Produkt: Gitarre & Bass 12/2019
Gitarre & Bass 12/2019
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Neopuristen

Test: Marshall Origin 50, Head, Cab und Combo

Wenn sich ein Normalverdiener in den 1980er-Jahren Marshalls damals aktuellen 50-Watt-Head, Modell 2204, leisten wollte, kostete ihn das in etwa ein Nettomonatsgehalt. Heutzutage muss man sich nicht mehr unbedingt so verausgaben. Wie die Origin-Serie zeigt. Sie leistet ähnliches mit mehr Luxus für einen Bruchteil der Kosten, die Produktion in Asien macht es möglich.

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Die Origin-Serie umfasst drei Modelle. Unsere Testkandidaten sind die leistungsstärksten. Daneben sind noch im Angebot der Origin 20 (wie der Name sagt mit 20Watt), auch als Topteil und Combo erhältlich und ein extra kleiner 5-Watt-Combo mit 8“-Lautsprecher, den Marshall wider Erwarten kaum abgespeckt hat, sprich er hat nahezu dieselben Features zu bieten wie seine großen Brüder.

mit Luxus …

Die Einleitung hat bereits verraten, wohin die Reise geht. Die Konzeption des Topteils wie des Combos, deren Verstärkerchassis technisch identisch sind, fußt auf der Marshall-Technik der ersten zwei Dekaden. Die Basis bildet ein Konzept nach Art des 2204, d. h. das Origin-50-Design ist einkanalig mit passiver Dreiband-Klangregelung, Gain-Poti in der Vorstufe und Master-Volume vor dem Phasentreiber bzw. der Endstufe und – wie es sich für einen traditionellen Vollröhren-Amp gehört – einem Presence-Regler. Daneben integriert das technische Konzept Anleihen bei noch früheren Marshall-Modellen (1987 bzw. JTM45, 1959). Mit dem sogenannten Tilt-Regler, der ein Ausbalancieren des Klangs in der Art ermöglicht, wie man es bei paralleler Belegung der Inputs Normal und High vornehmen konnte/kann. Zusätzlich steht auch noch eine fußschaltbare Boost Funktion zur Verfügung (oder: pull/push Gain-Poti).

Puristisch, aber mit praktischen Zutaten, wie Tilt-Regler, Leistungsumschaltung u. a. (Bild: Dieter Stork)

Ganz so puristisch veranlagt wie seine Vorfahren ist der Origin 50 also nicht, was sich auch daran zeigt, dass ein ebenfalls On/Off-fußschaltbarer FX-Loop-/Einschleifweg zur Verfügung steht. Ein passendes Zweifach-Schaltpedal gehört bereits zum Lieferumfang. Ein D.I.-Out mit Lautsprechersimulation und eine dreistufige Leistungsumschaltung namens Powersteem (Output-Schalter a.d. Front: High/50, Mid/10, Low/5 Watt) runden die Ausstattung ab. Drei Lautsprecherbuchsen ermöglichen die Konfigurationen 1×16 Ohm, 1×8 Ohm oder 2×16 Ohm.

Trotz der aufwendigeren Ausstattung findet sich im Origin 50 die gleiche Röhrenbestückung wie bei den oben schon exemplarisch zitierten Modellen 2204, 1987 und JTM45. Drei ECC83 und zwei EL34. Das geht so nur, weil an einigen (wenigen) Stellen im Signalweg Halbleiter die Elektronik unterstützen.

In dieser Preisklasse achten die Hersteller natürlich auf kostengünstig-rationelle Fertigung, die hier durch moderne Platinentechnik gewährleistet ist. Inklusive der Endröhrenfassungen sind quasi alle Bauteile (no SMD) auf drei Printplatten-Modulen untergebracht. Nur die AC-Netzbuchse, die beiden Toggle-Schalter und die Kontrollleuchte sind, wie die Trafos, frei verdrahtet. Sie finden über solide Steckschuhe Kontakt zum Schaltkreis.

