Produkt: Gitarre & Bass 5/2019
Gitarre & Bass 5/2019
INTERVIEWS: Slash, Phil Campbell, J.J. Cale, Bill Frisell, Kreator +++ VINTAGE-SPECIAL: Fender Princeton
Wie Gitarren das Reisen lernten

Die Geschichte von Traveler Guitars

Traveler Guitar
Gitarrenbauer Keith Morland mit einem Custom Shop-Modell (Bild: Alexander Kern)

Die Idee einer kompakten Reisegitarre war keine Neuerfindung, als die erste Traveler Guitar entstand. An der kniffligen Kategorie hatten sich schon vorher einige Hersteller mehr oder weniger ambitioniert versucht. Um daraus ein funktionierendes Konzept zu machen, musste eine kleine Firma aus Redlands, Kalifornien einen langen Weg gehen.

Spätestens beim Packen für den anstehenden Sommerurlaub fällt einem auf: Gitarren-Equipment ist eher klobig und nicht besonders transportfreundlich – und muss somit meist zu Hause bleiben. So kam es wohl auch, dass im Jahr 1992 der Besitzer des örtlichen Musikgeschäfts in der Stadt Redlands im San Bernadino County, wo das unwegsame Land hauptsächlich aus Wüste und Gebirge besteht, in einem Gespräch beiläufig das Fehlen einer kleinen, leichten und dadurch besonders reisefähigen Gitarre bemängelte. Diese Bemerkung hörte zufällig der handwerklich begabte Leon Cox, dessen Sohn damals mit dem Gitarrespielen anfing. Sein Ehrgeiz war geweckt.

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Im folgenden Jahr probierte und montierte er, bis seine erste Interpretation einer Reisegitarre fertig war. Mit im Korpus untergebrachten Stimmmechaniken hatte sie ein bemerkenswert kompaktes Design. Da Leons Frau zu der Zeit als Krankenschwester arbeitete, war in der ersten Version ein Stethoskop als „Tonabnehmer“ verbaut. In den nächsten Jahren fertigte er immerhin an die dreihundert solcher Gitarren für das heute noch in Redlands existierende Musikgeschäft an.

Traveler Guitar
Der Ort, wo 1992 alles begann: Redlands Guitar Shop (Bild: Alexander Kern)

start-up-zeiten

Leon Cox ist inzwischen über achtzig Jahre alt und längst pensioniert. Sein schlankes Gitarren-Design wäre womöglich in Vergessenheit geraten, wenn sich nicht Corey Oliver dafür begeistert hätte. Als er es entdeckte, war er ohnehin von seinem damaligen Job als Radio-Promoter gelangweilt und motiviert, selbst etwas aufzubauen. Also kaufte er spontan einen Restbestand von etwa fünfzig Instrumenten auf und fuhr als „Traveling Salesman“ los, um auszuloten, ob sich damit der Markt erobern ließe. Begleiter bei diesem zweiwöchigen Roadtrip war übrigens Coreys langjähriger Freund Carey Nordstrand, der inzwischen für die Herstellung exzellenter Pickups unter dem Firmennamen Nordstrand Audio bekannt ist.

Wieder zu Hause angekommen, gab es dann zwar Gewissheit, dass Nachfrage für das Produkt bestand, aber es war auch kein einziges Instrument mehr vorhanden. Also folgte eine gütliche Einigung mit Leon Cox bezüglich der Übernahme der Firma Traveler Guitar, und nach und nach wurde eine umfangreichere Produktion aufgebaut.

Traveler Guitar
Headstock History (Bild: Alexander Kern)

Was rückblickend nach einer steten Entwicklung klingen mag, war nicht immer einfach. Zeitweise hatte Corey Oliver die meisten seiner Gitarren sowie Auto und Mobiltelefon verkauft und musste vorübergehend bei Freunden wohnen, um über die Runden zu kommen. Die Firma produzierte zwar hochwertig, brachte aber noch keine Gewinne. Da kam eine Zufallsbegegnung auf der NAMM-Show mit Managern von Fender gerade recht. Die erkannten das Potenzial der kleinen, portablen Gitarren und boten an, diese in ihrem nicht weit entfernten Werk im südkalifornischen Corona zu produzieren und auch zu vertreiben.

In der Folge wurden dort von 1998 bis 2001 an die 2.600 Traveler Guitars gefertigt, die am Stempel „Made in the USA“ leicht erkennbar sind. Ebenfalls über Fender kamen später die ersten Kontakte nach China. Die Produktionsbetriebe dort arbeiten zwar wirtschaftlicher, man kommt mit ihnen aber üblicherweise erst ab sehr hohen Fertigungszahlen ins Geschäft. Doch es dauerte nicht lange, bis die laufend größer werdende Nachfrage vonseiten des Handels groß genug war.

