Slide & Song

Brother Dege im Interview

Brother Dege

Wer weiß, ob man in Deutschland jemals etwas von Dege Legg, Künstlername: Brother Dege, erfahren hätte, wäre nicht sein Song ,Too Old To Die Young‘ vom Album ,Folk Songs Of The American Longhair‘ zum zentralen Soundtrack-Bestandteil des Quentin Tarantino-Filmklassikers Django Unchained avanciert. 

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So aber kennen zumindest alle hiesigen Cineasten und Tarantino-Jünger diesen coolen, bluesigen Track, der auf einem feurigen Dobro-Slide-Riffing basiert und aus der fiebrigen Hitze des Mississippi-Deltas zu stammen scheint.

Brother Dege wurde in Louisiana geboren und wuchs mit Rock-, Blues- und CajunMusic auf. Seine Lieder handeln dementsprechend vom freien Leben in den Sümpfen und von Abenteuern im Herzen des amerikanischen Südens. Neun Alben hat der Mittvierziger bislang veröffentlicht, dazu zwei Bücher geschrieben und einige Zeit als Journalist gearbeitet.


 “Für mich war Jimmy Page immer ein Genie – wie Wagner.”


Wir trafen den vielseitigen Künstler bei einem Konzert im Wilhelmshavener Pumpwerk und unterhielten uns mit ihm über sich, seine Kunst und seine eher unorthodoxe Spielweise. Bei dieser Gelegenheit entdeckten wir übrigens noch einen weiteren fabelhaften Slide-Spieler und Violinisten: Tom Portman, ein in seiner Heimat Irland beliebter Live-Performer, dessen aktuelles Werk „White Crow“ jedem Akustik-Blues-Fan wärmstens ans Herz gelegt sei. Hier nun aber das interessante Gespräch mit Brother Dege Legg.

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(Bild: MATTHIAS MINEUR)

Dege, obwohl du schon seit vielen Jahren Musik machst, begründet sich deine momentane Popularität vor allem auf den Song ,Too Old To Die Young‘ aus dem Film Django Unchained. Wie kam es dazu?

Brother Dege: Der Song entstand in allerkürzester Zeit. Ich hatte dieses Riff, dann ein zweites Riff. Ich mag es, wenn in einem Song mehrere Riffs zu finden sind. Ich stehe auf Rock’n’- Roll und Heavy Metal mit starken Riffs, aber für mich steht immer der Song im Mittelpunkt, die Riffs müssen ihm dienen. Ich hatte die Idee zu einem Text übers Überleben und über die Kunst, auch mit schwierigen Dingen klarzukommen. Man hat mir erzählt, dass Tarantino das Stück im Auto auf dem Weg nach Hause im Radio entdeckt habe. Es gefiel ihm auf Anhieb. Angeblich soll er gesagt haben: „Was zum Teufel ist denn das?“ Also nahm er die Nummer für seinen Film, worüber ich mich natürlich total freue. Zumal er exakt die Version wählte, die ich zwei Jahre zuvor aufgenommen hatte.

Tarantino hat deiner Karriere damit sicherlich sehr geholfen, oder?

Brother Dege: Er hat mir jedenfalls nicht geschadet. (grinst) Ich bin kein Künstler mit großer Plattenfirma im Rücken, hinter mir stehen keine Menschen mit viel Geld, die meine Sachen promoten. Dass Tarantino den Song genommen hat ist in etwa so, als wenn der Kunstpapst zu mir gesagt hätte: „Hey Mann, ich taufe dich!“ Es ist wirklich toll, ich bin ihm dafür sehr dankbar.

Der Song basiert auf einem Slide-Intro und einem kraftvollen Slide-Riffing. Wer hat dich diese etwas unorthodoxe Art des Spielens gelehrt?

Brother Dege: Niemand, wirklich niemand. Ich hatte nie auch nur eine Unterrichtsstunde. Ich experimentierte einfach mit der Gitarre, suchte Griffe, die funktionierten und hielt sie in Tabulaturen fest, damit ich sie nicht vergesse. Oder ich fotografierte die Griffe, was ich auch heute noch mitunter mache. Manchmal spiele ich vor mich hin, finde etwas, das toll klingt, und denke: „Verdammt, was ist das denn jetzt?“ (lacht) Irgendwann kaufte ich mir ein Gitarrenlehrbuch, schaute mir die dort beschriebenen Akkorde an und merkte, dass ich ein paar Dinge intuitiv richtig gemacht hatte. Ich lernte, wie man Powerchords greift, wie ein Akkord überhaupt aufgebaut ist

Diese unbedarfte Herangehensweise gilt auch für dein Slide-Spiel?

