Bassist, Dozent und Musiker

Bernhard Lackner im Interview

Der Tiroler Bassist Bernhard Lackner gehört zweifellos zu den technisch versiertesten und gefragtesten Musikern seines Instruments. Er spielte schon mit Schlagzeugern wie Mino Cinelu (Miles Davis, Pat Metheny, Al Di Meola), Chester Thompson (Zappa, Eric Clapton, Genesis), Horacio Hernández (Carlos Santana, Jack Bruce) oder Marco Minnemann (The Aristocrats, Paul Gilbert, Udo Lindenberg), gibt regelmäßig Workshops in Europa, Russland und Amerika, unterrichtet u. a. am Berklee College Of Music in Boston und an der LA Music Academy in Los Angeles und hat bislang vier eigene CDs veröffentlicht.

Bernhard Lackner & sein sechsaitiger Ibanez Signature Bass (Bild: Matthias Mineur)

Mit Pianist Christian Wegscheider und Schlagzeuger Ralf Gustke bildet er aktuell das Bernhard Lackner Trio und war bereits auf vielen wichtigen Festivals wie den Eurobassdays in Italien, dem Outreach Jazz Festival in Österreich, dem NAMM Bass Bash und dem Bassplayer Live in Amerika oder der Londoner Bass Guitar Show zu sehen. Wir trafen den 35-Jährigen beim Ibanez Guitar Festival im fränkischen Gutenstetten – hier trat er mit Nico Schliemann, dem Gitarristen von Glasperlenspiel und Schlagzeuger Felix Lehrmann auf – und ließen uns von ihm seinen beruflichen Werdegang erzählen.

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Bernhard, du bist nicht nur Musiker, sondern auch Dozent und Lehrer. Wie ist deine gefühlsmäßige Gewichtung all dieser unterschiedlichen Aufgaben?

Bernhard Lackner: Am meisten Spaß macht mir natürlich nach wie vor das Spielen, die Auftritte bei Festivals und so weiter. Es erinnert mich immer an meine Kindheit: Man will nicht üben, man will nicht lernen, man möchte nur spielen. Aus dem Musikmachen ziehe ich meine Motivation für die anderen Aufgaben. Unterrichten ist mittlerweile für mich auch ein spannender Bereich geworden und macht zur Zeit inklusive Workshops mehr als 50% meiner Tätigkeiten aus.

Und du hast eine eigene Schule.

Bernhard Lackner: Ja genau, in Tirol. Außerdem unterrichte ich Bass-Schüler an einem Musikgymnasium in Bozen. Ich gebe Theoriekurse, lehre Improvisationskunst und so weiter. Das macht mir riesigen Spaß. Es ist toll, jungen Leuten ein Rüstzeug für ihre eigene Laufbahn mitzugeben, rhythmische Aspekte, harmonische Optionen, all diese Dinge. Die internationalen Workshops, die regelmäßig alle ein, zwei Jahre in Hollywood, an der Belmont University in Nashville oder in Berklee stattfinden, sind für mich wie Solokonzerte, bei denen ich einfach nur zusätzlich Fragen beantworte. Auch das macht irrsinnigen Spaß. Für mich sind das konzertante Ereignisse, bei denen man spielen und gleichzeitig Wissen vermitteln kann. Als reiner Musiker habe ich ein Trio mit Ralf Gustke und Christian Wegscheider, das normalerweise etwa zehn Konzerte pro Jahr spielt, in diesem Jahr allerdings Pause macht. 2016 habe ich bisher sehr viel komponiert, dazu drei E-Books mit 40 neuen Stücken veröffentlicht. Deswegen wollte ich aktuell eigentlich überhaupt keine Konzerte geben, habe jetzt für das Ibanez Guitar Festival aber eine Ausnahme gemacht und werde im Anschluss daran noch weitere Konzerte geben. (lacht)

Zurückblickend auf deine Laufbahn: Was waren deine bisher prägendsten Jahre, in welcher Phase deiner Karriere hast du dich am stärksten weiterentwickelt?

