Carl Carlton „The Band“- Fan im Interview

Carl Carlton auf der Bühne

Unsere letzten Treffen mit dem deutschen Gitarristen Carl Carlton waren entweder im Rahmen einer Tournee der Peter Maffay Band oder in seiner Funktion als Frontman der Songdogs, seiner eigenen Formation. Diesmal jedoch trafen wir den umtriebigen Musiker in neuer Mission: als selbsternannten Nachlassverwalter des künstlerischen Geistes von Levon Helm, dem 2012 verstorbenen Woodstock-Veteranen und Gründer der Rock-Legende The Band. Dabei lernten wir nicht nur Carltons eigene Sichtweise zur Musik von Levon Helm kennen, sondern schauten uns natürlich auch die erneut erlesene Auswahl seiner Gitarren an.

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,Lights Out In Wonderland‘ ist eine ungewöhnliche Scheibe. Wie kam es dazu?

Am 19. April 2012 starb Levon Helm, und für mich war sein Tod ein echter Schock, denn Levon hatte Woodstock für mich zur zweiten Heimat gemacht. Nach meiner Zeit mit Robert Palmer bekam ich durch ihn und die vielen Musiker, mit denen er mich zusammenbrachte, noch mal ein ganz neues Selbstverständnis. Ausgelöst durch Levons Tod, rutschte ich in eine Art Midlife – Krise, denn für mich hat Tod eine große Bedeutung: Ich habe keine Geschwister, meine Mutter war sehr krank und starb früh, mein Vater entschloss sich ihr zu folgen, ich habe ihn gefunden. Dieses Trauma habe ich vermutlich nie aufgearbeitet. Das alles kam durch Levons Tod wieder hoch, dazu die Sinnfrage, wofür und für wen man diese Musik, die wir alle so lieben, überhaupt noch macht: Little Feat, die Doobie Brother, also das, was in den Siebzigern noch Mainstream war und sich nach der Neuen Deutschen Welle verflüchtigt hat. Für mich stellte sich die Frage: Wo gehe ich hin? Ich fing mit dem Levon Helm/The Band-Tribute-Konzert an. Aufgrund des Erfolges wurde daraus eine Tour und ich hatte ein Thema gefunden, über das ich schreiben konnte. Meine Lieder handeln vom Aufstehen, Weitermachen, egal wie beschissen es einem geht.

Lieder, die du mit exquisitem Equipment und wunderbaren Gitarren intonierst. Beispiel: dein neuer THC-Amp, den du gegen deinen obligatorischen Vox AC30 eingetauscht hast.

Wie wir alle wissen, machen die Vöxe viele Probleme, wenn man so viel wie ich unterwegs ist. Jeden Tag liegt man mit dem Lötkolben drunter. Irgendwann gab mein Kollege Ken Taylor mir den Tipp. Eigentlich war ich zu dem Zeitpunkt nicht immer in der Stimmung, wieder etwas Neues auszuprobieren und dachte, meine Bibel gefunden zu haben. Zumal die THC ja auch etwas teurer sind. Aber sie haben mich überzeugt, sind unglaublich zuverlässig und klingen wie eine Mischung aus guten alten Fender- und Vox-Amps. Außerdem ist die Dynamik enorm, mit der dieser Verstärker auf meine Hände reagiert. Und schon die kleinere Version, die auf dieser Tour am Start ist, klingt so brüllend laut, absolut ausreichend.

Deshalb also der Power Soak?

Richtig. Den hat die Firma extra für mich entwickelt. Auf den größeren Rock-Touren nehme ich dann die stärkere Version mit einer 4x12er-Box.

Die Effektgeräte auf dieser Tour sind dein übliches Besteck, wenn ich es richtig gesehen habe.

Für mich gilt: Weniger ist mehr. Ich nehme lieber eine andere Gitarre zur Hand, dann hat man automatisch einen anderen Sound. Wichtig für mich sind insbesondere Delays, ich liebe diese Muddy-Waters-Räume und versuche sie nachzubilden. In größeren Hallen macht dies keinen Sinn, da hat man riesige PA-Systeme und hört nur Müll, sodass man eigentlich gleich ohne Effektgeräte spielen kann. Deshalb liebe ich kleine Clubs, in denen man sich die natürlichen Räume zu Eigen machen kann. Dazu ein paar Vintage- Bodentreter, die einen schönen Overdriveoder Distortion-Sound erzeugen, vor allem bei Slide-Parts.

