Im Interview

Graham Nash: Der Idealist

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(Bild: Ralf Louis)

Der Mann ist wandelnde Musikgeschichte: Graham William Nash, den alle nur Willie nennen, hat mit Crosby, Stills, Nash and Young, den Hollies sowie als Solist weit über 70 Millionen Tonträger verkauft, ein Dutzend Rock-Klassiker geschrieben und das Lebensgefühl der 60er wie 70er eingefangen. Jetzt, mit 80, ist er ein Fels in der zeitgeistlichen Brandung: Ein Mahner, Visionär und unverbesserlicher Idealist, der seine Songs als sozio-politische Kampfansagen versteht – und entsprechend einsetzt.

Genau darum geht es dem ergrauten Dauerbrenner auf seinem neuen Epos ‚Graham Nash: Live‘ – einem Album, das die Stücke seiner ersten beiden Solo-Werke ‚Songs For Beginners‘ (1971) und ‚Wild Tales‘ (1974) vereint. Aufgenommen anlässlich einer kurzen US-Tournee im Herbst 2019 und begleitet von Gitarrist Shane Fontayne sowie Keyboarder Todd Caldwell, präsentiert der gebürtige Brite hier ambitionierte Neueinspielungen der beiden Klassiker.

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Also kein leidiges Remaster, kein überteuertes Reissue, sondern eine unkonventionelle und mutige Art, bekanntem Liedgut frisches Leben einzuhauchen – eben als stark reduzierte Live-Versionen, die weitaus druckvoller und dynamischer anmuten, als die Originale. Die Ecken, Kanten, Biss und nicht zuletzt ungebrochene Relevanz im Zeitalter von Putins Ukraine-Feldzug besitzen. Alles weitere erklärt der medienscheue Altmeister beim raren Interview in seiner Wahlheimat New York.

Graham, warum ein Album mit Live-Versionen deines Frühwerks?

Weil ich diese Songs schon immer mal mit einer Band auf die Bühne bringen wollte. Denn ich liebe die Original-Alben – sie sind unglaublich simpel und damals quasi live im Studio entstanden. Aber ich war damit nie auf Tournee. Es war meine Frau Amy, die mich dazu gedrängt hat, sie noch einmal live aufzunehmen. Einfach, weil sie gerade von einem neuen Publikum entdeckt werden, das sie bei ihren Eltern oder älteren Geschwistern hört.

Außerdem sind die Stücke immer noch relevant – vor allem Songs wie ‚Immigration Man‘, ‚We Can Change The World‘, ‚Chicago‘ oder ‚Military Madness‘. Also habe ich mich darangemacht – mit einer Band, mit der ich nur drei Tage geprobt und auch nur vier Konzerte gespielt habe. Aber: Die Qualität der Musik war umwerfend. Ich habe nur zwei kleine Fehler gemacht, einmal an der Harmonika, einmal am E-Piano, und die habe ich belassen. Auf dem ganzen Mitschnitt ist nicht ein einziges Overdub.

Was spielst du auf diesen Aufnahmen?

In erster Linie die Gitarre, die Martin für mich gebaut hat – das Graham-Nash-Modell. Es klingt unglaublich gut, weshalb das auch meine absolute Lieblingsgitarre ist. Auf Tour habe ich immer zwei oder drei davon am Start. Und wenn ich meine Basssaite auf D runterstimmen will, greife ich zur Gibson. Zudem habe ich noch ein paar Teile von Lowden, einem wahnsinnig guten Gitarrenbauer aus Irland. Und von Bob Regal aus North Carolina. Wenn ich so darüber nachdenke, habe ich schon einige ziemlich fantastische Gitarren. (lacht)

Nach welchen Kriterien entscheidest du, ob du für einen Song zur akustischen oder elektrischen Gitarre greifst?

Das ist die Sache: Im Vorfeld weiß ich es nie, sondern es ergibt sich einfach so. Es kristallisiert sich erst beim Spielen eines Songs heraus. Ich war zum Beispiel gestern bei meinem Freund Todd Caldwell, der auch Keyboarder in meiner Band ist. Er hat ein kleines Heimstudio, und da haben wir einen neuen Song von mir ausprobiert. Zuerst auf dem Konzertflügel, dann auf einem alten Wurlitzer, was gleich viel besser geklungen hat. Von daher: Man weiß es nie im Vorfeld – es ergibt sich erst, wenn man daran arbeitet. Insofern existieren da auch keine festen Regeln – es ist immer ein Tüfteln und Probieren. Was aber auch der Spaß daran ist. Nämlich, dass es immer anders und neu ist.