Bernhard Lackner: In kompositorischer Hinsicht kann ich das nicht so genau sagen, denn Komponieren hat ja auch etwas mit Lebenserfahrung zu tun, mit Emotionen, neuen Situationen. Dieser Prozess hört nie auf, sondern entwickelt sich kontinuierlich immer weiter. Je mehr man erlebt, umso mehr kann man kompositorisch ausdrücken. Spielerisch habe ich sicherlich nach meinem Hochschulabschluss in den sechs Monaten in Amerika als Privatschüler von Adam Nitti unheimlich viel gelernt. Ich hatte jede Woche vier Stunden Unterricht und habe ansonsten ausschließlich diszipliniert geübt, sonst nichts, nicht ausgegangen, nur geübt. Anschließend bin ich nach Österreich zurück, hab eineinhalb Jahre selbst Unterricht gegeben und unterschiedliche Jobs gemacht, mit dem Ziel, danach wieder zurück nach Atlanta zu Adam zu gehen. In diesen zwei Jahren habe ich mehr geübt als während meines gesamten Studiums und mir damit sicherlich die Grundlagen geschaffen, um zurück nach Amerika gehen und dort für längere Zeit bleiben zu können.

Wann genau war das?

Bernhard Lackner: Von 2003 bis etwa 2005, da war ich so 23, 24 Jahre alt. In dieser Zeit habe ich mich spürbar weiterentwickelt.

Und von welchem oder welchen Musiker(n), mit denen du gespielt hast, konntest du am meisten lernen?

Bernhard Lackner: Letztendlich lernt man natürlich von jedem Musiker, mit dem man spielt, aber prägend für mich war sicherlich der Schlagzeuger Horacio El Negro Hernández, der aus der Latin-Welt kommt und den ich in Kroatien auf einem Festival kennengelernt habe … Ebenfalls viel gelernt habe ich vom Saxophonisten Jeff Coffin, und natürlich von Victor Wooten, der mich vor einigen Jahren zu einem seiner Camps als Gastdozent eingeladen hat. Ich kannte Victor schon vorher, er wohnt außerhalb von Nashville, wo ich ihn in meiner Amerika-Zeit gelegentlich getroffen habe. Gespielt hatte ich allerdings noch nie mit ihm, zwar mit einigen Musikern seiner Band, aber nie mit ihm persönlich. Victors Groove, seine rhythmische Energie ist dermaßen groß, dass man als Bassist nichts falsch machen kann. Man wird automatisch von seinem flow mitgezogen, so jedenfalls war mein Eindruck. Wenn Victor einen Groove ansetzt, kann man fast intuitiv darin elegant mitfließen. Das war wirklich imposant.

Wer waren als Jugendlicher deine Vorbilder am Bass? Und gab es ein Schlüsselerlebnis, eine Initialzündung, die dich zu deinem Instrument gebracht hat?

Bernhard Lackner: Wie vermutlich jeder Österreicher hab auch ich mit dem Klavier angefangen, weil in fast jedem österreichischen Haushalt nun einmal ein Klavier steht (lacht), da war ich etwa sieben oder acht. Aber Klavier hat mich nicht interessiert, also hab ich es wieder gelassen. Dann wollte ich E-Gitarre spielen, aber meine Eltern machten zur Bedingung, dass ich zuerst klassische Gitarre lerne. Sechs Monate habe ich es versucht, es dann aber wieder sein gelassen und nur noch Akkorde gespielt. Mein Bruder, der in Österreich als klassischer Musiker arbeitet, lieh mir eines Tages eine Bassgitarre, die er von einem Kollegen bekommen hatte. Der Bass imponierte mir augenblicklich, zumal ich durch die Akkorde auf der Akustikgitarre sofort auch die Noten auf dem Bass kannte. Als ich 12 war, kam gerade das Unplugged-Konzert von Nirvana auf den Markt, und mir fiel beim Hören auf, wie stark die Dynamik ansteigt, wenn ein Gitarrenriff von Kurt Cobain nach Takt fünf oder so plötzlich vom Bass unterstützt wird. Also fragte ich meinen Vater, der selbst Gitarre spielt, ob er nicht mal diese zwei Nirvana-Akkorde anstimmen kann. Ich wartete dann vier Takte und setzte im fünften ein. Dabei merkte ich: Okay, das funktioniert, das ist ja cool. Ich kann mich noch genau an diesen Moment erinnern, in dem ich von der einen tiefen Note so beeindruckt war, dass ich von da an immer nur Bass spielen wollte. Dementsprechend waren meine Idole damals vor allem Rock- und Metal-Bands wie Nirvana, Guns N’Roses oder Metallica. Erst mit 15 oder 16 kam ich über Toto zu Chick Corea.

