St. Vincent

Annie Clark über Cobain, Dimebag und ihre Signature-Gitarre

Annie Clark
(Bild: Ernie Ball)

Sie ist Everybody‘s Darling: Die 35-jährige New Yorkerin begeistert Kritiker wie Kollegen, feiert beachtliche kommerzielle Erfolge und ist seit Kurzem sogar Stammgast in der Boulevard-Presse. All das verarbeitet sie auf ihrem Album ,Masseduction‘, das ein schweres Erbe antritt: Der Vorgänger wurde 2014 mit einem Grammy prämiert. Wie sie mit den Erwartungshaltungen und dem Rummel um ihre Person umgeht, erfuhr G&B in London.

Ein hippes Luxushotel in der englischen Hauptstadt: In der Lobby trifft man Brandon Flowers von den Killers. An der Bar sitzt Paul Weller zum Nachmittags-Bier und in der Bibliothek empfängt Annie Clark alias St. Vincent bei Tee und Kaminfeuer.

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interview

Auf dem Cover von ,Masseduction‘ streckst du uns den Allerwertesten entgegen. Ein Statement wofür oder wogegen?

Annie Clark: Für Spaß – dafür, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Und gegen die verbissene Ernsthaftigkeit der Rock- oder Pop-Musik. Beide nehmen sich viel zu wichtig. Dabei sollte es eigentlich um Entertainment gehen, um Spaß. Nur: Der scheint irgendwie auf der Strecke geblieben zu sein.

Also keine Koketterie in Sachen „Sex Sells“?

Annie Clark: Das spielt da auch mit rein. Frauen, die in der Pop- und Rockmusik erfolgreich sein wollen, müssen immer noch viel nackte Haut zeigen und sich betont sexy geben. Oder würde irgendjemand ein Beyoncé- Album kaufen, wenn sie sich darauf ganz bieder und zugeknüpft geben würde? Es reicht nicht, dass sie eine starke Sängerin ist. Es muss noch ein bisschen mehr sein. Und bei Lady Gaga, Mylie Cyrus, Madonna, und, und, und ist es ja nicht anders.

Auch bei Annie Clark?

Annie Clark: Ich erachte mich nicht als besonders sexy – beim besten Willen nicht. Deshalb habe ich mein Profil auch nie zu diesem Zweck eingesetzt. Dass ich jetzt meinen Hintern in die Kamera halte, der vielleicht ganz nett, aber eben nicht nackt ist, hat eher etwas von „hier bitte – wenn ihr es unbedingt braucht.“ Aber ich glaube nicht, dass deswegen gleich Millionen von Männern, denen meine Musik sonst völlig egal ist, meine Platten kaufen werden. So toll ist mein Allerwertester nun auch nicht … (lacht)

Macht dich der Druck und die Erwartungen nach dem Grammy für dein letztes Album eher kämpferisch oder belastet er dich?

Annie Clark: Ich empfinde ihn nicht als Belastung. Und als ich dieses Album anging, habe ich keinerlei Druck gespürt. Ich habe nur noch mehr Zeit darauf verwendet. Ich wollte sicherstellen, dass alle Songs hieb- und stichfest sind. Und allein das war eine Herausforderung. Eine, die ich als spannend empfand. Und das Seltsame ist: Normalerweise bin ich eine sehr ängstliche Person – in allem. Denn die Welt ist ein furchteinflößender Ort. Nur: Die Erwartungen haben mich kein bisschen eingeschüchtert. Ich wollte es so gut machen wie möglich. Das war im Grunde schon immer mein Ethos. Nach dem Motto: Wenn man seine gesamte Energie in die Musik legt, zahlt sich das mit ein bisschen Glück auch aus.

Annie Clark

Hast du ein eigenes Studio, um deine musikalischen Ideen umzusetzen?

Annie Clark: Ich habe mir extra für dieses Album ein Studio in Los Angeles eingerichtet, in dem ich schreibe und aufnehme. Und zwar größtenteils alleine. Was auch bedeutet, dass die meisten Demos die ich anfertige, die finalen Songs auf dem Album sind. Denn irgendwie ist die Idee eines Demos, einer Songskizze, in der heutigen Zeit ja völlig antiquiert. Wir haben die Technik, um etwas wirklich gut klingen zu lassen – egal, wann und wo wir Ideen entwickeln. Wir müssen nicht mehr diesem altmodischen Ansatz folgen von wegen: „Dies ist die raue, ungeschliffene Version. Aber wenn ich in ein richtiges Studio gehe, wird es auch richtig klingen.“ Das existiert nicht mehr.

