Interview:

Boss Hog & Jon Spencer: Krach-Meister

17 Jahre nach ihrem letzten Album ,Whiteout‘ melden sich Jon Spencer und Göttergattin Cristina Martinez völlig überraschend mit einem neuen Werk zurück. Der Titel: ,Brood X‘. Die Message: Dreckiger, rebellischer Rawk’n’Roll gegen den globalen Wahnsinn. Die Lautstärke: infernal.

Bronze Rat

Eigentlich sollte er Koffer packen, die Zeitung und die Post abbestellen, die Katzen und Blumen in Pflege geben und die Heizung herunterdrehen – denn einen Tag nach dem Gitarre-&-Bass-Termin bricht Jon Spencer zu einer zweiwöchigen Europatournee auf. Doch solche Banalitäten überlässt der 51-Jährige lieber seiner Gattin Cristina Martinez, einer Art Morticia Addams des Indie-Rock – während er an den täglichen Mittags- und Abend-Demos gegen Donald Trump teilnimmt. „Das ist momentan das Wichtigste. Nämlich Widerstand zu leisten und den Bastarden die Stirn zu bieten“, sagt er. „Es ist das erste Mal seit den späten 60ern, dass es wieder eine landesweite Protestbewegung gibt. Und das ist großartig. Das muss man unterstützen.“

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Dagegen ist Boss Hog, seine Zweit-Band neben der sagenumwobenen Blues Explosion ganz klar ein Spaß-Projekt. Ein fünfköpfiges Kollektiv, das alle Jubeljahre auf Tournee geht (zuletzt 2008) und seit 2000 ohne neuen Tonträger auskommt. Aus gutem Grund, wie Jon im Folgenden erklärt.

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Warum hat es geschlagene 17 Jahre gedauert, ehe Boss Hog endlich ein neues Album veröffentlicht?

Jon Spencer: Na ja, mit dem letzten, mit ,Whiteout‘, waren wir sehr lange unterwegs – weit über ein Jahr. Danach mussten wir uns einfach eine längere Pause gönnen. Zumal wir einen kleinen Jungen hatten, der 2001 vier Jahre alt war und in den Kindergarten und danach in die Schule kam. Da war es uns wichtig, uns richtig um ihn zu kümmern und ihm ein normales, stabiles Zuhause zu bieten. Als er noch ein Baby war, haben wir ihn einfach mit auf Tour genommen. Er hat also eine Menge Zeit Backstage oder im Tourbus verbracht und wir haben ihn überall dabei gehabt. Insofern war es nicht so, dass wir dachten: Diese beiden Sachen lassen sich nicht miteinander vereinbaren. Aber Cristina bestand darauf, das eine über das andere zu stellen, und sich ganz darauf zu konzentrieren. 2008 sind wir dann wieder gelegentlich aufgetreten. Aber halt sehr sporadisch. Lustigerweise ist es immer noch wie in unseren Anfangstagen: Boss Hog fing als eine Gruppe von Freunden an, die sich gerne unterhalten und noch lieber gemeinsam Krach machen. Es war mehr eine soziale Sache – und so ist es nach wie vor. (lacht) Die letzten acht Jahre treffen wir uns wieder alle paar Wochen, schreiben ein paar Songs, reden über Dinge und haben den einen oder anderen Drink. Es ist eine nette Konstellation. Und die genieße ich sehr. Vor drei Jahren haben wir uns entschieden, das ernsthafter voranzutreiben und ein Album anzugehen.

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Weil Charlie inzwischen aufs College geht und nicht mehr zu Hause wohnt?

Jon Spencer: (lacht) Das spielt da auch mit rein. Wir sind ein bisschen freier. Aber wir können leider nicht richtig viel touren, weil jeder in der Band noch einen regulären Job oder eine Karriere außerhalb der Musik hat. Schließlich sind wir nicht mehr zwanzig und kündigen gleich, um lieber acht Wochen zu touren. Das ist vorbei. Die Prioritäten haben sich geändert. Aber wir versuchen immer noch so viel zu machen, wie eben möglich.

Also ist New York City so teuer, dass man sich die Stadt als Indie-Musiker im Grunde kaum noch leisten kann?

Jon Spencer: Das ist wirklich ein Problem. Es ist wahnsinnig teuer geworden, und sich hier eine netteWohnung zu leisten, ist purer Luxus.

Ihr habt in der Tradition der Stooges angefangen, mit ,Whiteout‘ wurde der Sound dann elektronischer und mit dem Solex-Projekt kamen sogar noch Beats dazu. Wo seid ihr heute? Wieder bei den Garagen-Anfängen?

Jon Spencer: Toll, dass du die Solex-Platte erwähnst, die ich für sehr cool halte. Wo Boss Hog heute steht, ist dagegen eine schwierige Frage. Da bin ich mir nicht sicher – außer, dass ,Brood X‘ weniger elektronisch ist als ,Whiteout‘. Es sind weniger Studio-Tüfteleien am Start. Der Fokus von ,Brood X‘ liegt eher auf der Band an sich, und wie sie die Songs darbietet. Also auf dem Spielerischen statt dem Technischen.

