Produkt: Gitarre & Bass 6/2019
Gitarre & Bass 6/2019
Neoclassical Bluesrock: Yngwie Malmsteen+++Strat, Style, Strings, Sound: Jimmie Vaughan+++Glam-Metal 2019: Steel Panther+++Auf langer Abschieds-Tour: Rickey Medlocke & Lynyrd Skynyrd
„Magie braucht keine Worte!“

Interview: Esperanza Spalding

Visionär. Komplex. Eklektisch. Akademisch. Virtuos. Ganzheitlich. Es ließen sich weit mehr Begriffe finden, um Musik und Arbeitsweise der Grammy-Preisträgerin zu umschreiben. Aber es verdeutlicht ansatzweise, warum Esperanza Spaldings Album ‚12 Little Spells‘ ein Konzeptwerk ist, das mit „interdispiziplinär“ nur höchst unzureichend etikettiert wäre.

(Bild: Carlos Pericas (Courtesy of Montuno))

Die Absolventin der Portland State University und des Berklee College of Music beweist erneut ihre künstlerische Entwicklung und Wandlungsfähigkeit. Während sie mit ‚Chamber Music Society‘ ihre Herkunft mit klassischer Kammermusik zeigte, bezog die (Kontra)-Bassistin mit ‚Emily’s D-Evolution‘ in der Jazz-Szene Stellung und band auch gleich Theater und Tanz mit ein. Ein Konzept, das ihren Longplayer auf viele internationale Jahresbestenlisten führte. Jetzt verpasste die Bassistin, Sängerin und Bandleaderin aus Portland/Oregon ihrer neuen Veröffentlichung einen faszinierenden Dreh.

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Jeder Song wird von einem Video flankiert, mit aufwendigen Kostümen, einer wahren Bilderflut und einem klaren Konzept: Jedem Song ihrer ‚12 Little Spells‘ ist ein Körperteil oder Organ zugeordnet, mit direktem Bezug zu wissenschaftlichen Theorien, die am Ende einen positiven Effekt auf ein ganzheitlich ausgelegtes Gesellschaftssystem haben sollen. Keine leichte Kost. Kein Album für den schnellen Jazz-Appetit zwischendurch. Dafür ein spannendes Gesamtkunstwerk mit einem gewaltigen theoretischen Überbau, über den die Professorin des Music Departement der Harvard University an dieser Stelle Auskunft gibt.

Interview

Esperanza, bitte erklär uns das Konzept hinter ‚12 Little Spells‘.

Gerne. Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit verschiedenen Forschungen zu dem Thema geistige und emotionale Gesundheit und in welcher Beziehung das zu unserem Körper steht und unser Leben beeinflusst. Wie etwa unser Nervensystem Informationen aus unserer Kindheit abspeichert, positive Erlebnisse wie auch traumatische. Faktoren, die sich im Laufe unseres Lebens akkumulieren. Ich bin total neugierig, welche Effekte und Ergebnisse systemische Therapien haben, um unseren Körper zu entlasten, oder zu befreien, in emotionaler, muskulärer und neurologischer Hinsicht. Im besten Fall nicht nur bei uns Individuen, sondern auch in Familien, in öffentlichen Gemeinden und nicht zuletzt in ganzen Städten. ‚12 Little Spells‘ ist meine Schnittstelle als Künstlerin, die ich für einen heilenden Entwicklungsprozess nutzen will.

Du zeigst eine Entwicklung von der sozial engagierten Musikerin hin zur ganzheitlichen Künstlerin.

Ich mag das Wort ganzheitlich! Als Mensch ist genau das mein Ziel. Egal, ob ich Zahnärztin wäre, Grundschullehrerin oder Landwirtin. Wie kann ich mit meinen Fähigkeiten dem Gemeinwohl nutzen? Meine Ziele reichen weit über meine persönliche Ebene hinaus. Deswegen mag ich auch stets weit gefasste Blickwinkel, also wenn du so willst einen ganzheitlichen Ansatz als Weltbürgerin.