Traveler Guitar
Corey mit dem ursprünglichen Prototyp der ersten Traveler Guitar (Bild: Alexander Kern)

erfolgsgeheimnisse

Über Leons allererste Traveler Guitar sagt Corey: „Anfangs war egal, wie sie aussah und wie sie klang – sie sollte einfach nur gut zu transportieren sein und trotzdem eine Full-Scale-Mensur besitzen.“ An diesen Grundsätzen hat sich über die Jahre einiges verändert. Schon sehr früh half Gitarrenbauer John Carruther dabei, das Original-Design weiterzuentwickeln. So entstanden bald Modelle mit echten Tonabnehmern und Korpusformen, die tatsächlich wie eine Gitarre aussahen. Sicher immer noch gewöhnungsbedürftig beim ersten Anblick, doch steckte in diesem Umstand auch ein gewisser Vorteil. Denn die meisten Interessenten, die so ein Instrument antesten, erwarten aufgrund der ungewohnten Optik, und weil es eben „nur“ eine Reisegitarre ist, nicht allzu viel. Dann sind sie oft überrascht vom guten Klang und dass manche der platzsparenden Lösungen, wie beispielsweise die abnehmbaren Korpusstützen, sich eigentlich ganz OK anfühlen.

Generell spielt das Feedback von Kunden und Händlern seit jeher eine immens wichtige Rolle. Wünsche und Vorschläge für Verbesserungen bezüglich Spielbarkeit, Features oder selbst aktuelle Trendfarben, fließen direkt in die Entwicklung neuer Modelle mit ein. Die Ungewöhnlichkeit der eigenen Produkte wird durch zuvorkommende Service-Orientierung wettgemacht; der Vertrieb erklärt viel und denkt mit. Da begegnen einem dann schon mal Travel Guitars im Duty-Free-Shop. Schließlich gab es Zeiten, als Piloten bis zu zwölf Prozent der Kundschaft ausmachten, und fast alle Modelle lassen sich ohne Weiteres im Handgepäckfach verstauen.

Die Musiker von U2 z.B. haben die Reisegitarren aus Redlands erstmals am Flughafen entdeckt. Weitere frühe Nutzer waren John Fogerty von Creedence Clearwater Revival, Andy Summers von The Police, oder Mike Score von A Flock of Seagulls. So paradox das vielleicht klingt, aber gerade Profi-Musiker schätzen es, „on the road“ im engen Tourbus immer schnell ein handliches Instrument parat zu haben. Darüber hinaus waren Traveler Guitars bereits in U-Booten unterwegs und mehrmals auf dem Mount Everest.

Traveler Guitar
Am kalifornischen Standort werden alle in China gefertigten Instrumente ausführlich geprüft. (Bild: Alexander Kern)

zwischenbilanz

Das Ziel, dass das Geschäft läuft und beständig wächst, hat Traveler Guitar mittlerweile längst erreicht. In ihrer ganz speziellen Nische schickt die Firma aktuell etwa 10.000 Instrumente pro Jahr auf die Reise in alle Welt. Mit fast 40 Gitarren- und Bass-Modellen, einschließlich Linkshänder-Versionen, ist dabei an so ziemlich jedes Einsatz-Szenario gedacht: Vom minimalistischen Klassiker-Design über Rock-Spezialisten mit eingebautem Kopfhörerverstärker bis hin zu professionell ambitionierten Hybriden, die mit ihren Tonabnehmern sowohl für akustische als auch elektrische Sounds ausgerüstet sind. Bei der Ausstattung wird auf klangvolle Namen wie Seymour Duncan oder Shadow Electronics gesetzt. Und auch ganz Große wie Fender und Gibson sind mit den kompakten Modellen Travelcaster, P-Bass und LTD indirekt präsent im Sortiment.

Am Standort in Redlands sind derzeit insgesamt zehn Mitarbeiter beschäftigt. Neben der strategischen Führung, Marketing und Vertrieb, fällt vor allem viel Aufwand rund um die Qualitätskontrolle an. Die Produktentwicklung und den Custom Shop leitet seit knapp drei Jahren Gitarrenbauer Keith Morland, der vorher lange für ESP gearbeitet hat. Er meint, er möge das Format sehr und wäre anfangs doch etwas überrascht gewesen, dass die Traveler Guitars unabhängig von ihrem besonderen Zweck einfach ziemlich gute Gitarren seien. Um sie sogar noch besser zu machen, realisiert er beispielsweise Modifikationen an den Pickups, dem Hals, dem Griffbrett oder der Lackierung, sowie spezialangefertigte Varianten aus erlesenen Hölzern.

Traveler Guitar
Unkonventionell designte Akustik-Modelle (Bild: Alexander Kern)

reisepläne

Seit jeher wandlungsbereit, hat Traveler Guitar jüngst eine ganz neue Richtung eingeschlagen und sich vom Grundsatz der Full-Scale-Mensur verabschiedet. Grund für diese Entscheidung waren wiederum Rückmeldungen aus der Nutzer-Community, und auch das unlängst bemerkbare Comeback der Parlor-Gitarre mag seinen Einfluss gehabt haben. Außerdem ist ein neues Bass-Modell in Planung, das auf der Form eines bekannten deutschen E-Basses basiert. Wo genau die Reise hingeht, wird noch nicht verraten.

Traveler Guitar
Akustik-Modelle in relativ vertrautem Design (Bild: Alexander Kern)

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2018)

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