Legendäre Dauerbrenner

Verschiedene Celestion Greenbacks im Test

Greenbacks

Mit dem Wunsch nach immer höherer Belastbarkeit von Gitarrenlautsprechern verschwand der Greenback Ende der 70er-Jahre von der Bildfläche. Der Greenback?! Falsch, den einen Greenback als typisches Modell gab es eigentlich gar nicht. Der Name wurde zum Sammelbegriff für eine ganze Familie von Lautsprechern. Wie es ward dereinst, ist es heute wieder. Celestion hat inzwischen sieben Modelle im Katalog, die wir hier mal auseinanderdividieren wollen. Dazu haben wir den ganz neuen V-Type genommen, der eine preiswerte Alternative sein soll. 

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Es muss ca. 1978 gewesen sein, als Celestion den G12-65 als Nachfolger der G12Mund G12H-Modelle präsentierte. Bald darauf wurde der G12M-70 herausgebracht, um alsbald vom G12T-75 ersetzt zu werden, dann kam der G12-80 und so fort. Im Jahre 1986 die erste Rückbesinnung: Der Vintage 30 kommt auf dem Markt und soll an den AlNiCo-Ton der Celestion Bulldogs anknüpfen. Wir wissen, dass er damit letztlich wenig gemein hatte/hat, damals aber war der Speaker mehr vintage im Ton als der Rest von Celestions Gitarren-Speakern. Es musste also etwas anderes her. Die Reinkarnation des G12M-Greenbacks ließ nicht lange auf sich warten, 1989 war es soweit.  

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f a k t e n

Wenn von alten Greenbacks die Rede ist, können verschiedene Speaker-Typen gemeint sein. Die Evolution des ursprünglich mit 20 Watt belastbaren Lautsprechers brachte über die Jahre diverse Versionen hervor. Man sollte zunächst zwischen drei Hauptlinien unterscheiden: Das 20- Watt-Urmodell, den G12M mit kleinem Magnet, und den G12H mit einem großen. Ferner stand früher der Buchstabe „M“ für 25 Watt nominale Belastbarkeit, das „H“ für 30 Watt. Der G12H war ganz am Anfang übrigens auch noch mit 25 Watt spezifiziert. Ohne funktionale Relevanz ist die Tatsache, dass es in späteren Jahren auch Modelle mit creme-grauer und schwarzer Kappe gab. Wichtig ist dagegen, dass mit dem 1968 erschienenen G12M die Speaker in einer Lead-Version mit 75 Hz als Resonanzfrequenz und als Bass-Modell mit 55 Hz erhältlich waren. Das heißt, es wurden unterschiedliche Membranen, englisch: Cones, verwendet. Die Machart der Membran ist, wie man weiß, klangbestimmend. Da Celestion über die Jahre diverse Cone- Typen verwendete, u. a. von unterschiedlichen Herstellern, differieren insofern natürlich auch die tonalen Qualitäten der Speaker. Ohne zu weit in die Historie abschweifen zu wollen, sei in dem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass der Begriff „Pre-Rola“ häufig irreführend verstanden wird. Lautsprecher aus der Zeit, bevor die Labels den Schriftzug „Rola Celestion“ trugen (ab 1970), gelten als besonders begehrt. Wegen ihrer besonderen Tonalität, die ihren Ursprung wiederum in der vom Hersteller Pulsonic zugelieferten Membran hat.

