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Im Interview

Leprous: Tradition und Innovation

(Bild: Irene Serrano)

Das norwegische Quintett Leprous als reine Progressive-Metal-Band zu titulieren, würde sicherlich zu kurz greifen. In zunehmendem Maße mischt die 2001 gegründete Gruppe ihrem Sound Elemente von Rock, Pop und Elektronik hinzu und erfreut sich dank ihrer enormen Stilvielfalt einer zunehmend größeren Beliebtheit.

Jüngstes Exponat ihrer unbändigen Freude an unkonventio­neller Kreativität ist das neue Album ‚Pitfalls‘, mit dem Lep­rous im Herbst 2019 auf Europatournee waren und dabei auch im Hamburger Übel & Gefährlich Station machten. Wir haben die Gelegenheit genutzt, uns mit Tor Oddmund Suhrke (TOS) und seinem Gitarrenpartner Robin Ognedal (RO) zu verabreden und über ihre gegensätzliche Instrumentenphilosophie zu sprechen: Während der eine auf klassische Fender-Stratocaster-Modelle schwört, liebt der andere die Produkte der innovativen holländi­schen Gitarrenschmiede Aristides. Eine interessante Kombination!

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Tor und Robin, täusche ich mich, oder klangen Leprous früher härter als heute?

TOS: Da täuschst du dich nicht. Eigentlich starteten Leprous als reine Metal-Band. Ich stand früher auf Punk und HipHop, hatte dann eine Phase mit Judas Priest, Opeth und Emperor, anschlie­ßend kamen Porcupine Tree, Mars Volta und The Dillinger Escape Plan hinzu. Zu Beginn wollten wir einfach nur Metal machen, schminkten uns die Gesichter, zogen Lederhosen und Metal-Kla­motten an. (lacht)

Ich erinnere mich, dass wir in unserer allerers­ten Show ‚Breaking The Law‘ von Judas Priest coverten. Wir waren typische Jugendliche, alberten herum und machten verrückte Sachen. Irgendwann stellten wir fest, dass wir uns sukzessive in eine melodischere Richtung entwickelten, mit weniger Death-Metal-Vocals und mehr eingängigen Refrains. Zudem tendierten wir stärker in eine progressive Richtung, mit langen Songs, abge­fahrenen Zählzeiten und all diesen typischen Prog-Elementen.

Das ging ein paar Jahre so, bis wir vor drei Alben anfingen, allzu typi­sche Progressive-Metal-Eigenarten möglichst zu vermeiden und nicht mehr in spezifischen Genres zu denken, sondern einfach nur Songs unabhängig ihrer stilistischen Ausrichtung zu schreiben. Ich weiß, dass viele Bands so etwas von sich behaupten, aber bei uns gab es noch nie feste Regeln, alles lief eher zufällig ab, immer abhängig davon, was sich am natürlichsten anfühlt. Unsere Alben sind eher eine Ansammlung unterschiedlicher Ideen. Speziell auf den beiden letzten Scheiben haben wir uns fast völlig aus dem Metal verabschiedet. Nicht etwa, weil wir damit nichts mehr zu tun haben wollten, sondern weil wir privat keinen Metal mehr hören.

Mit welchen Gitarren und Verstärkern habt ihr bei Leprous begonnen?

TOS: Meine erste Gitarre war eine Peavey Accellera­tor mit Singlecoils. Ehrlich gesagt hatte ich von Instrumenten damals überhaupt keine Ahnung. Ich fand auf dem Dachboden meines Elternhauses irgendeine billige Gitarre und gründete bereits sechs Monate später Leprous. Dann kaufte ich mir die besagte Peavey, ohne jedoch zu wissen, wie sie klingt oder nach welchem Sound ich über­haupt suche.

Mein erster Amp war ein Combo von Trace Elliot, eben­falls ein reiner Zufallskauf, hinzu kam ein Boss GT-6 und als nächster Schritt ein Line6 POD XT Live. Das alles lässt sich natürlich nicht mit unserem heutigen Equipment vergleichen, aber es half im Proberaum und machte viel Spaß. Später besaß ich für eini­ge Jahre einen Dual Rectifier, danach war ich Endorser von Black­star. Den Series One 200 habe ich wirklich geliebt, der Sound pass­te perfekt zu unserer damaligen Metal-Ausrichtung.

