Produkt: Gitarre & Bass 4/2019
Gitarre & Bass 4/2019
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Im Interview

Henrik Linder & Dirtyloops: Sechs Saiten sind fast zu wenig

Henrik Linder(Bild: Andrea Fridberg)

Du traust dich nicht zu blinzeln, während du ein Musik-Video guckst? Du hast Angst etwas zu verpassen? Dann wird es wohl Dirty Loops sein! Wer noch nichts von der schwedischen Band gehört hat, sollte sich die drei jungen Männer, die durch YouTube bekannt geworden sind, unbedingt anschauen. Die abgefahrensten Sounds, eine außergewöhnliche Stimme, extra viel Power und natürlich diese hammermäßig ausgetüftelten, verdammt sauber gespielten Basslines!

Alles fing damit an, dass Keyboarder und Sänger Jonah Nilsson, Schlagzeuger Aron Mellergardh und Bassist Henrik Linder vor knapp neun Jahren damit begannen, ihre Pop-Cover in eigenen Versionen aufzunehmen und ins Netz zu stellen. Das Aufsehen war und ist noch immer groß, denn was das Trio da abliefert, ist einfach einzigartig!

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Zum Interview trafen wir Henrik Linder beim Dresdner Drum & Bass Festival 2018.

interview

Die Meinung, ein Bass müsse tief klingen und das Fundament bilden, ist stark verbreitet. Du bist mit deinem Stil vielseitiger unterwegs. Braucht es viel Mut, um im Musik-Business anders zu sein?

Eigentlich muss man nur die Menschen um sich haben, die die Situation entspannen und einem das Gefühl geben, das Richtige zu tun. Ich genieße es immer sehr, in einer positiven Atmosphäre zu arbeiten. Ist man allerdings nicht in dieser Geborgenheitsblase, kann es schwierig werden. Für mich ist mein Spiel genau das, was ich machen will und was ich mag. Natürlich ist mir bewusst, dass ich mich nicht nur auf die Grundtöne beschränke (lacht) – ich habe mit Dirty Loops die richtige musikalische Umgebung dafür gefunden. In anderen Musikrichtungen spiele ich anders.

Wenn ich für einen Gig bezahlt werde, bei dem ich für andere spiele, dann mache ich exakt das Gewünschte. Ok, vielleicht ist hier und da ein kleiner Touch meines Stils mit dabei, aber ich empfinde es nicht als schwierig, mich zurückzunehmen. Ich finde es super, bei Dirty Loops die Möglichkeit zu haben, das Maximum aus mir und meinem Bass herauszuholen, aber für jemand anderen zu spielen, macht mir ebenso viel Spaß. Ich mag und brauche die Abwechslung.

Woher kam die Idee Gitarrenelemente in deine Basslines zu integrieren?

Das entstand aus der Not heraus… Wir hatten keinen Gitarristen und mussten ein bisschen umdenken. Die Arbeit mit einem Trio, in dem die Rollen der Instrumente nicht so standardisiert sind, erfordert neue Blickwinkel. Jonah ist zum Beispiel ein echt cooler Keyboard-Bassist. Wenn ich meine Soli spiele, dann übernimmt er die Basslines. Dieses Springen und Umdenken zwischen verschiedenen Instrumenten ist immer eine Herausforderung, die wir gerne annehmen. Ich lerne sehr viel dadurch.

Wie entstehen deine Ideen?

Bei mir entstehen sie aus einfachen Situationen, die eng an Emotionen geknüpft sind. Glück, Wut, Trauer oder Fröhlichkeit. Es ist gut, seine Emotionen auszudrücken. Manche schlagen auf Boxsäcke ein, wenn sie wütend sind. Ich nehme meinen Bass und verarbeite meine Emotionen anders.

Henrik Linder(Bild: Universal)

Du spielst einen Mattisson Signature Series IV, mit einer 33-Zoll-Mensur. Dahinter steckt eine schwedische Ein-Mann-Firma. Erzähl uns etwas dazu.

Ich spiele zwei Hauptbässe. Ich habe eine grobe Ahnung, welches Holz verarbeitet ist, müsste aber nachsehen, wenn ich es genau sagen will. Ich habe aber festgestellt, dass es im Klang Unterschiede gibt. Ich finde es großartig, dass in diesem Bass zwei Jazz-Bass-Pickups und ein Precision-Pickup verbaut sind. Es fasziniert mich, dass ich von einem modernen Hightech-Sound zu einem knurrigen Vintage-Sound wechseln kann. Das ist sehr praktisch, wenn man einen Gig hat, wo man verschiedene Stile spielt, denn dann muss ich nicht zwei Bässe mitnehmen.

Deine Band Dirty Loops ist sehr vielseitig. Ist da ein Sechs-Saiter unabdingbar?