(Bild: Dieter Stork)

Die Verarbeitung ist ganz und gar einwandfrei und die Qualität der Bauteile hochwertig. Anlass zu Kritik gibt es dennoch, weil beim Combo die Knebel der Schalter Power und Output über das Gehäuse überstehen – ein Klacks, das zu vermeiden, bei der Montage müsste nur die Gegenmutter innen entsprechend auf dem Gewinde herausgedreht werden. Außerdem haben sich – rein optischer Malus – vor allem beim Combo unter dem Druck der Verschraubung die Kontrollleuchte und beide Schalter in die Frontplatte gesenkt. Die Bauweise des hinten offenen Koffermodells birgt im Übrigen keine Besonderheiten. Ungewöhnlich ist allerdings, dass eine luftdurchlässige Schutzwand die Lautsprecherkammer verschließt. Der etwas zur Seite versetzt montierte Speaker, Typ Midnight 60/G12N-60, kommt von Celestion. Offenbar ein der Industrie vorbehaltenes Chassis, das im freien Handel für Endkunden nicht erhältlich ist.

Cabinet

Marshall hat insgesamt gesehen ein äußerst üppiges Angebot an Lautsprecherboxen im Programm, mehrere Optionen in jeder Modellreihe. Die Origin-Serie macht da keine Ausnahme. Wer maximales Volumen möchte, greift zum 4×12-Cab, wer es kompakt haben will, entscheidet sich für die 1×12-Box. Dazwischen liegt die hier vorgestellte geschlossene 2×12-Konstruktion (die man wahlweise auch als Vertikal-Cabinet bekommen kann). Die Konstruktion ist simpel aber optisch sehr ansprechend angerichtet. Ein rechteckiger Kasten aus Pressspanplatten, sauber mit dünnem Tolex bezogen, abgerundete Kanten, große Schalengriffe an den Seiten, dicke Gummifüße, vorne eine schicke Retro Bespannung aus Stoff mit Gold Piping. Die beiden Celestion-Speaker, Typ Seventy 80, sind von hinten an der leicht schräg gestellten Schallwand montiert und können ausschließlich mono betrieben werden, sprich es gibt hinten nur eine Klinkenbuchse. Verarbeitung und Machart der Origin 212 sind gemessen am Preis von ca. € 369 einwandfrei und wertig.

… krachen lassen

Die treuen Leser unseres Magazins werden wissen, dass wir bereits vor fast genau einem Jahr die Origin-20-Modelle im Test hatten (Ausgabe 06/2018). Im Großen und Ganzen mit positiven Ergebnissen. Als auffällige Eckpunkte der Sound-Formung traten eine schlanke Wiedergabe im Bassbereich und wenig Clean-Headroom in Erscheinung, d. h. die Origin 20 gehen früh, bei relativ geringer Lautstärke, in erste Sättigungsverfärbungen über. Das hat nicht nur mit der gezähmten 2xEL34-Endstufe zu tun, die u. a. mit einem relativ kleinen Ausgangstrafo bestückt ist, sondern damit, dass die Vorstufe entsprechend heiß konzipiert ist.

(Bild: Dieter Stork)

Unsere aktuellen Testkandidaten sind, abgesehen von der Leistungsangabe, mit nahezu identischen Spezifikationen gelistet: gleicher Preamp, zwei EL34. Erleben wir hier denselben Charakter nur mit höheren Lautstärkereserven? Nein, ganz und gar nicht. Der Origin-50-Amp legt ein entschieden anderes Benehmen an den Tag. Es steht reichlich Clean-Headroom zur Verfügung, das Klangbild ist insgesamt voluminös mit dezenter Kraft im Bassbereich. Anders ausgedrückt, liegen die tonalen Eigenschaften sehr ähnlich zu den oben genannten historischen Vorlagen. Im Grund-Sound und der Art, wie sich die Röhrensättigungen entwickeln, ist die (nahe) Verwandtschaft zum legendären Modell 2204 unverkennbar.

Der Origin 50 ist aber doch eigen, insofern als die Textur in den oberen Mitten dichter und die Höhen softer sind. Die Wiedergabe ist ausgesprochen energiereich. Der Origin 50 kann bei Bedarf sehr laut aufspielen. Eben auch clean, wo er in der Lage ist, unerwartet warme Töne von sich zu geben, indem man Treble und Middle deutlich unter der 12:00-Uhr-Marke hält. Der Tilt-Regler bleibt für die voluminös dezenten Clean-Einstellungen idealerweise links am Nullanschlag. Alles andere sorgt potenziell für Zunahme an offensivem Biss und damit verbunden Gain-Nachschub. Bis hin zu einer Brillanz, die dem Bright-Kanal des 1987-Plexi ähnelt. Die ohnehin schon ziemlich effizient arbeitende Klangregelung erfährt so eine erhebliche Ausdehnung ihrer Möglichkeiten. Was vor allem den Distortion-Sounds zu einer großen Bandbreite verhilft.

