Produkt: Jimi Hendrix Story
Jimi Hendrix Story
Jimi Hendrix in Gitarre & Bass - das große Story-Special auf über 50 Seiten!
Wunderschöne Gewalt

Interview: Mark Bowen & Idles

(Bild: Tom Ham)

Mit ohrenbetäubendem Lärm spielen die Post-Punks aus Bristol seit drei Studioalben gegen alles an, was momentan falsch läuft: Rassismus, den Brexit, toxische Männlichkeit, Klassenunterschiede. Galt der Vorgänger ‚Joy As An Act Of Resistance‘ bereits als wichtiges Gitarrenmusik-Album, stampft ‚Ultra Mono‘ ihre unverkennbaren Noise-Dissonanzen nun mehr denn je auf einen wuchtigen, rhythmusbetonten Minimalismus samt idealistischer Parolen ein.

Gitarrist Mark Bowen gibt einen Einblick in den ungewöhnlichen Arbeitsprozess der Engländer, rund um Frequenzgänge, Hip-Hop-Einflüsse und Anti-Rock-Attitüde.

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(Bild: Max Horn)

Mark, was war die prägende musikalische Idee hinter ‚Ultra Mono‘?

Wir wollten bestimmte klangliche Schwerpunkte setzen. Die Sounds, Instrumente und den Mix entschlacken. Also haben wir versucht, unsere jeweiligen Parts gemeinsam so auszurichten, dass wir alle das Gleiche zur selben Zeit spielen. Dadurch wurden die Songs dann so frisch und knackig, wie es nur ging – das war der initiale Gedanke hinter ‚Ultra Mono‘. Um das zu schaffen, mussten wir unser Spiel sehr vereinfachen. Auf unseren vorherigen Alben waren die Gitarren immer sehr chaotisch und unabhängig voneinander. ‚Ultra Mono‘ besitzt trotzdem noch dieses Chaos, aber jeder bewegt sich in dieselbe Richtung.

Das Album hat einen sehr rhythmischen, rohen Sound. Wie kam diese Intensität zustande?

Viele Inspirationen kamen von Hip-Hop und elektronischer Musik. Ich höre zum Beispiel sehr gerne Techno und Electronica. Hier wird der Rhythmus sehr betont. Wir wollten also alle Instrumente aufeinander ausrichten, und wurden so im Grunde alle zum Schlagzeug: Viele meiner Leadgitarren-Parts doppeln die Snare, die HiHat oder ein Becken. Ein Album, an dem wir uns orientiert haben und das in eine ähnliche Richtung geht, ist zum Beispiel ‚Yeezus‘ von Kanye West. Außerdem haben wir uns von Electro inspirieren lassen, weil das Musik ist, die auch eine gitarristische Seite hat. Es war die Idee, das alles in einer Gitarrenband zu vereinen.

Was fasziniert euch an Rap? Hat Hip-Hop eine Energie, die Punkrock noch fehlt?

Ich glaube nicht, dass diese Energie eine Einzigartigkeit von Punk ist. Eher, dass Hip-Hop wie eine Weiterentwicklung derselben Idee ist, natürlich vor einem völlig anderen Hintergrund: Etwas aus Nichts zu erschaffen. Bei Gitarrenmusik gibt es Limitierungen, wir wollten aber die Grenzen unserer Musik so weit wie möglich erweitern. Im Hip-Hop oder bei elektronischer Musik gibt es diese Limitierungen nicht, deshalb haben wir uns daran orientiert: Weil wir uns weiterentwickeln möchten. Wir sehen Idles nicht nur als Punkband, sondern als mehr.

Welches Equipment kam auf dem Album zum Einsatz?

Meistens spiele ich die EGC500 von Electric Guitar Company mit Aluminium-Hals und einem Korpus aus Acryl. Das ist der Hauptbestandteil des Sounds. Die Art und Weise, wie die Töne durch das Aluminium schwingen, klingt ein wenig wie ein sehr wütendes Klavier. Dann habe ich noch eine Fender Stratocaster, eine Modern Player Series, glaube ich. An unseren Gitarren haben wir aber viel gemoddet und rumgeschraubt, ich benutze zum Beispiel einen Red-’79-Tonabnehmer von Creamery Pickups aus Manchester für den 70er-Treble-Sound – stark auf der D- und G-Saite, was dem Ganzen dieses Post-Punk-Feeling gibt. Sehr aggressiv und sehr britisch.