Wie umfangreich ist deine Gitarrensammlung mittlerweile? Hast du alle Instrumente aufgehoben, die sich seit den 60ern in deinem Besitz befunden haben?

Um Gottes Willen – so viel Platz habe ich gar nicht. Und deswegen habe ich die meisten Sachen vor zwei Jahren bei einer Auktion in New York verkauft. Ich habe alle Einnahmen für wohltätige Zwecke gestiftet und nur die Instrumente behalten, die ich regelmäßig verwende. Von den ganzen Staubfängern habe ich mich getrennt. Es war wirklich höchste Zeit.

Wie stehst du zu den Preisen, die heute für Vintage-Modelle aufgerufen werden?

Das ist verrückt. Absolut verrückt. Sie sind zum reinen Spekulationsobjekt für Börsenmakler und Oligarchen geworden. Also für richtige Musikliebhaber … (lacht)

Wie hat sich dein Spiel über die Jahre verändert? Welche Unterschiede kannst du da erkennen?

Ich würde sagen, ich bin einfach ein bisschen selbstbewusster geworden. Aus gutem Grund: Wenn man Stücke auf das absolute Minimum von dem reduziert, wie sie ursprünglich arrangiert waren, muss man auch richtig gut spielen. Und in den letzten paar Jahren habe ich ausschließlich Akustik-Gitarren verwendet. Shane Fontayne, mein Produzent, übernimmt alle elektrischen Parts und Todd Caldwell kümmert sich um die Keyboards. Von daher muss ich nichts Elektrisches spielen. Wir sind nur zu dritt – ohne Schlagzeug, ohne Bass. Mehr brauchen wir nicht.

Crosby, Stills, Nash & Young haben ihre Musik bei Spotify entfernen lassen. Erscheint ‚Graham Nash: Live‘ trotzdem irgendwo als Streaming-Version?

Definitiv nicht. Und ich bin froh, dass ich auch die Rechte an meinem Merchandise besitze. Denn bei neuen Verträgen, die mit Nachwuchskünstlern abgeschlossen werden, gibt es eine Klausel, die den Plattenfirmen eine Beteilung an Fanartikeln zusagt. Das haben sie bei mir erst gar nicht versucht, weil sie wissen, dass ich das nie zulassen würde. Von daher ist es wirklich so, dass man eine gewisse Macht hat, wenn man Plastik verkauft. Als ich damals mit den Hollies in den Abbey Road Studios aufgenommen habe, hat jeder Techniker noch einen weißen Kittel getragen – und kein Bandmitglied hätte das Mischpult auch nur anfassen dürfen.

Wenn ich mehr Bassdrum bei einem Stück wollte, musste ich unseren Produzenten Ron Richards informieren, der das wiederum an den Techniker weitergegeben hat. Nur er war berechtigt, den entsprechenden Regler hochzuziehen. Doch als wir dann anfingen, Millionen von Platten zu verkaufen, verschob sich die Macht zu unseren Gunsten – plötzlich konnten wir selbst nachjustieren, sofern wir denn wollten. Insofern: Wenn du CDs verkaufst, hast du Macht. Und die haben wir genutzt.

(Bild: Ralf Louis)

Die Hollies, die du einst mitbegründet hast, gehen im Juli auf Deutschland-Tour – anlässlich ihres 60. Dienstjubiläums. Wie denkst du darüber?

Die haben auch hier in New York gespielt – ausgerechnet an Allan Clarkes Geburtstag.

Hast du sie dir angeschaut?

Nein, das habe ich mir verkniffen. Ohne Allan und mich sind das nicht mehr The Hollies. Sie liefern zwar eine gute Show ab, und ich bin mir sicher, dass sie ‚He Ain’t Heavy, He’s My Brother‘, ‚The Air That I Breathe‘, ‚Long Cool Woman‘ und was auch immer spielen, aber diese besondere Gesangsharmonie ist nicht mehr da. Das war das magische Element, das Allan und ich hinzugefügt haben. Wir haben im Dezember 1962 angefangen, und diese Formation hat rein gar nichts damit zu tun. Sie mögen gute Musiker sein, aber das reicht nicht, damit ich sie mir ansehe.