Ja, bei Dirty Loops brauche ich auf jeden Fall einen, weil ich mit meinen Fingern quasi über die Oktaven fliege. Anders wäre es sehr viel schwieriger. Bei fast allen Songs nutze ich sowohl die B- als auch die C-Saite. Ich spiele viel mit offenen Saiten, weil sich dann auch andere Harmonien ergeben. Sechs Saiten sind immer gut, wenn man ein großes Spektrum zur Verfügung haben will. Ist man in einer Band, in der man viele Akkorde spielt, ist das echt hilfreich! In ausgefallenem Jazz kann das cool sein, aber sonst braucht man das vermutlich nicht. Wenn ich in Stockholm für Pop-Gigs gebucht werde, nehme ich immer einen passiven, 4-saitigen Jazz Bass mit.

Hast du Effekte, die du bevorzugst?

Ja aber das hängt immer von der Musik ab, die ich spiele. Ich habe mit einem Popsänger in Schweden zusammengearbeitet und in der Zeit sehr viele ältere Effekte benutzt, um einen Vintage-Sound zu bekommen. Unter anderem hatte ich eine moderne Version eines Boss-OC-2-Octavers. Für meinen Mattisson nehme ich gerne das Bass Micro Synth von Electro Harmonix. Das ist ein Synthesizer-Basspedal, das den normalen Bass-Sound nicht zerstört, sondern sehr organisch umschmeichelt. Bei Dirty Loops nutze ich gerne das Axe-FX III und alles aus der HX-Serie von Line 6. Sie sind einfach und komfortabel in der Handhabung.

Wie ist deine Übungsroutine? Übst du täglich, hast du gewisse Techniken?

Ich übe immer dann, wenn ich mich wirklich danach fühle. Normalerweise ist das jeden Tag, aber ich plane das nicht. Ich habe eine Zeit lang versucht nach Stundenplan zu üben und darin erfolgreich versagt. Für mich bietet es sich eher an, einfach dann zu üben, wenn ich mich danach fühle. An manchen Tagen sind es zehn Minuten, an anderen acht Stunden. Es hängt von meiner täglichen Portion Motivation ab. Ich will nicht, dass der Bass für mich etwas ist, das ich irgendwann nicht mehr sehen kann, weil ich mich zwinge zu spielen, ohne Lust darauf zu haben. Ich bin sehr glücklich, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben.

Wie wichtig sind Theorie und Fingerübungen für dich?

Ich beschäftige mich damit von Zeit zu Zeit, aber meistens kombiniere ich es mit dem Improvisieren. Ich übe dann zum Beispiel Übergänge zwischen Akkorden. Theorie war für mich eine große Chance um auszugleichen, was ich von Natur aus nicht konnte. Es ist praktisch, denn jetzt weiß ich immer, welche Töne zu den Akkorden passen und kenne mich auf meinem Griffbrett noch besser aus. Das ist beim Jammen wie eine Eselsbrücke: Man kann sich einfach die Tonleitern vor Augen führen, wenn man nicht gleich hört, was die anderen machen. Live rückt dieses Wissen bei mir jedoch in den Hintergrund.

Was wäre dein Übungs-Tipp für junge Bassisten?

Setzt euch ein wirklich hohes Ziel, das fast unerreichbar ist und probiert es zu knacken! Wenn man eine Vision davon hat, wie man klingen will, dann übt man, um ans Ziel zu kommen. Versucht nach den Sternen zu greifen!

Henrik Linder(Bild: Universal)

Du spielst so schnell, dass ich mich frage, ob du manchmal gesundheitliche Probleme mit deinen Händen hast. Wie beugst du dem vor?

Ich habe zum Glück nie irgendwelche Probleme damit gehabt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich sanft spiele. Ich wende nicht viel Kraft auf. Es ist immer wichtig, relaxed zu sein, denn sonst verkrampft man und verletzt sich. Jeder Bassist sollte da aufmerksam sein und auf seinen Körper hören!

Wenn du einen sanften Anschlag hast, ist die Saitenlage eher niedrig eingestellt, oder?

Ja. Ich würde sogar sagen, dass sie tiefer als normal ist.

Wie viel findet sich von deinem Musikgeschmack und deinen musikalischen Vorbildern in deinem Spiel wider?

Ich vermute mal eine ganze Menge. Ich habe mir immer das, was ich cool finde, bei anderen abgeguckt und für mich neu definiert. Das macht jeder, egal ob bewusst oder unbewusst, und das ist eine gute Art sich zu verbessern. Da draußen in der Welt gibt es viele großartige Bassisten, von denen man lernen kann!

Welchen Song würdest du empfehlen, um jemandem, der dich und deine Musik nicht kennt, einen guten Einstieg in deine Musik zu geben?

Da habe ich keine Antwort drauf, es wäre etwas, das so klingt wie Dirty Loops. In Dirty Loops steckt mehr von mir als in anderen Projekten… hört euch Hit me an.

Wird das immer die Musik sein, die dich am besten definiert oder wird sich das mit dem Wachsen deiner Persönlichkeit ändern?

Ich würde mich umbringen, wenn ich mich in einer Richtung festfahren würde. Dirty Loops wird auch neue Wege gehen, wir wollen uns weiterentwickeln. So bleibt es lebendig und macht uns allen Spaß.

Super! Danke für das Interview!

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2019)

Produkt: Gitarre & Bass 5/2019
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