Du hast eine Gitarre für Ernie Ball Music Man entwickelt, die sich speziell an Frauen richtet. Was verbirgt sich dahinter?

Annie Clark: Na ja, sie ist ergonomisch und extrem leicht, aber auch geschlechtsneutral. Als sie angekündigt wurde, habe ich mich zu einem Witz auf Instagram hinreißen lassen. Ich sagte, dass da Platz für die eine oder andere Brust wäre, wenn man sie sich umschnallt. Das war natürlich nicht ernst gemeint. Und ich wünschte, ich hätte mich da zurückgehalten. Denn natürlich wurde das überall aufgegriffen. Eben, dass ich eine Gitarre eigens für Frauen entworfen hätte. Was nichts anderes bedeutet, als dass Frauen etwas Besonderes benötigen. Als wären sie behindert und bräuchten ein Instrument, das diesem Umstand gerecht wird. Und das war nun wirklich nicht meine Intention. Es ist einfach eine tolle Gitarre. Die einzige, die ich auf dem neuen Album spiele. Und ich liebe Gitarren! Ich habe hunderte davon. Aber momentan benutze ich nur die Ernie Ball.

Wie bist du überhaupt auf Ernie Ball gekommen?

Annie Clark: Weil ich jahrelang die Music Man Albert Lee gespielt habe – eine wunderbare Gitarre, die ich vor allem auf der Bühne eingesetzt habe. Ich bin nicht besonders groß und nicht kräftig gebaut. Was bedeutet: So sehr ich eine Les Paul aus den 70ern zu schätzen weiß – ich könnte sie niemals auf der Bühne einsetzen, sofern ich nicht einen eigenen Chiropraktiker dabei hätte. Insofern brauche ich etwas Leichtes, Griffiges, das mir keine körperlichen Schmerzen bereitet. Deswegen auch der Kemper-Amp, den ich schon seit 2011/2012 verwende. Und der sehr funktional ist.

Am Anfang meiner Karriere – als ich mit Polyphonic Spree und Sufjan Stevens unterwegs war – hatte ich einen Vintage-Kalamazoo von 1966. Ein kleiner Amp, durch den man jede Menge Signale jagen kann und der einen vollen Sound besitzt. Aber damit habe ich aufgehört, weil diese Vintage- und Custom-Sachen viel Aufmerksamkeit, Wartung und Pflege brauchen. Zu viel, wenn man lange unterwegs ist. Also entschied ich mich für den Kemper, der wirklich gut funktioniert. Meine aktuelle Show ist programmiert, was die Effekte betrifft. Ich programmiere mein Pedal-Board und mein Keyboarder verwendet Ableton und wechselt damit die Programme. So muss ich nicht ständig mein Board im Auge behalten, sondern kann mich auf andere Dinge konzentrieren.

Annie Clark
(Bild: Ernie Ball)

Greifst du im Studio auf Vintage-Sachen zurück?

Annie Clark: Und wie! Da habe ich einen Danelectro aus den 60ern. Genau wie jede Menge Effekte – also im Grunde alles, was ich in die Finger kriege. Ich muss alles ausprobieren, weil ich wahnsinnig neugierig bin, welche Sounds sich erzielen lassen und welche Türen sich mir klangtechnisch öffnen. Damit kann ich Stunden, wenn nicht Tage verbringen. Obwohl: Ich habe auch ein paar kleine, alte Amps, bei denen ich ohne Effekte auskomme. Bei denen ich den Klang der natürlichen Verzerrung liebe.

Was hast du an der Ernie Ball geändert oder modifiziert? Wodurch zeichnet sich dein Signature-Modell aus?

Annie Clark: In erster Linie ist es leicht – was ich sehr wichtig finde. Und der Korpus ist flach, wodurch sie sehr angenehm zu spielen ist. Eben nicht klobig und schwer, sondern das exakte Gegenteil davon. Sie ist ein Leichtgewicht, aber mit einem vollen Sound. Farblich kommt sie in Schwarz, Polarweiß, Heritage Rot, Tobacco Burst oder St. Vincent Blau – eine Farbe, die ich selbst kreiert habe.

Du bist Absolventin der Berklee School Of Music und Nichte von Tuck Andress (Tuck And Patti). Wer hat dich als Gitarristin am meisten geprägt? Und warum spielst du, wie du spielst – extrem unkonventionell?

