Sie frisst Gitarren

Interview: Wallis Bird

Vieles an Wallis Bird ist besonders. Ihre Spieltechnik, ihr musikalischer Ansatz, ihr offenes Wesen. Und dass sie einst alle Finger der linken Hand verlor, von denen vier gerettet werden konnten, merkt man auch nur, wenn man genau hinschaut. Sie ist einfach eine fantastische, eigenwillige Künstlerin. Warum das alles so ist, erfahren wir im Interview.

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Wallis Bird sagt zwar im folgenden Gespräch, dass man als Künstler nie 100% von sich preisgeben sollte, aber wenn man die gebürtige Irin kennengelernt hat – und sei es nur zum Anlass und für die Länge eines Interviews – dann merkt man, dass die Musikerin auf der Bühne und der Mensch schon ziemlich viele Gemeinsamkeiten haben. Die 35-Jährige spricht genauso begeistert, leidenschaftlich und demütig über ihre Musik, wie sie sie auch im Konzert präsentiert. Und noch dazu strahlt sie auch privat ebenso wie viele ihrer Songs. Im Gespräch ist sie fröhlich und nachdenklich, albern und melancholisch – genau wie auf der Bühne. Im letzten Jahr brachte Wallis mit ,Home‘ ihr extrem vielseitiges, fünftes Studio-Album heraus, das sie in diesem Jahr ausgiebig betourt. Wir trafen sie im Kölner Gloria-Theater, das ein würdiges Ambiente für ihre ganz besondere Musik bot.

Musik

Das englische Wort „Home“ hat mit Heimat und Zuhause im deutschen ja zwei Bedeutungen. Welches passt deiner Meinung nach als Übersetzung besser?

Wallis Bird: Beides. Es geht nicht nur um einen materiellen Raum oder einen Ort, sondern auch um einen Gemütszustand. Es geht um Selbstbewusstsein. Deswegen ist auf dem Cover auch diese Umarmung zu sehen. Denn dein Zuhause ist dort, wo du dich aufgehoben fühlst. Es geht darum, mit wem du zusammen bist. Eine gute Umarmung sorgt dafür, dass du dich willkommen, geliebt und sicher fühlst.

Ist Berlin so etwas wie dein musikalisches Zuhause geworden?

Wallis Bird: Ja. Berlin inspiriert mich wahnsinnig. Ich bin sehr glücklich dort zu wohnen und alles dort zu haben, was ich zum Musik machen brauche: meine Instrumente und alle Freunde, mit denen ich jemals Musik gemacht habe. Ich habe eine Fülle an Musikern und eine Menge an Equipment in Berlin. Und die Nachbarn in unserem Haus sind wunderbar. Sie sagen nicht nur, dass ich so laut sein kann wie ich möchte, sondern bitten mich sogar darum, lauter zu singen, weil sie es gerne hören wollen. Das ist ein Traum. Ich kann mitten in der Nacht aufwachen und den Amp voll aufdrehen, ohne dass sich jemand beschwert. Ich kann zu jedem Zeitpunkt machen was ich will. Und das ist das Wertvolle daran: Niemand außer mir selbst hindert mich daran Musik zu machen.

Ist es nicht auch eine Schwierigkeit, quasi im Studio zu wohnen und sich immer wieder selbst motivieren zu müssen?

Wallis Bird: Ja, aber wenn ich die Einstellung habe, dass ich etwas schreiben muss, dann klingt es auch danach. Wenn ich mir stattdessen mit einem positiven Gefühl die Gitarre schnappe und mir des Luxus bewusst bin, zu jeder Zeit komponieren zu können, dann ist das ein Geschenk. Früher habe ich mir Sorgen gemacht und mich unter Druck gesetzt, wenn die letzte Platte schon zwei Jahre zurücklag, aber heute arbeite ich permanent an neuen Songs und das macht mich sehr glücklich. Ich kann zu Hause in der Küche stehen und mir dabei Melodien ausdenken. Ich bin ein sehr häuslicher Mensch und bin gerne in meinen eigenen vier Wänden. Wo könnte ich also besser schreiben, als da, wo ich mich am wohlsten fühle?

