7. April 1987

Ikonen: Whitesnake & 1987

Ein Album wie ein Donnerschlag, das Rock-Geschichte geschrieben hat und mit seinen drei Hit-Singles noch heute regelmäßig im Radio gespielt wird: Der Whitesnake-Klassiker ,1987‘ wurde am 7. April 1987 in Deutschland veröffentlicht, feiert also in diesen Wochen sein 30- jähriges Jubiläum. Wir erzählen seine Geschichte!

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Wir erzählen die Geschichte und wir rücken auch die Bedeutung der in diesem Zusammenhang existentiell wichtigen Vorgänger-/Nachfolgewerke ,Slide It In‘ und ,Slip Of The Tongue‘ mit ihren Weltklassegitarristen Mel Galley, Micky Moody, John Sykes, Adrian Vandenberg und Steve Vai ins richtige Licht. Kein Zweifel: So spektakulär wie in dieser Epoche hat die britische Band um Super-Macho David Coverdale nie vorher und nie mehr danach geklungen.

In den Annalen des Hardrock gibt es nur ganz wenige Alben, die sowohl kommerziell als auch hinsichtlich ihrer künstlerischen Bedeutsamkeit mit dem Whitesnake-Longplayer ,1987‘ mithalten können. Zahllose Anekdoten ranken um die Entstehung der erfolgreichsten Whitesnake-Veröffentlichung. Es sind Geschichten von kreativen Sternstunden und handwerklichem Perfektionsdrang, aber auch von Krankheiten, Ungeduld, Eifersüchteleien und Streitigkeiten. Auf den Kultstatus von ,1987‘ hatten diese zum Teil negativen Vorkommnisse keinerlei Einfluss. Auch heute noch, fast auf den Tag genau 30 Jahre nach Erscheinen des Klassikers im April 1987, hat die Scheibe nichts von ihrer magischen Aura eingebüßt.

Das Album verkaufte sich allein in den USA mehr als acht Millionen Mal, weltweit sind bis heute nahezu 12 Millionen Einheiten abgesetzt worden. Die immense Nachfrage wurde immer wieder durch gleich drei veritable Radio-Hits befeuert: ,Still Of The Night‘, ,Is This Love‘ und das aktualisierte Remake des bereits fünf Jahre zuvor veröffentlichten Songs ,Here I Go Again‘ . Der überragende Erfolg des Millionensellers, der übrigens in Amerika schlicht und ergreifend ,Whitesnake‘ und in Japan ,Serpens Albus‘ (was übersetzt so viel wie „weiße Schlange“ bedeutet) betitelt wurde, kam für Außenstehende ziemlich überraschend. Denn noch Mitte der 80erJahre hatten viele Fachleute der Band ein überholtes musikalisches Konzept attestiert.

Sie alle irrten, denn während Frontmann und Whitesnake-Gründer David Coverdale mit dem drei Jahre zuvor veröffentlichten Vorgängerwerk ,Slide It In‘ seine etwas betagte traditionelle Bluesund Hardrock-Gruppe noch etwas halbherzig zu reformieren versucht hatte, korrigierte er bereits mit einer aufgefrischten und remixten US-Version derselben Scheibe dieses Versäumnis. Mit dem folgenden ,1987‘ setzte er dann auf eine komplett neue Besetzung und einen radikal moderneren Sound. Die 1987er Besetzung mit Coverdale, Gitarrist John Sykes, Bassist Neil Murray und Schlagzeuger Aynsley Dunbar machte Whitesnake mit einem Schlag zu einer der heißesten Metal-Bands des endenden Jahrzehnts.

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John Sykes mit seiner Lieblings-Les Paul

Federführend beteiligt an diesem Karriere- Quantensprung war insbesondere der englische Saitenvirtuose John Sykes, der Anfang der 1980er bei der britischen Heavy-Metal-Formation Tigers Of Pan Tang gespielt hatte und anschließend zu Thin Lizzy gewechselt war. Während der deutschen Monsters-Of-Rock-Festivals im Spätsommer 1983, bei denen Thin Lizzy und Whitesnake auf derselben Bühne spielten, lernten sich Sykes und Coverdale kennen. Der Whitesnake-Boss war schwer beeindruckt von der Kraft und künstlerischen Substanz seines Landsmannes, der mit blonder, wallender Mähne und orgiastischem Spiel wie maßgeschneidert für die Zukunft von Whitesnake zu sein schien. Noch während der Festival-Abende nahm Coverdale an einer Hotelbar Kontakt zum selbstbewussten Saitenakrobaten auf und stellte ihm die Möglichkeit einer Zusammenarbeit in Aussicht.