Und das mit einer Extraportion Groove?

Jon Spencer: Die haben wir immer – das sind unsere Funk- und HipHop-Einflüsse, und Hollis Queens ist eine sehr starke Drummerin und Performerin. Außerdem hat Bill Skibbe, der uns bei den Aufnahmen als Tontechniker unterstützt hat, einen tollen Job beim Drum-Sound geleistet. Trotzdem ist da natürlich immer noch etwas von den Stooges – ohne geht es einfach nicht. (lacht)

,Brood X‘, die böse Brut, ist das ein politisches Statement – ein Seitenhieb auf Trump?

Jon Spencer: Na ja, die Songs sind stellenweise schon vor langer Zeit entstanden, also vor der Wahl am 8. November. Aber wenn ich mir das Album heute anhöre, dann reflektieren Cristinas Texte schon das Gefühl der Zeit. Und sie gewinnen an zusätzlicher Tiefe und Bedeutung. Es sind melancholische Stücke mit Blues-Einflüssen und Protest- Charakter. Sprich: Sie sind sehr aktuell.

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Wie Aufforderungen zur militanten Rebellion?

Jon Spencer: Für mich ja. (lacht) Und es ist wichtig, dass es so etwas noch gibt – schließlich geht es um viel. Wir müssen etwas tun, wir müssen uns kümmern und Stellung gegen diese Art des Bösen beziehen, die Trump verkörpert. Schließlich war Rock’n’Roll für mich schon immer revolutionär.

Deine Instrumente waren meist eher retro. Darf man fragen, was du auf dem Album spielst?

Jon Spencer: Alte Harmony-Gitarren aus den späten 60ern. Die benutze ich schon länger. Ich habe ein paar von diesen schwarzen Solidbodies. Einfach, weil das kleine Gitarren sind. Und ich habe sie bereits auf dem letzten Boss-Hog-Album verwendet. Also auf ,Whiteout‘. Sie sind das, was ich für diese Band einsetze.

Wie bist dazu gekommen?

Jon Spencer: Harmony ist eine Firma aus Chicago, die lange nicht mehr existiert, die 1975 pleite gegangen ist. Sie haben z.B. die Silvertone Gitarren gebaut, die von Sears, von diesemgroßen Kaufhaus, vertrieben wurden. Und die Harmony, die ich spiele, sehen den Silvertone sehr ähnlich. Der Grund, warum ich mich dafür entschieden habe, ist einfach der, dass sie klein und leicht sind und insofern gut zu mir passen. Außerdem sind sie billig. In den 90ern hat man noch viele günstige Amps und Gitarren bekommen, und es gab bestimmte Marken, die besonders billig waren. Wie Silvertone, Harmony oder Teisco aus Japan. Es war Equipment, das nicht besonders gefragt war und meistens verramscht wurde. Von daher gab es da ziemliche Schnäppchen.

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War das der Hauptgrund, warum du dich dafür entschieden hast?

Jon Spencer: Nein – die Teile sehen auch cool aus und klingen gut. Weshalb sich die Frage stellt: Was will man mehr? Sie hatten alles, was ich wollte und waren nicht so eine kostspielige Investition wie eine Telecaster.

Bist du ein Sammler?

Jon Spencer: Nicht wirklich. Ich kenne Leute, die da sehr ehrgeizig und ambitioniert sind – auf mich trifft das definitiv nicht zu. Ich stehe zwar auf coole, alte Sachen und habe auch ein paar, aber ich bin kein ernsthafter Sammler. Bei Boss Hog verwende ich die Harmony. Und ich habe jetzt ein Fuzz- Pedal, das eine Neuanschaffung ist. Auf der Europa-Tournee bekomme ich wahrscheinlich eine neue Ausgabe des Vox AC30 von dem Verleih, mit dem wir arbeiten. Das ist OK, damit komme ich prima klar. Ich mag zwar alte Sachen, aber ich bin niemand, der darauf besteht, der da keine Kompromisse eingeht, sondern alles so machen möchte wie 1962. Das ist nicht mein Ding. Wenn etwas funktioniert und mir dabei hilft, meine Songs hinzukriegen – OK! Wo ist das Problem? Außerdem sind Scheiß-Gitarren günstiger zu versichern und werden nicht so oft geklaut. Ich schätze, deswegen habe ich auch keine 20.000-Dollar-Gitarren. Was ich spiele, ist wertvoll für mich – aber nicht so sehr für andere Leute. Damit ließe sich nicht viel Geld auf dem Schwarzmarkt machen. So viel ist sicher.

Betreibst du noch Gear-Shopping, wenn du auf Tour bist?

