Produkt: Gitarre & Bass 7/2019 Digital
Gitarre & Bass 7/2019 Digital
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Vom YouTube-Hype ins progressive Testgebiet

Interview: Nathan Navarro

(Bild: Navarro, Byrd, Torres, Laine)

Videos ins Internet zu stellen ist einfach. Die Kunst dabei ist es, millionenfach geklickt zu werden, und das ist Nathan Navarro schon mehrfach geglückt. Der gerade mal 28-jährige Electro-Rocker mit Faible für Synth-Sounds und innovative Gear-Gadgets hat beachtliche Fähigkeiten auf dem Bass erreicht und spielt inzwischen richtig gute Jobs. Das macht auch neugierig darauf, wie sich sein ganz eigenes Ding weiterentwickelt.  

Interview

Nathan, erzähl doch mal, wie du zum Bass gekommen bist.

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Das war im Teenager-Alter, als ein Freund zu Weihnachten eine Gitarre bekam. Es motivierte mich, dass er damit schon bald unsere Lieblingssongs spielen konnte. Mich reizte aber eher der Klang der Bassgitarre, also holte ich mir ein Anfänger-Set und übte damit die nächsten sechs Jahre sechs Stunden pro Tag. Ohne Ausnahme! Ich hatte das Glück, von einem fantastischen Lehrer zu lernen und eine Highschool zu besuchen, die auch ein Jazzorchester und Musiktheorie im Lehrangebot hatte. Außerdem spielte ich in der Worship-Gruppe unserer Kirche und in einer Metal-Band mit.

Mit Band macht man ja oft schneller Fortschritte…

Exakt. Mein erster Gitarrist und mein Trommler waren technisch schon viel weiter als ich. Weil wir sehr schnellen Metal spielten, hatte ich oft Probleme, mit zwei Fingern im Tempo zu bleiben. Also experimentierte ich mit vier Fingern und fand heraus, dass ich so viel flinker war. Um zu trainieren, übte ich Basslinien ohne Zeige- und Mittelfinger, bis sich Hornhaut auf dem Ringfinger und dem kleinen Finger bildete. Irgendwann kam ich mit allen vieren zurecht und nahm auch den Daumen mit dazu. Genauso hilfreich war es aber, mit vielfältigen Stilen und Musiktheorie in Berührung zu kommen.

Das hast du am Berklee College dann noch intensiviert. Wie kam es, dass du zur musikalischen Ausbildung von deiner südkalifornischen Heimat quer über den Kontinent nach Boston gegangen bist?

Zum Ende der Highschool erinnerte meine Mutter mich daran, dass ein College ja auch eine Option sein könnte. Kurz darauf besuchte ich ein, vom Berklee College of Music veranstaltetes, einwöchiges Summer Camp in Long Beach, Kalifornien. Die Fülle an Talent, Wissen und Leidenschaft, die mir dort begegnete, war total spannend und einflussreich. Zum Ende des Events gab es ein Vorspielen, bei dem ich den Professoren ein Solobassstück präsentierte und vom Blatt spielen musste. So bekam ich mein Stipendium in Boston. Nach dem Studium lebte ich als Session- Musiker zeitweise zwar in Chicago, Texas und Kalifornien, doch es zieht mich immer wieder zurück in den Osten.

Dort sitzen ja auch Source Audio, die dich rekrutiert haben, nachdem du ihren Hot-Hand-Ring für wobbelnde Dubstep-Bässe benutzt und so einen YouTube-Hit gelandet hast. Das Live-Cover des Skrillex-Songs ,Scary Monsters And Nice Sprites‘ mit deiner damaligen Rock-Electronic-Formation Pinn Panelle wurde über 13 Millionen Mal geklickt. Was genau ist heute dein Job bei der Effektpedal-Firma?

Anfangs war das einfach ein Endorsement und ich machte gelegentlich Demos. Inzwischen bin ich als „Director Of User Experience“ wesentlich tiefer involviert in die Entwicklung von Tools, die ich für meine Musik nutze. Einerseits die Zusammenarbeit mit so exzellenten Leuten, andererseits die weitgehende Flexibilität für Touren und Session-Jobs – das schätze ich schon sehr.