Als ich weniger Distortion wollte, entschied ich mich für Combos: Unser Album ‚Malina‘ beispielsweise habe ich mit einigen geliehenen Fender Twins und einem Vox AC30 eingespielt. Die Twins und den AC30 habe ich auf der ‚Malina‘-Tour anschließend auch live eingesetzt.

Aristides 020 mit Bare-Knuckle-PUs und Coil-Split
Aristides 060, Baujahr 2017, mit Bare-Knuckle-Pickups
Babicz Identity ID-ARW-06 Acoustic, Baujahr 2008
Robins Fender American Deluxe Stratocaster, Baujahr 2007

Waren die nicht zu laut für eure Musik?

RO: Doch, vor allem der Fender Twin!

TOS: Der Twin war sogar so laut, dass unser FOH ihn mitunter komplett von der PA nahm. Als wir den ersten Kemper testeten, hatte ich ein Split-Signal zwischen Kemper und Fender. Nach ein paar Tagen der Tour erklärte mir unser Soundmann, dass er über die PA nur den Kemper fährt, weil er den besser kontrollieren kann. Der Fender lärmte auf der Bühne also nur für uns. (lacht)

Ich überlegte, stattdessen den Blackstar mitzunehmen, aber irgend­wann stellte sich die Frage, weshalb man all die Geräte mit ihrem hohen Gewicht mitschleppen soll, wenn in dem leichten Kemper alles vorhanden ist. Wenn wir für Festivalanfragen einen Kemper in unserer Technikliste aufführen, wissen wir, dass wir exakt unse­ren Sound bekommen. Wenn wir früher einen Dual Rectifier anforderten, war es mehr oder minder Zufall, ob man einen bekam, der wirklich so wie mein eigener klang.

Beide Gitarristen spielen Kemper Profiler. (Bild: Mineur)

Seit wann spielst du achtsaitige Gitarren?

TOS: Eine Zeitlang besaß ich eine Epiphone Les Paul, mit der es aber Feedback-Probleme gab, weshalb ich mir 2007 zwei PRS-Modelle kauf­te, die super aussahen und toll klan­gen. 2016 spielten wir häufig als Backing Band für Ihsahn und brauch­ten dafür achtsaitige Gitarren, womit diese indirekt auch bei Leprous Einzug hielten. Zu Beginn hatte ich eine Ibanez RG 2228, aber eigentlich suchte ich eine Gitarre mit einem etwas brillanteren Sound, mit passiven Pickups und einer flexibleren Ausrichtung. Am Anfang war es mir egal, da ging es mir nur um acht Saiten, aber je mehr ich mich damit beschäftigte, umso konkreter wurden meine Klangvorstellungen.

Leprous Gitarrist Tor Oddmund Suhrke mit Aristides-080-8-String, Baujahr 2017, mit Slanted/Fanned Frets (Bild: Matthias Mineur)

Durch Ihsahn lernte ich die Jungs von Aristides kennen, eine holländische Company, die Instrumente aus einem eigenen Material namens Arium bauen. Aristides luden uns in ihre Firma ein und zeigten uns alles. Von da an wollte ich unbedingt mit ihnen kooperieren. Mich interessieren nicht nur ihre achtsaitigen Gitarren, sondern auch die sechssaitigen Modelle.

Ich besitze zusätzlich eine 020er und eine 060er und bin durch diese Gitarren in meinem Spiel sehr gereift. Natürlich klingen auch die PRS-Modelle sagenhaft und sehr druckvoll. Aber im Zusammenspiel mit Robins Fender Stratocaster habe ich mich durch die Aristides enorm weiterentwickelt. Früher eiferte ich immer seinem Strat-Sound nach, doch jetzt habe ich einen eigenen Sound gefunden, der als Ergänzung perfekt passt. Ich plane im nächsten Jahr auch einige der anderen Aristides-Sixstrings zu testen, damit mein Sound noch mehr Variationsmöglichkeiten bekommt.

Gitarrist Robin Ognedal mit Fender 20th Anniversary Relic Strat Custom Shop, Baujahr 2015 (Bild: Matthias Mineur)

Robin, wie sieht es diesbezüglich bei dir aus? Hast du immer schon Fender gespielt?

