Produkt: Marshall Sonderausgabe
Marshall Sonderausgabe
Das GITARRE & BASS MARSHALL SPECIAL mit Amp-Tests, Vintage-Guide und einem Interview mit dem legendären Father of Loud, Jim Marshall.
Neue Heimat für Kult-Amps

Synergy Modul System im Test

„Die Interaktion oder Kooperation zweier oder mehr Organisationen, Substanzen usw. zum dem Zweck einen kombinierten Effekt zu erzielen, der größer ist als die Summe der einzelnen Effekte.“ Mit dieser Definition beschreibt Synergy den Begriff und sich selbst. Hintergrund ist, dass hier mehrere renommierte Boutique-Hersteller der Amp-Branche unter einem Dach zusammenfinden.

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Von Synergien hört man häufig im Zusammenhang mit kooperierenden Wirtschaftsunternehmen. In gewisser Weise haben wir es hier mit so einem Szenario zu tun. Das möglich wird, weil Synergy Preamp-Module für die Sound-Formung einsetzt. Wodurch in analoger Röhrentechnik ein ungeahnt weites Spektrum an Sounds in Aussicht kommt, und durch neue Module sogar immer weiter wachsen kann. Ein wichtiger Punkt ist dabei: die Module stammen zum Teil von Friedman, Diezel, Morgan und Soldano. Präziser, die berühmten Amp-Designer haben tatsächlich selbst Hand angelegt, ihre Module selbst entworfen. Die Idee des Projekts ist diesen Kreis weiter auszuweiten, also weitere Marken/Hersteller ins Boot zu holen – Tone King, Bogner und Engl stehen schon in den Startlöchern.

Die Idee an sich ist nicht neu. Bruce Egnater, ein Urgestein der amerikanischen Verstärkerszene, entwarf diese Technik vor über einer Dekade und gab sie später in Lizenz an Randall-Amplification ab. Die meisten Leser werden davon wissen, zumal Kirk Hammett von Metallica für die so genannten MTS-Module warb (siehe auch Test des Randall RM100S in Ausgabe 01/2006). Die Lizenzen liefen vor einiger Zeit aus, also war wieder freie Fahrt zu neuen Ufern. Und die Synergien nahmen ihren Lauf. Irgendeine „schicksalhafte Fügung“ brachte eine Handvoll Cracks der US-Amp-Szene zusammen: Dave Friedman, Steve Fryette, Mike Soldano und Joe Morgan. Das Team erkannte das Potential der Modultechnik bzw. was es mit einer geeigneten Erneuerung leisten könnte.

Entsprechend stellt sich das Programm nun dar, mit einem komplett überarbeiteten, technisch in vielem andersartigen Ansatz, der zur Zielsetzung hat, für jeden Anwendungsbereich optimierte Voraussetzungen zu bieten. Was sich durch unterschiedliche, in ihrer Art ungewöhnliche Rumpfgeräte abbildet: Für die Nutzung der Module gibt es zwei Röhrentopteile, einen Single-Preamp (1 Modul), einen Dual-Preamp (2 Module), sowie eine 2x50Watt-Stereo-Endstufe. Cabinets sind ebenfalls im Programm (2×12 mit Vintage 30, 4×12 mit Vintage 30/Creamback, ca. € 949/1299) und auf Basis des kleinen Amphead aufgebaut ist auch ein 30-Watt-Combo erhältlich (1×12″, Celestion Creamback ca. € 1899).

Basics

Es ist sicher von Vorteil, dass die Technik und der mechanische Aufbau in ihrem Prinzip seit Jahren erprobt sind. Etwaige Schwachstellen dürften längst erkannt und beseitigt sein.

Entsprechend solide präsentieren sich die Module. Moderne Fertigungsqualität allererster Güte, hochwertige Bauteile, no SMD. Nun ja, was soll man auch anderes erwarten, wenn derart renommierte und erfahrene Köpfe das Projekt steuern. Host-Gerät und Module vereinen sich über eine Steckverbindung mit vergoldeten Kontakten. Darüber, dass diese auf Seiten des Moduls direkt auf der Platine liegen (quasi als kurze Leiterbahn), brauchen keine Bedenken aufzukommen. Sie sind häufiger mechanischer Beanspruchung gewachsen.