Lackner mit dem G&B-Abgesandten bei der Photo-Session (Bild: Matthias Mineur)

Weil Fusion und Jazz für einen Bassisten die größere Herausforderung darstellt?

Bernhard Lackner: Nein, der Anspruch in einer Rock- oder Pop-Band kann genauso groß sein wie im Fusion. Dies ist einfach eher meine Musik, mich haben die harmonischen Abläufe total angesprochen. Ich bin wirklich durch Toto, bei denen auf jeder ihrer CDs mindestens ein kleines Fusion-Stück mit komplexen Harmonien und raffinierten Rhythmen zu finden ist, angeregt worden nach ähnlicher Musik zu suchen. So bin ich auf Chick Corea, Return To Forever oder auch Weather Report gestoßen.

Wer ist heute dein größtes Vorbild als Bassist? Die Generation um Stanley Clarke oder Jaco Pastorius? Oder sind es eher jüngere Musiker?

Bernhard Lackner: Ich muss gestehen, dass es eher jüngere Bassisten sind. John Patitucci hat mich extrem angesprochen, weil er alle Aspekte moderner Musik erfüllt, vom modernen Sound bis zu seinem musikalisch-harmonischen Verständnis. Seine Spieltechnik muss man in diesem Fall gar nicht gesondert erwähnen, bei ihm ist sie wirklich Mittel zum Zweck. Von den vier bis fünf wichtigen Standbeinen, die ein Musiker braucht, besitzt er alle. Vor allem seine kompositorische Fähigkeit ist außergewöhnlich. Darüber hinaus gefällt mir auch Victor Wooten sehr gut. Jaco Pastorius habe ich zwar immer gerne gehört, aber seine Stücke nie nachgespielt, auch wenn ich damit vermutlich zu den wenigen Ausnahmen gehöre.

Hast du durch deinen Amerikaaufenthalt eigentlich auch einen anderen musikalischen Ansatz kennengelernt? Besitzen amerikanische Musiker eine andere Mentalität als europäische?

Bernhard Lackner: Ja, auf jeden Fall. Die Mentalität der Amerikaner ist im Vergleich zu der Mentalität österreichischer Musiker völlig anders. Die Amerikaner machen einfach, ohne vorher zu überlegen: „Kann ich das schaffen?“ Drüben ist irgendwie vieles entspannter. In Amerika wird alles ausprobiert und erst dann überlegt, ob man es schaffen kann. In Europa zweifelt man sehr schnell an sich, die Amerikaner kennen generell keine Zweifel.

Motto: Just do it!

Bernhard Lackner: Genau das meine ich. Ich finde es sehr hilfreich, wenn man das mal miterlebt hat. In Europa, speziell in Österreich, wollen einen die Leute immer in eine bestimmte Ecke drängen. Sie sagen: „Es geht nur so! Du musst es so machen!“ In Amerika macht jeder das, wozu er Spaß hat. Und wenn jemandem eine bestimmte Art von Musik gefällt, dann macht er sie einfach. Bei uns dagegen heißt es immer: „Aber!“ Oder: „Das ist zu sehr dies oder zu sehr das.“ Dieses Phänomen fällt einem schon extrem auf, wenn man von einem längeren Amerikaaufenthalt zurückkommt.

Dein Wesen als Künstler entspricht also eher dem american way of life?

Bernhard Lackner: Kann man schon so sagen. Natürlich bin ich bis zu einem gewissen Punkt auch Realist und überlege mir, ob es Sinn macht, etwas auf eine bestimmte Weise zu machen. Aber wenn es für mich einen Sinn ergibt, dann setze ich diese Idee auch wirklich um, egal was andere davon halten.


Aus Gitarre & Bass 12/2016

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