Vom Nutzer zum Nutzererlebnis-Designer: Nathan arbeitet seit Jahren mit Source Audio zusammen. (Bild: Navarro, Byrd, Torres, Laine)

Apropos deine Musik und Touren. Die letzten Longplayer mit deiner College-Band SOZO oder solo liegen schon ein paar Jahre zurück. Was gibt’s aktuell von dir zu hören?

Zuletzt hatte ich das Vergnügen, auf Devin Townsends aktuellem Album ,Empath‘ Bass spielen zu dürfen. Das war beeindruckend, denn Devin ist extrem talentiert und orchestriert seine Projekte sehr wohlbedacht. Er wählt ganz gezielt Musiker, deren individueller Stil mit seiner jeweiligen Vision gut harmoniert. Die Aufnahmesessions in den Monnow Valley Recording Studios in Wales, Großbritannien leitete Mike Keneally, der unter Frank Zappa groß geworden ist. Seine Wahrnehmungsfähigkeit und Kreativität kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Ich freue mich sehr darauf, mit den beiden ab November auf Tournee zu gehen, um das Album auf die Bühne zu bringen.

Außerdem ist gerade mein drittes Album herausgekommen: ,Myriads Rise‘ ist eine Mischung mit Elementen aus Electronic, Rock, Metal und einer ordentlichen Portion technisch orientiertem Bassspiel. Beim Schreiben der Stücke habe ich nach frischen Harmonien und melodischen Texturen gesucht, sodass ich auf experimentellem Weg bei einigen interessanten Sounds gelandet bin: symmetrische Skalen, alterierte Modi, funky 12-Bar-Blues, hört es euch mal an. Ich bin selbst ziemlich zufrieden mit dem Endergebnis und schon auf Feedback gespannt. Für interessierte Bassisten gibt es auf meiner Website nathannavarro. net wieder Tabs zu allen Bass-Parts.

Die neue Solo-EP: ,Myriads Rise‘ (Bild: Navarro, Byrd, Torres, Laine)

Welche Tipps hast du für Fortschrittswillige? Deine persönliche Lernkurve ist ja echt erstaunlich, wie man im jüngsten YouTube-Erfolg ,40 Techniques In One Bass Solo‘ sehen kann.

Ich ermutige immer dazu, von Anfang an eine möglichst große stilistische Bandbreite kennenzulernen. Das brachte mir Techniken und Ideen näher, die ich auf anderem Weg nicht erreicht hätte. Selbst wenn man in der späteren musikalischen Karriere nicht so breit gefächert aufgestellt sein wird, so kann das von anderen Genres angeeignete Rüstzeug unheimlich wertvoll sein. Ich habe zum Beispiel, nachdem ich das Double-Thumbing von Marcus Millers Song ,Power‘ gelernt hatte, es mit Fingerpicking aus dem Flamenco kombiniert und nutze nun eine Abwandlung beider Techniken oft für schnelle Passagen oder Sweepings. Beim Üben von Techniken ist Wiederholung mit Fokus auf ergonomische Aspekte unheimlich wichtig. Mir wurde zum Glück schon früh beigebracht, dass schlechte Technik das spielerische Potenzial einschränkt und sogar zu Schmerzen führen kann, was natürlich demotiviert.

Um die kompositorischen, kreativen Fähigkeiten zu fördern, ist es immer inspirierend, Basslinien, Melodien und Akkordfolgen zu erlernen. Der praktische Nutzen von Musiktheorie ist unschätzbar! Generell empfehle ich, sich um Unterricht bei den besten auffindbaren Musikern zu bemühen. So lassen sich nicht nur grundlegende Fähigkeiten aufbauen. Die Verantwortung, regelmäßig zu den Unterrichtsstunden zu erscheinen, ist auch eine treibende Kraft für alle, die ernsthaft vorwärtskommen wollen.

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2019)

Produkt: Gitarre & Bass 11/2019
Gitarre & Bass 11/2019
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