Ein wichtiges Detail ist, dass jedes der Module über einen Schiebeschalter verfügt, der die Kathodenbeschaltung der Eingangsstufe/-triode verändert. Die Stelle ist sensibel, da dort u. a. die Ansprache in den tiefen Frequenzen definiert wird. Spielgefühl und Kraft der Bässe variieren je nach verwendeten Werten des Widerstand-/Kondensator-Duetts (typisch für Fender-Blackface-Amps: 1500Ohm/25mikroF). Synergy hat sich für drei verschiedene Varianten entschieden, die das Team für die gängigsten hält (Position 1: 1,5kOhm/22uF; Position 2: 2,7kOhm/68uF; Position 3: 1,8kOhm/1uF). Alle Module sind zweikanalig konzipiert. Die Umschaltvorgänge werden intern über mehrere Relais ausgeführt. Einige Module kommen mit einer Klangregelung aus, bei anderen sind die beiden Kanäle im Sound unabhängig voneinander abstimmbar.

Syn-30

Der klassische Ansatz mit den Modulen zu arbeiten, ist natürlich die Nutzung eines Topteils. Für den puristisch veranlagten Spieler bietet sich diesbezüglich der Syn-30 an. Nicht, weil er lediglich ein Modul aufnimmt, sondern wegen seiner technischen Auslegung und der tonalen Eigenschaften. Zwei 6L6GC (-STR v. Tube Amp Doctor) in der Gegentaktendstufe, automatische Arbeitspunkteinstellung (Bias) mittels Kathodenbias, hohe Anodenspannung (ca. 435 Volt). Eine klassische Presence-Regelung und ein serieller Einschleifweg gehören genauso zur Ausstattung wie ein Speicher-/MIDI-Interface für die Kanalumschaltung und eine Cabinet-Simulations-Sektion für die Abnahme über D.I. Diese bietet an ihrer XLR-Ausgangsbuchse ein symmetriertes Signal an.

Drei Druckschalter liefern folgende Funktionen: Pad/Pegelabsenkung um 20dB, Ground-Lift, Cab-Sim-Bypass. Da der Standby-Schalter eine dritte Position hat, „Silent“, kann man den D.I.-Out bei stummgestelltem Amp nutzen. Praktisch ist an der Konzeption des Syn-30, dass der Amp selbst bereits über einen übersteuerungsfesten Clean-Kanal verfügt. Volume, Bass und Treble sind regelbar, dazu gesellen sich zwei Schalter, „Bright“ für eine Höhenanhebung und „Mid“ zum Umschalten des Charakters im Mittenspektrum – Synergy spricht von amerikanischem und britischen Charakter. Eine besondere Finesse greift beim Einsetzen/Wechsel von Modulen, das sogenannte Auto Sensing: „The SYN 30 adjusts the cathode biasing circuitry on the built in 12AX7 tube, to best match the original amplifier channel design on which it’s based“. Laut Synergy stellt sich der Amp also automatisch „ideal“ auf das entsprechende Modul ein (welche der vier 12AX7 im Signalweg beteiligt ist, wird leider nicht näher erklärt).

Der Syn-30 hat also drei Kanäle respektive Sounds zu bieten. Ein Schaltpedal mit Status-LEDs, das MIDI-Befehle sendet, gehört zum Lieferumfang (Kabellänge: sechs Meter). Wer anderweitig die MIDI-Steuerung nutzt, hat leichtes Spiel. Der Syn-30 ist im Learn-Modus programmierbar. D. h. wenn man den oberhalb der Input-Buchse gelegenen CH/Store-Taster kurz gedrückt hält, wird der aktuell aktive Sound-Kanal dem zuletzt eingegangen MIDI-PC-Befehl zugeordnet.

Zur Substanz muss man nicht viele Worte verlieren. Die Qualität entspricht voll und ganz den Erwartungen, die man an ein Produkt dieser Preisklasse stellen darf. Am Rande sei bemerkt, dass als Koppelkondensatoren interessanterweise vornehmlich Typen mit der Kennzeichnung „Synergy“ zum Einsatz kommen (Mustard-Typen). Der aufwendige elektrische Aufbau ist super akkurat, quasi ästhetisch wertvoll ausgeführt. Eine kleinen Bug habe ich aber doch gefunden. Power und Standby-Schalter wurden ohne Zahnscheiben o. ä. montiert. Das hält natürlich nicht solide, die Schalter waren beide kurz vor (ganz) lose. Nicht so richtig chic-boutique ist auch, dass der Knopf des Speaker-Impedanzwahlschalters hinten über das Gehäuse herausragt.