Pulsonic-Cones wurden aber noch weit in die Rola-Zeit hinein verwendet, bis Ende 1973, Anfang 1974. Also, wer einen alten Greenback sucht, meint eigentlich nicht einen aus der Pre-Rola-Phase, sondern aus der Pulsonic-Ära. Die Materialien stehen in Diskussionen um den Ton der alten Green-/Cream-/Blackbacks natürlich immer im Vordergrund. So liegt es nahe, danach zu fragen, inwieweit denn die heutigen Modelle authentisch nachgebaut sind. Celestion jedenfalls nimmt für sich in Anspruch, in der Heritage- Serie die „gleichen Materialien und Konstruktionstechniken“ zu verwenden (klare Aussagen dazu, welche Cones z. B. als Bezugspunkt dienten fehlen allerdings). Mag sein. Aber mal ehrlich, kann man das überprüfen? Wer fühlt sich, selbst als interessierter Enthusiast, in der Lage, das zu beurteilen und mit letzter Gewissheit schlüssige Aussagen dazu zu machen? Möchte jemand Membranen sezieren, Luftspalte vermessen, Schwingspulen vergleichen, und dafür alte Speaker opfern?! Wohl kaum. Es dürfte letztlich auch müßig sein, Vergleiche Neu gegen Alt anzustreben. Das wird ein totes Rennen, ähnlich dem Vergleich alter Vox AC30 mit den jüngeren Neuauflagen. Man müsste ja erst einmal brandneue oder zumindest sehr frische alte Greenbacks auftreiben, damit überhaupt faire Voraussetzungen geschaffen wären. An dieser Stelle soll das auf jeden Fall nicht stattfinden (obwohl ich diverse alte Celestions zur Verfügung habe). Ziel dieses Tests ist, allein die aktuellen Modelle gegeneinander abzugrenzen und so eine Entscheidungshilfe anzubieten. Die Testkandidaten sind im Einzelnen …

Aus der in China gefertigten Classic-Serie:

G12M Greenback, 25 Watt, Empfindlichkeit 98 dB (1Watt/1Meter).

G12M-65 Creamback, 65Watt, Empfindlichkeit 97 dB.

G12H-75 Creamback, 75 Watt, Empfindlichkeit 100 dB.

G12H 70th Anniversary, 30 Watt, Empfindlichkeit 100 dB.

V-Type, 70 Watt, Empfindlichkeit 98 dB.

 

Die Modelle der Heritage-Serie werden in Großbritannien hergestellt:

G12M Heritage Greenback, 20 Watt, Empfindlichkeit 96 dB.

G12H Heritage 75Hz, 30 Watt, Empfindlichkeit 100 dB.

G12H Heritage 55Hz, 30 Watt, Empfindlichkeit 100 dB.

 

Greenback im profil

Die beiden Creambacks sind neu im Programm und waren so gewissermaßen auch der Anlass für diesen Test. Ein G12M und G12H mit mehr als doppelt so großer Belastbarkeit dürfte für viele verlockend sein, die 1×12- oder 2×12-Cabinets an Amps ab 50 Watt Leistung aufwärts betreiben. Das brandneue V-Type-Modell schlägt hier eigentlich aus der Reihe, weil der Speaker per se nicht zu den Greenbacks zählt. Der deutsche Vertrieb stuft ihn aber klanglich als ähnlich ein (obwohl, sein offizieller Pressetext ihn mit dem G12T-75 in Verbindung bringt?!), also haben wir ihn mit in diesen Test aufgenommen. Der wie ablief? Nun, neutral-nüchtern mit Messungen Ergebnisse zu finden, stand von vorneherein nicht auf dem Plan. Ein reiner Hörvergleich sollte die Fähigkeiten der Lautsprecher differenzieren. Dazu wurden sie in hinten wahlweise offene oder geschlossene 4×12- Gehäuse montiert und konnten – „on the fly“ – wechselweise aktiviert werden (inaktive Speaker/Spulen kurzgeschlossen). Für solche Aufgaben habe ich hier zwei Schaltsysteme zur Verfügung, an denen ich mit Fernbedienung gleichzeitig bis zu 13 Lautsprecherwege und acht Verstärker kontrollieren kann. Aus meinem Amp-Fundus traten als Referenz an ein JCM800/2204 , der im Clean- und Overdrive-Bereich nahezu unschlagbare Little Walter 50/22 und der DCP100 von Marble. Hinsichtlich der Kabel hätte ich eigentlich von meinen Vovox-Referenzstrippen gerne noch ein paar nachgeordert, aber das wäre dann doch ein bisschen teuer geworden. Statt dessen fiel die Wahl auf Speaker-Kabel (LY225T) und Instrumentenkabel (Titanium) von Klotz, exzellente Qualität, in meinen Augen/Ohren kaum bis nicht nennenswert schwächer als Vovox.


