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Progrock aus dem Homeoffice

Interview: The Pineapple Thief

(Bild: Diana Seifert)

The Pineapple Thief sind in den vergangenen Jahren zu einer echten Größe ihres Genres avanciert. Für ihr aktuelles Album ‚Versions Of The Truth‘ musste keiner der Musiker sein Haus verlassen, es entstand komplett per digitalem Datenversand. Wie wenig man heutzutage für eine professionelle Produktion braucht, verriet uns Mastermind Bruce Soord.

 

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INTERVIEW

Bruce, beginnen wir mit der offensichtlichen Frage: Wie kommst du in der Corona-Zeit zurecht? Kannst du von der Musik leben?

Ich bin da aktuell in einer recht glücklichen Situation. Früher war das anders, da hatte ich einen ganz normalen Job und ging dann abends und am Wochenende in mein Studio. So konnte ich Musik machen und Alben aufnehmen. Damit verdient man natürlich nicht viel Geld, zumindest ist es schwer, davon zu leben. Irgendwann habe ich den Schritt zum Vollzeit-Musiker geschafft und dabei in den vergangenen Jahren zahlreiche andere Bands gemischt und produziert. Das ist aber für einen Songwriter wie mich natürlich auch schwierig. Wenn du den ganzen Tag damit verbringst, jemand anderen zu mischen, ist das Letzte, woran du denkst, selbst Musik zu machen.

Gab es einen konkreten Moment, an dem sich die Dinge änderten?

Ich denke, das war im Jahr 2016. Damals kam Gavin Harrison (Drums, Ex-Porcupine-Tree) in die Band, mit dem wir das Album ‚Your Wilderness‘ aufnahmen. In diesem Moment ging es mit der Band so richtig los, auf einmal rollte der Rubel. Da wurde mir bewusst, dass ich davon leben könnte. Wir hatten auf Tourneen bis dahin immer Geld verloren. Auf einmal schafften wir den Break Even. Und alles was darüber hinaus reinkommt, geht an die Band. Im Moment ist es wegen der Pandemie natürlich tricky, aber in den letzten paar Jahren war ich tatsächlich in der Lage, Vollzeit The Pineapple Thief zu sein. Wenn ich aufwache, gehe ich in mein Studio unter dem Dach und schreibe Songs. Das ist ein ziemliches Privileg.

Dort ist auch das aktuelle Album entstanden.

Das habe ich alles bei mir zuhause gemacht. Mein bester Freund war dabei mein Kemper Amp. Das Schöne an ihm ist: Wenn du schreibst und Demos aufnimmst, hast du sofort Aufnahmen in Studioqualität.

Bruce schwört auf Kemper-Amps. In seinem Homestudio setzt er den „Toaster“ ein, live die Rack-Version. (Bild: Bruce Soord)

Ich besitze dazu ein sehr gutes Gesangsmikrofon: ein Microtech Gefell M 930. Dazu kommen ein paar gute Preamps und Wandler. Das ist eigentlich alles, was du als Gitarrist und Songwriter brauchst.

Wie läuft so eine Produktion konkret ab?

Ich nehme hier einen Mix auf. Jon Sykes, unser Bassist, hat sich ein Universal-Audio-Apollo-Interface besorgt und sendet mir seine DI-Spur. Gavin hat sein Schlagzeug dauerhaft in seinem Haus in einem großen Raum aufgebaut und abgenommen. Das ist einer der am bestklingendsten Drum-Räume, die ich je gehört habe. Er schickt mir Stereo-Mixe seiner Schlagzeugspuren. Wenn sich der Song dann entwickelt, verfeinert er die Sachen. Ich bekomme von ihm pro Nummer etwa 14 oder 15 Versionen eines Drum-Mixes. Als die Welt zum Stillstand kam und alles geschlossen wurde, hat uns das nicht betroffen. Wir arbeiten eh in Isolation. Da haben wir Glück.

(Bild: Diana Seifert)

Diese Arbeitsweise spart dazu jede Menge Kosten.

Damit komme ich auf deine Frage nach dem Auskommen zurück: Wenn wir Geld in Aufnahmestudios investieren müssten, wäre das sehr schwer. Aber zum Glück ist der einzige Aufwand, der bei den Aufnahmen entsteht, unsere Zeit. So funktioniert es ziemlich gut.

Du produzierst und mischst also alles selbst?