Syn-50

Das größere Topteil ist ein Vertreter der modernen hochgezüchteten Röhren-Amps, bei denen Leistungsausbeute und Dynamik maximal ausgereizt werden. So basiert der Syn-50 natürlich auf einer Class-AB-Gegentaktendstufe mit statischem Gitterbias. Die neben der typischen Presence-Regelung auch ein Poti für die Abstimmung der Dynamik in den tiefen Frequenzen besitzt. Heißt Density. Die nominale Leistung von 50 Watt erzeugen wiederum zwei 6L6GC-Röhren (-STR v. TAD).

An sich gleicht die Ausstattung hinsichtlich MIDI, D.I.-Ausgang, Auto Sensing und FX-Loop der des Syn-30. Der Einschleifweg ist hier aber im Pegel umschaltbar. Da zwei Modulschächte zu belegen sind, hat der Syn-50 keinen eigenen Clean-Kanal. Ein solides Schaltpedal gehört zum Lieferumfang. Entsprechend der Anzahl von Kanälen (2+2) ist es mit vier Tastern plus Status LEDs ausgerüstet. Im technischen Aufbau sind Unterschiede insoweit zu erkennen, dass nur wenige Synergy-Koppelkondensatoren zum Einsatz kommen. Dafür sieht man hier und da MKS-Typen von WIMA u. a. Die Verarbeitung bewegt sich wiederum auf sehr hohem Niveau. Leider inklusive der unvorteilhaften Montage der Schalter Power, Standby und Impedance (s.o.).

Syn-1/Syn-2

Ich sprach eingangs davon, dass das Synergy-Programm zum Ziel hat, „für jedweden Anwendungsbereich optimierte Voraussetzungen zu bieten“. Nun, diese Aufgabe tragen im Wesentlichen die beiden Preamp-Module Syn-1 und Syn-2. Weil man sie dank entsprechender Eingangs-/Ausgangssektionen in drei Anwendungsszenarieren benutzen kann. Wie folgt, am Beispiel des Syn-1:

  1. Als konventioneller Preamp, also vor einer Endstufe. Anschluss simpel, man nutzt vorne den Guitar-Input, der Main-Out-Ausgang steuert die Endstufe an.
  2. Da der oben schon erwähnte D.I.-Ausgang zur Verfügung steht, als D.I.-Recording-Tool.
  3. Als zusätzlicher Preamp zu einem anderen Amp/Combo, der dafür einen seriellen FX-Loop besitzen muss.

Diese Option ist sehr geschickt gelöst, denn es ist quasi ein Signal-Looper eingebaut, der wechselweise die Vorstufe des Amps/Combos in Betrieb nimmt oder den Syn-1. Die Verkabelung stellt sich so dar:

Gitarre an den Guitar-In des Syn-1, der „to Amp In“-Ausgang steuert den Verstärker/Combo an. Das Einschleifen des Syn-1 erfolgt über die Buchsen „From Amp FX Send“ und „To Amp FX Return“, deren Pegel Hi/Lo umschaltbar ist. Wird am Syn-1 (oder dem mitgelieferten Schaltpedal) „Bypass“ aktiviert, ist der Verstärker-/Combo-Preamp zu hören. Daneben hat der Syn-1 aber auch noch einen eigenen Einschleifweg (Pegel Hi/Lo). Regelbar ist zum einen Volume, klar Lautstärke, zum anderen – weniger klar – der Parameter „Sag“. Dahinter verbirgt sich eine Schaltung von Steve Fryette, die das „Einsacken“ der Dynamik eines Röhren-Preamps simuliert. Eine LED zeigt an, wie intensiv der Sag-Effekt eintritt. Man erlebt (meist sehr) subtile Veränderungen im Spielgefühl, nicht vordergründig im Ton.

Der Syn-2 kann alles was der kleine Bruder kann, aber umfangreicher bzw. luxuriöser. Das liegt im FX-Weg begründet, der im Return stereo ausgelegt ist. Dementsprechend sind auch zwei D.I.-XLRAusgänge, Left und Right, vorgesehen. Außerdem ist der Syn-2 über MIDI steuerbar. Praktisch: es ist eine DC-In Buchse „Phantom Power In“ vorhanden, zur Übermittlung einer Versorgungsspannung über die MIDI-Buchse (bei Verwendung eines 7-Pol-Din-Kabels).

