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Interview: Einstürzende Neubauten

(Bild: Mote Sinabel)

Die Berliner Band um den charis­matischen Frontmann Blixa Bargeld zählt neben Can, Kraftwerk und Neu! zu den großen Avantgardis­ten der deutschen Musikszene. Zum Jubiläum erscheint mit ,Alles In Allem‘ ein neues Album, das mit hypnotischen Grooves und assoziativen Texten eine tiefe Melancholie ausbrei­tet, die beim Hörer lange nachhallt.

,Wedding‘ oder ,Tempelhof‘ sind solche ruhig dahinfließen­den Stücke. Letzteres vertont geradezu impressionistisch einen Spaziergang durch den stillgelegten Berliner Flug­hafen. ,Ten Grand Goldie‘ hingegen fällt lebhafter und tanzbar aus, doch der treibende Beat wird durchbrochen von längeren Pausen oder langsamen Parts, bevor er sich gegen Ende noch einmal ver­dichtet. Die flächigen Keyboard-Sounds über dem melodischen Basslauf in ,Möbliertes Lied‘ erinnern zunächst an den Indie-Rock der 80er, doch geradezu rätselhafte Sounds ziehen das Stück in eine düstere Richtung. Auch ,Zivilisatorisches Missgeschick‘ entfaltet mit einem dynamischen Klangteppich eine unheimliche wie gewaltige Wirkung durch bombastische Noise-Ausbrüche und Verfremdungen der Stimme. Und für die ist immer noch Blixa Bargeld hauptverantwortlich. Der Sänger und Gitarrist betont harsch, verbiegt Silben und nimmt so den Worten ihre Eindeutig­keit. Er macht Pausen und es dauert, bis ein Gedanke oder eine Textzeile endlich ihr Ende erreichen.

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Die punkige Aggressivität früher Neubauten-Song-Klassiker wie ,Hören Mit Schmerzen‘ oder ,Haus der Lüge/Epilog‘ wurde in ausgewogenere Bahnen gelenkt. Dennoch fordern Blixa Bargeld, N. U. Unruh (perc), Alexander Hacke (b), Jochen Arbeit (g) und Rudolf Moser (kb) nach wie vor ihre Hörer, selbst den Kopf einzu­schalten, Zusammenhänge aufzuspüren und letztlich selbst zu interpretieren. Dies kann man übrigens entweder mit der CD, LP oder dem limitierten Deluxe Boxset. Letzteres enthält neben zwei Vinyls auch noch zwei CDs, auf denen Bonus-Tracks und alternative Versionen zu finden sind. Dazu gibt es dann noch eine DVD und das Buch ,Phase VI‘, das neben Liner-Notes auch handschriftliche Notizen der Musiker zeigt.

Neben ihrer Band verfolgen die Neubauten-Musiker jeweils zahl­reiche andere Projekte. So hat auch Alexander Hacke, den wir zum Interview baten, eine lange musikalische Vita vorzuweisen, in der u.a. Namen wie Crime And The City Solution, Gianna Naninni, Jever Mountain Boys oder Can-Drummer Jaki Liebezeit auftauchen.

Zudem komponierte Hacke Musik für diverse Filme, wie etwa ,Crossing The Bridge – The Sound Of Istanbul‘ oder,8 Miles High‘. Zudem verfolgt er mit seiner Frau Danielle de Picciotto das Duo-Projekt hackedepicciotto. Hier nun ein Gespräch mit Alexander Hacke über Einstürzende Neubauten, das neue Album ,Alles In Allem‘ und Musik im Allgemeinen.

Danielle de Picciotto und Alexander Hacke (Bild: Krisaar)

Alexander, hättest du 1981, als euer erstes Album ,Kollaps‘ erschien, jemals gedacht, dass die Neubauten nach 40 Jahren immer noch zusammen Musik machen?

Nein, ich habe nicht mal gedacht, dass ich volljährig werden würde, und später habe ich nicht geglaubt, dass ich mal 30 Jahre alt werde. Und nun bin ich 55. Ich hätte bezweifelt, dass ich das solange durchhalte. Geschweige denn überhaupt mit irgendeiner Konstellation von Menschen so lange zu tun haben würde.

Du warst 14 als du bei den Neubauten eingestiegen bist.

Richtig, ich bin ab 1980 mit ihnen aufgetreten. Am 25. Dezember 1980 war dann das Konzert in Hamburg in der Markthalle. Da haben wir FM Einheit (perc) und Mark Chung (b) kennengelernt, die kurz darauf einstiegen. Ich wurde zunächst für eine Weile beurlaubt, denn ab da gab es eine richtige Band und ich war ja noch ein Kind. Später habe ich dann die Shows gemischt. Durch den Einfluss der Philosophie von Industrial Music war ich auf den Trichter gekommen, dass ich gar nicht auf die Bühne will, sondern dass ich das Publikum unerkannt, vom Pult aus, manipulieren möchte. Ich habe die Band dementsprechend sehr selektiv gemischt, also Kanäle ausgeschaltet, wenn einer was gespielt hat, das mir nicht gefiel und stattdessen etwas anderes eingespielt.

Und da gab‘s keinen Ärger mit der Band?

Nee, ich bin nur gebeten worden, die Anlage nicht immer schon gleich beim ersten Stück aufzureißen, sondern ein bisschen zu warten. Man hat mir dann immer ein paar kräftige Jungs zur Seite gestellt, die mich dann vor P.A.-Besitzern oder sonst irgendwelchen „Erwachsenen“, beschützt haben. Wir haben Dinge gemacht, bei denen ich nur Kopfschütteln geerntet habe. Ich habe mit Gaffer-Tape Shure-SM58-Mikrofone in die Öffnungen von Plastikkanistern geklebt. Da hieß es dann: Das kann man nicht machen. Doch, das kann man machen und es klingt sogar super!

Klangkünstler vor Ampeg: Alexander Hacke (Bild: Hacke)

Heute spielst du Bass bei den Neubau­ten. Wann hast du mit dem Instrument so richtig angefangen?

Am Anfang habe ich, wie gesagt, am Mischpult gearbeitet. Später bin ich auf die Bühne und habe erstmal Gitarre gespielt. Als Mark Chung 1994 ausgestiegen ist, haben wir uns überlegt, dass ich besser den Bass übernehme und lieber einen neuen Gitarristen einweise. Der Bass war bei den Neubauten immer ein viel wichtigeres Instru­ment als die Gitarre. Mit dem Bass kam für mich auch so ein gewisses Gefühl der Omnipotenz auf, denn ich spiele nun nicht mehr das ornamentale Beiwerk, sondern bin der Grundpfeiler. Inzwischen bin ich auch wirklich gerne verlässlich. Obwohl ich auch früher, als ich vielleicht noch nicht so verlässlich war, stets mit Stolz behauptet habe: Egal wie drüber ich bin, meinen Job kann ich immer noch gut machen.

Kannst du dich an deinen ersten Bass erinnern?

Die Band hatte, nach dem Ausstieg von Mark, einen neuen aktiven Fender Jazz Bass gekauft. Den musste man immer mit Batterien füttern, und das fand ich zum Kotzen. Den haben wir abgestoßen und dann habe ich einen normalen passiven Fender Jazz Bass gespielt. Aber dann wollte ich noch wuchtiger klingen…

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