p r a x i s

Wenn man Lautsprecher unterschiedlicher Hersteller bzw. divergierende Typen vergleicht, erwartet man natürlich klar definierbare Unterschiede im Ton. Nun haben wir hier aber (bis auf eines) lauter Modelle vor uns, die von den selben Genen abstammen. Ob die sich wohl auch deutlich voneinander abgrenzen? Das war die spannende Frage, als der „Versuchsaufbau“ das erste Mal in Betrieb ging. Großes Überraschungsmoment: Auf Anhieb, wenn man die Speaker das erste Mal hintereinander und kreuz und quer hört, wirken die Unterschiede gar nicht besonders gravierend. Leichter Schock. Trug, oder soll das wirklich die Wahrheit sein? Nun, es ist bei solchen Vergleichen eben wichtig wie man hört, bevor man bewertet was man hört.

Einfach so irgendwo im Raum vor den Speakern zu stehen, ist nicht die Lösung. Das trifft im übertragene Sinne auch auf das Vergleichen von Cabinets z. B im Laden zu. Wer – womöglich noch seitlich in einem großen Raum – vor einer auf dem Boden platzierten Box steht, hört einen individuellen Klang des Ganzen, eben inklusive Resonanzen, Auslöschungen, Reflexionen im Raum. Richtig, die Situation ist grundsätzlich natürlich nicht unwesentlich, denn – logisch – das ist, was der Gitarrist im Alltag erlebt. Wenn aber der Speaker selbst im Focus der Beurteilung stehen soll, bzw. der primäre Schall der Box, muss man sich in die Mittelachse der Membran orientieren. Vorschlag für einen Selbstversuch: Man positioniere einen Lautsprecher in Ohrhöhe und gehe, während ein Akkord ausklingt, variierend in größerem oder nahem Abstand, langsam vor ihm vorbei. Was man da alles zu hören bekommt! Ideal für einen Vergleich wäre also, dass man einen Speaker-Wechselmechanismus zur Verfügung hätte, der die verschiedenen Lautsprecher immer in dieselbe Position vor den an einem fixen Punkt verharrenden Hörer bringt. Gibt es leider nicht, also muss man auf andere Weise mehr oder weniger mühevoll die charakteristischen Merkmale und die Unterschiede herausarbeiten. Um ehrlich zu sein: Es ist doch eher mühevoll, sehr mühevoll. Und zeitintensiv.

Denn das Ohr ermüdet schnell. Es sind also immer wieder längere Pausen nötig. Die Wahrheit ist schlussendlich, dass eben doch jeder in der Greenback-Familie ein Individuum mit spezifischen Merkmalen ist. Wobei ich noch einmal darauf hinweisen möchte, dass sich die nachfolgenden Beschreibungen auf das Nahfeldhören der Lautsprecher beziehen. Man kann in so einem Zusammenhang auch keine Aussagen über ihr Verhalten in unterschiedlichen Cabinet-Konstruktionen machen. Interessant ist diese Thematik natürlich ebenso, weswegen wir im Moment überlegen, ob wir auf der Ebene den Speaker-Test weiterführen werden. Dann z. B. mit der Zielsetzung: Was passiert, wenn ein und derselbe Speaker-Typ in unterschiedlichen 1¥12“- Gehäusen sitzt. Aber erst einmal müssen wir sehen, dass wir die Aufgabenstellung hier bewältigt kriegen.