Jon Spencer: Das habe ich vor 20 Jahren gemacht, aber heute sind die Sachen viel zu teuer. Früher konnte man auf einer US-Tour die tollsten Dinge finden – etwa coole Amps oder coole Gitarren für fast gar nichts. Oder tolle Platten für ein paar Cents. In den Pfandleihen, den Junk-Läden und den Gebrauchtwaren- Shops gab es echte Schätze. Auch tolle Klamotten. Das ist alles weg. Oder es ist so teuer, dass es sich nicht mehr lohnt … Aber ich habe eh genug Kram. Ich brauche nicht noch mehr. Wenn mir jemand ein Album geben will – dafür bin ich immer zu haben. Und ich bekomme wahnsinnig viele Alben auf Tour geschenkt, was ich sehr nett finde. Genau wie Fuzz-Boxes! Im Ernst, das passiert sehr oft, und ich finde das einfach toll. Da sind Leute, die mich nach einer Show ansprechen: „Hey, ich baue diese Dinger – willst du die mal ausprobieren?“ Ich muss sagen, das ist ein wunderbares Geschenk – nämlich handgemachte Fuzz-Boxen, die jemand zu Hause in seiner Garage herstellt, und die meistens ziemlich gut sind.

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Ziehst du eine klare Trennung zwischen Blues Explosion und Boss Hog?

Jon Spencer: Ja! Bei der Blues Explosion benutze ich eine Zim-Gar, eine obskure Gitarre aus den 60ern – mit einem Pickup, und dazu Transistor-Amps. In letzter Zeit, also in den letzten fünf bis sechs Jahren, sind es ein Peavey- und ein Kustom- Amp, ein alter Kustom. Alles Transistor-Amps. Aber Boss Hog ist halt eine andere Band, und von daher benutze ich da auch eine andere Gitarre, nämlich die Harmony, und einen Röhrenverstärker. Im Studio, also als wir ,Brood X‘ gemacht haben, benutzte ich eine Auswahl von sehr merkwürdigen alten Amps. Das war eine weitere Sache, die das Arbeiten in der Key Club Recording Company so angenehm gemacht hat – die wunderbare Auswahl an Equipment. Von daher habe ich mich nach den einzelnen Songs gerichtet und immer neue Amps verwendet – oder eine bestimmte Fuzz-Box, ein Tape-Delay, was-auch immer.

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Spielzeugparadies?

Jon Spencer: Genau! Es ist eines dieser Studios, wo man verschiedene Sachen ausprobieren und einfach Spaß haben kann, indem man bei jedem Song etwas anderes verwendet. Und live halte ich das Set-up gerne sehr simpel, weil da wirklich gilt: Je simpler, desto besser.

Hast du deine allererste Gitarre noch?

Jon Spencer: Aber sicher! Das ist die, die ich für meine Band Pussy Galore verwendet habe. Eine japanische Gitarre, die nicht mal einen Namen besitzt. Also es ist nicht mal eine Kopie von irgendetwas – es ist einfach irgendetwas wild Zusammengesetztes aus den 60ern.

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Wird es je ein Jon Spencer Signature- Modell geben?

Jon Spencer: Wahrscheinlich eher nicht! (lacht) Ich meine, wer sollte die bauen wollen – und für wen? Daran würde niemand Geld verdienen. Und es gibt garantiert auch keine Nachfrage. Also bislang hat sich jedenfalls noch niemand gemeldet, der unbedingt so ein Teil möchte.

Aber du machst das schon so lange und hast eine Fan-Base, zu der auch ein paar Musiker gehören dürften …

Jon Spencer: Trotzdem glaube ich, dass ich keinen guten Gitarrengott abgebe – ich bin einfach ein Krachmacher. Aber das beherrsche ich umso besser!


Discografie

  • Drinkin’ Lechin’ & Lyin’ (1989)
  • Cold Hands (1990)
  • Boss Hog (1995)
  • Whiteout (2000)
  • Brood X (2017)
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Equipment

  • Gitarren: 1996 Fender Standard James Burton Tele, diverse 1960s Harmony-, Silvertone- und auch Teisco- Solidbodies, 1960s Kent Americana, 2005 Squier Deluxe Trans Strat, 1960s Truetone Speed- Demon, Tokai L592, 1960s Zim-Gar
  • Effekte: Boss Chromatic Tuner, C. Bread Semaphore, Deluxe Memory Man, Dod 490 Phasor, E13 Soda Meiser, Fender Blender, 70s Morley Power FuzzWah, Mu-Tron Octave, Rat 2 , ZVEX Lo-Fi Loop Junky, Alesis Airfx Theremin Rig
  • Amps: 1966 Fender AB165 Bassman, Epiphone Valve Junior, Kustom 50W + Voxx 212 Cabinet, Kustom 100W, Mesa Boogie MK III mit MB 212 Cabinet, Peavey, Randall Commander 210, Sunn Alpha 212 Solid State, Thunderverb 50, Univox Minimax U4100, Vox AC30

Aus Gitarre & Bass 04/2017

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