Ja. Das ist etwas, das ich auf die harte und lange Tour gelernt habe. Ich habe mir das, wie viele andere auch, selbst beigebracht. Wenn ich mir heute meine Mixe von vor 20 Jahren anhöre, denke ich mir: Oh, mein Gott! Ich habe aber in der Zwischenzeit viel von anderen Leuten gelernt. Mit dem Sound des neuen Albums bin ich auf jeden Fall sehr zufrieden.

Man liest, dass deine Hauptleidenschaft das Komponieren ist und du vor allem deshalb Gitarre spielst, um das umsetzen zu können. Stimmt das so?

Irgendwie schon. Trotzdem genieße ich sehr, Gitarre zu spielen. Wenn ich einen Song schreibe, fängt das immer mit der Gitarre an. Ich habe ein paar schöne Taylors, neben einer 510e und einer 514ce befindet sich auch eine achtsaitige 326e-Bariton-Akustik in meiner Sammlung. Die beiden Sachen gehen Hand in Hand, aber ich denke, ich bin mittlerweile mehr Songwriter als Gitarrist. Dennoch ist die Gitarre definitiv mein Instrument.

Zum Songwriting verwendet Bruce am liebsten seine Akustikgitarren: Taylor 510e, 326e Baritone-8 LTD & 514ce.
Zum Songwriting verwendet Bruce am liebsten seine Akustikgitarren: Taylor 510e, 326e Baritone-8 LTD & 514ce.
Zum Songwriting verwendet Bruce am liebsten seine Akustikgitarren: Taylor 510e, 326e Baritone-8 LTD & 514ce.

Du schreibst also auf der Akustik?

Ja. Fast immer fängt es damit an. Das ist ja auch so einfach. Du musst sie nur in die Hand nehmen. Wenn dich die Inspiration trifft, kannst du sie direkt umsetzen. Wenn etwas auf der Akustik entsteht, denke ich relativ oft: Das wird auf der E-Gitarre sehr gut funktionieren. Dann gehe ich in mein Studio und fange an zu spielen.

Wenn du schreibst, denkst du dann auch gleich an die Arrangements, etwa welche Sounds passen würden?

Das passiert relativ schnell. Sobald eine Melodie oder eine andere konkrete Idee da ist, beginne ich zu überlegen, wie man sie arrangieren könnte. Bei diesem Album habe ich versucht, die Gitarren etwas anders anzugehen, speziell in Sachen Effekte. Ich habe viel mit Reverse-Sounds gearbeitet. Dazu kommt: Ich bin nicht klassisch ausgebildet und kann auch keine Noten lesen. Ich spiele, wohin immer meine Finger sich bewegen und experimentiere dabei auch häufig mit offenen Stimmungen. Das eröffnet mir immer ganz neue Perspektiven.

Benutzt du die Tunings dann auch live?

Ja, und genau das ist das Problem. Ziemlich oft probiere ich Dinge aus und eine einzelne offene Saite hat dann nicht den richtigen Ton und klingt schief. Die wird dann passend gemacht und hingestimmt, bis es sich gut anhört. Am Ende ist es dann so, dass ich in fast jedem Song ein anderes Open Tuning habe. Also hat mein armer Gitarrentechniker viel zu tun. Ich muss bei jedem Song das Instrument tauschen. Um die Logistik zu vereinfachen, spiele ich auf der Bühne mittlerweile Variax-Gitarren von Line 6, ich habe zwei der James-Tyler-Modelle. Jetzt drehe ich nur noch einen Knopf und dann habe ich die Tunings. Das einzige Problem ist: Wenn du die falsche Position erwischst, siehst du alt aus und alles klingt komplett daneben. Das ist mir schon passiert.

Line 6 James Tyler Variax: Die Modeling-Gitarre ist vor allem live bei unterschiedlichen Tunings äußerst nützlich.
Line 6 James Tyler Variax: Die Modeling-Gitarre ist vor allem live bei unterschiedlichen Tunings äußerst nützlich.

Was war zuvor deine Hauptgitarre?

Meine erste richtige Gitarre war eine Fender-US-Strat aus dem Jahr 1989. Ich habe sie auf den ersten vier oder fünf Alben von The Pineapple Thief für so gut wie alles verwende. Heute spiele ich sie jedoch nicht mehr so viel.