(Bild: Carlos Pericas (Courtesy of Montuno))

Den Aspekt der heilenden Kraft von Musik, den du thematisierst, zieht sich durch Kulturen und Genres. Von den frühen Blues-Legenden über Querdenker wie Brian Eno bis hin zu Metal-Ikone Kirk Hammett. Erklär mal deine Sicht der heilenden Kräfte durch ‚12 Little Spells‘.

Nun, dies ist das erste Mal, dass ich so ein künstlerisches Konzept angehe. Die Songs sind ein thematisches Abbild meines Körpers, um zunächst einen ganzheitlichen Eindruck von mir selbst zu bekommen. Im Grunde ein Selbstporträt. Ich habe mir erlaubt, Ebenen zu beleuchten die mir selbst wichtig sind und hoffe, dass das als Beispiel dienen könnte. Ich habe mich im Vorfeld mit Neurologen, Musiktherapeuten und Wissenschaftlern für frühkindliche Bildung, Bewegungs- und Spielerziehung beschäftigt und mich intensiv mit deren Forschungen auseinandergesetzt. Ich habe ihnen erklärt, dass ich mich ihren Themen auf einer künstlerischen Ebene nähern möchte.

Auf diesem Hintergrund ist mein Album der Beginn einer Unterhaltung, ein Ansatz darüber nachzudenken. Es gibt mehrere wissenschaftliche Untersuchungen darüber, welche positiven Effekte es hat, sich ein paar Minuten pro Tag auf ein bestimmtes Körperteil zu konzentrieren. Zum Beispiel auf die Lungen, die Atmung oder die Schulter- und Armmuskulatur. Dinge, die gerade für aktive Musiker eine hohe Relevanz besitzen und in einer generellen Verbesserung des körperlichen Wohlbefindens resultieren können. Die Beziehung des Vagusnervs und der inneren Organe ist ein ungemein interessantes wie komplexes Feld! Abgesehen davon: Es macht übrigens auch Spaß die Songs zu hören! Ich befürchte, das war eine sehr ausführliche Antwort! (lacht)

Lass uns über Komposition reden. Du bist klassisch an Klavier und Violine ausgebildet. Nutzt du den Bass als kompositorisches Instrument?

Als ich das Album schrieb, befand ich mich in einer fast zweijährigen Abstinenz vom Bass. Fast alle Stücke entstanden am Klavier, obwohl ich mich nicht als Pianistin bezeichnen würde. Eher als kompositorische Pianistin! (lacht) Die Songs entstanden in völliger Kontemplation und voller Konzentration. Ich erhielt nämlich ein Stipendium der Civitella Ranieri Foundation, um an einem sechswöchigen Workshop teilzunehmen.

Der fand in einem wunderschönen Renaissance- Schloss in Umbrien statt, mit anderen Künstlern, Malern, Bildhauern, Schriftstellern und Fotografen. Sechs Wochen sich nur aufs Komponieren zu konzentrieren in wundervoller Umgebung mit anderen Künstlern – fantastisch! Ich hatte noch nie zuvor so einen Luxus erlebt und mich so unbeschwert ohne Ablenkungen auf meine Musik konzentrieren zu können.

Sonst bin ich meist 24-7 beschäftigt! Ich hatte diesmal Zeit, meiner Musik wirklich zuzuhören. Zurück zu Hause habe ich dann mit meinem Schlagzeuger Justin Tyson (Mos Def, Jessie J, Robert Glasper Experiment) und meinem Gitarrist Matt Stevens (Christian Scott, Harvey Mason, Jackey Terrasson) die Stücke ausgearbeitet.

Du hast mal gesagt, jeder Schlagzeuger hätte dein Spiel und deine Gewohnheiten als Bassistin verändert. Welchen Effekt hatte die Arbeit mit Justin Tyson?