Du selbst spielst deine alten Songs heute viel druckvoller und dynamischer als in den frühen 70ern. Wie kommt’s?

Das ist richtig. Es ist einfach so, dass da eine gewisse Energie im Spiel ist, wenn man diese Songs singt. Und ich habe es schlichtweg gebraucht, sie genau so rüberzubringen. Nach vier Jahren Trump hatte sich so viel angestaut, dass ich das dringende Verlangen hatte, mich auszudrücken und meinen Unmut kundzutun. Also habe ich dieses Projekt gestartet, das lediglich vier Shows umfasst hat. Die waren allerdings so gut, dass mich Bob Ludwig, dieser legendäre Audio-Mastering-Techniker, angerufen hat. Er hatte schon auf den Studio-Versionen von ‚Songs For Beginners‘ und ‚Wild Tales‘ mitgewirkt, aber wir haben nie miteinander gesprochen. Jetzt meinte er: „Du singst heute besser denn je. Das klingt wirklich toll.“ Ein wunderbares Kompliment aus seinem Mund.

Wieso besitzen die Original-Alben überhaupt so einen starken Country-Vibe – schließlich bist du gebürtiger Engländer?

Das stimmt – und ich habe keinen blassen Schimmer, wie das passieren konnte. Aber ich finde es immer interessant, wenn Leute sagen, die Byrds und Gram Parsons hätten dieses Country-Folk-Ding gestartet. Wenn ich mir meine Stücke wie ‚You’ll Never Be The Same‘ oder ‚On The Line‘ anhöre, ist das lupenreiner Country-Rock, der lange vor allem anderen entstanden ist. Und: Ich singe sie heute noch mit derselben Leidenschaft, wie damals, als ich sie geschrieben habe. Mein Publikum verdient es nicht anders.

Warum war dein Solo-Debüt ‚Songs For Beginners‘ seinerzeit viel erfolgreicher als der Nachfolger ‚Wild Tales‘?

Weil die Plattenfirma es buchstäblich getötet hat. Das weiß ich von einer Dame, die damals bei dem Meeting der Plattenbosse dabei war, in dem die anstehenden Neuveröffentlichungen vorgestellt wurden. Jerry Greenberg, der Vize-Präsident von Atlantic Records, wollte kein Graham-Nash-Album, sondern lieber eins von CSN oder CSN&Y. Etwas, das sich definitiv verkaufen würde. Also hat er nur einmal kurz aufs Cover geschaut und dann vor allen anderen im Raum gesagt: „Scheiß drauf!“ Das waren seine Worte.

Du hast schon mit vielen berühmten Kollegen im Studio wie auf der Bühne gestanden. Gibt es jemanden, mit dem du gerne einmal arbeiten würdest, aber bislang noch keine Gelegenheit dazu hatten?

Aber sicher: Ich würde wahnsinnig gerne zweistimmige Harmonien mit Paul McCartney singen – am liebsten zu ‚Yesterday‘. Das wäre ein Traum.

Vielleicht zu seinem 80. Geburtstag?

Nichts lieber als das. Es kann durchaus sein, dass ich dann wieder in Europa unterwegs bin. Es ist gerade nicht so einfach, eine Tour zu buchen, weil überall Nachholtermine angesetzt sind, aber ich arbeite daran.

Mit dem Repertoire des aktuellen Live-Albums?

Nein, mit neuen Songs. Ich bin kurz vor Fertigstellung eines Soloalbums, auf dem sich zahlreiche Stücke über das finden, was wir gerade erleben – also Putin, Covid usw. Wobei es mir sehr schwerfällt, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und Schuldzuweisungen zu machen. Deshalb versuche ich das zu vermeiden. Ich mache lieber Lösungsvorschläge. Und ich freue mich darauf, endlich neue Sachen zu spielen und nicht immer nur den alten Kram. Selbst, wenn er noch so gut ist …

(erschienen in Gitarre & Bass 07/2022)

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