z u m h ö r e n

heritage Celestion greenback

Beginnen wir mit der Replika des Greenback- Urgesteins, dem G12M/20 Watt T1220-67. Mit einer Empfindlichkeit von 96 dB/1 W ist er ein nicht besonders effizienter bzw. lauter Speaker. Im Feld der Testkandidaten ist er gar der magerste im Ton. Wenig Bässe, in den Mitten kein besonderer Peak oder eine spezielle Fülle, eher sogar ein leichtes Scooped-Feel, die Höhen dezent ohne besonderen Glanz oder fiesen Biß. In sich ist der Klang des G12M/20 Watt T1220-67 aber doch ausgewogen, vor allem freundlich warm. Er wirkt auch so weich, weil er Attacks nicht prägnant herausstellt und mit der Transparenz etwas knauserig haushält. Somit ergibt sich eine defensive Attitüde. Wer edlen Glanz im Cleansound will, ist hier an der falschen Adresse. Eine Strat verliert bei dem Speaker eher ein paar Gramm von ihrem Körper, während eine fette Les Paul von den schlanken Mitten eher profitiert. Der G12M/20 Watt T1220-67 blüht im Overdrive und Crunch auf. Trocken präsentiert er die Verzerrungen, zwar am obersten Ende mit leicht schneidenden Höhen, im Timbre aber angenehm und vor allem mit starkem, epochengerechten Vintage-Charakter. Sollte man unbedingt in Erwägung ziehen, wenn man auf die ganz alten Marshalls- Sound aus ist. Nächster im Bunde ist der Wald- und Wiesen- Greenback schlechthin, der G12M/25 Watt, Made in China.

china greenback

Viel Gutes, aber auch viel Schlechtes kann man über ihn lesen. Dieser Vergleich zeigt nun aber, dass es wenig Grund gibt, ihn abzutun. Im Vergleich zum oberen Modell klingt er als wäre ein (dünner) Vorhang weggezogen worden, eben etwas transparenter. Der China-Greenback hat etwa stärkere Bässe, die absolut gesehen allerdings noch immer dezent bleiben. Die Wiedergabe hat insgesamt mehr Körper, bleibt aber luftig, und sie wird geprägt von einer leicht nasalen Betonung (nicht negativ gemeint) in den Hochmitten. Der Speaker wirkt angenehm durchsichtig und frisch in den Höhen. Im Clean-Bereich agiert er ausbalanciert, mit einer minimalen Penetranz in den obersten Frequenzen. Genau diese verstärkt sich bei Crunch und Heißerem, zuweilen bis fast ins Giftige, während in den unteren Frequenzen die Wiedergabe abmagert, an Substanz verliert. Vielleicht der Grund, weswegen der Speaker bei manchen in die Kritik gerät. Dem kann man natürlich in gewissem Rahmen entgegenwirken, indem man am Amp nachregelt. Aber Obacht: Es kann ungeschickt sein, wenn man vom Distortion- Kanal viel Bass fordert. Weil der Sound eventuell zu schmoddrig wird. Den Attack tiefer Noten zeigt der chinesische G12M nicht prägnant, aber ordentlich.