Justin ist ein polyvalentes Genie! Als Mensch und Musikerin lerne ich stetig von ihm. Zum Beispiel meine Visionen zu verfolgen und nicht aus den Augen zu verlieren. Ein paar Beispiele? Justin hat noch nie ein Buch geschrieben, stellte sich jetzt aber dieser Aufgabe und hat‘s getan. Jetzt will er ein Album veröffentlichen. Also stellte er sich der Aufgabe, Tontechnik zu lernen. Er hat‘s getan. Und aktuell hat er angefangen, Gesangsunterricht zu nehmen. Obendrein ist er Teil einer Künstlergruppe, die in New York Kunstinstallationen macht.

Also zieht er nachts mit dem Fahrrad los, mit einem Eimer Leim und klebt Plakate! Justin ist unglaublich! Von ihm lerne ich, Vertrauen in meine Vorstellungskraft und Fähigkeiten zu haben. Dass er mir seine Vorstellungskraft durch sein Instrument für meine Musik anbietet, ist ungemein generös. Wenn du Justins Grooves hörst, wirken sie angenehm vertraut, sind aber völlig ungewöhnlich, verrückt und spannend! Er schafft es, dass du mit dem Kopf nickst und tanzen möchtest – du hast aber nicht die leiseste Ahnung, was er da spielt! (lacht) Für mich als Bassistin ist die Arbeit mit ihm ein echtes Abenteuer.

(Bild: Carlos Pericas (Courtesy of Montuno))

Du hast mit Legenden wie Pat Metheny, Wayne Shorter und Herbie Hancock gespielt. Wie viel ist in deinen Songs durchkomponiert, strukturiert und wie viel passiert durch nonverbale Kommunikation und Improvisation?

Guter Punkt, gerade heute, in Zeiten sozialer Medien, wo alles formuliert, erklärt und kommentiert wird. Auch ich liebe den Dialog, kein Zweifel. Aber ich mag auch nonverbale Kommunikation. Gerade in Musik funktioniert diese Form, durch Erfahrung, künstlerische Kapazität und einen gemeinsamen kognitiven Erfahrungsschatz. In gewisser Weise so, wie das auch zwischen Kindern und Eltern funktioniert.

Das meiste in meiner Musik basiert auf nonverbaler Kommunikation. Magie braucht keine Worte! Wenn ich im Studio einen Song anbiete, offeriere ich ihn Menschen, denen ich vertraue und von denen ich glaube, dass wir die gleiche Sprache sprechen, um am Ende etwas Avantgardistisches zu erschaffen. Das funktioniert nur in einem nicht vorgegebenen Dialog. Natürlich bringe ich ein Konzept mit und habe recht klare Vorstellungen von den Arrangements. Aber wenn ich höre, wie viel mehr wir gemeinsam erreichen können, kann ich auch sehr gut loslassen.

Was für Instrumente hast du benutzt? Du spielst unter anderem einen Fender Fretless Jazz Bass (Jaco-Pastorius- Modell) und einen South Paw Bass.

Ich gestehe, dass ich auf diesem Album nur wenig Bass selbst gespielt habe, aber wenn, dann habe ich meinen South Paw Bass gespielt. Tut mir leid, Leute, wenn ihr das lest, denn Simon (Propert), der ihn konzipiert hat, hat nur dieses eine Exemplar gebaut! Ihr müsst ihn unbedingt dazu kriegen, mehr zu bauen! Schreibt ihm! Denn dieser Bass ist unglaublich gut! (lacht) Er ist wunderbar leicht, fretless und hat einen Bartolini (Stringray 5) Pickup. Perfekt für mich.

Und Amps? Spielst du noch deinen Ampeg SVT-4 Pro?

