Stephan „Gudze“ Hinz, Steffen „Steddy“ Wilmking und Tim „Tinte“ Tenambergen im Interview
H-Blockx: Zurück zu alter Stärke!
von Franz Holtmann, Artikel aus dem Archiv
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(Bild: Connor McBriarty)
Die ausverkaufte Tour zum dreißigsten Jubiläum des Debütalbums ‚Time To Move‘ 2024 hat bei der Band Ambitionen auf mehr geweckt. 2025 konnte man die H-Blockx dann auch schon wieder auf Festival-Bühnen sehen und im Oktober kündigten sie nach langer Veröffentlichungsabstinenz ihr neues Album ‚FILLIN_THE_BLANK‘ für den 6. März an. Direkt nach Erscheinen der neuen Platte gibt es sechs Release-Shows, Tour-Termine für den Herbst folgen. Mit dem aktuellen Album legen die H-Blockx ein beeindruckendes Statement zum Stand der Dinge vor. Wir wollten wissen, wie die starke Produktion zustande kam und sprachen mit dem Kreativ-Team der Band Stephan „Gudze“ Hinz (Bass) und Steffen „Steddy“ Wilmking (Schlagzeug). Außerdem hat uns Gitarrist Tim „Tinte“ Tenambergen einen Einblick in sein Gear gewährt.
Stephan „Gudze“ Hinz und Steffen „Steddy“ Wilmking
(Bild: Connor McBriarty)
Die Jubiläums-Tour hat euch ja mächtig Wind unter die Flügel geblasen. Lasst uns mal wissen, wie ihr das neue Album angegangen seid!
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Steddy: Bei dem Ding gab es einfach eine Vision. Aufgrund der Tour waren wir so nah an diesem ersten Album und ich noch spezieller, weil ich damals beim ersten noch nicht dabei war. Ich spiele seit über 20 Jahren diese Songs, aber auch nicht alle. Diesmal haben wir das ganze Album auseinander genommen und ein Medley aus allen Songs gebaut. Da sind mir ein paar Dinge bewusst geworden, also Sound-mäßig, aber auch strukturell, Sachen die etwas verloren gegangen sind, die aber geil sind. Es kamen dann immer mehr Elemente zusammen, wo wir wussten, ey, das ist geil, das ist die Band, lass uns das wieder probieren und dann hatten wir irgendwann dieses Gerüst im Kopf.
Gudze: Wir haben uns konzeptionelle Leitplanken gesetzt, wollten alles simpel halten, also nicht sechs verschiedene Verstärker ausprobieren, sondern nehmen was da ist und in dieser Beschränktheit auf Inhalt gehen und mit dem eigenen Equipment den Sound kreieren.
Steddy: Das A und O war auf jeden Fall die Limitierung und das Weglassen von vielen Sachen, die auch ich in den letzten Jahren im Produktionsbereich benutzt habe, sprich Programmings, Gitarren-Layer und alles, was man sonst so macht. Wir haben sehr früh gesagt, lass uns das vermeiden.
Und damit auch in Richtung Reproduzierbarkeit für den Live-Sound gehen?
Gudze: Genau! Für Gitarren wurde der Friedman BE-100 benutzt, auch Tintes Pedalboard davorgeschaltet und eigentlich alles relativ trocken eingespielt. Ausnahmen waren nur die verschiedenen C-Teile, wo ein bisschen offenere und buntere Akkorde kommen und da hab ich dann schon mit dem H9 von Eventide wet eingespielt.
Du meinst diese kleinen Zwischenspiele, die so einen schönen Atem in die Stücke bringen?
Gudze: Ja. Im Mix ist da vielleicht nochmal ein Hall oder Raum draufgekommen, dass es noch größer wird, oder ein Ping-Pong-Delay, weil ich ja mono aufgenommen hab. Modulations-Sounds hab ich in diesen Parts zum Teil aber auch vorher schon eingespielt.
In der Nachbearbeitung der Gitarren wurden dann gar nicht mehr so viele Effekte eingesetzt?
Gudze: Im Mix haben wir immer so ein kleines Slap-Echo angemacht, deshalb ist das dann keine Mono-Spur mehr. In den Strophen ist es nämlich ganz oft nur eine Gitarre. Richtig aufklappen tut’s eigentlich nur in den Refrains. Ja, es gibt mal links und rechts ‘ne Gitarre, weil man ganz klassisch eine Les Paul auf der linken und eine Tele auf der rechten Seite haben wollte. Das mischt sich gut und ergibt einen größeren Sound, aber es sollten keine expliziten Overdubs sein. Alle Gitarren spielen immer das gleiche, nicht wie bei fast allen Pop-Rock-Produktionen diese geschichtete Wall of Sound.
Das bleibt dann auch sehr direkt auf seine Art.
Gudze: Genau! Das schränkt natürlich ein, aber ich habe so auch schon komponiert. Es sollte immer klingen wie ein Trio. Auch wenn mal ‘ne Gitarre gedoppelt wurde, muss man sich live nicht fragen, welche Gitarre spiel ich denn jetzt? Das hat auch starken Bezug zu unserer ersten Platte.
Da sind wir wieder bei der Reduktion auf das Wesentliche.
Gudze: Wir sind ja beide so aufgestellt, dass wir eigentlich in jedes Detail noch 25x reingehen wollen, aber da haben wir uns zusammen gerissen. Steddy legte auch Wert darauf, den etwas merkwürdigen Sound der ersten Platte einzufangen. Wir haben z.B. lange einen daran angelehnten gated Snare-Raum gesucht, der ja schon etwas speziell ist. Zu diesem Sound haben wir dann gespielt.
Ihr habt euch auf den Snare-Sound gesetzt, alles daran angepasst?