Zwei Module, also vier Sound-Kanäle, plus Bypass-Funktion wie beim Syn-1, folglich ist das mitgelieferte Schaltpedal mit 5 Tastern ausgerüstet. Damit Brummschleifen unterbunden werden können, sind beide Preamp-Modelle mit einem Global Ground Lift ausgestattet (zusätzlich zum D.I.-Ground Lift). Als aktives Bauelement in der Signalbearbeitung kommt eine 12AX7-Röhre zum Einsatz. Bei beiden Geräten kann diese getauscht werden, ohne dass man das Gehäuse öffnen muss.

 Zum Hören

Um die Sound-Ergebnisse der Synergy-Module und Amps richtig bzw. fair zu beurteilen, muss man sich die technischen Gegebenheiten vor Augen halten. Der Kern ist dabei, dass die Tonformung hochwertiger Röhren-Amps sich individuell darstellt, weil die elektronische Schaltung sozusagen einen „lebendigen“ Organismus bildet, bei dem die einzelnen Baugruppen interagieren, sich ihr Verhalten gegenseitig bedingt. Um bildhaft zu veranschaulichen, worauf ich hinauswill: Kombiniert man die Vorstufe eines Diezel VH4 mit der Endstufe eines Fender Bassman wird das tonale Ergebnis indifferent sein, qualitativ minderwertiger, sprich weder dem einen noch dem anderen Topteil gerecht werden. Heißt auf unsere Betrachtungen übertragen: Man darf nicht erwarten, dass die Preamp-Module im Ton absolut exakte Kopien der Vorlagen sind (schon gar nicht, wenn man sich die diversen Anwendungssituationen vorstellt). Doch die Anstrengungen von Synergy mit technischen Kniffen ein Optimum zu erreichen, sind letztlich von beeindruckendem Erfolg gekrönt, so viel will ich hier schon einmal verraten, bevor wir auf die Module im Einzelnen zu sprechen kommen. Großen Anteil daran hat der V1-Kathodenschalter. Die drei Positionen ergeben jeweils markante Unterschiede zu den anderen, teils so weit, dass sich das Grund-Timbre in einen anderen Charakter verwandelt – Basswiedergabe, Transparenz, Intensität der Höhen verändern sich. So effizient, dass mancher sich vielleicht den Schalter außen zugänglich wünscht. Jedenfalls sollte man beim Antesten unbedingt mit dem Schalter arbeiten. Es kann entscheidend sein für die persönliche Bewertung. Speziell im Zusammenhang mit den Preamps Syn-1 und Syn-2, wenn sie an einem Verstärker/Combo eingeschleift verwendet werden. Die Klangcharakteristik der Module kann je nach Produkt erheblich differieren.

Den FX-Weg beschreibt Synergy als „transparent effects loop“. Dem ist nichts hinzuzufügen, die Signalqualität ist schlicht hervorragend. Synergy reizt die Möglichkeiten der Technik offenbar maximal aus.

Was sich umso beeindruckender in Bezug auf die D.I.-Sektion(en) der Preamps Syn-1/Syn-2 manifestiert. In jeder Hinsicht ausgewogen, gelungen. Den Abgleich der Frequenzkurve könnte man als nahezu ideal beschreiben. Außerdem stimmen die Dynamik, das Spielgefühl. Wertvoll ist aber vor allem, dass das Signal konkret, präzise ist und sich definiert in Playbacks etc. einbettet. Bei den Amps liegt die Sache in den D.I.-Sektionen nicht ganz so günstig. Verglichen mit der Verstärkung über Celestion Vintage-30-Speaker überzeichnet der Syn-30 in den Höhen, beim Syn-50 tragen dagegen die unteren Mitten zu dick auf. Mit etwas Nachbearbeitung am EQ des Mixers usw. kommt man dann aber auch zu sehr gut verwertbaren Ergebnissen. Jetzt aber zu den einzelnen Modulen …