RO: Nein. Mein erste Gitarre war eine Squier, allerdings nicht ganz freiwillig: Ich bekam sie von meinem Onkel geschenkt, der darauf drängte, dass ich Gitarre spiele. Ich hatte aber keine Lust, und so verschwand die Squier erst einmal für ein paar Jahre auf unserem Dachboden. Auf dem Weg zur Schule musste ich häufig an einem Haus vorbei, in dem ein Typ Gitarre spielte, der ein paar Jahre älter als ich war. Immer wenn er mich sah, rief er: „Hey Robin, hör doch mal, ich kann dieses Solo spielen!“ Dann spielte er mir etwas vor, das mich tief beeindruckte. Ich dachte: „Mann, was für ein cooler Typ!”

Ich fragte ihn, ob er mir Unterricht gibt, aber ich kam mit der Squier nicht so richtig klar. Deshalb kaufte ich mir eine Ibanez RG320 mit ganz flacher Saitenlage, die sich butterweich spielen ließ. Ich stand damals total auf Ibanez, weil ich shredden wollte. Irgendwann war ich jedoch aus dieser Phase herausgewachsen und merkte, dass ich ausschließlich mit Shredden nicht von der Musik leben kann.

2010 zog ich nach Oslo, arbeitete dort als Freelancer und kaufte mir eine gebrauchte Fender American Deluxe Stratocaster, mit der man flexibler aufgestellt ist. Sie ist heute zwar nicht mehr meine Hauptgitarre, aber ich spiele bei Leprous immer noch ein paar Songs mit ihr. Die American Deluxe habe ich ein wenig modifiziert, denn ich liebe Strats zwar, mag aber die Anordnung der Potis nicht, sie passen einfach nicht zur Haltung meiner rechten Hand. Deshalb habe ich die Konfiguration, den Sattel und einige weitere Kleinigkeiten geändert.

Ich habe beim Soundcheck eine Fender Relic Strat bei dir gesehen.

RO: Richtig. Es ist eine 20th Anniversary Relic und zurzeit meine Hauptgitarre, eine Custom Shop aus dem Jahr 2015 mit handgewickelten Fat-50’s-Pickups. Ich habe sie erst vor kurzem gekauft und bin total begeistert. Der Hals ist fast doppelt so dick wie bei meiner American Deluxe. Bislang dachte ich, dass ich auf dünne Hälse stehe, da ich immer nur dünne Hälse gespielt habe. Doch als ich die Anniversary Relic in die Hand nahm, war ich vor allem vom Hals total begeistert. Zwischenzeitlich hatte ich eine Les Paul und eine Telecaster, letztendlich endeten beide als Ersatzgitarren. Am Ende ist es immer eine Strat, die mir am besten gefällt.

Welches war dein erster Amp?

RO: Ein Peavey, wobei mein allererster Amp irgendein billiges Teil war, das ich zufällig in einem Kaufhaus entdeckte und dessen Name mir entfallen ist. Danach besaß ich einen Line6 Spider, der ideal war für das, was ich brauchte. Aber ich wollte einen Röhrenamp, deshalb kaufte ich mir einen Peavey 5150, den ich im Bereich von Rock und Metal für perfekt halte. Der cleane Kanal ist zwar überflüssig, aber der verzerrte Kanal macht mächtig was her.

Als meine Metal-Tage weitestgehend passé waren, legte ich mir einen sehr cremig und warm klingenden Mesa/Boogie Lone Star zu. Aus heutiger Sicht klingt er mir allerdings nicht dreckig genug, sondern zu amerikanisch und zu poliert. Trotzdem ist er weiterhin in meinem Besitz. Als uns dann Kemper ihr Modell zum Testen schickten, war ich anfangs ziemlich skeptisch, denn eigentlich bin ich der klassische Röhren-Typ.

Diese Skepsis haben offenbar viele.

RO: Als ich ihn dann Zuhause einschaltete, haute er mich um. Der Ton, die Dynamik – er klingt wirklich wie ein echter Röhrenverstärker. Wenn ich mit verbundenen Augen einen A/B-Vergleich machen müsste, ich könnte den Unterschied nicht erkennen.

Benutzt du die internen Profiles, oder hast du dir einen eigenen Sound programmiert?