Die 89er Stratocaster: seine erste richtige Gitarre und Haupt-Instrument auf den ersten Alben
Neben der PRS wurde auf dem aktuellen Album auch eine Fender Highway 1 Telecaster eingesetzt

Abseits der Bühne benutze ich aktuell meist meine PRS SC-250 Singlecut. Wann immer ich komponiere und nicht nachdenke, greife ich nach ihr. Sie ist meine Favoritin. Dazu habe ich eine Telecaster, die ich ebenfalls sehr liebe. Es ist eine Highway-1-Version, die ich mit etwas heißeren Pickups bestückt habe. Am Steg sitzt ein Mini-Humbucker von DiMarzio, am Hals einer von Seymour Duncan. Wenn ich etwas besonders Bissiges haben will, dann hole ich sie raus.

Bruce auf der Bühne mit PRS SC-250 Singlecut (Bild: Diana Seifert)

Sind diese beiden, zusammen mit den Taylor-Acoustics, auch die Gitarren, die auf dem Album zu hören sind? Oder gab es weitere Instrumente, die du verwendet hast?

Die Tele und die PRS waren die Hauptgitarren. Die PRS geht mehr in Richtung eines fetten Gibson-Sounds, die Tele ist eher schneidig. Ich weiß nicht, welche von beiden ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde. Das wäre eine schwierige Entscheidung. Der Vollständigkeit halber muss ich noch meine Kingdom Soord Custom erwähnen, die eine Company aus Bristol für mich gebaut hat. Ihr Hals ist dem meiner Tele nachempfunden. Allerdings habe ich sie schon länger nicht mehr gespielt. Dazu kommen die drei Taylors und eine Nylon.

Kingdom Soord Custom, gebaut von einer Firma aus Bristol, UK

‚Versions Of The Truth‘ ist also ein sehr hausgemachtes Album. In Sachen Sound steht es einer klassischen Studioproduktion allerdings in keinster Weise nach.

Danke. Traditionell denken die Leute, dass du für eine solche Platte ein Mischpult brauchst, das so groß ist wie ein Haus, und dazu eine Wand voller Gear. Aber das ist nicht mehr so. Die Technik ist da heute viel weiter. Dennoch sind die Menschen immer noch überrascht, wenn wir ihnen erzählen, dass wir alles selber machen.

Wenn du die Gitarrenparts angehst, hast du dann schon einen Sound dafür im Ohr, den du am Kemper einstellst? Oder entwickelt sich das während des Arbeitens?

Sagen wir mal, es hat sich entwickelt. Als ich den Kemper-Amp bekam, war ich von den ganzen Möglichkeiten und Sound-Optionen zunächst völlig überfordert. Ich musste Monate darauf verwende, um herauszufinden, welche Sounds mir besonders gut gefallen.

Und welche sind das?

Zunächst ein handverdrahteter Vox AC-30, der sich für alle Crunch-Sounds eignet. Für sämtliche Drive- und Lead-Sounds verwende ich ein Profil eines Bogner Ecstasy. Dazu kommt noch ein klassischer Clean-Amp: Wenn ich einen kristallklaren Sound brauche, wähle ich das Profil eines WEM-Verstärkers. Auch wenn ich Tausende von Optionen habe, benutze ich eigentlich immer nur diese drei Amps. Das Schöne daran ist, dass du die komplette Amp-Palette im Flieger mitnehmen kannst. Ich habe zwei Kemper in meinem Live-Rig: eine Rackmount-Variante als Haupt-Amp, dazu die „Toaster“-Version aus meinem Studio als Ersatz. Aber die haben wir noch nie gebraucht. Es tut mir wirklich leid für die Amp-Hersteller, und ich fühle mich auch ein bisschen schuldig, weil ich einen Bogner spiele, der kein Bogner ist. Aber ich könnte nicht wieder mit einem normalen Amp spielen.

Auch die internen Effekte sind ein Vorteil. Nutzt du die?

Auch. Am Kemper liebe ich vor allem den Hall. Der fühlt sich perfekt an. Ziemlich oft spiele ich die Tracks gleich mit Hall ein, manchmal dazu sogar mit ein bisschen Delay. Traditionellerweise heißt es ja, dass man so trocken wie möglich aufnehmen und dann den Rest in der Post Production machen soll. Aber mit solchen Dingen halte ich mich nicht mehr auf: Hier ist der Part – mitsamt Hall. Fertig. Das ist ein Old School-Ansatz: Was auf Tape ist, kann man nicht mehr verändern. Daneben habe ich Effekte via Cubase verwendet, etwa für die Tremolo-Gitarre auf dem Titeltrack oder die ganzen Reverse-Sounds. Etwas, das recht schwer zu finden ist, ist ein guter Leslie-Effekt. Auf diesem Album habe ich dafür Guitar Rig benutzt, das einen erstklassigen Rotary-Sound hat.

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2021)

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