Bman + T/DLX

Die beiden Module zitieren Fenders Historie. BMan meint natürlich den 1959er Bassman, eine absolute Ikone. T/DLX steht für Twin und Deluxe aus der Blackface-Ära, nicht minder hochkarätige Vintage-Combos. Und deren Ton kann man aus zwei 12AX7 herauskitzeln? Überraschenderweise gelingt das den Synergy-Modulen ziemlich gut. Beide Module sind stark im Clean-Bereich und gleiten bei höherem Gain sanft in Overdrive. Man ist aber recht „hitzig“ aufgelegt und beginnt schon früh, bei niedrigen Gain-Einstellungen, in die Sättigung zu gehen. Mit dem typischen heiseren Tonfall, weichsatten Bässen und insgesamt kraftvoller Attitüde. Der untere Kanal (türkise LED) klingt schlanker und bleibt moderat im Gain. Der obere Kanal (rote LED) erreicht Verzerrungsintensitäten, die das Vorbild leicht übertreffen (über die Amps gespielt). Sehr fett, aber sauber artikuliert. Die an sich schon intensiv arbeitenden Klangregelungen werden unterstützt von einem Bright-Schalter, der zwei unterschiedlich intensive Höhenanhebungen bereit hält und einem Schalter namens Tight, der ebenfalls in zwei Stufen den Bassbereich betonen kann. In der Summe ergibt sich daraus eine maximale klangliche Variabilität.

Das Modul T/DLX ist in den Abstimmoptionen identisch. Und genauso flexibel. Im Grundsound ist das Modul aber klarer, transparenter und breitbandig frischer in den Höhen als BMan. Der untere Kanal ist wiederum zahmer und erreicht weniger Gain. Der obere zeigt mit seinem voluminösen Kraftprotzgehabe deutlich, dass er vom Twin abstammt. Beide Kanäle gehen fließend in Overdrive über, betont harmonisch in der Struktur der Verzerrungen, was den musikalischen Ausdruck unterstützt. Der rote Kanal hat recht hohe Overdrive-Reserven. Damit hat er seinem Vorbild etwas voraus. Eine Freude mit ihm den Blues auszuleben. T/DLX ist definitiv das Haben-muss-Modul für Clean- und Overdrive-Vollbedienung. Keines der anderen erreicht seine Flexibilität.

800/Plexi

Ich liebe meinen JCM800/2204 (und seine MK2-Vorgänger aus den 70ern). Am Low-In energisch clean, nicht lieblich mit seinen forcierten Hochmitten, aber durchsetzungskräftig. Die gleichzeitig kraftvolle und transparente Retro-Distortion am High-In ist bis heute eine Benchmark. Der JCM800/2203 mit 100 Watt geht mit gleicher Attitüde resoluter und etwas grober ans Werk.

So ganz trifft das Synergy-800-Modul (Bright-Schalter in beiden Kanälen) den Sound-Geist dieser legendären Marshall nicht. Der Ton ist etwas fetter und das etwas fuzz-ähnliche Sirren der Distortion in den Höhen entwickelt sich weniger. Scheint so, dass Dave Friedman, der das Modul entwickelt hat, die Idee des leicht in Richtung „dichterer Ton bei mehr Gain-Reserven“ gemoddeten JCM800 verfolgt hat. Er selbst ist ja anerkannter Crack, was die Modifizierung dieser Marshalls angeht.

Will man dem Original nahe sein, ist der Trick, mit wenig Gain und verhalten dosierten Bassanteilen zu arbeiten. Und Mut zu viel Treble zu haben. Der untere (türkise) Kanal ist wieder schlanker und eher vintage als der obere/rote, der ziemlich heiß ausgelegt ist und damit an der Schwelle zum HBE-Modul (s.u.) steht. Eine charmante Eigenschaft des 800 ist – wenn es im Syn-30 oder Syn-50 arbeitet –, dass die Noten schon bei defensiver Lautstärke, lange, in einer Art leicht komprimierendem Feedback ausklingen, wobei sich auch Obertöne ins Klangbild schummeln (ein wertiges Instrument mit adäquatem Sustain vorausgesetzt). Das 800-Modul ist die richtige Wahl, wenn einem das BE-Modul zu zahm und das HBE-Modul zu heftig ist (siehe unten).