Marks Pedalboard u.a. mit JHS Haunting Mids, EarthQuaker Acapulco Gold, Death By Audio Waveformer Destroyer, Moog Minifooger MF Delay, Adventure Audio Dream Reaper, Electro Harmonix POG2, Z.Vex Super Duper 2in1, Death By Audio Reverberation Machine & Red Panda Raster. (Bild: Mark Bowen)

Mein Pedalboard ist echt riesig: Ein Super-Hard-On-Booster von ZVEX, ein Haunting Mids von JHS. Puh, ich spiele so viele verschiedene Effekte, bestimmt mehr als 20… Ein tolles Distortion-Pedal ist das Acapulco Gold von EarthQuaker. Daneben benutze ich viele Pedale von Death By Audio, wie den Waveformer Destroyer.

Marks Verstärker: Fender Twin Reverb und Hiwatt DR103. Nicht auf dem Bild, aber auch gerne genommen: Sunn Model T (Bild: Mark Bowen)

Nach den Effekten geht es dann weiter: Meistens habe ich drei Amps gleichzeitig laufen. Einen Hiwatt DR103, der in eine 4x12er-Box geht, ein Sunn Model T, der über ein 2x15er-Cabinet läuft, wo zwei alte JBL-Speaker aus den 60ern drin sind. Der dritte Amp ist ein Fender Twin, einer der moderneren. Oft kommt es aber auf die Songs an. Wenn sie eher eine Garage-Rock-Note brauchen, benötigt es weniger Headroom im Amp. Dafür habe ich im Studio dann einen Fender Princeton genommen. Auf manchen Songs spiele ich auch einen Mesa Boogie Mark II, einfach weil dieser einen ganz anderen Charakter hat.

Du bist bekannt für deinen Einsatz merkwürdiger Effekte. Gibt es ein besonders abgefahrenes Pedal, das du auf dem Album benutzt hast?

Auf jeden Fall das 4ms Noise Swash. Eigentlich ist das ein modularer Synthesizer, normalerweise ist es Teil eines Euroracks, aber auch als Gitarrenpedal zu haben. Es ist einfach das komischste Pedal, mit so einem merkwürdigen Klang durch diese verrückten Filter – ich glaube, ich habe während des Spielens bestimmt sechs Amps hochgejagt. Es ist völlig unkontrollierbar, keiner der Regler ergibt Sinn. Es macht nie den gleichen Sound zweimal, das macht alles sehr spontan und aufregend.

Dein Gitarrenstil wird oftmals als „Anti-Rock“ beschrieben. Ist dir diese Attitüde wichtig?

Ja, sehr sogar. Viele meiner Lieblingsgitarristen kommen aus dem No Wave der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, wie Glenn Branca. Ich denke, dass ein viel größerer Effekt daraus resultiert, einen einzigen Ton besonders aggressiv zu spielen und dort viel Emotionen reinzustecken, als etwa beim Sweep Picking oder anderen komplizierten Techniken. Versteh mich nicht falsch – ich denke nicht, dass solche Musiker das Gitarrenspiel weniger verstanden haben. Aber mir persönlich gibt Einfachheit viel mehr! Darin kann eine große Tiefe stecken.

Idles stehen für Gemeinschaft und richten sich gegen Perfektionismus, Rassismus und toxische Männlichkeit. Welche Verbindung gibt es zwischen diesen positiven Botschaften und eurer dunklen, lärmenden Klangsprache?

Wir benutzen Gewalt als ein Mittel, um unsere Botschaft zu vermitteln. Aber auch als eine Art Katharsis. Durch Härte wollen wir den Sinn von Gemeinschaft mit anderen teilen. Durch starke, aggressive Musik. Es ist wie eine Urschrei-Therapie, nur auf unser System gerichtet. Es hat auch einfach was, das Dunkle und Wütende zu erforschen.

(Bild: MICHAEL BURNELL)

Woher kommt deine dissonante, oft atonale Spielweise? Welche Bands haben dich dazu inspiriert?

Da gibt es viele. Eine der großen sind auf jeden Fall At The Drive-In. Die haben mich daran erinnert, dass etwas sehr Schönes aus chaotischer, atonaler Musik entstehen kann. Ich höre aber auch viel Drone und Stoner Metal, Bands wie Sleep oder Earth. Davon hört man auf jeden Fall einen großen Einfluss auf unserem Album.