Annie Clark: Der Grund, warum ich überhaupt zur Gitarre gegriffen habe, war Kurt Cobain. Er war mein erster Rockstar und der erste Musiker, in den ich als kleines Kind richtig verliebt war. Später habe ich dann eine Vorliebe für Metal-Bands und ihre Gitarristen entwickelt. Ich stand total auf Slayer, Metallica und Pantera. Dimebag Darrell ist einer meiner absoluten Lieblingsgitarristen – immer noch. Ich habe ,Cowboys From Hell‘ rauf- und runtergespielt. Meine Eltern haben das nicht verstanden und dachten, ich wäre krank und bräuchte psychologische Hilfe. Ich war 13 als ich in einem Musikladen Dimebags Signature-Gitarre von der Wand genommen und mich gefragt habe, wie er wohl seinen verrückten Sound aus diesem lackierten Stück Holz mit Saiten herausholt. Das war mir unbegreiflich.

Als es dann YouTube gab, habe ich mir die ganzen Videos dazu angeschaut und begriffen, dass es mit Tapping und einer geradezu athletischen Art des Spielens zu tun hat, die ich sehr mag. Das würde ich auch hinkriegen, wenn ich es müsste. Aber ich bin eher eine Verfechterin der Theorie, dass man nicht wahnsinnig viele Noten verwenden sollte, nur weil man es kann und damit angeben möchte. Es macht zwar Spaß, Dimebag dabei zuzuhören, aber ich für meinen Teil bemühe mich, mit Bedacht an einen Song heranzugehen und beizusteuern, was er wirklich braucht.

Annie Clark
(Bild: Ernie Ball)

Bei allem Feminismus legst du auf der Bühne, in Videos und auf Pressefotos viel Wert auf dein Erscheinungsbild. Ist das Teil deiner künstlerischen Selbstdarstellung? Gehört das eher zu St. Vincent als zu Annie Clark – die sich dahinter versteckt?

Annie Clark: Wenn du auf die Bühne gehst und die Leute quasi dazu nötigst, dich anzuschauen, musst du auch gewisse Anstrengungen darin investieren, wie du dich präsentierst. Denn es ist nun mal eine Show. Ich mache mir viele Gedanken über das kreative Gesamtpaket. Über die visuelle Präsentation. Schließlich bin ich ein Teil davon. Es ist ein bisschen so, als würde ich in die Rolle eines Regisseurs schlüpfen und mir selbst Anweisungen geben, wie ich mich am besten von mir selbst löse. Ich bin in den frühen 90ern aufgewachsen, einer Zeit, in der man als Künstler und Fan nicht mehr als Musik brauchte. In der Authentizität wichtig war. Man benötigte keine Lichtshow, man ist einfach im Holzfällerhemd auf die Bühne gegangen und hat gespielt. So lange, bis Authentizität zur Pose verkommen ist.

Sagt der bekennende Nirvana-Fan, der die verbliebenen Mitglieder der Grunge-Ikonen 2014 in die Rock’n‘Roll Hall Of Fame eingeführt hat?

Annie Clark: Ich kann immer noch nicht glauben, dass das passiert ist. Ich empfand das als unglaubliche Ehre. Ich meine, ich war immer ein Riesen-Cobain-Fan. Schon seit der Grundschule. Das war damals ein Schlüsselerlebnis – nicht nur für mich, sondern für eine ganze Generation. Es hat meinen Musikgeschmack, mein Weltbild und meinen DIY-Ansatz geprägt.

Nämlich wie?

Annie Clark: Dass man keine große Plattenfirma mit wer weiß wie viel Marketing braucht, kein durchgestyltes Image und keine überzogene Selbstinszenierung. Und man muss kein Virtuose auf der Gitarre sein, um einen spannenden Song zu schreiben. Man braucht nur eine starke Idee und muss etwas zu sagen haben. Man muss seine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen. Ansonsten sollte man besser den Mund halten.

Würdest du der These zustimmen, dass Grunge so etwas wie die letzte große Revolution der Rockmusik war? Und dass danach – bis zum heutigen Tag – nicht mehr viel passiert ist?

Annie Clark: Ich weiß es nicht. Aber ich denke, die Kids da draußen haben langsam genug von der Laptop-Musik und kehren zurück zur Gitarre. [2918]

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2017)


diskographie

  • Marry Me (2007)
  • Actor (2009)
  • Strange Mercy (2011)
  • Love This Giant (2012)
  • St. Vincent (2014)
  • Masseduction (2017)

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