Brother Dege: Absolut, auch da gab es nie irgendeinen Unterricht. Mir gefiel der Sound von Slide-Gitarren, aber ihn von der Pike auf zu lernen erschien mir zu kompliziert. Also entschied ich mich, es auf meine eigene Weise zu lernen. Ich muss zugeben, dass es sehr lange dauerte, bis ich es einigermaßen konnte, und noch viel länger, um es wirklich gut zu machen. Aber rückblickend denke ich, dass ich es richtig gemacht habe, denn so konnte ich einen eigenen, signifikanten Stil entwickeln, auch wenn er vermutlich nicht schulbuchmäßig ist.

Brother Dege: Ich vergleiche es mit Tony Iommi, dem eine Fingerkuppe fehlt und der deswegen seinen Stil ändern musste, woraus der typische Black-Sabbath-Stil entstand. Ich finde, jeder sollte seine Schwächen kennenlernen, denn sie sind die Faktoren, die das eigene Spiel so einzigartig machen. Das, was man gerade nicht spielt, unterscheidet einen nämlich möglicherweise von allen anderen Gitarristen. So jedenfalls lautet meine kleine Philosophie zu diesem Thema.

In deinem Fall hat sie ja auch glänzend funktioniert.

Brother Dege: Richtig. Ich meine: Es gibt 16-jährige Kids, die mich und die Hälfte aller übrigen Gitarristen mühelos an die Wand spielen. Aber können sie auch wirklich gute Songs schreiben? Können sie etwas Einzigartiges kreieren? Manche sind dazu sicherlich in der Lage, aber können es wirklich alle? Ich weiß es nicht. Jeder muss seinen eigenen Stil entwickeln, und dafür bedarf es Zeit und Muße.

Du hast also nie gecovert, sondern immer eigene Songs geschrieben?

Brother Dege: Ja, von Anfang an. Der Grund war, dass ich dachte, Stücke wie Led Zeppelins ,Stairway To Heaven‘ niemals lernen zu können. Ich hatte den Eindruck, dass ich vorher Richard Wagner studieren müsste, bevor ich mich an ,Stairway To Heaven‘ heranwagen kann. Für mich war Jimmy Page immer ein Genie – wie Wagner. Also wählte ich den längeren Weg um all diese Klassiker herum und suchte meinen eigenen Pfad in die Musik. Natürlich dauerte dies eine halbe Ewigkeit, aber so komponierte ich von Beginn an eigene Stücke, was mir später zugutekam. Ich besaß meine eigenen kleinen Songs, anstatt die Musik von Van Halen oder Konsorten zu lernen.

Waren deine ersten Songwriting-Versuche vergleichbar mit dem, was du heute spielst?

Brother Dege: Ja, es bestehen kaum Unterschiede. In den frühen Neunzigern nahm ich ein paar Demo-Tapes auf, sie klingen ganz ähnlich wie das, was ich auf meinem aktuellen Album ,How To Kill A Horse‘ eingespielt habe. Es ist das, was intuitiv aus mir herausströmt, wenn ich eine Akustikgitarre oder eine Dobro in die Hand nehme. Natürlich war dies anfangs noch unreif und technisch nicht auf dem heutigen Stand, aber meine Handschrift war schon damals eindeutig zu erkennen. Andere Gitarristen haben eine tolle Technik, ein Gefühl für Stimmungen oder bestimmte Harmonien, ich dagegen habe ein Händchen für gute Songs.

Und ganz ehrlich: Ich denke, dass dies der Grund ist, weswegen mir die Leute zuhören und nicht nur den Tarantino-Song mögen. Sie entdecken bei mir noch weitere gute Kompositionen. Gute Songs sind das entscheidende Kriterium für den Zuspruch des Publikums. Man kann der schnellste Gitarrist dieses Planeten sein, das Griffbrett rauf und runter sausen, doch wenn man (singt) „all the leaves are brown“von The Mamas & The Papas (aus ,California Dreamin’‘) hört, hat man die vielen vorherigen Gitarrennoten sofort vergessen. An dieses Stück wird man sich sein Leben lang erinnern, denn es ist ein richtiger Song. Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Kunst heutzutage vergessen ist, nämlich dass es der Song, der Sound und die Seele des Komponisten sind, die wahre Magie auslösen.