Du legst großen Wert auf die Verteilung von Frequenzen, um verschiedene Dinge zu betonen oder Platz für anderes zu schaffen. Kannst du uns euren Arbeitsprozess hierfür erläutern?

Wir haben alles um eine einzige Idee herum geschrieben – eine Gitarren- oder eine Bass-Melodie. Die wichtigsten Frequenzen davon betonen wir dann besonders. Wenn wir zum Beispiel einen Bass-Part haben, dessen wichtigster Punkt sich im Bereich von 200 bis 400 Hertz abspielt, wollen wir ihn nicht durch eine Gitarre im Bereich der Mitten schwächen, die diese Frequenzen verschluckt.

Adam (Devonshire, Bassist, Anm. d. Red.) und ich spielen also unisono den Bass-Part, während Lee (Kiernan, Gitarrist, Anm. d. Red.) die Frequenzen der Snare doppelt. Ein Problem von Gitarren ist nämlich, dass sie andere Frequenzen oft absorbieren, weil sie ein so hohes Spektrum abdecken und überall mit reinspielen. Sie stehen anderen Sounds von uns im Weg, die eher elektronisch geprägt sind – auch, wenn sie ebenfalls durch Gitarren und Effektpedale entstehen. Uns geht es dann darum, diesen Bereich zu unterstützen, anstatt die Frequenzen zu behindern. Wenn wir dann aber live spielen, nehmen wir auch gerne einen riesigen Frequenzbereich ein: Von 50 bis 2500 Hertz besteht dann alles nur aus Gitarren. Dafür benutzen wir diverse EQ- und Filter-Pedale, und wir spielen natürlich viele verschiedene Gitarren, auch eine Baritongitarre, oder arbeiten mit verschiedenen Tunings.

Klingt nach Raketen-Wissenschaft.

Ja! Wir haben darüber viel während der Produktion und des Mixing-Prozesses unseres letzten Albums gelernt. Man denkt beim Aufnehmen, etwas ist ein sehr effektiver Gitarren-Part und es klingt unglaublich direkt vor dem Amp. Dann setzt man es mit allen anderen Instrumenten zusammen und heraus kommt nur Lärm, alles steht sich gegenseitig im Weg. Es kann deinen ganzen Ansatz zerstören, was du mit der Musik eigentlich ausdrücken wolltest. Daher haben wir alles entschlackt, um es so kompakt wie möglich zu gestalten.

Was passiert momentan mit Gitarrenmusik? Wo will Punk deiner Ansicht nach hin?

Ich weiß es nicht. Es gab definitiv einen neuen Aufschwung von Post-Punk, der sehr viel progressiver klingt als die Retro-Version der frühen 2000er. Es geht nun eher darum, etwas weiterzuentwickeln. Und ich finde das sehr interessant, weil man jetzt über die Gitarre hinausdenkt. Deshalb verändert sich auch die Gitarre, glaube ich: Mehr und mehr Pedale erschaffen verschiedenste Sounds und sorgen dafür, dass Gitarren nicht mehr wie Gitarren klingen – sondern wie etwas, das noch niemand jemals zuvor gehört hat. Ich empfinde die Zeiten also als sehr aufregend, glaube aber nicht, dass Rock nochmal so zurückkommt, wie er früher schon mal da war.

Die Rock-Gitarre kam einst mit diesem revolutionären Gefühl der Rebellion – etwas, das du mit deinem Spiel auf neue Art wieder entfachst. Ist das Instrument nur ein Werkzeug für dich, oder gibt es etwas Einzigartiges an der Gitarre, das Synthesizer nicht besitzen?

Auf jeden Fall! Ich meine, das ist ja der Grund, wieso ich in einer Rockband spiele, anstatt elektronische Musik zu machen und alleine mit Synthies herumzuexperimentieren. Ein akustisches Instrument hat einfach etwas sehr Reales, etwas Ehrliches. Man kann eher nachvollziehen, wenn man wirklich dabei zusehen kann, wie jemand den Klang erzeugt. Es ist toll, Synth-Klänge zu spielen – einfach etwas, das noch niemand gehört hat. Mit der Gitarre macht man das aber alles mit der Hand, jede Emotion steckt in dieser Bewegung. Und genau deshalb wird die Gitarre auch immer ihren Platz in der Musik haben.

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2020)

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