Dein THC-Amp hat keine Master-Regelung. Arbeitest du deshalb mit dem Booster? Um wie viel Dezibel hebt er die Lautstärke an?

Der Booster pusht die Lautstärke um 10db und manövriert den THC-Sound wunderbar in einen Crunch hinein. Beim THC wirkt der Presence-Regler sehr schnell, auch in die Zerre hinein. Er bleibt aber erstaunlicherweise clean, wenn man leise anschlägt, obwohl man sich in dem Lautstärkebereich befindet, in dem er eigentlich cruncht. Er reagiert also sehr sensibel. Hinzu kommt mein gutes altes Joe Walsh-Effektgerät, der MXR Phaser. Einige meiner alten Sammlerstücke konnte ich durch die dänische Firma T.Rex- Engineering ersetzen. Ich vermute, viele Gitarristen kennen diese Geräte bereits. Ist nicht unbedingt das günstigste Zeugs, aber ebenso wie THC oder die Jungs von Duesenberg, die mich so großartig versorgen, sind auch T.Rex mit Herz und Seele dabei. Also keine Massenproduktion. Die T.Rex-Bodentreter haben mittlerweile fast alles ersetzt, was ich an Sammlerstücken vorher gespielt habe und was jetzt in meinem Studio bleibt.

Einen Chorus sucht man bei dir weiterhin vergeblich.

Stimmt, den habe ich schon seit den Achtzigern nicht mehr benutzt. Tremolo fand ich aber immer schon scharf. Ein Tremolo vermittelt, vor allem bei Balladen, immer gleich eine wunderschöne Melancholie. Ein C-Akkord mit einem langsamen Tremolo ist gleich wie ein Film. Der Rest bei mir sind nur Anpassungsschalter, um Gitarren mit unterschiedlichen Lautstärken ausgleichen zu können, was in Konzerten ja immer etwas nerven kann. Die Lehle-Geräte sind dafür super. Was ich noch vergessen habe: Natürlich benutze ich Kompressoren, früher hatte ich den klassischen, dunkel-orangen MXR, den Lowell-George-Compressor, der jetzt aber durch den grünen T. Rex ersetzt wurde.

Sag bitte etwas zu deinem Amp für die Akustikgitarren!

Gerne. Auf dieser Tour habe ich einen kleinen AER-Akustik-Amp dabei, weil ich bei Blues-Sachen, die zwar mit Akustikgitarren gespielt werden, aber dennoch nicht absolut akustisch klingen müssen, über den THC und den AER gehe, woraus sich ein sehr schöner Klangeffekt ergibt. Ich benutze ihn quasi auch als zusätzliche Monitorbox. Gestern bei den Proben haben wir es mal ohne AER probiert, aber es fehlte sofort die Klangfülle.

Interessant ist auf dieser Tour deine Spieltechnik, eine Mischung aus Plektrum- und Finger-Einsatz.

Richtig. Ich stecke mir das Plektrum zwischen Zeige- und Mittelfinger. Ich weiß selbst nicht so genau, wie es funktioniert und wann ich es wie mische. Wenn ich es analysieren müsste, würde es vermutlich nicht mehr funktionieren. (lacht) Je älter ich werde, umso mehr spiele ich mit Fingern. Hubert Sumlin, der legendäre Musiker, der bei unzähligen Chess- Records-Scheiben mitgewirkt hat und den ich noch bei Levon Helm in der Scheune kennenlernen durfte, hat mir mal erzählt, wie er als 17-Jähriger zum ersten Mal Howlin’ Wolf traf. Als Wolf entdeckte, dass Sumlin mit einem Plektrum spielt, schnauzte er ihn an: „What‘s that thing between your fingers, boy?“ Humlin darauf „Oh, Mr. Wolf, this is a pick.“ Darauf Howlin’ Wolf erzürnt: „Go home and come back when you have learned to play without that thing!” Für mich gilt: Früher war ich mir vielleicht nicht sicher genug auf der Bühne und dachte, dass es nur mit Fingern nicht so gut rüberkommt. Heute spiele ich vielmehr mit Fingern als früher, obwohl: Auch mit Plektrum klingt es großartig, ich wechsele sogar zwischen den Stücken oft die Art des Plektrums, weil jedes einen etwas anderen Ton erzeugt. Ich wechsele ja auch die Slides bei manchen Gitarren: manchmal klingen die Brass-Slides besser, manchmal aber auch die Glas-Slides. Das ist wie in der Küche beim Kochen: Man würzt ja auch nicht nur mit Salz und Pfeffer.