Das eben beschriebene Kompressor-Feedback entwickelt sich noch prächtiger, wenn das Einschubmodell Plexi aufspielt (wieder designed by D. Friedman). Der Sound wirkt noch fast clean und schon ist der Effekt da. Das Modul klingt markant, bildet den Sound der Vorlage überzeugend nach, schön zu erkennen an den eigentümlich gesättigten und gleichzeitig strahlenden oberen Mitten/Höhen. Die Unterschiede der beiden Kanäle kennen wir schon, einer milder, der andere heißer. Man beachte, dass die beiden Eingangskanäle der Marshall Plexis, I + II, mischbar mit zwei Volume-/(Gain)-Reglern nachgebildet sind. Sehr effizient, kann man doch den höhenreichen Ton des einen Kanals mit dem voluminösen des anderen mischen. Schickes Modul, reagiert feinfühlig auf den Spieler, ist ausdrucksstärker als das 800.

Metroplex

Wir bleiben beim Thema „Marshall Plexi“. George Metropoulos ist auf dem Gebiet eine Koryphäe. Das hier ist sein Modul (eine offizielle Beschreibung war zum Zeitpunkt der Bearbeitung noch nicht verfügbar). Eine unverkennbar eigene, andere Interpretation. Der Charakter liegt ähnlich wie beim Plexi-Modul, das Metroplex ist bei aller Energie aber gnädiger in der Ansprache, milder in den Höhen und hat in den unteren Frequenzen ein wesentlich druckvolleres Fundament. Die beiden Kanäle ähneln sich im Klangcharakter, die Gain-Reserven sind im unteren Kanal geringer und absolut gesehen eher moderat; wenig Kompression, wenig Unterstützung beim Spiel.

Das Metroplex wirkt auf das erste Hören hin nicht spektakulär. Geduld, eine Weile ausprobieren, das Modul hat Format, man muss es nur erst besser kennenlernen. Getunter Vintage-Ton, modernisiert könnte man sagen, die Alternative zum puristischer veranlagten Plexi-Modul.

Morgan AC

Bleiben wir bei Vintage-Klängen. Das Kürzel „AC“ ist ein klarer Hinweis. Es geht natürlich um die legendären ACModelle von Vox respektive die High-End-Interpretationen des Themas von Joe Morgan. Seine AC-Amps/Combos sind absolute Puritaner mit minimaler Ausstattung. Hier geht es anders zu. Als da sind zwei Kanäle mit separaten Bright-Schaltern, aber gemeinsamer Dreiband-Klangregelung, die leichte Unterschiede in Gain und Grund-Sound entwickeln.

Das AC-Modul zeichnet sich durch sehr feingliedrige Verzerrungen aus, die sich am oberen Ende des Frequenzspektrum gar lieblich verdichten. Das erinnert mehr an einen sättigenden AC15 als an den AC30 mit seinen vokalen Mitten und den glockenklaren Höhen. Das im Overdrive so luftige, in sich harmonische Klangbild und die hochsensitive Reaktion auf den Spieler ergeben eine exzellente Performance. Das AC-Modul ist sehr charakterstark. Es lässt die Noten organisch ausklingen und zeigt filigran die Tondetails des angeschlossenen Instruments, z. B. kommen die TA-Zwischenstellungen einer (hochwertigen) Vintage-Strat ausgesprochen markant zur Geltung. Die Klangregelung arbeitet effektiv.

In den Amps angewendet nimmt das ACModul eine raueren Ton an. Die Verzerrungen wirken etwas grober. Am Syn-50 angeschlossen schummeln sich unterschwellig Unreinheiten in den tiefen Frequenzen ein.

Diezel VH4

Knapp ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen steht der VH4 als legendäres Symbol für Tonqualität der Diezel-Amps. Dass er nach wie vor im Programm ist, spricht für sich. Ich habe mit Peter telefoniert und er kommentierte sein Modul mit der Randbemerkung, er habe rausgeholt „…was man eben so mit zwei Röhren machen kann“. Er wieder. Neigt immer zu Understatement wenn es um seine Kompetenz geht. Dabei gibt es dafür gar keinen Anlass. Der Geist des VH4 ist eindrucksvoll getroffen. Die Ausrichtung orientierte sich offenbar an Channel 3 und Channel 4. Dichte kraftvolle Distortion mischt sich mit höchster Präzision im Attack, ausgeprägtem Obertonreichtum und fulminanter Bass-Dynamik. Frappierend. Das Gain-Niveau liegt in beiden Kanälen hoch, der untere (türkis) bleibt allerdings doch etwas cooler und luftiger. Für den habe ich einen Tipp zum Antesten: Mitten weit rausnehmen, Bässe und Höhen 14 bis 15 Uhr, wenig Gain, ergibt eine Art Heavy-Metal-SRV-Sound, offensiv und großvolumig, speziell und musikalisch wertvoll. Die Klangregelungen arbeiten effizient, was eine gesunde Bandbreite an Sound-Varianten ergibt.