Zu der kam es schneller als erwartet, als sich die amerikanische Plattenfirma bei Abgabe der mit den Herren Micky Moody und Mel Galley eingespielten Master-Bänder von ,Slide It In‘ über den ihrer Meinung nach „zu europäischen Sound“ beschwerte. Coverdale fühlte sich von dieser Kritik zwar zunächst brüskiert, stimmte dann aber einem neuen Mix der amerikanischen Version unter der Bedingung zu, dass sein neuer Gitarrist Sykes und der zu Whitesnake zurückgekehrte Bassist Neil Murray in das Procedere einbezogen werden.

Eine kluge Entscheidung, denn die US-Ausgabe von ,Slide It In‘ klang in der Tat kraftvoller, moderner und damit für den amerikanischen Markt wie gewünscht konkurrenzfähig. Kleiner Tipp: Für Interessierte lohnt es wirklich, sich die US-Version mit besserem Gitarren-Sound und veränderter Songreihenfolge zuzulegen. Im Vergleich zur etwas „muffigen“ europäischen Fassung hat sie spürbar mehr Biss. Bereits vor dem Ende der ,Slide It In‘-Tour hatte Coverdale der aktuellen Whitesnake- Besetzung gekündigt und John Sykes zum alleinigen Nachfolger von Moody und Galley ernannt. Auch Bassist Colin Hodgkinson bekam seine Papiere, lediglich mit Power-Drummer Cozy Powell hätte der englische Sänger gerne langfristig zusammengearbeitet. Doch Powell missfiel der bisweilen rüde Umgang seines Arbeitgebers mit dem angestammten Personal. Etwa zwei Jahr später stieg er aus, um mit Keith Emerson und Greg Lake die Supergroup Emerson, Lake & Powell zu gründen. Für Powell holte Coverdale die Studiokoryphäe Aynsley Dunbar.

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Adrian Vandenberg mit seinem originalen Whitesnake-Rack

Mit ,1987‘ perfektionierten Coverdale und Sykes ihre musikalische Partnerschaft. Im Frühjahr 1985 hatten sich die beiden in ein kleines Dorf in Südfrankreich zurückgezogen, um an ersten Song-Ideen zu arbeiten. In diesen Tagen muss die Muse die beiden Musiker besonders innig geküsst haben, denn aus dieser Songwriting-Session entsprangen zwei der größten Rock-Hits aller Zeiten: ,Still Of The Night‘ , basierend auf einem zehn Jahre alten Demo, das Coverdale beim Entrümpeln des Dachbodens seines Elternhauses fand und das noch aus der Zusammenarbeit mit seinem früheren Deep-Purple-Kollegen Ritchie Blackmore stammte, sowie die Ballade ,Is This Love‘, eine astreine Coverdale/Sykes-Komposition. Um ein Haar wäre dieser Song allerdings nicht für ,1987‘ verwendet worden, denn auf der Suche nach geeignetem Material für die von ihm betreute Tina Turner fragte ein Mitarbeiter der Plattenfirma EMI auch im Coverdale-Camp nach zündenden Ideen und bekam unter anderem eine Rohfassung von ,Is This Love‘ angeboten. Dritter Verkaufsgarant des Albums war eine Neufassung von ,Here I Go Again‘, ein Song, den Coverdale Anfang der Achtziger mit Gitarrist Bernie Marsden geschrieben hatte und der nun in aktualisierter Form den modernisierten Sound der Band besonders deutlich belegte. Während das Arrangement der originalen Version von ,Here I Go Again‘ (das Stück war 1982 auf ,Saints & Sinners‘ zu finden, ebenso wie die Vorlage zum gleichfalls auf ,1987‘ vertretenen ,Crying In The Rain‘) mit Ausnahme einer kleinen textlichen Korrektur weitestgehend unangetastet blieb – anstatt „like a hobo I was born to walk alone“ sang Coverdale im Refrain der neuen Version „like a drifter I was born to walk alone – machten Sykes Rhythmusgitarren und das nachträglich aufgenommene Solo des Holländers Adrian Vandenberg (zu seiner Verpflichtung später mehr) die Nummer zu einem topmodernen Rock-Track.