Ich weiß nicht, ob ich damit Recht habe, aber es ist zumindest mein Ansatz. Ich versuche herauszufinden, was ich da eigentlich mache, und versuche diese Fähigkeit möglichst lebendig zu halten.

Du hast zwei Gitarren auf der Bühne, die Regal-Dobro und eine DiPintoMach-IV-Custom-E-Gitarre. Welche ist für dich einfacher zu spielen?

Brother Dege: Kann ich nicht sagen. Früher spielte ich in einer Hardrock-Band in Louisiana eine Art psychedelischen Southern-Rock. Wir waren höllenlaut, und immer wenn ich nach einer Probe oder einem Gig nach Hause kam, schnappte ich mir meine Dobro, um mich wieder runterzufahren. In der Band hatten wir riesige Verstärkeranlagen und all dieses Zeugs, als Ausgleich brauchte ich die ruhige Atmosphäre. Es ist ein wenig wie bei Neil Young, der manchmal mit Crazy Horse spielt, manchmal jedoch lieber Stücke von ,Harvest Moon‘ anstimmt. Auf diese Weise fing ich überhaupt erst mit der Dobro an. Ich mag beide Welten.

Wenn ich mit meiner aktuellen Band spiele, brauche ich ein Standard-Tuning und nehme deswegen die elektrische Gitarre. Für die Open-Tunings und die Slides greife ich dagegen zur Dobro. Irgendwie funktioniert dieser Spagat, auch wenn ich noch dabei bin herauszufinden, wie man beide Welten auf der Bühne zusammenbringt. Die Dobro hat einen Metall-Resonator, und wenn man sie, so wie ich, über einen Verstärker spielt, bekommt man einen ziemlich wilden Sound. Mitunter wird man von den Rückkopplungen fast erschlagen und muss hart kämpfen, um das Fiepen in den Griff zu bekommen. Aber manchmal setzt man das Feedback sogar bewusst ein und lässt die Gitarren absichtlich fiepen. Ich bin noch dabei, den bestmöglichen Mittelweg zu finden.

Erzähl etwas über die Dobro, die du auf dieser Tour dabei hast.

Brother Dege: Es ist ein eher billiges Exemplar. Das teurere, eine echte Nashville Dobro, habe ich vorsichtshalber zu Hause gelassen, weil ich Angst davor habe, dass ich sie unterwegs zerstöre. Ich gehe nicht allzu pfleglich mit meinen Gitarren um, ich werfe sie herum, lasse sie auf den Boden fallen, deshalb muss auf dieser Tour ein günstiges Modell reichen. Ich nenne meine aktuelle Dobro „Dingo“, ich habe sie vor zwei Monaten gekauft. Bei meiner letzten Dobro – sie hieß „Ziggy“ – ist der Hals gebrochen. Für mich macht es sowieso keinen großen Unterschied, ob ich mit einer teuren oder billigen Gitarre spiele. Der Sound kommt eh aus den Fingern.

Seit zwei Jahren lebst du komplett von der Musik. Ist damit ein lang gehegter Traum wahrgeworden?

Brother Dege: Oh ja, absolut. Wobei: Ich bin nicht reich, ich fahre nicht mit Limousinen durchs Land, sondern lebe sehr bescheiden. Ich besitze kein großes Auto, ich wohne zusammen mit meiner Freundin in einem kleinen Appartement zur Miete und brauche nicht viel Geld. Ich verzichte auf überflüssigen Schnickschnack und setze meine Ressourcen sehr ökonomisch ein, wie Mike Watt von den Minutemen sagen würde. Für mich ist das absolut okay. Ich meine: Du kennst das Business, es ist hart und mühsam. Ich habe mich nicht dafür entschieden, weil ich reich werden will. Für mich ist es einfach großartig, dass ich von meiner Musik leben kann. Für mich ist Geld dazu da, um das fortsetzen zu können, was ich mache. Ich kann meine Rechnungen zwar nicht locker aus der Portokasse bezahlen, aber immerhin kann ich sie begleichen … Man sollte immer hungrig bleiben und das, was man tut, leidenschaftlich lieben.

Gutes Schlusswort. Danke Dege, für das interessante Gespräch!

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Bin durch Zufall auf Brother Dege gestoßen (bin selbstr Hard-Rock-Fan) und war Hin und Weg, einfach phantastisch, mach weiter so

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