeinsamen Haus im kalifornischen La Jolla lebt, alles andere als leichtfällt.

Interview

Christine, durch wie viel Material mussten Sie sich hören, um die 15 Stücke für ‚Stay Around‘ zusammenzustellen – und wie lange hat das gedauert?

Es war eine Menge. Und wahrscheinlich habe ich nicht mehr die Schnelligkeit, die ich früher hatte. Ganz abgesehen davon war es eine sehr emotionale Sache. Die Musik bzw. die Erinnerungen, die damit einhergehen, haben mich sehr bewegt. Ich war nicht in der Lage, mich jeden Tag damit zu befassen. 2016 fing ich an, alles zu sichten und zu archivieren und habe fast zwei Jahre daran gearbeitet. Es war ein langwieriges Projekt. Ich musste zunächst einmal sehen, was alles da war und wie es klang. Mit einigen Songs war ich vertraut, andere dagegen waren eine Überraschung.

Hatte J.J. Cale – oder John, wie Sie ihn nannten – ein Musikzimmer, in dem er alles aufbewahrte?

Na ja, seine Sachen waren eigentlich überall – auf das ganze Haus verteilt. Es gab überall Regale oder Ablagen, wo sich irgendwelche Demos von ihm fanden. Einfach, weil John und ich nicht super organisiert waren. Wir hatten eher eine Art kontrolliertes Chaos. (lacht)

Das Cover zum neuen Album

,Stay Around‘ pendelt zwischen Blues, Folk, Country, Swing und Jazz. Ging es Ihnen um ein Album, das seine Vielseitigkeit unterstreicht?

Ja, ich wollte betonen, was ich den Cale-Faktor nenne – also seinen ureigenen Stil. Denn den hatte er. Selbst, wenn er oft einfach drauflosgespielt und viel experimentiert hat. Deshalb auch dieses breite Spektrum: John hat zwar oft im Scherz gesagt, er würde immer gleich klingen, aber das hat er nicht. Er hat sich auch nie für einen großen Gitarristen oder Sänger gehalten – er hat eigentlich nur gesungen, um Demos für andere Leute anzufertigen. Ich bin da sicherlich voreingenommen, weil ich seine Performance, seinen Gesang wie auch alles andere an ihm mochte. Aber was mir an seinen Songs am besten gefiel, war ihre Vielfalt. Und die beruhte darauf, dass er manchmal Lust auf akustische Gitarren und dann wieder auf elektrische oder sogar jazzige Sachen hatte. Dadurch ist ihm nie langweilig geworden. Für ihn war es immer ein großer Spaß, zu experimentieren.

Haben Sie an diesen Aufnahmen irgendetwas geändert – also sie remixt, remastert oder sonstwie überarbeitet?

Sie sind alle genauso, wie John sie hinterlassen hat. Ich habe lange darüber nachgedacht, noch ein paar gute Freunde hinzuzuziehen oder es von anderen Musikern überarbeiten zu lassen. Aber davon habe ich dann letztlich abgesehen. Ich wollte, dass ihn seine erste posthume Veröffentlichung so zeigt, wie er war. Deswegen habe ich alles so gelassen, wie er es gesungen, gespielt und gemischt hat.

Wie kommt es, dass die meisten seiner Songs von wilden Affären und romantischen Abenteuern handeln? Hat Sie das nie gestört?

Ich bin mir nicht sicher, ob das den Leuten klar ist, aber John war sehr sexy – ein sehr attraktiver Mann. Er mochte Frauen, er mochte physische Sachen und ich schätze mich glücklich, mit jemandem zusammen gewesen zu sein, der so gefühlt hat.

John und Sie waren seit 1977 ein Paar. Darf man fragen, was Sie an ihm geliebt haben? Was hat Sie an ihm fasziniert?

Als ich ihn das erste Mal getroffen habe, fand ich ihn unglaublich süß. Haben sie Fotos von ihm aus dieser Zeit gesehen? Er war richtig sexy, hatte einen tollen Hintern und war ein unglaublich gutaussehender Kerl. Außerdem brachte er mich zum Lachen – genau wie ich ihn. Hinzu kommt, dass wir sofort auf einer Wellenlänge waren und uns toll verstanden haben.

J.J. Cale und Christine Lakeland (Bild: Christine Lakeland)

Kannte er Sie durch Ihre Musik oder wie haben sie sich kennengelernt?