75hz greenback

Wir wechseln von G12M zu G12H: Die erlauchten Heritage-Greenbacks made in UK mit 75 und 55 Hz Resonanzfrequenz sind an der Reihe. Was für ein Unterschied, die Sonne geht auf. Die 75Hz-Version betört auf Anhieb mit voluminösen Bässen und einem reichen, singenden Mittenspektrum. Der Speaker wirkt deutlich lebendiger und korpulenter als der G12M/China. Ferner liefert er sehr gute Transparenz mit 3D-Wirkung in der Tiefenzeichnung. Anschläge werden präzise artikuliert. Was u. a. damit zu tun hat, dass die unteren Mitten die Töne sättigen. Von der tiefen E6 bis in die mittleren Lagen der G-Saite spürt man dieses Plus an Fülle – bemerkenswert. Abgerundet wird die Wiedergabe von transparenten Höhen, die besonders warm wirken, weil sie am obersten Ende kaum Schärfe entwickeln. Dynamisch, kraftvoll, charakterstark mit gepflegten Manieren, der Eindruck bei cleanen Sounds ist sehr überzeugend. Zum Glück bleiben Kraft und Fülle bei Distortion erhalten. Der 75Hz-Greenback klingt weiterhin fett, warm und ausgewogen. Die Höhen sind prägnant, ohne zu scharf zu werden. Markant ist das tragende Mittenspektrum, das einer Vintage-Strat zum letzten Quäntchen an Vintage-Ton verhilft. Was Hendrix, John Mayer u. a. z. B. mit hart angerissenen Akkord-Leadlines anstellen, klingt hier besonders glockig und arttypisch „alt“. Super Lautsprecher.

55hz Greenback

Im ersten Moment könnte man meinen, die 55Hz-Version setzt da noch einen drauf und zieht auf der Überholspur vorbei. Noch etwas mehr Bässe, noch etwas mehr Low-Mid, noch mehr Volumen, das kickt natürlich. Und die Höhen noch milder, das ist es doch!? Moment, nicht so schnell. Beim zweiten und dritten Hinhören merkt man nämlich, dass man dafür etwas opfert. Die eben beschriebenen perkussiven und prägnanten Hochmitten des 75Hz-G12H sind hier weniger ausgeprägt bis nicht vorhanden. Weil auch die Höhen mehr wie eine dünne Schicht über dem Sound liegen, ist der 55Hz-G12H dunkler im Ton, eine Spur defensiver, er wirkt aber beeindruckend erdig. Diesem Lautsprecher kann man mit Presence und Treble am Amp die Sporen geben, ohne dass er aus dem Leim gerät. Die Höhen bleiben trotzdem anders, wie eben beschrieben, in ihrer Ausprägung als beim 75Hz- G12H.

65er Creamback

Unser nächster Kandidat, der G12M-65- Creamback soll laut der offiziellen Beschreibung von Celestion den „…vertrauten G12M-Ton produzieren, nur verträgt er mehr Leistung…“. Ist die Formel wirklich so einfach? Nein, nicht ganz. Mit dem Heritage- G12M-75Hz hat er eher weniger gemeinsam, weil er in Transparenz, Dynamik und Toncharakter reservierter agiert. Die beiden stehen schlicht nicht auf gleicher Höhe, was nicht wertend verstanden sein soll. Im Vergleich mit dem chinesischen G12M liegt mehr Deckungsgleichheit. Die Charaktere sind in der Tat ähnlich. Doch erlaubt sich der G12M-65-Creamback etwas mehr Fülle in den unteren Frequenzen, und er spielt in den Höhen eine Spur dezenter auf. Der Speaker könnte insofern bei nur € 20 Aufpreis zum hemdsärmeligen China- G12M für viele der tonal bessere M-Greenback sein.

 

g12h75 creamback

Der andere Creamback-Kandidat ist eine Heavy-Duty-Version des G12H: 75 anstatt 30 Watt, das ist ein Wort. Im Testfeld gibt es von der Bezeichnung her gesehen zwei direkte Verwandte. Dem G12H-Anniversary steht er tonal nicht allzu nahe. Als Bezugspunkt eignet sich eher der G12H-Heritage- 75Hz. Der G12H-Creamback tritt insgesamt gesehen dezenter auf, hat defensive Höhen, die quasi nie schneidend ans Ohr dringen, selbst wenn man Presence am Amp forciert einsetzt. Der Speaker agiert aber auch nur verhalten transparent. Kein Manko, sondern halt eine Eigenheit, die dafür sorgt, dass sich das warme Klangbild stabil präsentiert und drückt; der Speaker unterstützt quasi die Gegenwehr des Amps. Was der G12H-Creamback als Bass liefert, sind im Vergleich zu den G12M-Heritage-Modellen eine Spur höher liegende Tiefmitten. Luftige Cleansounds sind nicht sein liebstes Territorium. Er versteht es vor allem, mit Crunch und stärkerer Distortion markant umzugehen. Der G12H-Creamback wird erst bei höheren Lautstärken richtig lebendig. Sein Bruder im Namen hat andere Manieren.