Friedman BE+HBE+DS

Was Dave Friedman an Verstärkern baut, wird gemeinhin der Referenzklasse zugerechnet. Mit dem Brown Eye hat er sich ein Denkmal gesetzt, seinen guten Ruf massiv untermauert. Ein heißgemachter Plexi voller Tugenden, mit monströsem Tonvolumen. Daraus sind gleich zwei Module entstanden, das im Gain moderate BE und das deutliche heißere HBE-Modul (HBE = Hairy Brown Eye, ein Sound-Modus des Brown Eye). Sie sind sich im Distortion-Charakter ähnlich, der BE gibt sich aber erdiger und transparenter, man könnte auch sagen, sein Sound ist traditioneller als der des HBE, das in den oberen Mitten mehr beißt und offensiver klingt. Toll bei beiden ist die Lebendigkeit der Klangbilder und wie harmonisch sie mit Akkorden umgehen. Im Vergleich zum originalen Brown Eye ist das Volumen von Einzelnoten etwas geringer, in Solo-Lines binden sich die Noten nicht ganz so organisch. Im Bassbereich agiert das BE-Modul unerwartet schlank, das HBE schlägt dort resoluter, aber immer noch weicher als die Vorlage zu. Qualitativ bewegt sich die Sound-Formung dennoch auf sehr hohem Niveau. Besonderheit beim HBE: Es lässt die Noten mit homogen nachlassender Kraft extrem lange ausklingen.

Die Bezeichnung „DS“ steht als Kürzel für Dirty Shirley, ein Amp-Modell, mit dem Friedman ein weiterer großer Wurf gelungen ist. Der Amp ist eine hoch gezüchtete Weiterentwicklung des Marshall JTM45. Das Modul spannt entsprechend die Muskeln und schlägt in puncto Charakter und Kraft im Grunde annähernd genauso markig zu. Mächtiges Volumen und Distortion, die raubauzig auftritt, in den Höhen kratzt, sich aber in der Struktur doch harmonisch aufbaut – aufs Ursprüngliche ausgerichteter Marshall-Ton mit dem gewissen Extra an Gain und Kultur. Absolut gelungen.

Soldano SLO

Das Beste habe ich mir bis zum Schluss aufgespart … oooppps, nein, das so zu sagen, wäre unfair gegenüber dem Rest der doch sehr fitten Module-Mannschaft. Das SLO-Modul hat aber doch einen speziellen Charme, der sich aus mehreren Faktoren zusammensetzt. Die Ansprache ist extrem „gefühlsecht“, d. h. Hammer-Ons und Pull-Offs werden mit maximaler Tragfähigkeit dargestellt, während parallel die Anschläge höchst präzise hervorkommen bzw. separiert werden. Optimale Voraussetzungen für das Legatospiel. Zudem ist das „wir-hören-einen-heißgemachten-Marshall“-Klangbild in jeder Hinsicht feinstens ausbalanciert und kraftvoll mit schönem, zivilisiertem Biss in den Höhen. Die im Prinzip klanglich verwandten Module VH4 und HBE gehen mit den oberen Frequenzen etwas offensiver um. Beide agieren in den Mitten ein Spur luftiger, folglich nicht so (angenehm) kompakt wie das SLO. Das VH4 hat aber sonst ein ähnliches Volumen, während das HBE im Bassbereich schlankere Konturen hat.

Die beiden Kanäle des SLO-Moduls sind sich recht ähnlich, der untere nicht ganz so fett und etwas niedriger im Gain, als der obere Kanal. Dass nur eine – wieder erfreulich effiziente – Klangregelung vorhanden ist, erweist sich insofern nicht als Nachteil. Aber, um noch einmal zu vergleichen, in Sachen Variabilität hat das VH4-Modul die Nase vorn.