Da der Origin 50 subtil, in feinfühligem Übergang von Clean in den Overdrive wechselt, ist er in der Lage, Klänge à la Vox- AC30 von sich zu geben, dies allerdings mit einer etwas schmutzigeren Attitüde, da bei verzerrten Sounds in den unteren Frequenzbereichen stets mehr oder weniger unterschwellig ein interferentes „Grummeln“ präsent ist – ein Charaktermerkmal, das gewissermaßen typisch ist für resolute Brit-Amps. Die Gain-Reserven liegen im weiteren so hoch, das schon in der Vorstufe, also unabhängig von der Lautstärke kräftige, harmonische Zerrsättigung entsteht, die auch durchaus voluminös wirkt.

Die Sonne geht aber erst voll auf, wenn auch das Master-Volume hoch eingestellt wird. Logisch, denn erst dann geht die Phasentreiberstufe in die Sättigung, bläht die Verzerrungen auf und belebt sie. Marshall-Retro-Sounds in hoher Kultur, gepflegt auch in der Ansprache und der dynamischen Reaktion auf den Spieler, stabil, aber nachgiebig in der Gegenwehr. Für die Preisklasse beeindruckend. Und in der Summe höchst erfreulich. Aber, die Bäume wachsen nicht in den Himmel, das muss auch gesagt werden, absolut gesehen, im Vergleich zu höherpreisigen Alternativen, kann der Origin 50 nur bedingt bestehen. Tonale Tiefe und Plastizität – in diesen Disziplinen kommt er z. B. nicht ganz hinterher.

Egal, er macht auch so schon viel Freude. Unter anderem mit der für die Praxis bedeutsamen Erkenntnis, dass die günstig gewählten Leistungsreduktionen das charmante Retro-Benehmen des Amps weitreichend nutzbar machen. Anders als beim Origin 20, der beim Absenken der Leistung in den Verzerrungen an Dichte verliert, verhält sich der Origin 50 dabei eher neutral. Will man den Amp hoch/voll in der Sättigung haben, muss man also nicht „brutalen“ Schalldruck in Kauf nehmen. Aber merke: Die Powersteem-Schaltung senkt den Output-Pegel im Low-Modus längst nicht so weit ab, dass man friedlich in der Mietswohnung losheizen kann. Ohne weitere Hilfsmittel wie zum Beispiel ein Powersoak, bleibt der Origin50 ein reiner Bühnen-/Studio-Amp. Man kann sich zu Hause auch nicht mit dem D.I.-Out behelfen, denn er stellt bei Belegung die Endstufe nicht stumm. Seine Signalqualität indes ist sehr gelungen, weil der Sound-Charakter des Amps mit verschlanktem Bassgehalt in sich homogen und facettenreich zur Darstellung kommt.

Der vor dem Master-Volume gelegene FX-Weg funktioniert unauffällig und einwandfrei. Er behandelt die Signale klanglich neutral und schränkt ihre Dynamik nicht ein. Eines gilt es allerdings zu bedenken: Die Konzeption des Origin 50, die Art, wie man so einen und artverwandte Retro-Amps nutzt, kennt einen Bereich, in dem der FX-Weg weniger gute Karten hat. Und zwar wenn das Master- Volume weit aufgedreht ist und der Amp insgesamt hoch in der Sättigung steht. Dann ist davon natürlich auch das Return-Signal betroffen und die Effekte werden mehr oder weniger stark von Verzerrungen beeinflusst. Das liegt einfach in der Natur der Sache, ist kein Mangel des Origin 50.