g12h30

Der G12H-Anniversary pflegt einen eigenständigen, markanten Charakter, der sich wiederum gut im Vergleich zum G12M-Heritage-75Hz darstellen lässt. Den Anniversary zeichnet eine lebendige, spontane Ansprache aus, schon bei mäßiger Lautstärke. Die 3D-Tiefenwirkung ist allerdings geringer, der Speaker zeigt die Noten weniger präsent, das Drahtige der Saiten kommt nicht so prominent zum Vorschein, er beißt aber ganz oben in den Höhen schärfer als der Heritage. Das kommt schon bei Cleansounds zum Tragen, weil der Anniversary harte Attacks offensiv aus der Membran schleudert. Bei Crunch und Distortion sorgt diese spezielle Brillanz natürlich auch für reichlich Biss. Jedoch: Wieder sollte man das nicht negativ einordnen. Der Anniversary gewinnt dadurch an Charakter. Gleichzeitig bedient er sehr satt die unteren Mitten, und er hat etwas mehr Bassfülle als alle anderen Speaker. In den Bereichen Retro-Rock und modernem Blues ist er sehr zu empfehlen. Wo es musikalisch dezent zugehen soll, ist er nicht unbedingt die erste Wahl.

V-Type

Bleibt zu guter Letzt noch der „Alien“ im Test-Team. Ist der V-Type hier wirklich gut aufgehoben? Ja, doch, er ist in mancher Hinsicht sogar dem Heritage-75Hz nicht unähnlich. Auch wenn er die Eleganz (wenig Glocke in den Mitten) und Tiefe im Klangeindruck nicht erreicht, kann er doch überraschend gut mithalten. Sein Plus ist das etwas sattere Fundament in den untersten Frequenzen. Im Low-Mid-Bereich gibt er sich dafür etwas zurückhaltender als der G12M-Heritage-75Hz. So wirkt er relativ nüchtern, ein wenig unpersönlich. Ein Grenzgänger, der im Charakter tendenziell eine moderne Note pflegt. Bedenkt man den niedrigen Preis, ist der etwas aggressiv eingestellte V-Type aber ein heißer Tipp.  

 

 

z w i s c h e n s u m m e

 So, nun, da wir alle Modelle besser kennengelernt haben, fällt die Wahl ja wohl ganz leicht?! Nein? Verständlich, die vielen Infos muss man erst einmal verdauen. Und es gibt zum Glück ja noch weitere Richtlinien, die bei der Orientierung helfen können. Wer definitiv und maximal gepflegt den „alten“ Sound der Endsechziger will, der kommt an den G12H-Heritage nicht vorbei. Die luftig musikalische 75Hz-Version setzt da einfach Maßstäbe. Es gilt jedoch zu bedenken, dass die Helden damals auch gerne Bass-Boxen benutzen. Man weiß es z. B. von Jimmy Page, Paul Kossof und nicht zuletzt Jimi Hendrix. Je nach Vorliebe kann es also gut sein, dass man mit dem G12M-Heritage- 55Hz besser bedient ist (oder beide Typen mixen?). Ein guter Allrounder ist der G12M-Creamback-65, auch weil er so hoch belastbar ist. Liegt der Schwerpunkt auf Rock mit mehr bis viel Gain, fühlen sich der G12-H-Anniversary und der G12H-Creamback- 75 sehr wohl, wie auch der V-Type. Der kleine 20-Watt-G12M ist mit seiner trockenen Attitüde wieder eher etwas für Blues, jedenfalls eigen im Charakter. Diese Angaben bitte nicht als absolute Messlatten verstehen: Jeder der Speaker hat auf seine Art Reize und ist breitbandig einsetzbar. Selbst der chinesische G12M-Greenback, der im direkten Vergleich Boden an die Heritage- Brüder verliert. Ganz klar werden die Verhältnisse, wenn man einen stärkeren Amp über eine 1¥12- Box betreiben will. Mit den bisherigen Greenbacks war das ob der geringen Belastbarkeit gar nicht möglich. Aber dafür sind ja nun die beiden Creambacks geeignet. Und wenn die klanglich in Frage kommen, sollte man den V-Type auch einmal probiert haben.