Inzwischen spiele ich eher Markbass Amps. Ich reise nicht mehr mit meinem SVT, und wenn ich zu Gigs fahre, frage ich, ob ich einen Markbass- oder einen Gallien-Krueger-Amp kriegen kann. Um ehrlich zu sein, bin ich nicht sehr wählerisch, was Equipment angeht. Ich sollte als Musikerin in der Lage sein, mit allem so zu klingen, wie ich klinge. Ich liefere den Sound! Equipment ist nur dazu da, meinen Sound aufzuhübschen und lauter zu machen.

Wie entscheidest du, ob ein Song eher den Kontrabass oder E-Bass braucht?

Oh, das ist sowas von offensichtlich! Diese Frage stellt sich für mich nicht. Ich muss das auch nicht entscheiden. Das macht der jeweilige Song!

(Bild: Carlos Pericas (Courtesy of Montuno))

Du warst mit 20 Jahren die jüngste Dozentin am Berklee College of Music. Worauf legst du heute als Professorin der Havard University inhaltlich Wert, wenn du eine Vorlesung gibst?

Zunächst mal bin ich nicht daran interessiert von meinen Studenten als Professorin angehimmelt zu werden. Und ein Hörsaal ist leider nur eine Notlösung dafür, was wir zusammen entdecken können. Ich unterrichte derzeit zwei Klassen: Im Songwriting- Kurs betone ich immer wieder, dass die wichtigste Gabe, die wir anzubieten haben, Zeit und Raum für Verständnis sind. Ich finde es bereichernd, einem richtig gut geschriebenen Song zuzuhören und dadurch Gemeinsamkeiten, aber auch neue Inhalte zu erfahren.

Das ist eine Gabe! Songwriting ist ein Angebot an den Zuhörer und dessen Weltbild. In meinem anderen Kurs versuche ich Musiktheorie, Performance und soziale Gerechtigkeit zu verbinden. Die Fähigkeiten, die jeder meiner Studenten mitbringt, können zu messbaren positiven Effekten bei den verschiedensten gesellschaftlichen Themen führen. Wir müssen mit anderen Menschen kommunizieren und verwertbare Metriken finden, um zu verifizieren, was unsere Arbeit für Effekte hat. Unsere Leinwand ist weiß. Musik ist unsere gemeinsame Basis, auf der wir mit Spezialisten auf anderen Gebieten empirische Daten sammeln und kumulieren müssen. Und als Künstler haben wir die Aufgabe der menschlichen Vorstellungskraft Input zu geben.

Was hast du beim Schaffensprozess von ‚12 Little Spells‘ gelernt?

(Überlegt lange) Dass es mit anderen Menschen besser ist, als allein! Ich habe bemerkt, dass ich in der Arbeit mit anderen besser geworden bin. Ich meine echte Zusammenarbeit, was viel mit Vertrauen zu tun hat. Ich habe gelernt, um wie viel besser meine Musik wird, wenn ich es zulasse, dass andere daran mitarbeiten. Und dass ich dennoch meiner künstlerischen Vision folgen muss, ohne mich von zu vielen Stimmen von außen davon ablenken zu lassen.

Du liebst die Live-Performance – vielleicht weil da der Aspekt des Spaßes mal über dem Intellekt steht?

(lacht) Ich weiß, was du meinst und ich mag diesen Part sehr. Aber wenn du live spielst, kann viel passieren. Ich liebe Improvisation, das ist mein Charakter. Ich versuche in der zur Verfügung stehenden Zeit das Beste mit meinen Musikern zu schaffen. Und manchmal auch etwas Unerwartetes. Das Publikum spürt, dass wir gerade etwas gemeinsam entdecken. Etwas, das für sie genauso neu ist, wie für uns. Eine Erfahrung, die wir teilen. Das ist sehr kostbar. Ein Schatz!

Vielen Dank für’s Gespräch!

Diskografie

  • Junjo (2006)
  • Esperanza (2008)
  • Chamber Music Society (2010)
  • Radio Music Society (2012)
  • Emily’s D+Evolution (2016)
  • 12 Little Spells (2019)

www.esperanzaspalding.com

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2019)

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