Wir haben uns Backstage bei einem Benefizkonzert in Nashville getroffen. Ich hatte gerade eine längere Tournee hinter mir und er hat eine Pause von einer Studio-Session eingelegt. Damals war alles noch viel lockerer. Ich meine, heute sind bei solchen Veranstaltungen überall Sicherheitsleute und die Künstler werden hermetisch abgeschirmt. Damals konnte jeder problemlos hinter die Bühne – es war alles ganz unbeschwert und lustig. Dabei wurden wir uns vorgestellt – und das war’s. Wir hatten keinen One Night Stand, aber sind seitdem zusammen. Wir fingen an, immer mehr Zeit miteinander zu verbringen und eine tolle Beziehung aufzubauen. Dann meinte er plötzlich: „Komm, lass uns zusammen auftreten.“ Und zwar ohne zu proben, weshalb ich eine Todesangst hatte. Zumal ich mich nicht wirklich mit seiner Musik auskannte. Es war ein neuer Job, der mit einer neuen Beziehung einherging – und beides war spannend. Also sagte ich mir: „Probier es. Hör genau hin und gib dein Bestes.“ Das hat funktioniert.

Inwieweit war John ein Pionier in Sachen Home-Recording?

Soviel ich weiß, war er der erste oder einer der ersten, die ein elektronisches Schlagzeug verwendet haben. Und er mochte es, Musik aufzunehmen. Er mochte technisches Spielzeug, er versuchte herauszuhören, was andere Leute verwendeten und wie sie bestimmte Sounds erzielten. Das war sein Hobby. Einige Leute interessieren sich für Autos oder Sport – er stand auf Gitarren und Aufnahme-Equipment.


Diskographie

J.J. Cale:

  • Naturally (Shelter/A&M, 1971)
  • Really (Shelter/A&M, 1972)
  • Oakie (Shelter/A&M, 1974)
  • Troubadour (Shelter/A&M, 1976)
  • 5 (Island/MCA, 1979)
  • Shades (Island/MCA, 1981)
  • Grasshopper (Island/Mercury, 1982)
  • #8 (Mercury)
  • Travel-Log (Silvertone/BMG, 1990)
  • Number 10 (Silvertone/BMG, 1992)
  • Closer To You (Delabel/Virgin, 1994)
  • Guitar Man (Delabel/Virgin, 1996)
  • To Tulsa And Back (Blue Note, 2004)
  • The Road To Escondido (mit Eric Clapton, Warner, 2006)
  • Roll On (Rounder, 2009)
  • Stay Around (Because/Universal, 2019)

Christine Lakeland:

  • Veranda (Comet Records, 1984)
  • Fireworks (Loft Records, 1989)
  • Reckoning (Lady Fingers Records, 1992)
  • Turn To Me (Lady Fingers Records, 1998)
  • Live At Greenwood Ridge (Lady Fingers Records, 2005)

Hatte er ein eigenes Studio oder wo hat er seine Stücke festgehalten?

Nun, er hatte jede Menge Platz in dem Haus, das wir in den 90ern bezogen haben, und er hat sein Equipment immer wieder in anderen Räumen aufgebaut. Er hatte also ein portables Studio, das er alle paar Jahre verändert, überholt und neu positioniert hat. Wenn er am Küchentisch gearbeitet hat, hat er auf ganz simple Sachen zurückgegriffen. Nämlich ein paar Mikros und einen Rekorder. Damit war er glücklich.

Die weitverbreitete Annahme bei J.J. Cale war immer, dass er auf seiner Veranda sitzt und stundenlang Musik aufnimmt – weil seine Songs halt so entspannt klingen …

Stimmt. Das kann man tatsächlich hören. Einfach, weil er zu Hause immer sehr entspannt war und sich dort wohlgefühlt hat. Ich schätze, das ist auch der Grund, warum er da so gerne aufgenommen hat. Er hat auch in professionellen Studios gearbeitet, aber seine eigenen vier Wände waren doch der Ort, an dem alles gestimmt hat und wo er sich so viel Zeit lassen konnte, wie er nur wollte. Wo er verschiedene Stimmungen durchlaufen und alle erdenklichen Overdubs hinzufügen konnte. Sprich: Er hatte da eine Menge Freiheiten, die er sehr genossen hat.

Warum war Ihr Mann eigentlich so selten in Europa? Ist er nicht gerne geflogen? War ihm das Reisen zu stressig?