Den Charakter der Speaker kann und sollte man unbedingt im Zusammenwirken mit dem verwendeten Amp sehen. Hat der z. B. Schwächen im Bass oder ohnehin schon giftige Höhen, kann der „richtige“ Speaker einiges geraderücken bzw. das durchaus entscheidende Tuning bringen. Den Teilaspekt „Breakup“ der Membran habe ich im Übrigen ganz bewusst außen vor gelassen. Physikalisch ist das Phänomen diffizil und der Begriff wird, nachdem was ich gelernt habe, oft falsch oder missverständlich angewendet. Insoweit jedoch Verzerrungen ab einer gewissen Belastung des Speaker gemeint ist, ist das ein Kriterium, das der Interessant leicht selbst erleben und abschätzen kann. Am Ende hatte ich selbst teilweise doch etwas Mühe damit die offiziellen Beschreibungen der Lautsprecher mit dem Erlebten in Einklang zu bringen. Schwierig ist ja ohnehin schon, wenn z. B. eingangs Angus Youngs Hingabe seit frühen Tagen zum Greenback beschworen wird und unten steht „It‘s an ideal speaker to bring drive and definition to modern high gain amps“. Aahh, ich dachte immer, das ist der Job vom Vintage 30 und Konsorten?!  


r e s ü m e e

Die gute Nachricht ist: Keiner der Speaker floppt. Die schlechte: Die musikalisch wertvollsten sind auch die mit dem höchsten Preis. Ja, die luftig elegant tönenden Heritage- G12H sind klanglich maximal austrainiert, aber längst nicht Allrounder, die man jedermann empfehlen kann. Wer in den Mitten kompaktere Klangfarben, mehr Fundament bevorzugt, oder offensivere Höhenspektren, findet im übrigen Green-/Creamback- Sortiment bessere Alternativen. An den Preisen kann man grundsätzlich nicht nörgeln. Selbst die Heritage-Modelle, made in U.K. wohlgemerkt, sind kein überzogen teures Vergnügen.

Aus Gitarre & Bass  1/2014.

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Ein Kommentar zu “Verschiedene Celestion Greenbacks im Test”
  1. Axel Ridtahler

    Hallo,
    Das ist ja mal eine nette Zusammenstellung!
    Ich hätte mir jedoch sehr gewünscht, diesen subjektiven Bewertungen (die Andere möglicherweise ganz anders sehen) auch ein paar Messwerte (Frequenzgang, Impedanz, Zerfallspektrum (CSD), Verzerrungen sowie die wichtigsten T&S-Parameter fs, Vas, Qm/Qe/Qt, BL und Xmax) zur Seite zu stellen, die unter identischen Bedingungen gemessen wurden.
    So hätte man auch die Möglichkeit, objektive Unterscheidungskriterien zu identifizieren. Z.B. warum ein Chassis etwa ‘weich’ klingt – fehlen da Tiefen und Höhen? oder produziert dieses Chassis spezielle Verzerrungen?
    Das wäre doch sicher für viele Leser ein großer Zugewinn an Information gewesen,
    meint
    Axel Ridtahler

    Antworten
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