Dabei konnte vor allem Sykes immer wieder Glanzpunkte setzen. Die Mischung aus seiner mitunter wunderbar dreidimensional klingenden Gitarre und raffiniertsphärischen Keyboard-Teppichen glänzte beispielsweise in griffigen Rock-Nummern wie ,Looking For Love‘ oder ,Don’t Turn Away‘ ebenso wie in den Balladen der Scheibe. Sykes spielte auf ,1987‘ vornehmlich seine absolute Lieblingsgitarre, eine schwarze 1978er Gibson Les Paul Custom, bei der er auf Anregung von Thin Lizzy-Frontmann Phil Lynott die Rahmen der Pickups, das Pickguard und die Platte des Toggle Switch gegen Chrom-Teile ausgetauscht hatte, um die Optik seines Instruments zu verbessern. Der heute 57- Jährige schickte das Signal der Les Paul durch zwei Mesa/Boogie-Coliseum-Topteile, die mit einer Mark-IIIPre- Amp-Sektion modifiziert und mit sechs 6L6- Power-Tubes bestückt waren und beide Verstärker auf jeweils 180 Watt hochpushten.

Im Studio herrschte bei den Gitarrenaufnahmen ein Höllenlärm, denn Sykes riss seine Amps bis zum Limit auf und musste – als Folge dieser hohen Beanspruchung – die Röhren während der Studio-Session gleich mehrfach erneuern. Darüber hinaus doppelte Sykes den überwiegenden Teil seiner Rhythmus-Parts, sodass man auf dem Album oft vier übereinander geschichtete Gitarrenspuren hören kann. So grandios die Kooperation zwischen Sykes und Coverdale funktioniert hatte, so schnell war sie noch vor Veröffentlichung des Albums wieder zu Ende. Der Grund für den jähen Split: Während der Aufnahmen erkrankte Coverdale an einer hartnäckigen Nasennebenhöhlenentzündung und musste die Produktion aufgrund einer mühsamen Rekonvaleszenz für mehr als sechs Monate unterbrechen. John Sykes dauerte das alles viel zu lange, sodass er die Fortsetzung der Arbeiten mit einem anderen Sänger vorschlug. Einen solchen Affront wollte sich Coverdale nicht bieten lassen, er beendete daraufhin sofort die Zusammenarbeit mit Sykes. Der gründete daraufhin die Band Blue Murder und schloss sich später den ohne ihren 1986 verstorbenen Kopf Phil Lynott reformierten Thin Lizzy wieder an.

Zu Coverdales Glück waren sämtliche Gitarren- Parts für ,1987‘ bereits im Kasten, lediglich für das Solo von ,Here I Go Again‘ holte Coverdale den Niederländer Adrian Vandenberg ins Boot und machte ihn anschließend zum neuen Band-Gitarristen. Nach Veröffentlichung des Albums gingen Whitesnake auf eine weltumspannende und nahezu komplett ausverkaufte Tournee. Neben Vandenberg stand nun der vorherige Dio-Gitarrist Vivian Campbell als zweiter Axeman auf der Bühne. Mit ihrer erstklassigen Besetzung gehörte die Band zum Gefragtesten, was in jener Periode um den Globus tourte.

Allerdings hielt auch diese heile Welt nicht allzu lange, denn Vandenberg komponierte zwar anschließend mit Coverdale die Songs für den Nachfolger ,Slip Of The Tongue‘ (1989), konnte die Scheibe allerdings nicht selbst einspielen. Der Gitarrist schilderte später das Problem: „Ich wachte eines Morgens auf und konnte meine rechte Hand kaum noch bewegen. Zunächst machte ich mir keine großen Sorgen und dachte, dass es nach ein paar Tagen sicherlich wieder gehen würde. Doch es wurde nicht besser.“ Der „fliegende Holländer“ jettete daraufhin nach Los Angeles zu einem Spezialisten, um sich behandeln zu lassen, stand jedoch mächtig unter Druck: ,1987‘ hatte sich weltweit mittlerweile elf Millionen Mal verkauft und Whitesnake wollten möglichst zeitnah den Nachfolger aufnehmen. Deshalb diskutierten Coverdale und Vandenberg, was in dieser Situation zu tun sei: „Wir kannten Steve Vai von der David Lee Roth Band und mochten sein Spiel, also fragten wir ihn.“