Bitte lass uns noch über die Gitarren sprechen, die du auf der Woodstock & Wonderland-Tour dabei hattest. Fangen wir mit der Diego Strat an.

Die Diego klingt wie eine super Strat aus den frühen 60ern, eine echte Meisterleistung von Dieter Goelsdorf und seinem Duesenberg- Team. Der Diego-Philosophie entsprechend mit Texas-Twister-Blues-Pickups (Alnico 5) bestückt, ich habe die Gitarre „Blues Baby“ getauft. Sie ist und bleibt in Open-A gestimmt, mit ihr spiele ich alle Ry-Cooderähnlichen Songs und Stile. Von Diego stammt auch „Muddy“, eine geniale Telecaster-Kopie. Sie heisst Muddy wegen Muddy Waters und nicht etwa, weil sie muddy klingt. Die Gitarre hat einen fetten Swamp-Sound, der nicht ganz so schrill ist wie der der Ur- Teles, wozu auch der Erle-Korpus und das Rosewood-Griffbrett beitragen. Die perfekte Gitarre für Stonesy-Songs, fette Riffs und Slides. Außerdem habe ich meine liebste Duesenberg Carl Carlton Signature dabei, von mir „Sunrise“ genannt. Die CC ist eine große Semiakustik-Gitarre, die auf der einen Seite einen starken Charakter und ganz viel Style beweist, auf der anderen Seite aber auch in fast jedem Genre souverän zu Hause ist. Was zum einen sicherlich ein Ergebnis der speziellen Duesenberg-Pickup-Bestückung mit Domino P- 90 und Grand Vintage Humbucker ist, zum anderen aber auch ein Resultat der vielen ausgeklügelten Details, die dem Design dieser Gitarre zugrundeliegen. Meine orange CC, meine Rusty und auch die Whitey sind im Grunde genommen dieselben Modelle, haben aber alle unterschiedliche Charaktere.

Apropos Rusty!

Hat sie nicht ein unfassbar geiles Design? Nicht täuschen lassen, es ist Holz, kein verrosteter Stahl. Die Duesenbergs haben mir dies Modell anlässlich der Stadion-Tour von Udo Lindenberg und seinem Panikorchester geschenkt, natürlich angeregt durch das Bühnen-Design mit dem alten Schiff. What a beauty! Ganz klar: trotz der Vielseitigkeit meine Rock-Klampfe.

Hat deine KPF Telecaster-Kopie auch einen Spitznamen?

Ja, sie heißt „Dirty White“ und wurde von meinem Techniker und Freund Klaus P. Fehr gebaut. Die Dirty White klingt fetter als eine gewöhnliche Tele, mit brutalen Mitten, mit Humbucker-Sound, obwohl es sich um Tesla-Singlecoils handelt.

Die Lakewood Dreadnought D-48 hast du auch neu, nicht wahr?

Richtig, ein Custom-Modell mit L.R.-Baggs- M1-Pickup, das meistens in Open G oder A gestimmt und hauptsächlich für Slide-Parts eingesetzt wird. Es ersetzt auf Tournee meine alte Gibson J-45 von 1945. Als Ersatz für ein paar Vintage-Juwelen werden übrigens auch die Larson Bros. Prairie State SJ Style 1 und 3 eingesetzt: Fantastische Instrumente, die alle anders gestimmt sind: Open G-minor, das Joni-Mitchell-Tuning, Open E und Standard. Dann die Duesenberg ,Mandola‘ als 12- String mit verkürzter Mensur. Die Kombination aus verkürzter Mensur und zwölf Saiten ist dafür verantwortlich, dass die Mandola einen brillanten und charmanten Sound erzeugt, der in jeder Besetzung und bei fast jeder Musikrichtung die Tore zum Himmel öffnet. Der Little Toaster und der Singlecoil sind genau die richtigen Tonabnehmer für diese Sounds, die sich hell und klar in jedem Bandkontext durchsetzen. Erwähnen muss man auch die Ortega Mandoline mit dem Under-Saddle-Piezo-Tonabnehmer. Ortega baut nicht nur fantastische spanische Gitarren, sondern eben auch High- End-Mandolinen zu einem coolen Preis. Musiker mit zu großen Händen sollten es lieber bleiben lassen, tun es aber trotzdem. (lacht) Mein Motto: Alles geht, man muss es nur wollen.

 

Aus Gitarre & Bass 06 / 2015

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