Die Amps

Wie nicht anders zu erwarten war, sind beide tonal voll auf der Höhe. Der Clean-Kanal des Syn-30 glänzt mit viel Headroom, einem breitbandig voluminösen und variablen Klangbild. Stramme Ansprache, hohe Dynamik, wenig Sag. In den Höhen ist die Sound-Formung transparent und ziemlich energisch. Ein ehrlicher Geselle, dieser Clean-Kanal, der u. a. mit Pedal-Effekten souverän zurechtkommt bzw. komplexe FX Mixturen bestens auflöst.

Der Syn-30 färbt den Charakter der Module mit betonter Brillanz. Der Syn-50 koloriert dagegen die unteren Mitten, was der Anwender je nach persönlichem Geschmack nicht immer als zum Wohle des jeweiligen Moduls empfinden dürfte. Ich habe die Density-Regelung im Verdacht, recht weit nach oben in den Frequenzen hineinzureichen. Andererseits klingen die Module in keiner anderen Konstellation derart mächtig und tonal voluminös wie im Syn-50. Dafür braucht es aber – wie so oft – eine hohe Aussteuerung, sprich: „It might get loud“ ;-).

Resümee

Ich denke, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Synergy mit seinem Modulsystem einen Meilenstein gesetzt hat. Die Idee der maximalen Variabilität bzw. optimalen Individualisierung analoger Röhrentechnik ist gleichermaßen radikal wie konsequent umgesetzt. Mit den entscheidenden Merkmalen exzellenter Sound-Qualität und natürlicher, den musikalischen Ausdruck unterstützender Ansprache – an dieses hohe Niveau kann digitale Technik nicht heranreichen sei angemerkt. Davon abgesehen kann und wird das System weiter wachsen. Noch kommende Module werden das Spektrum erweitern, andere Sound-Ausrichtungen offerieren.

Der Haken ist wie so oft bei hochklassigen Produkten, dass die Preise recht hoch liegen. Import und das Label „Made in U.S.A.“ fordern eben ihren Tribut. Schlussendlich muss man die Preis-Leistungsverhältnisse aber auch unter dem Aspekt betrachten, dass durch einen weiteren Ausbau, die Anschaffung weiterer Module, die Kosten-/Nutzung-Rechnung sofort höher in den grünen Bereich ausschlägt.

www.synergyamps.com

Preise (Street):

Syn-30 ca. € 1399

Syn-50 ca. € 1699

Syn-1 ca. € 549

Syn-2 ca. € 888

Syn-5050 ca. € 1299

je Modul ca. € 399

 

PLUS

  • Module: Sound-Qualität, Variabilität
  • tonale Bandbreite (insgesamt gesehen)
  • Amps: Dynamik, Ansprache, sehr obertonfreundlich
  • Amps: Konzept/Ausstattung (MIDI etc.)
  • sehr hochwertige D.I.-Out-Sektionen
  • Konzept: ausbaufähiges, maximal variables System
  • sehr gute Verarbeitung, Qualität der Bauteile

 

MINUS

  • Montage von Power/Standby-Schalter bei Syn-30 & -50

Hinweise zu den Soundfiles

Die Module wurden im D.I.-Verfahren über den Rec-Ausgang des Syn 1 (Preamp für einen Moduleinschub) aufgenommen. Transparenz, Dynamik, Ausgewogenheit, die Signalqualität setzt Zeichen. Die Einstellung der Klangregelungen war in etwa gleich. Das holt nicht unbedingt das Beste aus jedem Modul, sorgt aber für eine realistische Vergleichsebene.

Die Vollröhren-Amps Syn 30 und Syn 50 stellen ihren gutturalen Ton über eine mit Celestion-Vintage30 bestückten 4×12-Box unter Beweis. Es kam in Nahmikrofonie ein C414 von AKG zum Einsatz.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor o. jegliche EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt. Es sind auch keine Effekte beigemischt.

Ich wünsche viel Vergnügen, und…, wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! 😉 .

Fragen, Anregungen und ja, auch Kritik sind wie immer stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de. Es klappt nicht immer, aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

Text + Musik: Ebo Wagner (GEMA)

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Produkt: Gitarre & Bass 4/2019
Gitarre & Bass 4/2019
INTERVIEWS: Bryan Adams, Tommy Emmanuel, Devin Townsend+++SPECIAL: Jazzgitarre in Deutschland+++Tiefer. Härter. Breiter: Die ERG-Highlights der NAMM 2019

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