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Aufmerksam geworden war die versammelte Rock & Metal-Welt auf den außergewöhnlichen US-Gitarristen durch seine Zusammenarbeit mit dem Ex-Van-Halen- Sänger auf dessen ersten Soloscheiben ,Eat ‘Em And Smile‘ (1986) und ,Skyscraper‘ (1988). Vai: „Nach ,Skyscraper‘ wollte David dann in andere Richtungen gehen. Deswegen entschied ich mich, seine Band wieder zu verlassen und das Whitesnake- Angebot anzunehmen.“ Trotz einer nicht unumstrittenen Beurteilung seines Spiels auf ,Slip Of The Tongue‘, brachte Vai auf der anschließenden, 13 Monate andauernden Tournee zweifelsfrei Glamour in die Band. Eine bessere und spektakulärere Besetzung als die mit dem wieder genesenen Vandenberg und Vai hat es bei Whitesnake vorher und nachher nie wieder gegeben, übrigens eindrucksvoll dokumentiert im Special-Edition-Boxset ,Live At Donington 1990‘, das 2011 erschienen ist und puren Testosteron-Metal mit großen Gesten und wunderbar archaischen Macho-Posen zeigt.

Unvergesslich bleiben für alle Zeugen des damaligen Spektakels die allabendlichen Gitarrenduelle der beiden Virtuosen sowie Vais aufsehenerregender Solo-Spot, der allerdings in der englischen Presse, die Steve als selbstverliebten und wenig banddienlichen Egomanen beschimpfte, scharf kritisiert wurde. Der Gescholtene erklärt die Hintergründe seiner Ego-Show: „Coverdale bat mich, ein Stück meines seinerzeit aktuellen Solo-Albums ,Passion & Warfare‘ zu spielen. Ich dachte, dass die Scheibe auf kein allzu großes Interesse in der Öffentlichkeit stoßen würde, weil sie zu vielschichtig ist. Aber David meinte mit seiner typisch tiefen britischen Stimme: ,Steven, Darling, you’re wrong about that. This is a brilliant record!‘“ Insgesamt stießen die Show der beiden Extrakönner und das gewissermaßen gemeinsame Werk ,Slip Of The Tongue‘ auf überwiegend wohlwollende Resonanzen, wenn auch nicht unbedingt bei allen Beteiligten.

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Adrian Vandenberg jedenfalls war mit dem Ergebnis nicht restlos zufrieden: „Die Kombination aus Steves Spiel und den Songs, die David und ich geschrieben hatten, passte nicht, denn Vai mochte keinen Blues“, nörgelte er. Was ist heute aus den Whitesnake-Blütejahren 1984 bis 1990 geblieben? Vor allem die spannende Rückschau auf eine sich im Zenit befindende Hardrock-Band heroischen Ausmaßes, dazu ein gutes (,Slide It In‘), ein sehr gutes (,Slip Of The Tongue‘) und ein grandioses Werk (,1987‘), sowie die Erinnerung an eine Epoche der Rock- Geschichte, in der man mit dieser Art Musik noch reich und berühmt werden konnte. Zumal: Die drei kompositorischen Highlights von ,1987‘ gehören noch heute, 30 Jahre danach, zu (fast) jeder Whitesnake-Show!


Aus Gitarre & Bass 04/2017

Ein Kommentar zu “Ikonen: Whitesnake & 1987”
  1. Ingo Nowack

    Hi, toller Bericht!

    Schade, dass in Verbindung zu Whitesnake ein weiterer Gitarrist, nämlich Bernie Marsden zu sehen auf dem Cover von “Live in the Heart of the City” links von David Coverdale mit doppel Hals Gitarre.
    Hatte die Gelegenheit ihn und Paul Reed Smith im Spätherbst vergangenen Jahres bei einem PRS special Event im “Rockland-Music” in Witten kennen zu lernen!
    Toller Gitarrist und sehr sympathisch!

    Antworten
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