Die oben beschriebenen Sound-Eigenschaften bringt die 2×12″-Box mit hoher Leistungsausbeute prägnant und stimmig zur Geltung. Das Cabinet ist in den Höhen milde gestimmt, klingt nicht offensiv und harmoniert insofern mit den Höhenreserven des Amps. Schwerpunkt ist bei der ORI212 stabiler, dichter Druck in den Mitten, was die Dynamikkurve abflacht und ein wenig zu Lasten der Transparenz geht, sowie ein nicht zu kräftiges aber gesundes Tieftonvolumen – allerdings erzeugt durch „Pseudobässe“, denn die Kraft kommt eher aus den Tiefmitten als aus Frequenzen um 100 Hz. Dieses noch einigermaßen kompakte und gut transportable Stack – Amp und Cab wiegen zusammen lediglich ca. 35 Kilogramm – verschafft dem Spieler jedenfalls ein ausgesprochen solides Sound-Fundament.

Der 1×12″-Combo kann natürlich längst nicht so entschlossen am Riemen reißen. Wie zu erwarten schlanker im Bass, erzeugt er auch ein mittenbetonteres Klangbild. Und wie viel mehr die andere Bauart letztenendes ausmacht! Der Combo formt einen anderen Toncharakter als das Stack, weicher, defensiver. Die Effizienz des Speakers bzw. des Gehäuses ist offensichtlich geringer, sodass der Amp für den selben Schalldruck weiter aufgedreht werden muss, respektive eben früher zu verzerren beginnt. Diesen Umstand sollte man vor dem Kaufentscheid gebührend ins Kalkül ziehen. Wer kraftvoll cleane Sounds braucht, ist bei dem Combo an der falschen Adresse.

Alternativen

Die Sachlage ist klar: In der Preisklasse gibt es keinen anderes Topteil, dass der Konzeption und dem Toncharakter des Origin 50H nahekommt. Für den Combo gilt dasselbe. Die ORI212 ist insofern einzigartig, als um sie herum nur hinten offene Konstruktionen auf dem Markt sind, die durchaus gut klingen und Alternativen sein können, wie z. B. die identisch bestückte Blackstar HTV 212 MKII und von Vox die V212C, die sogar mit G12M-Greenbacks glänzt.

Resümee

Origin 50, das heißt gepflegte, vitale Retro-Attitüde im Sound, Vintage-Style mit modern aktuellem Konzept. Angesichts der „freundlichen“ Preisgestaltung hat Marshall mit dem Topteil und dem Combo zwei ganz heiße Eisen im Feuer. Uneingeschränkt empfehlenswert. Auch das unaufdringlich und in sich ausgewogen agierende ORI212-Cabinet hinterlässt einen positiven Eindruck und ist seinen Preis ganz und gar wert.

PLUS

  • Sound, charakterstark
  • Zerrverhalten harmonisch
  • Darstellung d. Instrumentendetails
  • gute Ausstattung
  • Verarbeitung, Qualität d. Bauteile (eingeschränkt, siehe Minus)

MINUS

  • Verarbeitung/Substanz: leichte Schwächen

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2019)


Hinweise zu den Soundfiles:

Für die Aufnahmen kamen zwei Kondensatormikrofone mit Großflächen-membran zum Einsatz, ein AM11 von Groove-Tubes/Alesis und ein C414 von AKG, beide nahe platziert vor einem Speaker der 2×12-Box bzw. dem des Combos.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und abgemischt. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuert die Raumsimulationen bei. Die Instrumente sind eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg) und eine Steinberger GL4T (EMG-aktiv, aber m. passivem Humbucker v. Seymour Duncan am Steg).

Die Clips 1 bis 7 präsentieren das 2×12-Stack, Clip 8 und 9 den Combo.

Im Clip 7 hören wir mein „Referenz-Riff“ (RefRiff), das ich einspiele, damit man den Charakter (die Verzerrungen selbst sind hier gemeint, nicht die Frequenzkurve) der von uns getesteten Produkte quasi auf einer neutralen Ebene vergleichen kann.

Ein genereller Hinweis: Wie höhenreich die einzelnen Aufnahmen klingen sollte nicht als bestimmendes Merkmal im Sound (miss-) verstanden werden. Lässt sich in der Regel mit einem kleinen Dreh an der Klangregelung variieren/ändern.

Ich wünsche viel Vergnügen, und… wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! 😉

Fragen, Anregungen und ja, auch Kritik sind wie immer stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de. Es klappt nicht immer, aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

Text + Musik: Ebo Wagner (GEMA)

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