RO: Ich habe ein paar Profiles gekauft. Freunde, die versucht haben, eigene Profiles zu programmieren, hatten nur durchwachsene Erfolge. Man muss schon sehr genau wissen, was man da tut, außerdem braucht man einen gut klingenden Raum und erstklassige Mikrofone. Deshalb habe ich lieber einige dieser großartigen Profiles gekauft, die es ab zehn Dollar gibt.

Inspiriert euch der Kemper mit seinen vielen Sounds und Effekten beim Songwriting?

TOS: Oh ja, die Klangmöglichkeiten des Kempers sind so umfangreich, dass man automatisch inspiriert wird. Früher habe ich Zuhause oft über einen kleinen Blackstar-Amp geübt, der aber eigentlich zu laut war. Also wechselte ich auf Guitar-Rig, mit dem ich jedoch nicht richtig klarkam, was aber sicherlich an meinem mangelhaften technischen Verständnis lag. Jetzt, mit dem Kemper, kann ich zuhause exakt den Sound fahren, den ich auch auf der Bühne habe. Robin hat mir zu Beginn geholfen, er kennt sich mit Sounds richtig gut aus. Robin und ich achten sehr darauf, was der jeweils andere spielt und richten unseren Sound danach aus.

Hat das neue Equipment euren Geschmack verändert, oder – quasi umgekehrt – hat euer veränderter Geschmack Einfluss auf die Wahl des Equipments?

RO: Ich denke, dass mein veränderter Musikgeschmack mein Equipment verändert hat. Ich vermute, dass ich mich wegen John Mayer für eine Fender Strat entschieden habe. Ich liebe sein Gitarrenspiel. Als die DVD ‚Live In Los Angeles‘ auf den Markt kam, lernte ich auf meiner Ibanez sämtliche Soli, um festzustellen, dass sie einfach nicht so klingen wie sie es sollten. Daraufhin habe ich mir meine erste Fender Stratocaster gekauft. Natürlich will und kann ich nicht wie John Mayer klingen, aber als Einfluss auf mein Equipment war er enorm wichtig.

Inwieweit passen solche Vorbilder zur Musik von Leprous? Gibt es Kompromisse, die ihr beide eingehen müsst, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen?

TOS: Nein. Vielleicht bin ich zu anspruchslos, aber ich empfinde einfach nur Dankbarkeit, mit Robin spielen zu dürfen, und freue mich über jede Inspiration, die ich durch ihn bekomme. Als wir die Gitarren für unser aktuelles Album ‚Pitfalls‘ aufnahmen, war im Vorfeld kaum etwas in Stein gemeißelt. Fast alles wurde miteinander entwickelt. Ich bin mit dem Resultat super-glücklich, denn wir spielen nur selten etwas exakt gleich, sondern immer mit kleinen persönlichen Variationen. Und wenn Robin etwas spielt, was meines Erachtens besser klingt als das, was ich im Köcher hatte, versuche ich seine Herangehensweise zu lernen. Insofern gibt es nie Kompromisse, sondern immer Kooperation.

RO: Für mich sind es ebenfalls nie Kompromisse. Als ich 2017, zehn Tage vor der Studiosession zu ‚Malina‘, bei Leprous einstieg, empfahl ich als erste „Amtshandlung“, den Gain-Regler ein wenig zurückzufahren. Denn mit weniger Verzerrung klingt es bekanntlich deutlich härter. Ich wusste, dass Einar und Tor meinen Gitarrensound mögen. Die Songs für ‚Malina‘ waren bereits geschrieben, also lernte ich die Parts, die ich zu spielen hatte, und spürte, dass man mir bei den Sounds alle Freiheiten einräumt. Für ‚Pitfalls‘ war ich dann zusammen mit Tor für die Gitarrenparts zuständig. Zwischen uns herrscht eine sehr kooperative Atmosphäre, man hat nie den Eindruck: Dieser Part stammt jetzt von Tor, jener Part von mir. Alles wird gemeinsam entwickelt.

TOS: Das geht sogar so weit, dass ich heute nicht mehr nachvollziehen kann, wer im Detail welchen Part gespielt hat. Es gibt nur eine wichtige Frage: Was hilft dem Song am meisten?

Leprous Gitarrentechniker Mathieu Burton (Bild: Mineur)

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2020)

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