Du hast mal gesagt, dass es bei Künstlern auf das richtige Maß zwischen Intro- und Extrovertiertheit ankommt.

Wallis Bird: Ja. Jeder hat eine private Persönlichkeit und eine, die er auf der Bühne zeigt. Und ich denke, du solltest nie 100% von dir preisgeben. Wenigstens 10% solltest du dir für dich selbst bewahren, denn wenn du alles gibst, was bleibt dir dann noch? Und du siehst klarer, wenn du die Möglichkeit hast, das was du machst von außen zu betrachten. Das kannst du nicht, wenn das, was du machst, 100% von dir ist.

Deine Songs sind zum Teil introvertiert, dein Vortrag auf der Bühne aber umso extrovertierter. Ist das nicht schwierig unter einen Hut zu bringen?

Wallis Bird: Du musst aufpassen, dass du nichts spielst, denn das merken die Leute sofort. In keinem Bereich des Lebens macht es Sinn etwas zu faken. Manchmal schäme ich mich ein wenig, wenn ich mich selbst singen höre, aber das hat auch etwas Gutes, denn das hält dich wach und schafft dir die Herausforderung, weiterzumachen.

In einem Interview erzählst du, dass du als eins von sieben Geschwistern in deiner Kindheit ständig um Aufmerksamkeit kämpfen musstest. Ist das etwas, das dir geholfen hat, dich mit deiner Musik durchzusetzen?

Wallis Bird: Ja. In meiner Familie wurde immer gesagt: Don’t fuck people around and don’t let people fuck you around. Natürlich passiert dir beides immer wieder, du behandelst Leute schlecht und du wirst auch schlecht behandelt, aber du entwickelst ein Bewusstsein dafür und lernst damit umzugehen … Es gab viele Leute im Business, die meine Musik nicht verstanden haben und Fragen stellten wie: „Wer bist du überhaupt und was genau willst du sein?“ Da frage ich mich dann: Muss ich irgendetwas sein? Kann ich nicht einfach ich selbst sein? Um so jemandem zu sagen, dass er nicht der Richtige für mich ist, dafür ist natürlich das Selbstbewusstsein, das ich von meiner Familie bekommen habe, wirklich wichtig und hilfreich.

Technik

Auf deinem Tour-Plakat bist du mit einem knallroten Plektrum zu sehen. Was bedeutet dir die Gitarre?

Wallis Bird: Das Plektrum ist inzwischen ein fester Bestandteil meines Körpers geworden. Ich habe immer eines dabei. Ich ernähre mich von der Gitarre. Ich muss immer mehr von ihr fressen … (lacht) Sie macht, dass ich immer hungrig bin und sie ist es auch, die diesen Hunger stillt.

Du spielst die Gitarre ja verkehrt herum. Was ändert das deiner Meinung nach an deinem Sound?

Wallis Bird: Verglichen mit dem einer normal gespielten Gitarre ist der Klang komplett anders. Einfach weil die hohen Saiten oben sind und somit zuerst angeschlagen werden. Die beiden Top-Strings bleiben die meiste Zeit offen, was sich natürlich auch auf den Sound auswirkt. Und ich habe den kleinen Finger immer frei, um Powerchords und Bassmelodien zu spielen. (Wallis Bird spielt ihre Lakewood M-14 in der Stimmung D-A-D-G-A-E)

Du schlägst die Saiten nur mit zwei Fingern an, oder?

Wallis Bird: Ja. Mir fehlt ja ein Finger. Und durch die umgedrehte Gitarre wird der Zeigefinger zu meinem Daumen.

Hattest du mit dieser eigenwilligen Technik jemals einen Gitarrenlehrer, der dir etwas beibringen konnte?