Gerade in seinen letzten Jahren hat er oft darüber nachgedacht, noch einmal in Europa zu touren, es aber nie getan. Und dann ist die Zeit einfach so runtergetickt. Er empfand das Reisen von einem Gig zum anderen einfach als sehr stressig und fühlte sich in Hotels längst nicht so wohl wie zu Hause. Und in den letzten Jahren war es so, dass wir uns oft Reisereportagen im Fernsehen ansahen, interessante Dokumentationen über ungewöhnliche Orte und sobald sie vorbei waren, meinte John: „Jetzt muss ich da ja nicht mehr hin.“ Das sagt doch alles über ihn …

(Bild: Stephane Sednaoui)

Diese Schrulligkeit hat sich auch in seiner Zeit auf Campingplätzen und Trailer Parks geäußert, wo er unter falschem Namen residiert hat. Angeblich durften Sie niemandem – nicht einmal seinem Manager – sagen, wo er sich aufgehalten hat. Stimmt das?

Das ist die Wahrheit. Aber der Grund dafür war denkbar einfach: Wenn man seine Privatsphäre erst einmal verloren hat, kann man sie nie zurückgewinnen. Und John hatte in seinen Anfangsjahren mit Leuten gearbeitet, denen genau das passiert war. Da hat er gesehen, dass sie im Grunde nirgendwo hingehen können, ohne erkannt und belästigt zu werden. Dass sie so etwas wie ihre persönliche Freiheit verloren hatten. Und soweit wollte er es in seinem Falle nie kommen lassen. Deshalb hat er den Leuten vorgegaukelt, er wäre ein ganz normaler Trucker, der seine Ruhe haben will, weil er so viel unterwegs ist und so hart arbeitet. Er wollte keine Aufmerksamkeit und keine nervigen Fragen. Von daher habe ich seine Vorsicht verstanden. Er wollte sich nur seine Lebensqualität bewahren.

All die Mythen, die Gerüchte und Spekulationen, die J.J. Cale bis zum heutigen Tag umgeben, bringen die Sie zum Lachen oder zum verständnislosen Kopfschütteln?

Privat war er schon etwas anders, als ihn die Leute beschreiben. Aber wirklich weit weg sind sie mit ihren Eindrücken und Meinungen nicht. Es ist nicht so, als hätten sie ihn zu jemandem gemacht, der er gar nicht war. Sondern er stand halt auf Musik, er mochte Menschen und er liebte es gemütlich. Zudem hatte er eine klare Meinung. Eine der vielen Sachen, die ich an John mochte, war, dass er immer klipp und klar sagte, was er nicht wollte oder woran er kein Interesse hatte. Von daher musste man sich auch nie fragen, woran man bei ihm ist. Deshalb finde ich es manchmal ein bisschen komisch, wenn ihn die Leute als mysteriös bezeichnen, denn das war er nicht. Ich hielt ihn für sehr direkt und ehrlich. Das hat mir gut gefallen.

Worin besteht für Sie persönlich das Erbe von J.J. Cale? Woran sollen sich die Leute in seinem Fall erinnern?

Die Musikwelt ist heute so anders. Aber ich würde mich freuen, wenn sich die Leute an ihn und seinen Stil erinnern. Oder, um mal einen Hippie-Begriff zu verwenden: An seinen „Vibe“. Denn der war einmalig – es gab niemanden, der so relaxt geklungen hat, wie er. Und ich höre auch niemanden, der an ihn heranreicht. Dem das auf ähnliche Art und Weise gelingt. Allein deshalb ist es wichtig, seine Musik am Leben zu halten. Und das ist mein Ziel: Ich will, dass die Leute sie auch weiterhin hören. Halt in dem Bewusstsein, dass sie etwas ganz Besonderes ist.

Christine Lakeland (Bild: Constance San Juan)

Wann hören wir neue Musik von Christine Lakeland und warum hat sie seit zwanzig Jahren kein Album mehr veröffentlicht?

Es ist wirklich schon eine Weile her. Aber ich mache immer noch Musik und schreibe Songs. Ich habe nur Probleme, mich selbst richtig zu verkaufen. Was aber nicht heißt, dass ich es in Zukunft nicht noch einmal probieren werde. Momentan konzentriere ich mich aber erst einmal auf dieses Projekt. Das Schöne an der Musik ist ja: Man kann sie sein ganzes Leben lang spielen – jeden einzelnen Tag. Und sie funktioniert unabhängig vom Alter. Ganz im Gegensatz zum Show-Geschäft.

 

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2019)

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