Steddy: Na ja, im Sinne von: Wenn wir das machen, dann reicht es nicht, nur so Slap-Parts vom Bass zu haben wie auf der ersten Platte, sondern dann muss man auch versuchen, das Sound-Gerüst zu rekonstruieren. Für den Charakter war neben den sehr extremen Höhen, womit wir dann schon etwas vorsichtiger umgegangen sind, die Snare mit diesem speziellen Hall das zentrale Element.
Gudze: Wenn wir Sachen eingespielt haben, haben wir immer auch mit diesem Sound zurückgehört, wir wollten, dass das schon in der ersten Phase, die Riffs und alles was wir spielen, mit diesem Sound funktioniert. Wir waren uns auch einig, dass ich meine alten Music-Man-Bässe spielen muss, die haben ja auch einen ganz eigenen, prägnanten Sound. Und alles − verzerren, modulieren etc. − auch immer durch mein Live-Board. Ich wollte, dass ich das 1:1 reproduzieren kann.
Gudzes FX-Board mit Eventide H90 und Darkglass Compressor (Bild: David Jordan)
Das war ja schon eine andere Arbeitshaltung als bei den Alben zuvor, oder?
Gudze: Zunächst haben wir ja gedacht, dass wir wie früher Demos machen, also Bass- und Gitarren-Parts entwickeln und dazu dann Drums programmieren. Aber dann hab ich gesagt: Steddy, ich hab keinen Bock, Drums zu programmieren. Ich will, dass wir zusammen in einem Raum sind und uns das Zeug erspielen. Ich spiel Bass oder eben Gitarre, je nachdem, und wir spielen das zusammen und wenn wenn du ein Lächeln im Gesicht hast und ich auch, dann lohnt es sich, daran weiterzuarbeiten.
Die Riffstrukturen hast aber immer du eingebracht?
Gudze: Ja schon. Steddy hat dazu gespielt, was probiert und immer wenn sich etwas sehr gut angefühlt hat, hab ich gesagt: Stopp, das war super. So haben wir uns da rangetastet. Er konnte dann mehr Trommler sein und ich hab draufgeguckt. Er hat dann umgekehrt auch schon mal gesagt: „Das da im Refrain hebt noch nicht ab.“ Wir sind beide in dem Moment wechselseitig Musiker und Producer.
Das hat sich ja alles nicht über Nacht ergeben, wie lange habt ihr denn daran gearbeitet?
Gudze: Steddy wird sagen: „Das Album hat ein Jahr gedauert, aber nach einem halben Jahr stand das eigentlich schon.“ Ich war dreieinhalb Monate am Stück in Berlin, da sind alle Songs entstanden.
Steddy: Es war gut, dass wir zu zweit waren, auch beide an den Arrangements saßen und dann über Dropbox im Austausch waren, um zu gucken, was hat der andere gemacht. Beim Mix hatte ich dann den Hut auf, aber für mich war super wichtig, dass wir diese Remote-Online-Sessions gemacht haben und bei den letzten Sachen war Gudze auch wieder hier im Studio.
Wie ist das mit Gesang? Habt ihr Henning da schon mitgedacht?
Steddy: Da ist dann das Moderne in die Sache reingekommen, denn ich hab irgendwann angefangen, Vocals in die Tracks reinzuschmeißen. Ich hab passende Rap-Sachen aus der Ära, so diese 90er-Jahre 8tel-mäßigen Raps von Run DMC und Beasty Boys, also von älteren Rappern, die etwa so agieren, wie Henning das auch gut kann, aufgesplitted in Vocals, Tempo angepasst und kurz mal zusammengeschnitten, auch mal nur so Hooks über Songs gelegt. Einfach um zu wissen: Wie wird das klingen, wenn jemand Cooles darüber rappt oder shouted. Wir haben das Hennig geschickt und ich wusste, das löst was aus, also viel mehr, als wenn wir ihm nur so Instrumentals geschickt hätten.
Gudze: Das hat Henning, wie er später sagte, auch total geholfen, dass er diesen Vibe sofort spüren konnte und klar war, wo es hingehen sollte. Er fand das super, hat sich dann so richtig reingehängt.
Mit ‚STRAIGHT_OUTTA_NOWHERE‘ habt ihr auch schon wieder einen richtigen H-Blockx-Klassiker hingelegt. Single gerade erst raus und schon brüllt die ganze Halle den Song mit!
Gudze: Das ist das Schöne, dass die Leute das genauso wahrnehmen, wie wir selber auch. Der Spruch ist jetzt nicht von mir, dass man immer dann am besten ist, wenn man am nahesten an sich dran bleibt. So war das halt bei diesen Aufnahmen im Sinne von: Wir wollen was machen, das sich jetzt in diesem Moment für uns gut und richtig anfühlt und uns einfach richtig viel Spaß macht.
Nun hast du ja mit Steffen den perfekten Partner für so eine kreative Phase gefunden.
Gudze: Ja, ich bin total dankbar, wie gut das gelaufen ist. Das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht zu wünschen gewagt, wie gut wir zusammengearbeitet haben, wie viel Raum wir uns gegenseitig gegeben haben, wie viel Akzeptanz da war, Ideen auch zu Ende zu denken. Rick Rubin sagte mal: Wenn eine Idee nicht totaler Müll ist, sollte man sich bemühen, die zu Ende zu denken, bevor man sie wegschmeißt. Manchmal entwickeln sich Dinge unerwartet gut, wenn man dranbleibt.
Gut zu Ende gedacht, auf jeden Fall – möge eure Arbeit auf offene Ohren treffen!
Interview mit Tim „Tinte“ Tenambergen auf Seite 2 …