Wallis Bird: Ja. Vielleicht hast du schon mal von dem fantastischen irischen Gitarristen Clive Barnes gehört. Er ist virtuoser Slide-Gitarrist und als ich sechs oder sieben Jahre alt war, ging er mit meiner Schwester aus und zeigte mir ein paar Sachen auf der Gitarre, wie ,Peter Gunn Theme‘ oder ,Nothing Else Matters‘. Er war also mein erster Lehrer. Mit 23 nahm ich dann richtigen Unterricht bei Kosho, also Michael Koschorreck (von Die Söhne Mannheims). Ich liebe diesen Typen. Er sagte: „Spiel mir was vor!“ Also spielte ich ihm meinen Song ,Blossoms In The Street‘ vor und er meinte nur: „Okay, du hast deinen Stil gefunden und ich zeige dir, wie du den noch verbessern kannst.“ Er hat mir beigebracht, wie ich meine Hand lockermache und so mehr aus meinem Strumming herausholen kann, und wie ich lernen kann, alle Finger der Greifhand gleich effektiv einzusetzen. Das waren sehr wertvolle Lektionen, die ich bis dahin nicht bekommen hatte. Von ihm habe ich auch gelernt, auf meine Finger achtzugeben, damit die Folgen meiner Verletzung mich nicht stärker beeinflussen. Er hat mich dazu inspiriert, besser zu werden.

Akkordgriffe konnten dir aber sicherlich beide nicht zeigen. Wie hast du die gelernt?

Wallis Bird: Durch Experimentieren. Ich habe mal versucht, mir anhand der gängigen Griffbilder Akkorde beizubringen, aber das hat nicht funktioniert, weil ja alles verkehrt herum ist.

Im Booklet deiner CD steht, du hättest „anything else“ gespielt. Was genau bedeutet das?

Wallis Bird: Einen Großteil der Produktion habe ich alleine zu Hause mit einem Fireface, guten Preamps und Mikrofonen und Logic gemacht. Neben der Gitarre spiele ich die Percussions, Bass, Piano, eben alles außer den Streichern und den Bläsern. Bei dieser Platte wollte ich, dass sie nicht nach einem Gitarren-Album klingt, deswegen habe ich die Gitarre sehr stark als Percussion-Instrument und als Bass eingesetzt. Die Produktion des Albums ist im Vergleich zu den Alben vorher, bei denen teilweise 60 Spuren zu mischen waren, reduzierter. Jetzt sind es höchstens 20. Deswegen ging es viel mehr darum, die richtigen EQs für die wenigen Signale zu finden.

Im Booklet deiner CD ist auch ein Foto deines Pedalboards zu sehen. Spielst du das genauso auch live?

Wallis Bird: Ja, aber da ist nichts Besonderes drauf. Ich habe es sehr einfach gehalten: Ein Octaver, der Memory Man, ein Looper, ein Tremolo und das war’s dann auch schon. Ein bisschen Reverb kommt noch vom Amp.

Du spielst erstaunlicherweise einen Verstärker von Engl.

Wallis Bird: Ja, Metal! Ich mag einfach den Sound dieses Verstärkers. Aber dazu muss ich dir etwas wirklich Schlimmes erzählen: Ich brauchte einen Amp und wollte gerne einen deutschen haben und habe deswegen Engl-Amps angetestet. Ich fand sie fantastisch. Sie haben einen sehr klaren, eigenen Sound. Aber sie sehen einfach nach Metal aus. Trotzdem wollte ich einen Engl, also habe ich mir einfach den geholt, der am schönsten aussah. Und Gott sei Dank klingt er auch schön!

Equipment

Pedalboard:

  • Boss TU-2 Tuner
  • Boss OC-3 Super Octave
  • Electro-Harmonix Memory Boy
  • Ditto X2 Looper
  • Empress Effects ParaEQ
  • Boss TR-2 Tremolo
  • Logjam Logarhythm MK3 Stomp Box

Verstärker:

  • Engl Classic Tube50

Gitarren:

  • Gibson SG
  • Ibanez Artcore AGS83-BZ
  • Lakewood M-14 Custom
  • Lakewood M-32

Website: www.wallisbird.com


Aus Gitarre & Bass 05/2017

 

 

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